Das Große Unbehagen.

Das Große Unbehagen.

Überall kann man lesen und hören, dass Menschen derzeit ein ungutes Gefühl haben — zum Stand der Dinge in Politik und Gesellschaft, in Deutschland und in der Welt. Bei manchen äußert sich dieses Unbehagen in radikaler Protesthaltung und Unterstützung für extreme Parteien. Bei anderen in leise geäußerten Zweifeln unter Freunden beim Abendessen. Spätestens seit Donald Trump in den USA die Mehrheit der Wahlleute auf sich vereinen konnte und damit klar scheint, dass er im Januar 2017 der nächste Präsident der Vereinigen Staaten wird, ist für viele deutlich geworden, dass die Verwerfungen ein neues Ausmaß angenommen haben.

Ich habe mich allzu lange von der Politik eher fern gehalten. Ich stamme zwar aus einer politischen Familie — mein Vater war sehr aktiv in der Politik und in den siebziger Jahren auch Mitglied des deutschen Bundestages, und mein Onkel hat ein bisweilen beeindruckendes, bisweilen sonderbares öffentliches politisches Leben geführt –, außerdem habe ich vor fünf Jahren an der Gründung des digitalpolitischen Vereins D64 mitgewirkt. Aber eigentlich war ich all die Jahre in meinem Verhalten viel zu unpolitisch. Begründet habe ich das vor mir selbst und vor anderen mit meinem anspruchsvollen Job und dem Umstand, dass mir schlicht die Konzentration und die Zeit fehlen, um mich in schwierige politische Themen einzuarbeiten. Und wenn ich mal gemeint habe, eine Sache doch irgendwie kommentieren zu müssen, habe ich das höchstens als schlecht informierter Laie und mit Halbwissen auf meinem Blog getan.

Seit Anfang März 2016 arbeite ich aber nicht mehr im Marketing, und habe mir eine Auszeit genommen. Damit ist die Entschuldigung „politisches Engagement geht nicht wegen meines Jobs“ weggefallen. Ich habe seit März eine Weile gebraucht, um mir über meine künftige Richtung klar zu werden. Eigentlich hatte ich vorgehabt, politische Themen und Beobachtungen in Form von Animationsfilmen zu verpacken und so einen künstlerischen Ansatz zu finden, um mich mit wichtigen Fragen unserer Zeit öffentlich auseinander zu setzen.

Aber spätestens die Wahl von Donald Trump hat der Idee den Boden unter den Füßen weggezogen. Der Plan, von der Zeichenstube aus die Dinge in der Welt zu kommentieren, reicht mir nicht mehr. Ich habe das Gefühl, einen Beitrag leisten zu müssen, der darüber hinaus geht. Und die Bundestagswahl im Jahr 2017 verschafft diesem Bedürfnis eine zusätzliche Dringlichkeit.

Nach einigem Nachdenken und Gesprächen mit Freunden bin ich zum Entschluss gekommen, heute wieder genau das Gleiche zu tun, was ich zwischen 2005 und 2011 schon einmal getan habe. Damals habe ich mich zunächst auf einem Blog und später dann zusätzlich auch in öffentlichen Vorträgen mit einem Thema auseinander gesetzt, das ich verstehen und beherrschen wollte. Das Thema war damals „Word-of-Mouth Marketing“, das Blog hieß ConnectedMarketing. Außerdem habe ich in der Folge jahrelang unzählige Vorträge in ganz Deutschland und Europa zu diesem Thema gehalten.

Als ich anfing, war ich kein Experte für das Thema Mundpropaganda. Aber ich habe mir dann mein Expertentum erarbeitet — durch viel Lesen, viel Schreiben und öffentliche Auseinandersetzung mit meinem Unwissen, später dann durch eine wissenschaftliche Arbeit, sowie natürlich durch die Arbeit an der Praxis des Themas.

Ab heute ist mein Thema ein neues: Das Große Unbehagen. Meinem Eindruck nach entspringt es vor allem einer stetig wachsenden sozialen Ungleichheit in vielen Teilen Europas, den wirtschaftlichen Problemen innerhalb und außerhalb der Europäischen Union, den nicht enden wollenden Krisen, der Sorge um unendliches Wachstum auf einer endlichen Erde, und der Frage danach, ob politische Entscheidungen eigentlich heute noch Rücksicht auf die Menschen nehmen, die im Alltag von ihnen betroffen sind. Oder ob diese Entscheidungen nicht allzu häufig eher für „die Märkte“ getroffen werden — was immer gerade damit gemeint ist. Und alles vereint, dass es keinerlei großen Ideen mehr zu geben scheint — dazu, wie eigentlich eine bessere Zukunft aussehen könnte.

Wiederum bin ich kein Experte, für keine dieser Fragen. Im Gegenteil — ich weiß eigentlich viel zu wenig. Dabei bin ich doch Bürger einer Demokratie, der diese Dinge wenigstens ein wenig verstehen sollte. Deswegen werde ich jetzt daran arbeiten, und zwar öffentlich.

Diese öffentliche Auseinandersetzung mit dem Thema will ich in zwei Phasen betreiben:

  • „Kaffee & Kapital“ – dieses Blog: Es soll mein erster öffentlicher Ort für’s Lesen, Nachdenken, Diskutieren sein. Genau wie ConnectedMarketing damals. Ich habe vor, in den kommenden Wochen bis zum Frühjahr so viele Bücher und Texte zum Thema Marktwirtschaft, soziale Gerechtigkeit, Keynes vs. Hayek, Finanzwelt und Demokratie zu lesen, wie ich kann. Und ich möchte jeden dieser Texte hier im Blog diskutieren und zusammenführen — als der Laie, der ich bin. Und als ein Laie, der hofft, auf schreibendem Weg zu einem besseren Verständnis zu kommen, und vielleicht auch anderen zu einem besseren Verständnis zu verhelfen. Denn kaum sonst jemand hat die freie Zeit, die ich habe, um sich mit diesen Themen zu befassen. Die meisten Menschen brauchen ja 98% ihrer Aufmerksamkeit für Familie und Arbeit. Und das ist auch in Ordnung — in einer repräsentativen Demokratie, in der politische Profis gewählt von uns allen und stellvertretend für uns alle das Nachdenken über komplexe politische Fragen übernehmen sollen. Aber wenn es in der Demokratie mit einem Mal rumpelt, bedeutet es auch, dass die meisten Menschen deswegen nicht automatisch die Zeit finden, sich ganz plötzlich mehr Gedanken über derart schwierige Themen zu machen. Ich dagegen habe weder Familie noch Job, dafür durch meine Auszeit aktuell eine gewisse Unabhängigkeit. Das gibt mir die Möglichkeit, mein Nachdenken öffentlich und als eine Art „Dienst“ auch für andere übernehmen zu können, die eingespannter sind als ich. Und weil ich dafür viel in Cafés sitzen und über die Verwendung von Kapital und seine Rolle und Wirkung auf Menschen, Institutionen, Länder, die Welt lesen und nachdenken werde, ist der Name vielleicht passend.
  • Vorträge: Nach dem Blog als virtuellem öffentlichen Ort möchte ich in einem zweiten Schritt an reale öffentliche Orte gehen. Weil ich glaube, dass eine konstruktive politische Diskussion vor allem im echten Austausch mit Menschen grade auch abseits des Internets notwenig ist, will ich im Sommer 2017 versuchen, mit meinen bis dahin gefassten Gedanken und Vorstellungen in Deutschland herumzureisen, um überall dort, wo 20 Leute oder mehr zusammenkommen wollen, in einer gemeinsamen öffentlichen Veranstaltung meine Gedanken zu präsentieren und dann gemeinsam zu diskutieren. In der Hoffnung, dass ich damit einen Beitrag zur Bundestagswahl leisten kann — in welche Richtung auch immer dieser Beitrag dann weist. Und darüber hinaus wieder politische Ideen entstehen, die Lust machen.

Natürlich drängt die Zeit. Und mancher möchte meinen, dass das beschauliche Studium von Büchern in der aktuellen brenzligen Situation vielleicht nicht der richtige Weg ist. Aber bislang verstehe ich ja eigentlich nicht einmal, welche politischen Ziele ich wirklich anstrebenswert finde. Und ich bin es leid, mich ahnungslos zu fühlen. Ich bin zwar SPD-Mitglied, aber ich kann oft nur schwer einschätzen, ob die SPD heute noch — mit ihren Haltungen und Forderungen und mit ihrem Führungspersonal — die Partei ist, die zu mir und meinen Vorstellungen passt. Zugleich war ich auch Unternehmer, bin es im Geiste wohl noch heute, und dadurch ebenfalls geprägt. Aber insgesamt fällt mir schwer, genau jetzt mit Nachdruck einfach irgendein politisches Engagement zu zeigen — womöglich weil ich Angst vor extremistischen Parteien habe, oder weil ich denke, dass halt irgendwas getan werden muss. Vielmehr muss ich mich jetzt erst einmal tiefer in die Hintergründe unserer aktuellen Situation hineinarbeiten. Und dabei in jede Richtung denken und mir keine Schlussfolgerung verbieten.

Das ist der Stand meines Denkens heute, Ende November 2016. Das ist mein Plan, meine Zeit mit öffentlicher Arbeit für unsere Demokratie und für Europa zu nutzen. Es ist nicht viel, aber es ist mein Anfang. Und ich hoffe, dass sich Leserinnen und Leser finden, die sich an diesem Projekt durch ihr Kommentieren, Verbreiten, Widersprechen, Ergänzen, Unterstützen beteiligen wollen. Damit wir gemeinsam lernen, wie wir endlich wieder umschalten können — vom Großen Unbehagen auf eine Große Lust auf die Zukunft.