Demokratie ist keine Dienstleistung – und auch kein Kampagnen-Job!

Demokratie ist keine Dienstleistung – und auch kein Kampagnen-Job!

Falsche Vorstellungen von Politik, die viele Menschen haben, werden sich bald womöglich rächen — genau zu einer Zeit, zu der sich viele (dankenswerter Weise!) politisch engagieren wollen. Das wird zu Frustration und Ärger führen. Deswegen möchte ich das hier mal kurz diskutieren.

Vier Beispiele:

Vor einigen Wochen war ich bei einer Podiumsdiskussion der Friedrich-Ebert-Stiftung, bei der es um Bürgermitwirkung und eDemocracy ging. Bei den Publikumsfragen wollten mehrere Menschen aus dem Publikum nicht davon hören, sich in ihrem politischen Engagement mit bestehenden Institutionen oder Parteien auseinander zu setzen, denn „das geht doch alles viel zu langsam!“ Beim Get-Together hinterher habe ich mich ein Weilchen mit Christopher Lauer unterhalten, der auch auf dem Podium gesessen hatte. Er sagte etwas sehr Interessantes: das Problem an der Politik sei mittlerweile wohl auch, dass wir Deutsche gelernt hätten, in einer Dienstleistungsgesellschaft zu leben. Da erwarten wir, dass die Dinge sofort passieren — das Amazon-Paket kommt idealerweise in einer Stunde, die Banküberweisung passiert per Mausklick, das Trouble-Shooting am Rechner wird sofort erledigt. Und mit genau dieser Haltung kommen die Leute nun zur Politik und wollen das da auch.

Zweitens, beim SaveDemocracy Day in Hamburg am vergangenen Wochenende, aber auch bei vielen anderen Treffen, erlebe ich, dass ganz viele Leute grade einen eigenen politischen Verein gründen oder gar eine neue Partei, und ganz beseelt davon sind, was sie jetzt auf diesem „blanken Blatt Papier“, das da quasi vor ihnen liegt, Großartiges schaffen werden. Was sie dagegen leider nicht tun: sich bereits bestehenden Vereinen anschließen und bei denen ihre Energie und Schaffenskraft einbringen.

Drittens, im Martin-Schulz-Interview von Richard David Precht (das ich gestern hier schon verlinkt hatte), gibt es ab Minute 16:16 eine sehr interessante Passage von Precht, die schließlich zu dieser Äußerung führt:

[…] Die großen Visionen, die unseren Gesellschaften in den letzten Jahren Veränderung abgenötigt haben, waren alles technische Visionen. Und dieses technische Denken ist extrem ausgeprägt bei den allermeisten Menschen. Also diese digitale Kodierung in „Like“ und „Dislike“. Und das spiegelt sich darin wieder, dass Menschen von der Politik erwarten, dass die Politik Probleme löst. Zum Beispiel das Problem, dass Google keine Steuern zahlt. Das finde ich eine erschreckende Verengung von Politik. Wenn man fragt: welches Problem hat Konrad Adenauer in den 50er Jahren gelöst? Oder: welches Problem wurde gelöst durch die Ostpolitik von Willy Brandt? Dann würden wir sagen: das ist keine zutreffende Beschreibung. […] Heute sieht es aber so aus, dass die Leute erwarten, dass die Politik Probleme löst. Das Flüchtlingsproblem lösen. Das Terrorproblem lösen. Tatsächlich haben wir es aber mit Prozessen zu tun, die gar keine Probleme sind. Ein Problem — das griechische Wort ‚problema‘ — ist etwas, das zur Lösung vorgelegt wird. Ein mathematisches Problem verschwindet, wenn ich die Aufgabe richtig berechnet habe. Und so erwarten die Leute: Politik ist Problemlöser. So reden Politiker auch. Es ist überall von Problemen die Rede. Aber Politik ist doch kein Problemlöser. Bei Politik geht es doch darum, gesellschaftliche Prozesse langfristig zu gestalten.

Viertens, bei vielen Veranstaltungen und Terminen, wo Leute zusammenkommen, die politisch etwas bewegen wollen, treffe ich überraschend viele Kommunikations- und Werbeleute. (Das mag an meiner Vergangenheit liegen.) Was viele dieser Leute eint, ist, dass sie sehr oft überraschend wenig Interesse an grundsätzlichen politischen Diskussionen haben. Bei einem Abend habe ich eine Art Zwei-Gruppen-Bildung erlebt — die einen wollten „schnell was Kampagnenartiges, irgendwie gegen die AfD, nicht so viel reden, lieber jetzt mal was machen.“ Die anderen — und dazu gehörte ich — wollten darüber reden, wo die wirklichen Probleme liegen, um zu verstehen, was eigentlich passieren muss, damit sich unsere Gesellschaften wieder in die richtige Richtung bewegen. Wir wurden dann von der „Kampagnengruppe“ sogar ein wenig herablassend als der „Debattierclub“ bezeichnet.

Dazu würde ich jetzt gerne mal vier Dinge festhalten:

Politik ist Streit und kostet Kraft.
Bei der politischen Arbeit geht es letztlich um nichts anderes als darum, mit anderen darüber zu streiten, wie wir in unserer Gesellschaft zusammen leben wollen. Wer also Mühe, Auseinandersetzung mit Andersdenkenden und vor allem: reden scheut, der hat grundsätzlich nicht begriffen, wie Politik funktioniert. Und genau deshalb ist auch die Weigerung, in bestehenden Institutionen etwas bewegen zu wollen, nichts anderes als Weigerung vor politischer Arbeit. Anders gesagt: wer nicht die Geduld, die Ausdauer, die Leidenschaft hat, in einem Verein, einer Ortsgruppe, bei einer Gewerkschaft, wo auch immer, den Kampf mit den Ewiggestrigen dort aufzunehmen und diese Gruppe nach den eigenen Vorstellungen umzuformen, wie soll so jemand überzeugende Politik für eine größere Gruppe von Menschen oder gar das ganze Land machen? Stattdessen die Gemütlichkeit von selbst ausgewählten Gleichgesinnten zu bevorzugen, ist vielleicht nachvollziehbar, aber letztlich oft nicht hilfreich. Das Gegenbeispiel der Kammerrebellen aus Hamburg ist deswegen auch so großartig. Die haben sich eine bestehende Institution vorgenommen, dort wieder die Demokratie gefeiert, und können sie jetzt nach ihren Vorstellungen umbauen. Aber deswegen sollte auch klar sein, dass man Politik nicht mit der Projekt-Manager-Mütze auf dem Kopf und dem Agile Projekt-Management-Tool unter dem Arm machen kann. Denn das sind Job-Beschreibungen und Instrumente aus Unternehmen, also: extrem hierarchischen Strukturen. Firmen mögen sich heute noch so funky und modern geben — am Ende hat jedes Unternehmen Herrscher und Untergebene. Politik dagegen ist Streit unter Gleichen. Per Definition. Und der ist mühsam.

AfD, Front National, etc. sind Symptome, nicht Probleme.
Man kann derartige Parteien und politische Strömungen, die Momentum haben und in der Gesellschaft wahrgenommen werden, nicht allein durch Kommunikation bekämpfen. Das führt zu nichts und ist vergeudete Mühe. Eine ganze Reihe linksliberaler Initiativen gründet sich derzeit auf dem Gedanken, dass man die Menschen ja nur daran erinnern müsse, wie gut es uns doch in unserem Land geht, und dass sie die Demokratie nur (wieder) wertschätzen und achten und sich an das schöne WM-Jahr 2006 erinnern müssen. Das ist ein Irrtum. Wir haben tiefliegende Probleme in unseren Gesellschaften und auf dieser Welt. Diese tiefliegenden Probleme sorgen dafür, dass Menschen verunsichert sind, Angst haben, sich Sorgen machen. Das nutzen die Rechten schamlos aus. Aber damit sind nicht die Rechten das Problem — sie bieten nur verlogene Scheinlösungen, die am Schluss alles noch schlimmer machen werden. Was es braucht, ist Interesse an den Fundamenten, auf denen unsere aktuelle politische Landschaft steht — und nicht das Bekämpfen der Fähnchen, die manche ganz oben auf’s Gebäude stellen.

Nur gemeinsam sind wir stark.
Gründer zu sein, ist toll. Ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn man begeistert ist, eine neue Sache komplett nach eigenen Vorstellungen entwickeln zu können. Unternehmertum ist eine großartige und wichtige Sache. Bei politischer Arbeit dagegen ist der Start von null weniger nützlich. Denn es gibt einen massiven Unterschied zwischen Unternehmertum und politischer Arbeit. Ein Unternehmen ist, siehe oben, eine komplett hierarchische Angelegenheit — anders ausgedrückt: eine Diktatur. Und zwar ohne Abstriche. Das sagen heute nicht mehr allzuviele Unternehmer gern, und es wird von „flachen Hierarchien“ und „total kollaborativer Arbeitsatmosphäre“ geschwafelt, aber in Wahrheit haben die Eigentümer das Sagen, der Rest nicht. Wenn man einen Betriebsrat hat, ändert sich daran etwas, aber welche jungen Unternehmen haben heute noch Betriebsräte? Das bedeutet, dass diejenige, die sich als Unternehmerin betätigt, halt immer nur genau das tut, was sie für richtig hält. Punkt. Politische Arbeit in einer Demokratie wie unserer ist dagegen von Anfang an und immer auf Kompromisse angewiesen. Sie erfordert, dass man sich immer und immer wieder mit anderen zusammenrauft, die einfach nicht so wollen wie man selbst. Dem zu entfliehen und „ein eigenes Ding“ zu machen, weil es einfacher scheint, ist vielfach nur eine Scheinlösung. Man verzettelt sich in vielen kleinen Strukturen, anstatt mit anderen die eine große zu schaffen, mit der man dann wirklich an einem großen Rad drehen kann. Wenn wir uns nicht in großen Strukturen zusammen tun, werden wir viel zu viel Energie vergeuden, weil wir schlicht alle zu klein bleiben und nicht das politische Geschäft miteinander lernen.

Anders gefragt: über was reden wir bei den Rechten? Über Pegida und AfD, oder über 278 Vereine und Gruppierungen, die alle irgendwie ganz innovativ was gegen Flüchtlinge tun wollen? (Zugegeben: Pegida und AfD sind Neugründungen. Aber das liegt halt daran, dass die bisherigen tief rechten Vereine gesellschaftlich nicht akzeptiert waren. Das ist auf der gesunden Seite des politischen Spektrums anders.)

Ideen für eine neue Welt
Das Problem, das wir heute haben, ist, dass die Unmöglichkeit die Seiten gewechselt hat. Noch vor wenigen Jahren wurde jemand, der mit utopischen Ideen kam, als unrealistisch ausgelacht. Heute merken wir alle langsam aber sicher, dass stattdessen das Festhalten an einer visionslosen Realpolitik mittlerweile als unrealistisch ausgelacht werden sollte. So zu tun, als kämen wir bei den Herausforderungen der heutigen Zeit mit einem geringfügig modifizierten „Irgendwie-Weiter-So“ voran, ist ebenso unrealistisch-weltfremd wie vor fünfzehn Jahren die Forderung nach einer autofreien Stadt oder nach einer Bürgerversammlung gewesen wäre. Das, was wir jetzt brauchen, sind keine Kampagnen und keine vierhunderttausend neue Vereine — was wir brauchen, sind neue große Ideen. Und unendlich viele Gespräche, zwischen allen Menschen in diesem Land — damit wir weiter zusammen bleiben und nicht auseinander driften. Wir müssen Ideen dafür entwickeln, wie wir den wildgewordenen Hyper-Kapitalismus, die Armut und die Hoffnungslosigkeit in der Welt, die Intoleranz und den Wahnsinn religiöser Fundamentalisten, sowie die Zerstörung unserer Umwelt und dieses Planeten bekämpfen. Aber das gelingt nicht damit, gegen etwas zu sein, bzw. jetzt mal akute Problemlösungen bei der Politik einzufordern. Es geht nur mit dem gemeinsamen Kampf für etwas. Für etwas Neues. Das wir erfinden, diskutieren und worüber wir streiten müssen.

Und je mehr wir sind, die das gemeinsam tun, desto besser.

3. Save Democracy Day in Hamburg.

3. Save Democracy Day in Hamburg.

Vergangenen Samstag musste ich kurz nach 5 aus dem Bett, um es bis 9:30h ins Hamburger Betahaus zu schaffen. Dort fand die dritte Runde des Hackdays der Initiative Save Democracy statt, und ich wollte dabei sein. Hat alles sehr pünktlich geklappt, in einer Nebenstraße gab es dankenswerter Weise sogar eine Strom-Ladesäule zum Tanken meines Autos. Hier meine Zusammenfassung des Tages.

Eröffnungsplenum
Rund 150 Leute waren zur Veranstaltung ins Betahaus gekommen. Der Tag begann damit, dass wir alle herdenartig von Moderator Moritz durch den Raum getrieben wurden, um uns anhand verschiedener Konstellationen („die Teilnehmer, die schon mehrfach dabei waren, bitte in diese Ecke“, „die Teilnehmer, die coden können, bitte in jene Ecke“) irgendwie gruppendynamisch besser „kennenzulernen“. Nett gemeint, aber irgendwie nicht wirklich hilfreich. Direkt danach kam die Themenfindung — wer eine Session anbieten wollte, schrieb sie auf einen Zettel und erklärte sie mit wenigen Worten im Forum. Dann wurde sie an den Wand-Zeitplan geheftet, auf diese Weise entstand der Session-Plan, an dem man sich dann für die eigene Teilnahme orientieren konnte. Also alles sehr Barcamp-artig.

DEMO
Meine erste Session betraf das Projekt Demo. Die Initiatorin Mareike hatte mich nach meinem Session-Vorschlag direkt gefragt, ob ich bei ihnen mitmachen kann, weil sie fand, dass mein Thema („Wie man mit wildfremden Menschen auf der Straße ins politische Gespräch kommt, selbst wenn sie in einer anderen Welt leben als man selbst“) zu ihrer Arbeit auch gut passen könnte. Sie erklärte in der Gruppe auf Nachfragen kurz nochmal, warum und wie Demo eigentlich entstanden ist und teilte uns dann in Unter-Arbeitsgruppen auf, die verschiedene Themen beackern sollten. In meiner ging es darum, lokale Aktionen für Hamburg zu planen. Die Idee, die dort entstand, drehte sich dann um LehrerInnen und um ein Projekt, das Schüler mehr für die Demokratie begeistern soll.

Meine eigene Session
In Zusammenarbeit mit Judith Döker habe ich in den vergangenen Wochen an einer Idee gearbeitet, die spontan beim Versuch entstand, in einem uns fremden Stadtteil von Berlin mit uns völlig fremden Menschen auf der Straße politische Gespräche zu beginnen. Ich habe den Gesprächsansatz (den wir dafür aus dem Stehgreif entwickelt hatten und der sehr gut funktioniert hat) in der Session vorgestellt, danach haben wir Vor- und Nachteile und Weiterentwicklungsmöglichkeiten diskutiert. Das Gespräch mit ca. 10 Interessierten war sehr hilfreich, sehr anregend, und hat einige neue Ideen erzeugt, die uns auf jeden Fall weiter bringen. (Die Details des Ansatzes schildere ich hier jetzt noch nicht, weil wir eine entsprechende Veröffentlichung dazu ohnehin aktuell noch vorbereiten.) Besonders gut gefiel mir auch, dass eine Gruppe von Leuten direkt dazu ihre Emailadressen ausgetauscht hat, um den Ansatz auch in Hamburg zu testen.

Session zu SaveDemocracy
Nach dem Mittagessen habe ich an einer sehr kleinen Runde mitgewirkt, die besprach, wie das Projekt „SaveDemocracy“ über diese Camps hinaus verstetigt und noch nützlicher für die demokratische Arbeit gemacht werden kann. Das war sehr interessant, unter anderem auch, weil ich auf diesem Weg bspw. erfahren habe, dass Schmalbart schon längst nicht mehr (allein) eine „Antwort“ auf Breitbart ist, sondern inzwischen eher zu einem Dach für eine demokratische Bewegung bzw. ein Netzwerk geworden ist. (Was der Name nun wahrlich nicht vermittelt.)

17-02-19_kammerrebellen
Session der Initiative „Die Kammer sind Wir“

Kammerrebellen: „Die Kammer sind Wir“
Das war eine wirklich interessante Session, in der einer der sogenannten Hamburger Kammerrebellen, Detlev Siebold, den Prozess und die Erfolgsfaktoren dafür geschildert hat, wie die Gruppe die verschnarchte Hamburger Handelskammer gekapert hat, um sie wieder demokratischer und schlanker zu machen. Noch ganz beseelt von dem grade errungenen Wahlerfolg beschrieb Detlev mit viel Begeisterung, was es für den Erfolg gebraucht hat. Für alle im Raum war das Projekt auf jeden Fall eine Ermutigung dazu, sich ruhig Institutionen vorzunehmen, die unveränderbar und verkrustet erscheinen, um sie zu erobern und zu modernisieren — und auf diese Weise echten demokratischen Prozessen wieder Aufwind zu geben, und neue Lust auf Partizipation zu machen. In Bezug auf manche Parteien wäre sowas ja vielleicht auch keine schlechte Idee …

DemokratieHelden
Nach dem Abschlussplenum (welches mich ein wenig enttäuscht hat, weil von den Leuten, die am Morgen zum Auftakt da waren, vielleicht noch ein Viertel übrig war) hatte ich noch die Gelegenheit, mit Melanie Stein von DemokratieHelden zu sprechen. Auch dieses Projekt nimmt sich vor, politische Gespräche zwischen Menschen anzuregen, die sonst nur schwer miteinander ins Gespräch kommen. Sie video-interviewt dafür unter anderem Menschen, die sich für die Demokratie einsetzen und mehr Dialog in der Gesellschaft anregen wollen. Ich habe mich sehr gefreut, dass sie mich ebenfalls interviewen wollte — auch wenn ich ja eigentlich noch gar nicht so viel zu sagen habe.

Neben diesen Sessions habe ich eine Menge Gespräche geführt, außerdem gab es eine Reihe Sessions, die ich ebenfalls gern miterlebt hätte, was aber wegen Terminkonflikten leider nicht ging. Zwei Leute von bewegung.jetzt waren beispielsweise da (mit denen ich gern weiter über meine Zweifel zu ihrem Projekt gesprochen hätte), es gab Sessions vom CCC zur Sicherheit der eigenen digitalen Tools — insbesondere dann, wenn man sich tiefer in kontroverse politische Gewässer begibt und damit Hackern aussetzt, oder auch Sessions mit Christoph Giesa, der ein Buch zur neuen Rechten in Deutschland geschrieben hat.

Fazit
Wenn man eines oder mehrere der drei folgenden Resultate sucht, ist man auf so einem Camp bestens aufgehoben: (1) Input zu einem bereits bestehenden eigenen politischen Projekt. Die vielen kompetenten und klugen Köpfe, die bei so einer Veranstaltung zusammenkommen, können zu jeder Idee weitere nützliche Gedanken beisteuern — das funktioniert gut. (2) Inspiration für die eigene Arbeit. Wer sich orientieren will, Ideen sucht, wissen will, was andere machen, findet hier eine Menge Inspiration. (3) Menschen, die einen weiterbringen oder inspirieren können. Das ergibt sich ja schon aus den beiden vorherigen Punkten — hier kommen viele Leute zusammen, die kennenzulernen schlicht Spaß macht.

Und wieder dankeschön!

Und wieder dankeschön!

Meine (natürlich etwas verknappten) Überlegungen zum Papier-Journalismus fanden erstaunlich große Beachtung — mit der Folge, dass der Text zum bislang meistgelesenen hier auf dem Blog wurde. Mein Dank für Verlinkungen gehen an das BildBlog, die Leipziger Internetzeitung und die Buddenbohms — sowie diverse Menschen auf Twitter und Facebook, die den Text dann auch auf Rivva gehievt haben.

Ich freue mich immer sehr über solche Unterstützung — herzlichen Dank!

Warum Papier-Journalismus besser ist.

Warum Papier-Journalismus besser ist.

Jahrelang … eigentlich ein Jahrzehnt lang habe ich fassungslos gestaunt, dass es JournalistInnen gab und gibt, die allen Ernstes behaupteten, ihr Journalismus auf Papier sei irgendwie besser als Journalismus im Internet. Es erschien mir komplett töricht zu behaupten, das Trägermedium könne etwas darüber aussagen, wie gut der Inhalt ist, der über dieses Medium verbreitet wird. Aus meiner Sicht ging es nur um eine einzige Sache: Wie erarbeite ich die überzeugendsten, wichtigsten Inhalte, und wie sorge ich dafür, dass diese Inhalte möglichst reibungslos, angenehm und einfach zu ihren Nutzern und Lesern gelangen? Dafür nicht auf das Internet zu setzen, erschien mir schlicht dämlich.

In den letzten Monaten habe ich meine Meinung geändert. Ich bin selbst überrascht deswegen. Und das liegt nicht an den niedrigen Werbeeinnahmen im Internet, und dass man damit keinen Journalismus bezahlen kann. Es liegt an drei Aspekten des Online-Journalismus, die aus meiner Sicht das Veröffentlichen auf Papier tatsächlich qualitativ besser machen:

Deadlines
Always-On Journalismus, so wie er im Internet praktiziert wird, kennt keine Deadlines. Die Deadline ist immer und automatisch sofort. Wenn man seine Story selbst nicht sofort veröffentlicht, sind andere vermutlich schneller und man rennt am Ende hinterher. Dass das zu Lasten der Qualität geht, ist offensichtlich. Und so wird aus jedem Blödsinn und jeder noch so unwichtigen „Expertenmeinung“ mit aller Macht ein neuer Text, ein neuer Newsflash herausgepresst, der absolut irrelevant ist und keinerlei Mehrwert bietet. Nur weil die Deadline immer sofort ist, und man deswegen immer sofort irgendetwas Neues bieten muss. Selbst wenn es eine Falschinformation ist, die man später wieder korrigieren kann.

Das ist bei Papier anders. Da hat man wenigstens Zeit bis zum Redaktionsschluss, um noch einen Moment darüber nachzudenken, ob der Text denn so wirklich Sinn hat; und man kann nochmal einen weiteren Anruf machen und klären, ob die Information denn verlässlich ist. Denn einmal hundertausendfach auf Papier gedruckt, ist die Falschinformation dann auch eine physische Realität, die sich nicht wieder zurückziehen lässt.

Endlosigkeit
Wenn ich in einem Medium publiziere, in dem endlos Platz ist, und in dem jeder alles zu jeder Zeit veröffentlichen kann, muss ich ständig und rastlos Neues bieten. Dass das dazu führt, dass jeder noch so absurde Furz zur Nachricht hochstilisiert wird, ist klar. Des reinen Klickwahns wegen muss ständig etwas auf der Nachrichtenseite passieren, denn bei den anderen passiert ja auch was, und man darf ja keine Nachrichtenseite betreiben, die nicht laufend irgendwo aktualisiert wird. Mittlerweile führt das dazu, dass Nachrichten-Websites noch während der Lektüre eines Artikels darüber informieren, dass sich in der Zwischenzeit auf der Startseite schon wieder etwas getan hat. Die Extremfälle dieser Art Leerlaufjournalismus kann man erleben, wenn es eine Naturkatastrophe gegeben hat. Die tatsächlich vorliegenden und relevanten Informationen passen normalerweise in einen knappen Artikel. Dennoch wird die Hälfte der Seite mit Links zu jedem noch so weit hergeholten Thema in dem Zusammenhang zugekleistert — in dem hilflosen Versuch, immer noch mehr „Inhalte“ zur Katastrophe zu produzieren, als es die anderen tun.

Eine Zeitungsausgabe dagegen ist endlich, muss teuer bedruckt werden, und man muss sich ziemlich genau überlegen, was denn rein soll und was nicht. Anders gesagt: All the News that’s Fit to Print.

Traffic-Analysen
Wenn ich einen Artikel in der Zeitung lese, weiß die Redaktion das nicht. Niemand weiß das. Es gibt ein sehr intimes Verhältnis zwischen mir und dem Blatt Papier, und wenn ich die Zeitung mit Bargeld am Kiosk kaufe, bin ich tatsächlich völlig anonym. Das führt dazu, dass die Zeitungsredaktion ihre Arbeit nicht an meinem Leseverhalten ausrichten kann. Sondern sie muss ihren Job erledigen, den Job, den Journalisten nun mal haben: sich das Weltgeschehen anzusehen und zu entscheiden, was aus ihrer Sicht wichtig ist.

Ganz anders im Internet. Dort wird gebannt darauf gestarrt, was die Leute anklicken, lesen, liken, kommentieren. Und dann wird davon mehr geliefert. Was absurd ist. Ich erwarte, dass verantwortungsvolle Journalisten mich darüber informieren, was ich wissen sollte. Deswegen sind sie ja die Profis. Anstatt dass die Nutzer die Journalisten durch ihr Geklicke darüber informieren, was sie lesen wollen. Das befördert nichts anderes als die Fliterblasen, die uns eher weniger als mehr informiert sein lassen.

Aus diesen Gründen habe ich Anfang diesen Jahres auch die taz und die ZEIT auf Papier abonniert. Natürlich weiß ich auch, dass diese beiden Zeitungen viel besuchte Internetseiten haben und sich dort vom Traffic dazu inspirieren lassen, was sie in ihre Zeitung drucken. Und ich weiß ebenso, dass die Tage der Papierzeitung vermutlich letztlich doch gezählt sind.

Dennoch, ich will Journalismus, der mir Dinge liefert, die ich nicht bestellt habe. Weil er mir damit meinen Horizont erweitert. Journalismus, der diese Themen mit Sorgfalt und Zeit produziert. Denn damit leistet er eine Ausgleichfunktion zum hyperschnellen Online-Journalismus, der natürlich seine Rolle spielt, aber qualitativ immer unter den drei Arten Druck steht, die ich oben beschreibe. Und ich will Journalismus, der mir nicht dabei zuschaut, wie ich ihn konsumiere, um daraus wiederum Entscheidungen abzuleiten, was ich als nächstes vielleicht auch liken könnte.

Natürlich kann man alle diese Effekte durch redaktionsinterne Maßnahmen zu begrenzen versuchen. Nur, das widerspräche aller ökonomischen Logik und allen werblichen Anforderungen an Medienhäuser heutzutage. Und dieses Blog heißt ja nicht umsonst Kaffee & Kapital.

So ringe ich mich hiermit nun zu dem fortschrittsfeindlich wirkenden Satz durch, dass Papier-Journalismus vielleicht doch der bessere ist.

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Nachtrag 17.02.2017 10:53h: Mir fällt beim Lesen mancher Kommentare und beim weiteren Nachdenken über das Thema auf, dass ich in meinem Text spezifisch Nachrichten-Journalismus gemeint habe. Diesen hätte ich von anderen Arten des Journalismus — also beispielsweise von weniger zeitlich aktuellen Reportagen etc. — sorgfältiger abgrenzen sollen. Gut recherchierte (multimediale!) Geschichten und Berichte oder auch gut durchdachte Nachdenktexte sind Formen von Online-Journalismus, die das Medium auf großartige Weise nutzen und kaum an den obenstehenden „Krankheiten“ leiden. Es ging mir also nicht um Journalismus allgemein, sondern um Nachrichten-Journalismus.

Das Bier, der Wachmann und ich — im Willy-Brandt-Haus.

Das Bier, der Wachmann und ich — im Willy-Brandt-Haus.

Ich war gestern bei der SPD zu einem Gespräch eingeladen. Ich sage zur Pförtnerin, mit wem ich meinen Termin habe.

Außerdem sage ich: „Mein Name ist Oetting.“

Der Wachmann neben ihr: „Wie dit Bier.“

Ich: „Ja genau, nur ohne -er.“

Er: „Obwohl … ick frag mich, ob man sowat überhaupt noch Bier nennen darf.“

Ich, oberlehrerhaft und irrtümlich: „Ich glaube, das ist heute das meistverkaufte Bier in Deutschland.“

Er: „Ja, aba nur, weil so viele Leute nich‘ mehr jenuch Jeld haben.“

Kapitalismuskritik hier. Und dann Martin Schulz da.

Kapitalismuskritik hier. Und dann Martin Schulz da.

Ich finde schon ein wenig erstaunlich, was da grade politisch passiert. Ich habe Anfang Dezember ein Blog unter dem Titel „Kaffee & Kapital“ angefangen, um die Auswirkungen einer wirtschaftsliberal dominierten Politik zu studieren — in einem Land, in dem die SPD ihre Rolle als Anwalt derer verloren hat, die nicht zu den Starken und Reichen im Land gehören. Und zwei Monate später präsentiert sich bei der SPD ein Mann als Kanzlerkandidat, der dieses sagt:

Keine Sorge. Ich bin nicht größenwahnsinnig und will hier behaupten, dass mein kleines Projekt — mein Projektchen — damit irgendwas ursächlich zu tun hätte. Ich finde nur interessant, dass die Strömung offenbar in kurzer Zeit sehr groß geworden ist. Es ist sehr spannend geworden — so, wie ich es noch vor wenigen Tagen nicht erwartet hätte.

Und ja: ich finde gut, dass hier auch Emotionen eine Rolle spielen. Sonst kann man ganz ganz schnell verlieren.

Ich bin in eine politische Idee verliebt: die ausgeloste Bürgerversammlung.

Ich bin in eine politische Idee verliebt: die ausgeloste Bürgerversammlung.

Am Wochenende gaben mir meine Eltern einen Artikel aus der ZEIT vom 19. Januar 2017, und sie gaben ihn mir mit leuchtenden Augen. Drüber geschrieben hatte mein Vater „ein Hammer-Artikel!!“ (siehe oben). Der Titel des Textes — „Zur Wahl steht: Die Demokratie“ — ließ noch nicht erahnen, um was es genau geht. Die erste Hälfte dreht sich um das, was viele Anhänger von Trump, AfD und Co. antreibt: dass sie sich in unserer derzeitigen Demokratie nicht mehr repräsentiert fühlen. Und ohne für die AfD sprechen zu wollen, argumentieren die Verfasser, dass das Gefühl nicht falsch sei. Denn sie erklären, dass sich in den westlichen Demokratien Elite-Systeme zur Repräsentation der Bürger entwickelt haben, die letztlich dann doch nur die Eliten repräsentieren, aus denen sie sich zusammensetzen.

Und dann kommt die Überraschung: vom Historiker und Archäologen David Van Reybrouck erfahren wir, dass die Demokratie, wie wir sie kennen, eigentlich mal anders gedacht war. 2.500 Jahre in die Geschichte zurückgreifend, hat Van Reybrouck (wieder)entdeckt, dass bei der Erfindung der Demokratie in Griechenland genau diese Art Elitenregierung verhindert werden sollte, um eine ernsthafte ehrliche Repräsentation der Bevölkerung hinzubekommen. Und wie wurde das geleistet?

Die Volksvertreter wurden in der gesamten Bevölkerung ausgelost.

Meine allererste spontane Reaktion: Das ist doch Quatsch. Wie soll denn sowas gehen?

Im Text heißt es:

Was heute auf den ersten Blick verrückt anmutet, erschien damals als einzig sinnvolle Lösung. Die Amtszeiten waren begrenzt. Die meisten Athener Bürger hatten irgendwann in ihrem Leben ein politisches Amt inne. Dadurch verschwand der Unterschied zwischen Bürgern und Politikern, Regierten und Regierenden, zwischen Oben und Unten, das Volk herrschte über sich selbst, das ganze Volk. Es gab kein Repräsentationsproblem. Es gab keine Wahlkämpfe. Es gab keine uneingelösten Versprechen. Das Los machte alle gleich.

Hm. Vielleicht doch kein so großer Quatsch?

Weiter im Text. Basierend auf Van Reybroucks Gedanken beschreiben die Autoren, wie sich in Amerika die Gründerväter über diese wichtige demokratische Regel hinweggesetzt haben — weil sie dem Volk nicht vertraut haben und lieber wieder eine regierende Elite wollten! Und an diesem und am sehr ähnlichen französischen Beispiel orientiert sich seither die Welt dazu, wenn es gilt festzulegen, was Demokratie sein soll. Die Autoren fassen zusammen:

Was damals wie heute Revolution genannt wird, bestand vor allem darin, dass eine Wahl-Aristokratie eine Erb-Aristokratie ersetzte. Die alte Elite verlor die Macht an eine neue Elite. Dem Volk wurde das als Volksherrschaft verkauft. Damit gelang einer der größten PR-Coups der Geschichte: die Umetikettierung eines Begriffs, der über mehr als 2.000 Jahre hinweg mit dem Los verbunden war.

Spätestens an dieser Stelle stand mir beim Lesen der Mund sperrangelweit offen. Was für eine Geschichte!

Aber selbst wenn ich diese Gedanken und diese Historie interessant finde, denke ich immernoch: wie sollte so etwas heute auch nur ansatzweise funktionieren?

Aber der Artikel ist noch nicht zuende. Im letzten Drittel beschreibt er, wie die Iren zu der Frage, ob Abtreibung in diesem — extrem katholischen! — Land legalisiert werden sollen, eben genau eine solche Bürgerversammlung aus 99 irischen Bürgern einberufen haben. Sie trafen sich immer wieder über mehrere Monate, haben Experten ebenso angehört wie in Kleingruppen miteinander diskutiert, und mit sehr viel Mühe ihre Aufgabe sehr ernst genommen.

Und dann wird ein Ire portraitiert, der an einer früheren Bürgerversammlung teilgenommen hat, die schon zu einem Ergebnis gekommen ist — dabei ging es um die Homo-Ehe. Das, was da beschrieben wird, kann ich niemals so gut wiedergeben, wie es die Autoren des Artikels tun, deswegen versuche ich es gar nicht erst. Nur so viel: der ernsthafte und bedachte Prozess, in dem sich dort Bürger aller Art und Herkunft gemeinsam Gedanken über so ein wichtiges Thema gemacht und dann zu einer gemeinsamen Empfehlung gefunden haben (für die Homo-Ehe, in einem so katholischen Land), rührt in der Seele, ich hatte fast Tränen in den Augen. Ganz am Ende fragt der Artikel:

Warum also nicht eine deutsche Bürgerversammlung einberufen? Eintausend Menschen, Junge und Alte, Sachsen und Westfalen, Hipster und Wutbürger, ein Spiegel der Gesellschaft. Ein großer Saal in Berlin, oder nein: irgendwo auf dem Land. Ein Thema, sagen wir: die Flüchtlingskrise. Genug Zeit, um viele Experten zu hören und ausführlich zu debattieren. Und der Auftrag: Wie soll die deutsche Flüchtlingspolitik der Zukunft aussehen? Ja, warum eigentlich nicht?

Ich bekomme beim Abtippen der Zeilen vor Freude feuchte Augen.

Und dann habe ich während einer mehrstündigen Autofahrt über fast nichts anderes mehr nachgedacht. Und gestaunt, welche Ideen das freisetzt:

  • „Testbar“: Eine Bürgerversammlung lässt sich jetzt ausprobieren. Wir könnten morgen ein Projekt starten, in dem wir das, was die Autoren vorschlagen, umsetzen.
  • Kompatibel: So eine Bürgerversammlung soll keine bestehenden Systeme ersetzen — jedenfalls nicht gleich — , sondern ergänzen. Bei besonders kontroversen und für die Gesellschaft schwierigen Themen. Das könnte sie zu einem ganz besonderen neuen Instrument der Demokratie machen.
  • Direkte Demokratie: Einerseits wissen wir, dass mehr Beteiligung von Bürgern dringend notwendig ist, andererseits sind Volksabstimmungen aus bekannten Gründen großer Mist. Dies wäre die Möglichkeit, einen Kompromiss zu finden.
  • „Wir sind das Volk“: Wenn die Vertreter von Pegida und AfD diese Behauptung wirklich ernst meinen, wird man sie daran messen können, ob sie das Projekt einer Bürgerversammlung, die genau diese These ernsthaft in die Tat umsetzt, unterstützen.
  • Willensbildung: Natürlich müsste man sich sehr genau ansehen, wie man den Willensbildungsprozess innerhalb der Bürgerversammlung genau gestaltet. Dafür wäre es vielleicht interessant, auch mal nach Irland zu reisen und dort mit den Leuten zu reden, die das dort organisiert haben und organisieren.

Ich möchte am liebsten noch heute mit diesem Projekt anfangen! In den kommenden Tagen werde ich mit vielen Leuten über diese Idee reden, um herauszufinden, was daran gut und was daran schlecht ist. Und dann vielleicht daraus ein neues Projekt entwickeln. Und ich hoffe auf Kommentare hier zu dieser Idee. Außerdem muss ich dringend Van Reybroucks Buch lesen: Gegen Wahlen. Außerdem haben sich offenbar schon einige andere Leute zu dieser Idee geäußert, da muss ich auch noch einiges nachlesen.

In jedem Fall: erstmal bin ich verliebt — in eine politische Idee.

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Nachtrag 06. Februar 2017: Vielen Dank für alle Hinweise, dass der ZEIT-Text jetzt im Netz steht, ich habe ihn oben jetzt auch mit verlinkt.