Warum Papier-Journalismus besser ist.

Warum Papier-Journalismus besser ist.

Jahrelang … eigentlich ein Jahrzehnt lang habe ich fassungslos gestaunt, dass es JournalistInnen gab und gibt, die allen Ernstes behaupteten, ihr Journalismus auf Papier sei irgendwie besser als Journalismus im Internet. Es erschien mir komplett töricht zu behaupten, das Trägermedium könne etwas darüber aussagen, wie gut der Inhalt ist, der über dieses Medium verbreitet wird. Aus meiner Sicht ging es nur um eine einzige Sache: Wie erarbeite ich die überzeugendsten, wichtigsten Inhalte, und wie sorge ich dafür, dass diese Inhalte möglichst reibungslos, angenehm und einfach zu ihren Nutzern und Lesern gelangen? Dafür nicht auf das Internet zu setzen, erschien mir schlicht dämlich.

In den letzten Monaten habe ich meine Meinung geändert. Ich bin selbst überrascht deswegen. Und das liegt nicht an den niedrigen Werbeeinnahmen im Internet, und dass man damit keinen Journalismus bezahlen kann. Es liegt an drei Aspekten des Online-Journalismus, die aus meiner Sicht das Veröffentlichen auf Papier tatsächlich qualitativ besser machen:

Deadlines
Always-On Journalismus, so wie er im Internet praktiziert wird, kennt keine Deadlines. Die Deadline ist immer und automatisch sofort. Wenn man seine Story selbst nicht sofort veröffentlicht, sind andere vermutlich schneller und man rennt am Ende hinterher. Dass das zu Lasten der Qualität geht, ist offensichtlich. Und so wird aus jedem Blödsinn und jeder noch so unwichtigen „Expertenmeinung“ mit aller Macht ein neuer Text, ein neuer Newsflash herausgepresst, der absolut irrelevant ist und keinerlei Mehrwert bietet. Nur weil die Deadline immer sofort ist, und man deswegen immer sofort irgendetwas Neues bieten muss. Selbst wenn es eine Falschinformation ist, die man später wieder korrigieren kann.

Das ist bei Papier anders. Da hat man wenigstens Zeit bis zum Redaktionsschluss, um noch einen Moment darüber nachzudenken, ob der Text denn so wirklich Sinn hat; und man kann nochmal einen weiteren Anruf machen und klären, ob die Information denn verlässlich ist. Denn einmal hundertausendfach auf Papier gedruckt, ist die Falschinformation dann auch eine physische Realität, die sich nicht wieder zurückziehen lässt.

Endlosigkeit
Wenn ich in einem Medium publiziere, in dem endlos Platz ist, und in dem jeder alles zu jeder Zeit veröffentlichen kann, muss ich ständig und rastlos Neues bieten. Dass das dazu führt, dass jeder noch so absurde Furz zur Nachricht hochstilisiert wird, ist klar. Des reinen Klickwahns wegen muss ständig etwas auf der Nachrichtenseite passieren, denn bei den anderen passiert ja auch was, und man darf ja keine Nachrichtenseite betreiben, die nicht laufend irgendwo aktualisiert wird. Mittlerweile führt das dazu, dass Nachrichten-Websites noch während der Lektüre eines Artikels darüber informieren, dass sich in der Zwischenzeit auf der Startseite schon wieder etwas getan hat. Die Extremfälle dieser Art Leerlaufjournalismus kann man erleben, wenn es eine Naturkatastrophe gegeben hat. Die tatsächlich vorliegenden und relevanten Informationen passen normalerweise in einen knappen Artikel. Dennoch wird die Hälfte der Seite mit Links zu jedem noch so weit hergeholten Thema in dem Zusammenhang zugekleistert — in dem hilflosen Versuch, immer noch mehr „Inhalte“ zur Katastrophe zu produzieren, als es die anderen tun.

Eine Zeitungsausgabe dagegen ist endlich, muss teuer bedruckt werden, und man muss sich ziemlich genau überlegen, was denn rein soll und was nicht. Anders gesagt: All the News that’s Fit to Print.

Traffic-Analysen
Wenn ich einen Artikel in der Zeitung lese, weiß die Redaktion das nicht. Niemand weiß das. Es gibt ein sehr intimes Verhältnis zwischen mir und dem Blatt Papier, und wenn ich die Zeitung mit Bargeld am Kiosk kaufe, bin ich tatsächlich völlig anonym. Das führt dazu, dass die Zeitungsredaktion ihre Arbeit nicht an meinem Leseverhalten ausrichten kann. Sondern sie muss ihren Job erledigen, den Job, den Journalisten nun mal haben: sich das Weltgeschehen anzusehen und zu entscheiden, was aus ihrer Sicht wichtig ist.

Ganz anders im Internet. Dort wird gebannt darauf gestarrt, was die Leute anklicken, lesen, liken, kommentieren. Und dann wird davon mehr geliefert. Was absurd ist. Ich erwarte, dass verantwortungsvolle Journalisten mich darüber informieren, was ich wissen sollte. Deswegen sind sie ja die Profis. Anstatt dass die Nutzer die Journalisten durch ihr Geklicke darüber informieren, was sie lesen wollen. Das befördert nichts anderes als die Fliterblasen, die uns eher weniger als mehr informiert sein lassen.

Aus diesen Gründen habe ich Anfang diesen Jahres auch die taz und die ZEIT auf Papier abonniert. Natürlich weiß ich auch, dass diese beiden Zeitungen viel besuchte Internetseiten haben und sich dort vom Traffic dazu inspirieren lassen, was sie in ihre Zeitung drucken. Und ich weiß ebenso, dass die Tage der Papierzeitung vermutlich letztlich doch gezählt sind.

Dennoch, ich will Journalismus, der mir Dinge liefert, die ich nicht bestellt habe. Weil er mir damit meinen Horizont erweitert. Journalismus, der diese Themen mit Sorgfalt und Zeit produziert. Denn damit leistet er eine Ausgleichfunktion zum hyperschnellen Online-Journalismus, der natürlich seine Rolle spielt, aber qualitativ immer unter den drei Arten Druck steht, die ich oben beschreibe. Und ich will Journalismus, der mir nicht dabei zuschaut, wie ich ihn konsumiere, um daraus wiederum Entscheidungen abzuleiten, was ich als nächstes vielleicht auch liken könnte.

Natürlich kann man alle diese Effekte durch redaktionsinterne Maßnahmen zu begrenzen versuchen. Nur, das widerspräche aller ökonomischen Logik und allen werblichen Anforderungen an Medienhäuser heutzutage. Und dieses Blog heißt ja nicht umsonst Kaffee & Kapital.

So ringe ich mich hiermit nun zu dem fortschrittsfeindlich wirkenden Satz durch, dass Papier-Journalismus vielleicht doch der bessere ist.

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Nachtrag 17.02.2017 10:53h: Mir fällt beim Lesen mancher Kommentare und beim weiteren Nachdenken über das Thema auf, dass ich in meinem Text spezifisch Nachrichten-Journalismus gemeint habe. Diesen hätte ich von anderen Arten des Journalismus — also beispielsweise von weniger zeitlich aktuellen Reportagen etc. — sorgfältiger abgrenzen sollen. Gut recherchierte (multimediale!) Geschichten und Berichte oder auch gut durchdachte Nachdenktexte sind Formen von Online-Journalismus, die das Medium auf großartige Weise nutzen und kaum an den obenstehenden „Krankheiten“ leiden. Es ging mir also nicht um Journalismus allgemein, sondern um Nachrichten-Journalismus.

Mathias Richel erklärt Bots, Fake News, etc.

Mathias Richel erklärt Bots, Fake News, etc.

Heute vormittag hatte ich eine Stunde lang die Möglichkeit, Mathias Richel bei einer Session im Willy-Brandt-Haus zu lauschen. Mathias ist Hobby-Cruise-Missile, Zielgruppenfernes-Verhalten-Macher, political animal und Kampagnenmensch, und weil er seine Sachen alle mit Nachdruck und Vollgas macht, habe ich mir die Gelegenheit nicht entgehen zu lassen. Es ging um einen Einordnungs- und Tutorial-Vortrag und -Dialog, den er zu den derzeit wild durcheinander diskutierten neuen „Kampfbegriffen“ des digitalen Wahlkampfs gehalten hat: „Fake News“, „Social Bots“, „Chat Bots“, „Targeting“ und „Hacking“. Auch wenn ich mich eigentlich grob ganz gut auskenne, fand ich super, wie unaufgeregt und nachvollziehbar Mathias ein wenig die Luft aus manchen dieser Begriffe gelassen und anderen mehr nötige Brisanz gegeben hat. Leider war ich nicht bei der gesamten Session dabei, aber den Anfang mit der Kurzübersicht habe ich miterlebt. Hier meine Zusammenfassung.

Mathias‘ erster Chart zeigte nebeneinander die fünf Begriffe — „Fake News“, „Social Bots“, „Chat Bots“, „Targeting“ und „Hacking“ — und direkt zu Beginn machte Mathias klar, dass es einigermaßen blödsinnig ist, sie auf einen Chart zu schreiben. Denn inhaltlich haben sie wenig miteinander zu tun, das einzige, was sie alle gemeinsam haben, ist, dass sie aktuell wild durcheinander geworfen werden und „irgendwie eine Bedrohung“ für die klassische Kampagnenarbeit zu sein scheinen. Um dem Begriffswirrwarr entgegenzuwirken, hat Mathias dann in einer kurzen Erläuterung die Dinge erklärt.

  • Fake News: Auch wenn der Begriff heute in aller Munde scheint, handelt es sich um eine relativ alte Sache, die wir schon lange kennen. Früher sagte man dazu schlicht Propaganda, und jeder wusste, was gemeint ist. Mathias meinte dann auch, dass wir uns alle bemühen sollten, einfach wieder den alten Begriff zu verwenden, denn der Umgang damit sei gelernt. Klar ist damit auch, um was es sich dabei handelt: Diffamierung und/oder bewusste Falschdarstellung oder üble Nachrede, um dem politischen Gegner zu schaden. Das kann in allen Medien stattfinden — Stichwort „Zeitungsente“ — und damit sollte man umgehen, indem man bewusst und schnell Strafanzeige erhebt, aktiv gegenkommuniziert, und versteht, dass man dafür ggf. auch auf Facebook und anderswo Reichweite kaufen muss, um genug Gehör zu finden.
  • Social Bots: Das sind letztlich nichts anderes als automatisiert befüllte Fake-Profile auf Social-Media-Plattformen, derzeit üblicherweise auf Twitter. Da sich ihre Macher gar keine allzu große Mühe machen, sie authentisch zu gestalten, kann man sie auf Twitter immernoch recht häufig am Default-Icon „Eierkopf“ erkennen. Indem man nun sehr sehr viele solcher Profile anlegt, denen dann jeweils nur wenige Leute folgen (wenn überhaupt), kann man auf Twitter dennoch eigene Themen und ihre Hashtags setzen, indem man schlicht eine ausreichend große Zahl dieser Geisterprofile mit derselben Nachricht befüllt. Das führt dann dazu, dass der entsprechende Hashtag in den „Trending Topics“ — also in der Liste der viel diskutierten Begriffe — bei Twitter auftaucht und auf diese Weise von Nutzern als womöglich relevantes Thema entdeckt werden kann. Es wird also Interesse und Engagement von vielen Nutzern an einem Thema vorgegaukelt, selbst wenn es nur von einem einzigen Menschen und seiner Twitter-Geisterarmee gespostet wird. So kann man sich Aufmerksamkeit für sein Thema erschleichen. Da Twitter aber in Deutschland nicht annähernd die Bedeutung hat wie in den USA, riet Mathias ein wenig zur Entspannung bei diesem Thema. Interessant werde es nur dadurch, dass viele Politiker und Journalisten Twitter nutzen, und dass dadurch ein Thema sozusagen über Bande ggf. in den Medien-Mainstream gehievt werden kann. Denn die Verbindung zum vorherigen Punkt ist natürlich gegeben: wenn ich Fake News — entschuldigung, Propaganda — zu verbreiten habe, kann ich das auf diese Weise tun.
  • Chat Bots: Wenn schon über Bots reden, dann über alle Arten. Anhand des Konzeptes der Chat- oder Service-Bots empfahl Mathias, das Thema Bots nicht einfach rundheraus zu verdammen. Künstliche Intelligenz, die es einem Unternehmen erlaubt, über Chat-Kanäle nachgefragte Informationen automatisiert auszuliefern, kann auch für Parteien im Wahlkampf interessant sein. Diese Bots sind dabei für das proaktive Verbreiten von Fake News etc. nicht wirklich geeignet, vielmehr treten sie erst in Aktion, wenn ein Nutzer eine entsprechende Anfrage stellt. Wenn das Programm dann halbwegs pfiffig ist, kann es möglicherweise ohne menschliche Hilfe die richtigen Informationen ausliefern und damit schnelle Reaktionsgeschwindigkeit erlauben, ohne riesige Menschenmengen dafür abzustellen. Als bestens bekannte Old-School-Version desselben Konzeptes nannte Mathias die Zeitansage der Telekom.
  • Targeting: Das superfokussierte Ausliefern von Werbung an extrem gezielt ausgewählte Profile war ja vor einigen Wochen aufgrund der Trump/Cambridge Analytica-Story ein extrem gehyptes Thema. Mathias meinte recht nüchtern, dass das Targeting von Werbebotschaften im Internet nun alles andere als eine neue Idee sei, und dass es natürlich immer sinnvoll sei, die eigenen Botschaften so gut es eben geht auf die passenden Zielgruppen abzustimmen. Wie genau man das kann, hängt dabei weniger von genialen Cambridge-Analytica-Menschen ab, und mehr von der aktuellen Gesetzeslage in Deutschland.
  • Hacking: Dazu hat Mathias zwei Aspekte besprochen. Der eine betraf das Hacking von Rechnern mit sensiblen Daten durch Leute, die damit eindeutig eine Destabilisierung der betroffenen Personen bzw. Öffentlichkeit verfolgen. Konkret nannte er das Beispiel des Bundestags-Email-Hacks aus dem letzten Jahr, und warnte, dass als Ergebnis daraus dieses Jahr durchaus drastische Effekte im Wahlkampf entstehen können, wenn kompromittierende Informationen in den Mails zu finden sind, die von den Hackern dann öffentlich ausgeschlachtet werden. Zum anderen warb er aber sprachlich für eine breitere und auch positiv konnotierte Sicht auf den Begriff Hacking, als eine Geisteshaltung, bei der man versucht, mittels guter Ideen, Kreativität und Improvisationstalent eine Situation oder eine Struktur zu verbessern. Was ja in der SPD demnächst mit dem SPD Hackathon auch gelingen soll.

Bei der Auseinandersetzung mit diesen verschiedenen Begriffen ist Mathias später dann deutlich mehr ins Detail gegangen, das habe ich dann aber leider nicht mehr miterlebt. Ich habe aber andere Wahlkampfbeobachtungen, die er gemacht hat, noch hören können, die ich sehr interessant fand:

  • Aufmerksamkeitsökonomie in Deutschland: In Deutschland hat eigentlich niemand mit einem wirklich nennenswert interessanten Wahlkampf gerechnet. Es sah alles danach aus, als würde sich letzten Endes nur eine sehr einfache binäre Frage stellen: ist man für oder gegen Merkel? Allein deswegen hat die AfD jetzt jahrelang sehr viel Aufmerksamkeit erhalten, denn sie bot den Journalisten auch einen Ausweg aus dieser Langeweile. Das ist nun mit einem Mal vorbei: zwischen Trump und Schulz ist plötzlich viel weniger Platz für die AfD in der medialen Berichterstattung, und das stellt für die Partei durchaus ein Problem dar. Deren aktuelle Auseinandersetzung mit Höcke könnte auch als Versuch gewertet werden, wieder in den Medien stattzufinden.
  • AfD als einzige echte Internetpartei in Deutschland: Auf die Frage aus dem Publikum, wie die AfD es schaffe, so viel Präsenz zu zeigen, hatte Mathias auch noch eine andere Antwort. Die AfD sei aus seiner Sicht die einzige Partei in Deutschland — nach dem Scheitern der Piraten –, die das Internet ganz eindeutig und klar als Organisationsraum für ihre Mobilisierungsarbeit sieht und nutzt. Selbst wenn sie aus Hotel-Besprechungsräumen und anderen Locations rausfliegen, macht das nichts, denn sie arbeiten mit ihren Unterstützern im Internet zusammen. Und so kann die Partei in einem Land wie Mecklenburg-Vorpommern, wo sie vielleicht 15% der Mitgliederzahlen der CDU hat, doch viel mehr Präsenz in der Fläche zeigen.
  • News als Nebelkerzen: Eine Taktik, die Mathias ebenfalls bei der AfD beobachtet, besteht darin, dass man eine besonders kontroverse (Falsch-)Meldung lanciert, an der sich alle Journalisten und Beobachter aufgebracht abarbeiten und sie breit verdammen. Damit sind deren Kräfte aber durch diese eine Nachricht gebunden, und so kann die Partei zeitgleich andere diffamierende oder kontroverse Nachrichten veröffentlichen, die weniger Beachtung und weniger Kritik finden, und dadurch auf die Unterstützer trotz ihres höchst zweifelhaften Charakters glaubwürdiger wirken, weil sie eben wenig Widerstand ernten.

Ich fand Mathias Vortrag sehr interessant und wäre gern bis zum Ende dabei geblieben. Wer sich für Mathias Beobachtungen interessiert, kann bei Zielgruppenfernes Verhalten mehr davon finden.

Demokratie jetzt NEU, mit noch mehr Auslosen!

Demokratie jetzt NEU, mit noch mehr Auslosen!

Vorletzte Woche hatte ich hier auf dem Blog über einen sehr inspirierenden ZEIT-Artikel zum Thema Bürgerversammlung geschrieben, und das dann später noch mit weiteren Beobachtungen ergänzt. Mein Eindruck ist seither, dass der ZEIT-Text eine Menge Leute begeistert, und dass dieses Konzept politischer Willensbildung viele Menschen inspiriert. Heute hatte ich die Gelegenheit, ein paar Wikipedia-Quellen zu dem Thema nachzulesen. Hier in Kurzform die wichtigsten Erkenntnisse.

Deliberative Demokratie

Dieser Begriff ist eine Art Dachbegriff, unter dem für die Demokratie eingefordert wird, die Willensbildung öffentlich und mit viel Beteiligung der Bevölkerung durchzuführen. Ich finde dabei vor allem die begriffliche Abgrenzung von der partizipativen Demokratie interessant und mag am Begriff „deliberativ“, dass er das (gemeinsame) Nachdenken in den Vordergrund stellt. Das Problem bei Volksentscheiden ist ja, dass dabei das Nachdenken (teilweise) durch mediale Kampagnen sozusagen ersetzt wird, wodurch die bekannten Probleme entstehen. Wenn man anerkennt, dass die Herausforderung darin besteht, dass möglichst viele Menschen in einem gemeinsamen Nachdenkprozess — anstelle eines gemeinsamen Wahlkampfprozesses — zu einer Entscheidung kommen sollen, legt man den Fokus an die richtige Stelle. Entsprechend heißt es im Text:

Kernidee der deliberativen Demokratie ist, dass durch Austausch von Argumenten in einem (machtfreien) Diskurs Verständigung oder Konsens erzielt werden können und so gefundene Lösungen den Ansprüchen der Vernunft in sachlicher und moralischer Hinsicht gerecht werden. So bezeichnet es Carole Pateman als zentrale Forderung der Vertreter deliberativer Demokratietheorie, dass Einzelne immer bereit sein sollten, ihre moralischen und politischen Argumente und Forderungen mit Gründen zu verteidigen und über diese Gründe mit anderen zu beraten. Gelingt es, dem besseren Argument Geltung zu verschaffen, so hat entsprechend der Argumentation der deliberativen Demokratietheorie die getroffene Entscheidung eine höhere Legitimität als eine durch Wahl oder Plebiszit allein herbeigeführte Entscheidung.

Planungszelle

Was für mich spontan erstmal nach terroristischer Gruppierung klingt, ist in Wahrheit ein bereits praktizierter Ansatz der Bürgerversammlung. Die Idee ist ziemlich genau das, was im ZEIT-Artikel aus Irland beschrieben wird, nur in etwas kleinerer Form:

Eine Planungszelle ist eine Gruppe von ca. 25 im Zufallsverfahren ausgewählten Personen (ab 16 Jahren), die für ca. eine Woche von ihren arbeitsalltäglichen Verpflichtungen freigestellt werden, um in Gruppen Lösungsvorschläge für ein vorgegebenes Planungsproblem zu erarbeiten. Die Teilnehmer verpflichten sich zur Neutralität.

Überrascht hat mich, dass in den vergangenen Jahren offenbar immer wieder Projekte dieser Art auf verschiedenen Ebenen durchgeführt wurden, beispielsweise in Hannover zur Verbesserung des öffentlichen Personennahverkehrs, in Rheinland-Pfalz zum Miteinander der Generationen in einer alternden Bevölkerung, oder aber auch ein nationales Projekt in Bonn zur künftigen Energiepolitik.

Es gibt auch einige Informationen dazu, wie solche Planungszellen organisiert wurden:

Durch die Zufallsauswahl wird eine breit gestreute Teilnehmerschaft erreicht. Frauen und Männer sind entsprechend ihrem Bevölkerungsanteil vertreten, ebenso die unterschiedlichen Altersgruppen. Angehörigen schwer abkömmlicher Berufsgruppen wird die Teilnahme durch berufliche Freistellung erleichtert, für Personen mit Pflegeverantwortung wird nach einer Vertretung gesucht. In Fällen, in denen die Teilnahme z.B. wegen Behinderung für die ausgewählte Person nicht möglich war, wurde sie von einem Helfer oder einer Helferin unterstützt. Bei sprachlichen Problemen ausländischer Teilnehmender halfen bereits besser deutsch sprechende Familienangehörige als Übersetzer.

Die Schlüsselerkenntnis für mich war hier, dass ausgeloste Bürgerversammlungen in Deutschland alles andere als Neuland sind, zumal es auch noch einen weiteren Begriff gibt, unter dem derartige Projekte organisiert werden:

Bürgerforum

Auch hier handelt es sich um 20 bis 25 zufällig ausgewählte Mitglieder einer Bevölkerung, die mithelfen sollen, bei schwierigen Fragen Entscheidungshilfen für die Politik zu erarbeiten. Letztlich gibt — jedenfalls nach den Wikipedia-Texten zu urteilen — keinen große Unterschied zwischen diesem Konzept und der obenstehenden Planungszelle. Dieser Text gibt aber ein paar mehr technische Anregungen dazu, wie sich derartige Versammlungen und Willensbildungsprozesse organisieren lassen, und auch die Nutzung von Online-Tools wird erwähnt. Der Text stellt zudem den Gedanken vor, dass man auch größere Projekte mit 1.000 Teilnehmern mittels Techniken der Großgruppenmoderation organisieren könnte.

Demarchie

Der ausführlichste Text zum Verfahren auf der Wikipedia scheint der Demarchie-Text zu sein, den ich schon in meine letzte Linksammlung aufgenommen hatte. Interessant ist hier — neben den konzeptionellen Gedanken –, dass es wiederum eine Reihe von praktischen Beispielen für das Verfahren gibt: zur Überarbeitung des Wahlrechts in British Columbia (Kanada), zum Finanzetat in einer Stadt in China (!), oder eine Bürgerjury zum Getränkepfand in Australien:

Im Jahre 2000 beauftragte der Umweltminister des australischen Staates New South Wales das „Institute of Sustainable Futures“ (ISF) in Sydney mit einer Studie zur Gesetzgebung für ein Pfand auf Getränkebehälter. In Zusammenhang mit dieser Aufgabe stellte das Institut per Zufallsauswahl eine Bürgerjury zusammen. Diese sollte die verschiedenen Möglichkeiten für ein Kreislaufsystem unter Berücksichtigung der Akzeptanz der Beteiligten gegeneinander abwägen. Die Jury ließ sich weder von der Industrie noch von Umweltverbänden beeinflussen. Die Teilnehmer zeigten, dass sie das Interesse der Allgemeinheit über ihr persönliches stellten.

Dazu listet der Text eine Reihe von Modellen und Anwendungsbeispielen. Gedanken dazu, das für ganz Deutschland zu machen, gibt es offenbar auch schon. So zum Beispiel in einem Buch aus dem Jahr 2007, mit ziemlich konkreten Vorschlägen für die derartige Zusammenstellung eines Gesamtparlaments:

Der Berliner Publizist Florian Felix Weyh regt 2007 in seinem Buch „Die letzte Wahl“ die Auswahl der Abgeordneten aus der Gesamtbevölkerung per Los an, was ein absolut repräsentatives Parlament zustande bringe. In die Verlosung der Mandate können die Medien nicht eingreifen. Die 600 Zufallsdelegierten könnten sich darüber hinaus unbeeinflusst einen Eindruck von den Bewerbern um Regierungsämter machen. Nach seinem Vorschlag sind in einem Verlosungscomputer alle Deutschen gespeichert, die den Kriterien des unabhängigen Wahlkomitees genügen, d. h. rund 62 Millionen Namen, aus denen 600 Abgeordnete gezogen werden. Die individuelle Gewinnchance falle mit 1:103.333 besser aus als bei jeder Lotterie. Wie beim Schöffenamt bestehe die Pflicht, das Mandat anzunehmen und nur sehr eng gefasste Ausnahmekriterien erlauben eine Ablehnung.

Ein interessanter Nachteil eines ausgelosten Parlaments finder sich auch im Text: dass nämlich der Bürokratieapparat an Macht gewinnt, weil er durch mehr Kontinuität besser bescheid wüsste und besser vernetzt wäre als die ausgelosten Abgeordneten.

Zusammenfassend

Ich finde erstaunlich, wie viele Gedanken und Ideen es zu diesem Konzept schon gibt, und wie wenig das in einer breiten Öffentlichkeit als Antwort auf Demokratiemüdigkeit und Vertrauensverlust in die Institutionen diskutiert wird. Da sollte mehr passieren, denke ich. Ich werde weiter dazu lesen.

Schulz: Europa vs. Deutschland?

Schulz: Europa vs. Deutschland?

Der Hype um Martin Schulz ist einerseits natürlich schön. Zutrauen in eine neue politische Figur, die uns von der bleiernen Schwere der Merkelschen Mikadopolitik („wer sich zuerst bewegt, verliert“) abrücken kann, ist eine gute Sache. Im Einklang mit einer deutlich solidarischen Haltung in Zeiten des globalisierten Hyperkapitalismus macht das Hoffnung.

Meine Frage allerdings: wie steht es denn genau inhaltlich um Schulz‘ Haltung zu Europa?

Wenn man sich ein wenig in die Probleme der globalisierten Wirtschaftswelt einliest, wird klar, dass wir in Europa letztlich wohl nur eine Chance haben, dem Wahnsinn des Kapitalismus in seinem Endkampf mit sich selbst zu entkommen: Solidarität in Europa, Aufbau einer europäischen Gesellschaft, die sich durch eine gemeinsame weitsichtige Sozial-, Wirtschafts- und Fiskalpolitik auszeichnet, die zudem Acht gibt auf Unterschiede zwischen Bevölkerungen und Mentalitäten, und die sich vor allem darum bemüht, die Menschen wieder für Europa zu gewinnen. Und zwar schnell. Wenn wir das Projekt nicht (wieder)herstellen, wird es wohl in die andere Richtung gehen — immer mehr Zerfleddern in nationalistische Kleinstaaterei, Verlust der europäischen Idee, Gefahr neuer Kriege, Gefahr des wirtschaftlichen Zerfalls.

Wo steht Martin Schulz bei alledem? Es heißt ja immer, er sei großer Europäer. Die taz stellt dazu in der Ausgabe vom vergangenen Wochenende mal ein paar Fragen und kommt bei der Beschreibung von Schulz‘ Haltung in der Wirtschaftspolitik zu einem eher skeptischen Bild:

Bei einer Wiedereinführung der D-Mark, so Schulz in einem Interview von 2012, müsste die „deutsche Automobilindustrie dann keine Angst mehr vor China haben, sondern vor Frankreich und Italien, vor Peugeot, Citroën und Fiat“. Der Euro scheint für ihn ein Mittel, um SPD-wählende Facharbeiter vor Konkurrenz aus dem europäischen Ausland zu bewahren.

So spricht man ja eigentlich nicht, wenn man sich um den Zusammenhalt in Europa bemüht. Das klingt eher nach Fokus auf kurzfristige nationale Interessen, zum Schaden einer langfristigen besseren Politik für Deutschland in Europa — vielleicht auch, weil man deutschen Wählern sagen will, was sie hören wollen. Was die Sache ja nicht besser macht. Und weiter unten beschreibt der Text, wie die SPD in Deutschland das zentral wichtige Thema der Solidarisierung mit anderen sozialdemokratischen Parteien in Europa komplett unterlassen hat — hätte die SPD Leute wie Hollande in Frankreich oder Renzi in Italien besser unterstützt, durch eine Politik, die auch den anderen Ländern Vorteile aus der EU verschafft, stünden diese angeschlagenen / Ex-Regierungschefs heute vielleicht besser da, und könnten weiter mit Deutschland konstruktiv an Europa mitarbeiten. Aber das hat die SPD nicht getan, die Folgen sind bekannt. Der Artikel fasst die SPD-Politik der vergangenen Jahre so zusammen:

Das ist die Bilanz der Eurokrisenpolitik der SPD: kein Bündnis europäischer Sozialdemokraten, stattdessen nationaler Schulterschluss mit Merkel. Als Konsequenz das Ende sozialdemokratischer Regierungschefs in Frankreich und Italien. Die Desavouierung von Parteien links davon. Schließlich: die Briten mit in einen harten Brexit getrieben, damit einen Steuerwettlauf in Europa und ein Bündnis mit Trump gegen die EU befördert.

Und ein Stück weiter:

Das SPD-Konzept heißt: Wenn es den eigenen Wählern gut gehen soll, muss es den europäischen Nachbarn schlecht gehen. Wäre die SPD proeuropäisch, hätte sie sich frühzeitig mit ihren Schwesterparteien in der EU über ein gemeinsames Vorgehen verständigt: über Mindestlöhne, Investitionen, Sozialversicherungen, Steuern, Sanktionen auf Defizite und Exportüberschüsse. Sie würde ihren Wählern vermitteln, dass es VW ein bisschen schlechter gehen muss, damit es Fiat und Peugeot besser geht.

Wo genau Schulz in diesen Fragen steht, wird nicht 100%ig deutlich. Wenngleich man an anderer Stelle — ebenfalls aus dem Jahr 2012 — solche Sätze von ihm bzw. über ihn findet:

Der bisherige Ansatz sei aber trotzdem falsch, fügte Schulz hinzu, denn wie sollten Staaten mit einer Rezession ihre Schulden tilgen? „Mit einer reinen Austeritätspolitik sparen wir uns zu Tode“, warnte Schulz daher. Haushaltskonsolidierung dürfe die soziale Gerechtigkeit nicht gefährden, so die Position des EU-Parlaments. „Die Menschen und die Wirtschaft brauchen endlich wieder eine Perspektive.“

Aber Skepsis dazu, ob er in Bezug auf die Europapolitik der aktuellen Regierung wirklich einen echten Kurswechsel will, ist vielleicht angeraten. Natürlich, er saß all die Jahre in Brüssel, aber es ist ja nicht so, dass man nicht miteinander geredet hätte. Daher bin ich auch erstmal noch zurückhaltend, was den Gottkanzler betrifft. Sollte er sich aber als echter solidarischer Europa-Kanzler(kandidat) entpuppen, ist ihm meine Begeisterung sicher.

Gastbeitrag: Sind „Links & Rechts“ am Ende? Oder: Wie schaffen wir einen friedlichen Kategorien-Wechsel?

Gastbeitrag: Sind „Links & Rechts“ am Ende? Oder: Wie schaffen wir einen friedlichen Kategorien-Wechsel?

Am 10. Dezember 2016 hat Martin Oetting hier auf seinem Blog einen Artikel veröffentlicht, in dem er sich Gedanken darüber macht, welche Annahmen über die Menschen und über die Welt unsere politische Landschaft von „Links“ und „Rechts“ bestimmen. Ich habe darauf – zunächst flapsig, dann etwas durchdachter – auf Facebook reagiert, und nach einigem Gedanken-Ping-Pong hat Martin mich eingeladen, zu diesem Thema einen Gastbeitrag für „Kaffee & Kapital“ zu schreiben. Dieser Einladung komme ich sehr gerne nach.

Anja Hartmann (Twitter)

Zur Einordnung meiner Gedanken: Als ausgebildete Historikerin und als jemand, die beruflich ständig mit Veränderungsprozessen in verschiedensten Organisationen zu tun hat, bin ich überzeugt davon, dass eine der größten Herausforderungen unser Zeit darin besteht, unsere gesellschaftlichen und politischen Systeme und Institutionen so weiterzuentwickeln, dass sie den globalen Anforderungen unserer Zeit gerecht werden. Faktisch nutzen wir im öffentlichen Raum fast unverändert die Formen von Meinungsbildung und Entscheidungsfindung, die vor rund 200 Jahren entstanden sind, insbesondere das Organisationsmuster souveräner Nationalstaaten (mit allen dazugehörigen inner- und zwischenstaatlichen Ergänzungen von Parlamenten und Presse bis zu internationalen Organisationen). Die wichtigsten Fragen, die uns heute beschäftigen, machen aber an den nationalen Grenzen nicht halt: Digitalisierung, Klimawandel, Migration oder globale Produktions- und Lieferketten sind per definitionem nicht durch nationale Ordnungsrahmen begrenzt oder begrenzbar. Unser Versuch, diese Fragen des 21. Jahrhunderts mit den Mitteln des 19. Jahrhunderts zu lösen, ist in etwa so vielversprechend wie die Idee, den weltweiten Textilbedarf von heute mit den Webstühlen von Edmund Cartwright oder Joseph-Maria Jacquard decken zu wollen.

Wenn die Herausforderung also darin besteht, unsere gesellschaftlichen und politischen Systeme und Institutionen so umzubauen (oder: neu aufzubauen), dass sie den Ansprüchen der Menschen in unserer globalen Zeitläuften gerecht werden, dann ist die Frage danach, wie Menschen „eigentlich“ (heute) sind, selbstverständlich zentral. Martin ist dieser Frage mit Blick auf die klassischen politischen Positionen von „ „Links“ und „Rechts“ in seinem oben erwähnten Blogbeitrag nachgegangen. Ich möchte seine Überlegungen in drei Richtungen ergänzen, nämlich durch Gedanken (1) zum Nutzen und Schaden von Kategorien in der politischen Debatte, (2) zu den Kategorien, die „Links“ und „Rechts“ ausmachen, und (3) zur Neuordnung der Kategorien im 21. Jahrhundert. Um die Pointe vorweg zu nehmen: Ich werde dabei die Kernthese entwickeln, dass wir gerade einen grundlegenden politischen Kategorien-Wechsel erleben, der die geschilderte Herausforderung des Umbaus des politischen Landschaft noch schwieriger macht, weil die bisher gewohnten Koordinaten ins Rutschen geraten.

(1) Zum Nutzen und Schaden von Kategorien
Jede und jeder von uns nutzt ununterbrochen Kategorien, um die Welt um uns herum und unser eigenes Leben darin navigierbar zu machen. Wir sind Links- oder Rechtshänder, mögen die Berge oder das Meer, nutzen Microsoft- oder Apple-Produkte und stehen früh oder spät auf. Viele solcher Kategorien sind gesellschaftlich und politisch (zum Glück) irrelevant, in ihrem jeweilige Kontext aber nützlich, weil sie z.B. spezifische Produkte (Linkshänder-Scheren), Service-Angebote (Kite-Surfing-Kurse), Netzwerke (Internet-Foren) oder Lebens- und Arbeitsentwürfe (Spätis und Nachtschichten) ermöglichen, von denen letztendlich viele irgendwie profitieren.

Auch im politischen Raum hat es immer schon Kategorien gegeben. Anders als die gerade zitierten, sind politische Kategorien allerdings oft gleichzeitig Ausdruck von Machtverhältnissen gewesen: „Freie“ und „Sklaven“, „Herren“ und „Diener“, „Adel“ und „Volk“, „Kapitalisten“ und „Arbeiter“, „Herrenrasse“ und „Untermenschen“. Im Gegensatz zu diesen politischen Kategorien von „besser“ und „schlechter“ ist eine wichtige Errungenschaft der westlichen Demokratie in der Ausprägung, die seit dem Ende des 18. Jahrhunderts in Europa und in Nordamerika entstand, dass sie neue Kategorien von „Links“ und „Rechts“ (ursprünglich bekanntlich abgeleitet aus der Sitzordnung in der Französischen Nationalversammlung von 1789) entwickelte, die bezüglich ihres gesellschaftlichen und politischen Status prinzipiell gleichberechtigt waren. Anders als die vorher aufgeführten machtpolitischen Kategorien, wurden diese neuen Kategorien zu Hilfsmitteln, um politische Positionen chiffreartig zusammenzufassen, ohne damit automatisch Über- oder Unterlegenheit zum Ausdruck zu bringen. Sie sind aufgrund dieser inhärenten Gleichberechtigung vom Grundsatz her besonders gut geeignet, um einen gewaltfreien, kritisch-konstruktiven Diskurs in der Öffentlichkeit und in den politischen Gremien zu ermöglichen – sofern es Mechanismen gibt, die den Austausch von Argumenten und die Entscheidungsfindung im Konfliktfall zuverlässig sicherstellen.

Im nächsten Abschnitt werde ich die Frage aufgreifen, was die Kategorien von „Links“ und „Rechts“ ausmacht. Vorher möchte ich allerdings noch anmerken, dass ich – ganz unabhängig von den konkreten Kategorien, um die es geht – befürchte, dass wir uns gerade in einer Phase befinden, in der uns der konstruktive Umgang mit Kategorien zunehmend schwer fällt. Warum? Ich beobachte – auch unabhängig vom politischen Diskurs – eine zunehmende Tendenz der vorschnellen Einordnung von Menschen in Kategorien, verbunden mit einer Abschottung gegenüber denen, die (tatsächlich oder angenommen) in einer anderen Kategorie „stecken“ als man selbst. Ich fürchte, dass hierfür zum einen der mittlerweile allgegenwärtige algorithmische Kurzschluss verantwortlich ist („Menschen, die diese Kaffeemaschine gekauft haben, haben auch Bücher von Thilo Sarrazin gekauft“, „Freunde, die diesen Song mochten, waren auch bei Vorträgen von Jutta Ditfurth“). Zum anderen scheint es uns zunehmend (zu) leicht zu fallen, Menschen mit griffigen Labeln abzustempeln („Nazi!“, „Volksverräter!“), statt Positionen inhaltlich zu verstehen und zu beschreiben. Und zum dritten machen die Mechanismen gerade der sozialen Medien es uns (zu) einfach, uns unangenehme Meinungen auszublenden („Blocken!“) und uns in unseren eigenen Filterblasen und Echokammern einzuigeln. Egal, welche Kategorien den politischen Raum jetzt und in Zukunft bestimmen: Wenn wir nicht auch Mittel und Wege haben, den Austausch zwischen Menschen mit verschiedenen Positionen zu fordern und zu fördern, ist jedes Kategoriensystem zum Scheitern (oder mindestens zur Nutzlosigkeit) verurteilt.

(2) Zu den Kategorien, die „Links“ und „Rechts“ ausmachen
Angenommen, das Verständnis der Kategorien von „Links“ und „Rechts“ ist nach wie vor wichtig für unseren politischen Diskurs (und sei es auch nur als Referenz für die historische Perspektive): Was genau macht „Links“ und „Rechts“ aus?

Martin hat in seinem Beitrag zwei Dimensionen unterschieden, nämlich einerseits den Gegensatz zwischen: „Die Dinge hinnehmen vs. die Dinge verbessern wollen“, andererseits den Gegensatz zwischen: „Intrinsische Motivation vs. Motivation allein durch Geld“. „Links“ beschreibt er dann als die Position, die (grob verallgemeinert) davon ausgeht, dass man die Dinge verbessern kann und dass Menschen intrinsisch zur Aktivität motiviert sind. „Rechts“ ist dann im Gegensatz dazu die Position, die annimmt, dass man die Dinge im wesentliche hinnehmen muss und dass Menschen durch Geld zu Leistung bewegt werden müssen.

Ich halte die erste Dimension („Die Dinge hinnehmen vs. die Dinge verbessern wollen“) für hilfreich und möchte hierzu eine Modifikation vorschlagen. Die zweite Dimension dagegen ist m.E. in dieser Gegenüberstellung nicht robust. Stattdessen möchte ich eine andere Achse ins Spiel bringen, die sich an den Überlegungen von Jonathan Haidt („The Righteous Mind“) orientiert und meiner Einschätzung nach besser zur Einordnung von „Links“ und „Rechts“ geeignet ist.

Erstens: Die erste Dimension reflektiert im Grunde den klassischen Gegensatz zwischen konservativ und progressiv, der in allerlei Spielarten seit der Antike in politischen Diskussionen präsent war (z.B. in „Optimaten“ und „Popularen“ im Rom des letzten vorchristlichen Jahrhunderts). In der Tat gibt es nicht nur in der politischen, sondern praktisch in jeder Diskussion eine Position, die eher darauf gerichtet ist, dass sich nichts (oder wenig) ändert, und eine, die etwas verändern möchte – das ist auch in Unternehmen („Umstrukturieren? Nicht umstrukturieren?“) oder Familien („Kinder? Keine Kinder?“) nicht anders. Im politischen Umfeld ist allerdings zu beobachten, dass auch Vertreter eher konservativer Positionen immer wieder Veränderung fordern oder anregen, insbesondere mit dem Hinweis darauf, dass bestimmte Entwicklungen rückgängig gemacht werden sollten. Mein Vorschlag zur Benennung des Gegensatzes wäre daher eher ein: „Früher war alles besser“ vs. „In Zukunft wird alles besser“, so dass der jeweilige Fluchtpunkt (vergangenes vs. kommendes goldenes Zeitalter) klarer wird. „Rechts“ wäre dann eine Position, die in ihren Plänen Bezug auf den Glanz vergangener Epochen nimmt; „Links“ im Gegensatz dazu eine Position, die eine bisher noch nicht dagewesene Zukunftsvision als Ziel ihrer Pläne beschreibt.

Zweitens: Die zweite Dimension halte ich in der von Martin vorgeschlagenen Form für problematisch. Zum einen, weil sie logisch nicht unabhängig von der ursprünglichen Definition der ersten Dimension ist, denn die Frage, „was Menschen dazu motiviert, etwas zu leisten, etwas verändern zu wollen […]“ ist ja vor allem (wenn nicht: nur) dann relevant, wenn ich von der Annahme ausgehe, dass Veränderung sinnvoll oder notwendig ist. Dieses Problem würde durch die von mir vorgeschlagene Umformulierung der ersten Dimension (s.o.) quasi nebenbei behoben werden, da in dieser Neuformulierung Veränderung an sich für „Links“ und „Rechts“ gleichermaßen relevant ist. Selbst nach Auflösung der logischen Abhängigkeit halte ich den Gegensatz aber nicht für hilfreich, und zwar aus dem folgenden Grund: Martin Oettings Erläuterung macht klar, dass er den Gegensatz eigentlich versteht als: „Man muss Menschen Geld geben, damit sie etwas tun“ („Rechts“) vs.: „Man muss Menschen Freiheit (und Sicherheit) geben, damit sie etwas tun“ („Links“). Sozialleistungen (auch materielle) sind dabei in seiner Interpretation kein „Geld“ sondern eine Voraussetzung für „Freiheit“ (und damit eher „Links“). Dieser Gegensatz ist m.E. in sich ein Kategorienfehler, weil Geld (wie Martin durch die von ihm angeführten Beispiele selbst belegt) immer nur ein Mittel zum Zweck ist. Hätte „Geld“ denselben Stellenwert wie „Freiheit“, warum sollte dann eine konservative Position gegen (materielle) Sozialleistungen sein, die doch in dieser Logik dann gerade eine Motivation zum Handeln sein müssten?

Drittens: Statt an der Neudefinition der zweiten Dimension herumzufeilen, schlage ich vor, diese durch die Logik zu ersetzen, die von Jonathan Haidt in seinen Arbeiten zu konservativer und liberaler Haltung (vorwiegend in den USA) entwickelt wurde und die er in seinem Buch „The Righteous Mind“ (2012) umfassend dargestellt hat. Im Kern ergeben Haidts (empirische) Forschungen, dass Menschen grundsätzlich sechs moralischen Triebkräften folgen, nämlich Fürsorge, Freiheit, Gerechtigkeit, Loyalität/Zugehörigkeit, Autorität und Heiligkeit (meine Übersetzung der Begriffe aus dem englischen Original: Care, Liberty, Fairness, Loyalty, Authority, Sanctity). Haidts Analyse der Haltungen von Liberalen vs. Konservativen ergibt weiterhin, dass Liberale die Aspekte von Fürsorge, Freiheit und Gerechtigkeit stärker betonen, während Konservative die Aspekte von Loyalität/Zugehörigkeit, Autorität und Heiligkeit deutlich stärker hervorheben. Versucht man, diese Aspekte entlang einer Achse zu ordnen, so scheint mir der entscheidende Aspekt zu sein, dass „Linke“ Menschen grundsätzlich als freie und gleiche Individuen sehen. Die Aufgabe von Staat und Gesellschaft ist damit, für jedes Individuum die Voraussetzungen zur Entfaltung seiner Möglichkeiten zu schaffen. „Rechte“ dagegen sehen Menschen grundsätzlich eher als Mitglieder von Gruppen (Familie, Berufsstand, Nation) . Für sie besteht die Aufgabe von Staat und Gesellschaft deshalb im Austarieren der Interessen zwischen den Gruppen. Folgt man dieser Argumentation, so lässt sich als zweite Achse der Gegensatz zwischen: „Menschen sind freie und gleiche Individuen und streben grundsätzlich nach Freiheit und Selbstverwirklichung“ vs.: „Menschen sind Gruppenwesen und streben grundsätzlich nach Zugehörigkeit und Ordnung “ formulieren, wobei „Links“ der ersten und „Rechts“ der zweiten Position zugeordnet wäre.

Zwei Randbemerkungen hierzu: Der Unterschied in der Perspektive darauf, „wie Menschen sind“ – nämlich eher Individuen oder eher Gruppenwesen – bedeutet natürlich nicht, dass „Linke“ niemals in Gruppen oder für Gruppen agieren oder das „Rechte“ niemals an die Werte der einzelnen appellieren. Die Kategorie soll beschreiben, wie der Mensch „an sich“ gesehen wird, nicht mit welchen Mitteln praktische Politik gemacht wird. Und: Es gibt sicherlich über die grundsätzliche Ähnlichkeit der Dimensionen hinaus wichtige Unterschiede zwischen den liberalen und konservativen Positionen in der amerikanischen und den linken und rechten Positionen in der europäischen Politik-Landschaft. Diese weiter zu ergründen, ist ein wichtiger nächster Denkschritt – auch und gerade vor dem Hintergrund der starken Präsenz des amerikanischen Politik-Diskurses in Europa spätestens seit der letzten Präsidentenwahl. Hier und heute soll aber die grobe Zuordnung erst einmal genügen.

Schließlich: Ein charmanter Nebeneffekt einer solchen Neuordnung der Matrix ist in meinen Augen auch, dass zumindest eins der bisher nicht ausgefüllten Felder ebenfalls besetzt werden kann, nämlich die Überschneidung von: „In Zukunft wird alles besser“ mit: „Menschen streben grundsätzlich nach Zugehörigkeit und Ordnung“ – dies wäre dann das klassische Feld aller Erlösungsreligionen, die Gruppenzusammenhalt im Hier und Jetzt mit dem Versprechen einer zukünftigen Erlösung oder Erleuchtung verbinden.

Meine Skizze der angepassten Matrix ist hier:

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(3) Zur Neuordnung der Kategorien im 21. Jahrhundert
Wie oben ausgeführt, sind Kategorien kein Selbstzweck, sondern dienen der Herstellung von Navigierbarkeit unserer Welt, bieten also – im Fall von politischen Kategorien – Koordinaten in der politischen und gesellschaftlichen Landschaft, an denen wir uns orientieren können. Inwieweit, möchte ich deshalb abschließend fragen, helfen uns die Kategorien von „Rechts“ und „Links“ heute noch, das zu verstehen und zu ordnen, was um uns herum geschieht? Meine Antwort habe ich anfangs bereits angerissen: Ich glaube, dass wir gerade einen grundlegenden Kategorien-Wechsel erleben, in dem die Kategorien von „Links“ und „Rechts“ eben gerade nicht mehr als Navigationshilfen funktionieren. Im Zusammentreffen mit der eingangs geschilderten Herausforderung der Neuordnung unserer gesellschaftlichen und politischen Systeme und Institutionen bedeutet dies eine zusätzliche Komplikation, durch die eine Lösungsfindung noch schwieriger und (zumindest sofern man an eine gewisse Orientierungsfunktion historischer Abläufe glaubt) vermutlich riskanter wird.

Aber der Reihe nach: Ich komme mehr und mehr zu dem Schluss, dass die Kategorien von „Links“ und „Rechts“ wie oben seziert heute nicht mehr so greifen, wie sie das (mit Unterbrechungen) für rund 200 Jahre getan haben. Hierfür sehe ich zwei wichtige Indizien.

Erstens: Insbesondere die neu erstarkenden politischen Positionen, die gerne als eher „Rechts“ beschrieben werden (und sich teilweise auch selbst und selbstbewusst so beschreiben), greifen bei der Wahl ihrer Argumente und Begrifflichkeiten auf alle Felder der oben gezeichneten Matrix zu. Zur Illustration: Sowohl Donald Trump in seiner Rede zum Amtsantritt am 20. Januar 2017 als auch Bernd Höcke in seiner Rede in Dresden am 17. Januar 2017 haben ebenso eine „vision“ oder „Visionen“ wie ein „great again“ oder eine „großartige Vergangenheit“ beschworen, und beide appellierten ebenso an die Gemeinsamkeit der jeweils Angesprochenen („total allegiance to the United States“, „uns Patrioten“) wie an den Ehrgeiz der Individuen („your dreams“, „ganzheitliche Persönlichkeiten“). Gleichzeitig gehören die Vorwürfe eines zu engen Gruppendenkens („identity politics“, „Eliten“) sowie des Unwillens zur Veränderung – beides (passend zu den oben aufgespannten Dimensionen) traditionell eher Kritik der „Linken“ an der „Rechten“ – heute zum Standardrepertoire der Vorwürfe der scheinbar „Rechten“ gegen die scheinbar „Linke“. Die Zuordnung von inhaltlichen Positionen zu „Links“ und „Rechts“ wird so faktisch unterlaufen und damit als Erklärungshilfe ausgehebelt.

Zweitens: Auf allen Seiten scheint sich eine Haltung auszubreiten, die mit den Kategorien automatisch ein „besser“ und „schlechter“ assoziiert – abweichend also von der ursprünglichen Annahme einer politischen Augenhöhe zwischen „Links“ und „Rechts“ mit allen ihren Vorteilen für das Funktionieren der Demokratie. Dies gilt leider zur Zeit für sehr viele Akteure im politischen Raum: „Linke“, die darüber nachdenken, wie Anhänger und Wähler der neuen scheinbar „Rechten“ von ihrem Irrglauben abgebracht werden können, stehen in dieser Haltung den scheinbar „Rechten“ nicht nach, die demokratisch gewählte Politiker als „erbärmliche Apparatschiks“ oder als verantwortlich für „carnage“ verunglimpfen. Ist das Gefälle zwischen verschiedenen politischen Positionen aber erst einmal im Sinne eines „besser“ und „schlechter“ etabliert, ist eine konstrukive Lösung von Konflikten durch Systeme und Institutionen, die Gleichwertigkeit unterstellen, prinzipiell in Frage gestellt.

Dazu kommt: Ein gemeinsamer Nenner der neuen politischen Positionen scheint zu sein, dass sie die Ansicht vertreten, dass Wahrheit und Angemessenheit von Verhalten im politischen Raum grundsätzlich durch das definiert werden, was die Vertreter der Position für wahr oder angemessen halten – nicht durch (wie auch immer geartete) gemeinsame, objektivierbare, messbare oder anderweitig nachvollziehbare Referenzpunkte. In dieser Logik ist (um ein aktuelles Beispiel aufzugreifen) eine Menschenmenge, die mir groß vorkommt und von der ich mir erhofft habe, dass sie groß ist, selbstverständlich groß. Diese Haltung steht in ihrer radikalen emotionalen Subjektivität außerhalb des herkömmlichen politischen Systems, das vom Grundsatz her auf rationalen Austausch wechselseitig überprüfbarer Argumente ausgelegt ist. Es könnte deshalb – aber hier hypothetisiere ich – sein, dass eine neue  Dimension der politischen Ordnung entlang der Achse: „Es gibt objektive/objektivierbare Maßstäbe für (politisches) Handeln“ vs.: „Der Maßstab für (politisches) Handeln ist meine subjektive Einschätzung“ verlaufen wird. Für den Umgang mit einem solchen Gegensatzpaar haben wir bis dato noch keine Mechanismen der friedlichen Konfliktlösung entwickelt – ganz zu schweigen von den gesellschaftlichen Systemen und Institutionen, in denen Vertreter der Pole eines solchen Gegensatzpaars tatsächlich auf Augenhöhe koexistieren und kooperieren könnten.

Abschließend noch eine historische Reflexion: Der Zerfall politischer Kategorien ist natürlich kein neues oder einmaliges Phänomen. Gerade die europäische Geschichte ist reich an Beispielen für ähnliche Vorgänge – und an (mehr oder weniger inspirierenden) Illustrationen für das, was geschieht, wenn dieser Zerfall fortschreitet und um sich greift. Abgesehen von dem unglücklichen Umstand, dass die meisten dieser Beispiele (oft langandauernde und grausame) Phasen von Kriegen oder Bürgerkriegen mit sich brachten, sehe ich zwei prinzipielle Lösungswege, die in der Vergangenheit erfolgreich – und oft parallel – beschritten worden sind. Eine Möglichkeit der Konfliktlösung bestand darin, eine Gruppe von Kategorien einer anderen weitgehend unterzuordnen. Ein gutes Beispiel hierfür ist die Kategorie „Konfession“: Nach dem Dreißigjährigen Krieg, in dem Konfession sowohl innerhalb als auch zwischen bestehenden Gemeinwesen erheblich zur Verlängerung und Vertiefung der gewaltsamen Auseinandersetzungen beigetragen hatte, ordnete das „cuius regio, eius religio“ des Westfälischen Friedens „Konfession“ klar der (neuen) Kategorie der souveränen Staatlichkeit unter: Die Staatszugehörigkeit definierte fortan bis auf weiteres auch die Konfessionszugehörigkeit. Ein weiteres Beispiel: Knapp 200 Jahre später wiederholte sich mit der Ausdifferenzierung der Kategorie der „Privatheit“ ein ähnlicher Vorgang: Alles Private (darunter i.Ü. auch die Kategorie „Religion“) wurde – in Bezug auf seine Rolle im politischen Raum – dem Öffentlichen untergeordnet. Der Bürger hatte damit als Bürger legitimes Interesse und Recht auf Beteiligung nur an öffentlichen Themen – alles andere (ob konfliktär oder nicht) wurde seine Privatsache. Eine andere, meist ergänzend genutzte, Möglichkeit der Konfliktlösung bestand in der Etablierung neuer Regeln der gleichberechtigten Auseinandersetzung zwischen den Vertretern verschiedener Positionen. Noch einmal am Beispiel des Dreißigjährigen Kriegs: Die Neuordnung des Westfälischen Friedens etablierte auch den Gedanken souveräner Staatlichkeit in Europa, durch den vorher als „rebellisch“ angesehen Gemeinwesen wie die Niederlande als eigene Staaten akzeptiert wurden und damit zukünftig auf Augenhöhe agieren konnten. Über die Jahre wurde diese Gleichberechtigung  dann weiter ergänzt durch die zunehmende Verdichtung internationaler Systeme (verstanden als Netz von Beziehungen zwischen prinzipiell gleichberechtigten souveränen Staaten zur Einhegung von imperialen Expansionsansprüchen). Innerstaatlich entspricht diesem Prozess im 18. Jahrhundert die Einrichtung von Parlamenten und der Aufstieg der Presse als Orten demokratischer Auseinandersetzung innerhalb von Staaten (zur Einhegung von revolutionären Bewegungen außerhalb des staatlich definierten politischen Raums).

Wenn ich mit meiner Vermutung richtig liege, dass wir zur Zeit einen grundlegenden Kategorien-Wechsel im politischen Raum erleben, so stellt sich vor dem Hintergrund dieser Beispiele die dringende Frage, ob und wie es möglichst gewaltlos gelingen kann, die neuen Kategorien nicht nur zu erkennen und zu beschreiben, sondern durch Unter- oder Nebenordnung mit anderen Kategorien das System und die Institutionen so umzugestalten, dass konstruktive politische und gesellschaftliche Auseinandersetzung zwischen kontroversen Positionen wieder in einem gemeinsamen Rahmen möglich wird. Nach welchen Kategorien wird sich unsere politische Landschaft organisieren? Welche sind „führend“, welche sind „folgend“? Welche Mechanismen werden wir nutzen, um Positionen, Interessen und Ansichten zwischen den verschiedenen Polen des Spektrums zu vermitteln? Oder – wenn meine Hypothese über die neuen Kategorien von oben stimmt – ganz konkret: Wie können wir eine gemeinsame Basis zur Diskussion zwischen Positionen finden, in denen „objektive Wahrheit“ einerseits gegen „subjektiv gefühlte Wahrheit“ andererseits steht?

Aber dazu ein anderes Mal – auf dieser Plattform oder an anderem Ort.

Verfasst von Anja Hartmann (Twitter).

Teil 3 von „5000 Jahre Schulden“: Humanökonomie, Sklaverei und die Römer erfinden Freiheit um.

Teil 3 von „5000 Jahre Schulden“: Humanökonomie, Sklaverei und die Römer erfinden Freiheit um.

(Bisher habe ich schon zwei Teile meiner Zusammenfassung von David Graebers Buch veröffentlicht, außerdem eine damit verbundene kleine Randbemerkung. Dies ist Teil 3.)

In den Kapiteln sechs und sieben des Buches geht es ganz überwiegend um die Entstehung der Sklaverei, und darum, dass sie bis heute nachhaltige Bedeutung für unser Leben hat. Zunächst greift Graeber jedoch auf das vorherige Kapitel zurück. Er fragt, warum die klassische ökonomische Theorie bei der Diskussion des wirtschaftlichen Verhaltens derart zentrale und häufige Vorgänge wie Alltagskommunismus und hierarchische Strukturen schlicht unberücksichtigt gelassen und stattdessen so getan hat, als gäbe es nur Marktwirtschaft? Diese Verknappung habe unser Verständnis von Wirtschaft deutlich ärmer gemacht als es sein sollte — vor allem, weil es einen entscheidenden Aspekt fast komplett aus der Geschichte entfernt: die Rolle der Frauen.

Humanökonomien und soziale Währungen
In der Folge diskutiert Graeber dann über viele Seiten das, was er „Human Economies“ nennt (Humanökonomien) — wirtschaftliche Systeme, in denen es nicht darum geht, Brot, Kleidung oder Salz zu kaufen, sondern die sich allein darum drehen, die Beziehungen zwischen den Menschen immer wieder neu zu ordnen. Dafür wurde sogenanntes „primitives Geld“ verwendet, welches von Forschern sehr häufig im Zusammenhang mit einfachen Völkern beschrieben wurde, die weder Staaten noch Märkte kannten. Von ihrem Charakter her seien diese Währungen damals das genaue Gegenteil unserer Währung gewesen — sie haben für die Sorte Transaktion gedient, „über die Ökonomen nicht gern sprechen“:

Üblicherweise wurden diese Gelder nie verwendet, um Dinge zu kaufen oder zu verkaufen. Stattdessen werden sie genutzt, um die Beziehungen zwischen Menschen zu erschaffen, aufrecht zu erhalten, oder neu zu ordnen: um Hochzeiten zu arrangieren, die Vaterschaft von Kindern sicherzustellen, Fehden abzuwehren, Trauernde bei Beerdigungen zu trösten, Vergebung im Fall von Verbrechen zu ersuchen, Verträge zu verhandeln, Unterstützer einzukaufen — fast alles, nicht jedoch für den Handel mit Süßkartoffeln, Schaufeln, Schweinen, oder Juwelen.

Graeber nennt sie „soziale Währungen“ (Social Currencies) und wird in der Folge nicht müde darauf hinzuweisen, dass es sich bei Brautgeldern oder beim Bezahlen für einen Mord an einem Menschen nie darum gehandelt habe, den Schaden mit Geld aufzuwiegen, also: dafür zu bezahlen. Er bezieht sich dabei auf den französischen Forscher Philippe Rospabé, der erklärt, dass unser Geld zwar entstanden sei aus diesem Primitivgeld — dass dieses aber gerade nicht dafür gedient habe, Schulden zu bezahlen:

[Die soziale Währung] ist eine Möglichkeit anzuerkennen, dass es Schulden gibt, die unmöglich bezahlt werden können.

Weil jeder Mensch einzigartig ist, insbesondere in seinen Verbindungen zu seinem sozialen Umfeld, zu dem reichhaltigen Netzwerk, das sein Leben ausmacht, kann sein Wert niemals mit Geld aufgewogen werden. Hält also ein Mann um die Hand einer Frau an, und gibt ihrem Vater dafür den Zahn eines Wales, dann nicht, um sie womöglich zu kaufen. Sondern um dem Vater gegenüber deutlich zu machen, dass der Wert dieser Frau nie — durch welche Währung auch immer — durch etwas anderes, was nicht ein Menschenleben ist, aufgewogen werden kann.

Das Gleiche gilt für den Fall, in dem ein Mensch ermordet wurde, und die Familie des Mörders der geschädigten Familie die Zahlung der „Social Currency“ nicht anbietet, um für den Toten zu bezahlen — sondern um zu zeigen, dass genau das nicht geht. So verbleiben zahllose Verpflichtungen und „Schulden“, die sich über Jahre zwischen Menschen und über Jahrzehnte und Jahrhunderte zwischen Familien entwickeln. Und auf diese Weise entstehen schließlich Gesellschaften. Oder, wie Graeber sagt:

Unsere Schulden ergeben Gesellschaft.

Gewalt als zentraler Faktor zur Kommerzialisierung menschlicher Beziehungen
Das Problem daran ist aber, dass in diesem System Gewalt verborgen ist — Gewalt gegenüber Frauen. Denn letztlich waren Frauen sehr häufig relativ eindeutig Objekt der Handlungen und Verhandlungen von Männern. Damit konnten ihnen Dinge angetan werden, die in keinerlei Übereinstimmung mit ihren eigenen Wünschen passieren, also gegen ihren Willen. Jemanden zu einer Sache zwingen zu können, die gegen ihren Willen abläuft, ist nichts anderes als Gewalt auszuüben.

Zudem, es klang oben schon an, war durchaus denk- und machbar, ein Menschenleben mit einem anderen aufzuwiegen. Damit waren Menschenleben nicht einzigartig, sondern „nur“ mehr wert als alles andere, aber per se dann doch handelbar.

Drittens kam eine zweite Form der Gewalt hinzu — die Sklaverei. In den Gesellschaften, in denen diese Währungen verwendet wurden, hat es immer wieder auch Sklaven gegeben. Nicht als absolute Regelmäßigkeit und in großer Anzahl, aber durchaus als Normalität. Üblicherweise waren das Menschen, die anderen entfernteren Stämmen aus verschiedenen (oft als sehr berechtigt angesehen) Gründen geraubt und damit komplett aus ihrem sozialen Zusammenhang gerissen wurden. Komplett aus dem sozialen Zusammenhang gerissen zu sein, ist der Zustand, in dem aus einem Menschen ein verkaufbares Objekt wird. Denn es gibt niemanden mehr, der Anteil an ihm nimmt oder ihn als unverkäuflich betrachten kann.

Alle drei Aspekte — dass Frauen innerhalb dieser Systeme zu Objekten wurden, die miteinander getauscht wurden, und dass es durch die Sklaverei bereits Beispiele für Menschen gab, die ge- und verkauft werden konnten und durften — haben die Grundidee sozusagen löchrig gemacht und gemeinsam dazu geführt, dass diese humanökonomischen Systeme mit ihren sozialen Währungen, die dafür gedacht waren, das Leben zu schützen und durch mannigfaltige Verflechtungen der Menschen untereinander zu erhalten, ebenso leicht zum genauen Gegenteil führen konnten: der Zerstörung von Leben (und Menschlichkeit) durch Sklaverei und Menschenhandel.

Sklaven sind tote Menschen.
Im folgenden Kapitel führt Graeber dann aus, dass Sklaven nicht allein aus ihrem sozialen Zusammenhang gerissen waren. Da man üblicherweise nur dann Sklave wurde, wenn die Alternative der Tod gewesen wäre, wurden Sklaven demzufolge als praktisch tot angesehen. Sklaverei ist eine komplett auf Gewalt basierende Situation — dem Sklaven kann jederzeit alles Denkbare angetan werden, er selbst hat keinerlei moralisch bindende Beziehungen zu anderen Menschen und lebt in einem Zustand absoluter moralischer Erniedrigung. Die Gegenseite derselben Medaille: die Herren über die Sklaven ziehen aus dieser Erniedrigung die Erhöhung der eigenen Person — so entstand die Idee der „Ehre bedeutender Männer“. Je mehr andere Menschen sie degradieren konnten, desto größer war die eigene Ehre. Graeber sagt, Ehre sei sozusagen eine Art Überfluss an Würde und schreibt den großartigen Satz:

Ehre ist ein Nullsummenspiel.

Der sonderbar wackelig-unsichere Zustand des „Ehrenmannes“ (bei Graeber: „man of honor“), der einerseits in seinem Selbstvertrauen fast ertrinkt, andererseits aber ständig ängstlich darüber wachen muss, die eigene Ehre zu verteidigen, weil sie durch die kleinste Beleidigung gefährdet werden kann, entsteht erst, wenn ein Mensch anderen ihre ganze Macht und Würde abnimmt. Der ständige Kampf um die „knappe Ressource Ehre“ macht denjenigen, der die Würde anderer mit Füßen tritt, paranoid in der Sorge, dass andere ihm ebenso jederzeit dasselbe antun könnten. Und jedes bißchen Ehre, das der andere gewinnt, reduziert die eigene. Ehrenmänner zeichnen sich also dadurch aus, dass sie anderen keine Ehre lassen können. (Dazu auch meine Randbemerung.)

Anhand anderer Beispiele — unter anderem der Humanökonomie im frühen mittelalterlichen Irland oder in Wales; auch dort gab es keine kommerziellen Märkte, sehr wohl aber jene für Beziehungspflege — beschreibt Graeber verschiedene Aspekte dieser Logiken von Ehre und Sklaverei. Sich mit unzähligen „ehrlosen“ Sklaven zu umgeben, hat für einen Herrn erst dann Sinn, wenn man erkennt, dass die Sklaven deswegen ehrlos sind, weil sie ihre Ehre an den Herrn verloren haben. Damit kann man an ihrer Anzahl „die Größe der Ehre des Herrn“ ablesen — wieder das Nullsummenspiel. Meine Ehre kann nur zunehmen, wenn Deine abnimmt. Und mir fällt auf: offenbar verhält es sich mit der Ehre genau gegenteilig wie mit der Liebe.

Die Verbindung zwischen Würde, Ehre und Sklaverei und dem Thema des Buches, „Schulden“, ist laut Graeber naheliegend: auch wenn Menschen (Kinder, Ehefrauen) lange Zeit nicht verkauft werden konnten, änderte sich die Situation in dem Moment, in dem Schulden ins Bild kommen, sofort schlagartig. Die Kinder wurden zu Pfandobjekten, die solange unter die Kontrolle des Gläubigers gestellt wurden, wie die Schulden nicht bezahlt waren. Konnte der Gläubiger dauerhaft nicht bezahlen, waren die Kinder letztlich verkauft.

Geld als Gegenteil von Ehre
Während in den beschriebenen Humanökonomien Geld als Tauschgegenstand für das Aushandeln der Beziehungen von Menschen untereinander diente, hatte sich die Situation im alten Griechenland ins Gegenteil verkehrt: mittlerweile waren kommerzielle Märkte entstanden. Und während den Griechen ihre Ehre extrem wichtig war (und bis heute ist), wurde die Idee, für die Ehre eines Mannes könne man bezahlen, zur schlimmsten Beleidigung. Zugleich änderte sich der Charakter des Geldes — es war nun zu einer Notwendigkeit geworden, an der alle Menschen Bedarf hatten — hoch oder niedrig gestellt in der Gesellschaft:

Wir könnten sagen (…), dass Geld eine Demokratisierung von Begierde eingeführt hat.

Und so schob sich der kommerzielle Markt zwischen die anderen beiden Austauschformen „Alltagskommunismus“ und „Hierarchie“, und hat dadurch sehr viel Verwirrung erzeugt: früher half man sich gegenseitig aus — muss man einander heute nun bezahlen? Früher war allen klar, dass der wohlhabende einflussreiche Herr, der einem Knecht ein Darlehen gab, über ihm stand und andere Mittel zur Verfügung hatte als der Schuldner. Wurde daraus nun die Gleichwertigkeit zweier Wirtschaftssubjekte im Tauschgeschäft „Kreditvergabe“? Und was war ein normales Geschenk des Alltags, was war ein Kredit?

Hinzu kam, dass die zentralisierte Geldprägung das Geld anonym gemacht hat: wenn die Beziehungen vorher durch gegenseitigen Kredit und Vertrauen geprägt waren, konnte nun jeder Geld verwenden, aus welchen — womöglich kriminellen? — Quellen er es auch immer erhalten hatte.

Als Ergebnis machte sich im alten Griechenland große moralische Unsicherheit breit. Und die Frage „was bedeutet es, die eigene Schuld zu begleichen?“ wurde zur zentralen philosophischen Aufgabe.

Sklaverei als Grundlage für den Eigentumsbegriff
Der Rest des Kapitels springt dann ins alte Rom. Und befasst sich vor allem mit dem übermächtigen Einfluss, den römische Gesetzestexte auf die Rechtssysteme der gesamten Welt gehabt haben — ungeachtet der Tatsache, dass ein Aspekt des römischen Rechtssystems von Beginn an für Verwirrung sorgt: der Eigentumsbegriff.

Im römischen Recht bezeichnet Eigentum die Beziehung zwischen einem Menschen und einer Sache — die definiert ist dadurch, dass der Mensch unbegrenzt Macht über die Sache hat. Und das führt zu endlosen Schwierigkeiten. Denn kann ein Mensch überhaupt eine Beziehung zu einer Sache haben? Beziehungen hat man zu anderen Menschen. Wer auf einer einsamen Insel alle Bäume dieser Insel besitzt, hat keinen Vorteil, denn erst in Verbindung mit anderen Menschen wird Eigentum interessant. Damit ist Eigentum also eigentlich eine Beziehung zu anderen Menschen. Graeber:

Ganz offensichtlich ist Eigentum also nicht wirklich eine Beziehung zwischen einem Menschen und einer Sache. Es ist vielmehr eine Verständigung oder Regelung zwischen Menschen in Bezug auf Dinge.

Nur weil ich eine Kettensäge besitze, habe ich eben keine absolute Macht über diese Kettensäge. Ganz im Gegenteil — es gibt eine Menge Dinge, die ich damit nicht machen kann. Und so sucht Graeber nach der Antwort auf die Frage, warum das römische Recht mit einer derart speziellen Definition daher kam. Und findet eine Erklärung von Orlando Petterson nachvollziehbar: die Gesetzesdefinition entspringt der Sklaverei.

Wenn man die Beziehung zu einem Menschen, der zugleich ein Ding ist, als Grundlage für den Eigentumsbegriff nimmt, ergibt die Sache eher Sinn. Und da der lateinische Begriff für Eigentum — „dominium“ — offenbar zu einer Zeit aufkam, als auch viele Sklaven nach Italien kamen (was zunächst einige legale Schwierigkeiten nach sich zog), entstand zu dieser Zeit das Konzept. Und definierte eine fast komplette Allmacht des römischen Haushaltsvorstandes gegenüber seinem dominium, und auf jeden Fall gegenüber seinen Sklaven. Und da dieser Haushaltsvorstand in der römischen Republik die höchste Instanz im Land war — es gab ja keinen Imperator — war auch seine Macht zu beherrschen absolut. Und im Fall von Sklaven war dies moralisch akzeptierte absolute einschränkungslose Macht über andere Menschen.

Der Wandel unserer Idee von Freiheit
Und in der Folge haben die Römer unseren Begriff von Freiheit umdefiniert. Zunächst hieß „frei“ zu sein, dass man kein Sklave war. Wenn Sklaverei bedeutet, dass alle menschlichen Verbindungen gekappt sind und man nicht mehr als Teil des sozialen Netzes existiert (siehe oben), dann war frei, wer wieder mit anderen Menschen in Beziehung stehen, Freund und Gesprächspartner, Mitmensch sein konnte. Damit war Freiheit zunächst ein sehr sozial ausgerichteter Begriff. Dann aber wurde der Begriff nach und nach umgedeutet, immer stärker am Eigentumsbegriff ausgerichtet. Weg von einer Definition in einem sozialen Umfeld, hin zu einer sehr isolierten Definition über Macht:

Freiheit ist die natürliche Fähigkeit, zu tun was immer man will, was nicht durch das Gesetz verboten wird.

Und so beschreibt Graeber wie dann über die Jahrhunderte Freiheit letztlich gleichbedeutend wurde mit Macht:

Wenn mittelalterliche politische Theoretiker über Freiheit sprachen, dann meinten sie damit normalerweise das Recht eines Herrschers zu tun was immer er wollte mit seinem Eigentum.

Also weit entfernt von einer sozialen Definition von Freiheit. Aber aus Graebers Sicht ist genau das die Tradition, die direkt zu Adam Smith und der modernen Wirtschaftslehre führt: wenn ein freier Mensch über das Recht definiert ist, mit seinem Eigentum tun zu können, was er will, dann kann ihm Wirtschaftstheorie wohl am besten dienen, wenn sie sich darüber Gedanken macht, wie man dieses Eigentum über viel Handel und Wandel vermehren kann.

Nur wer Rechte hat, kann sie abtreten
Dabei wurde davon gesprochen, dass Menschen Rechte an der Freiheit haben — ganz genau so, wie sie auch ihr Eigentum selbst haben. So geht aber verloren, dass des einen Rechte ja immer Verpflichtungen eines anderen sind. Wenn ich Recht auf etwas habe, muss es ein anderer doch bereitstellen. Ich habe Recht auf ein faires Gerichtsverfahren — es muss also ein Gericht und Richter und alles geben, was man dafür braucht. Damit ist ein Recht an einer Sache eigentlich nicht etwas, was einer alleine besitzen kann, sondern etwas, das man gemeinsam organisieren muss. Dennoch wurde die auf den römischen Gesetzen aufbauende Sprache immer so definiert, dass Menschen Rechte haben — warum? Nur wenn man ein Recht hat, kann man es abtreten. Also kann man Sklave werden, verkauft werden, absolutistisch beherrscht werden, in einem Staat eingebunden sein, in einem Unternehmen temporär seiner Freiheitsrechte beraubt sein:

Thomas Hobbes war der erste, der im siebzehnten Jahrhundert dieses Argument richtig ausformuliert hat, aber es wurde schnell zum Allgemeinplatz. Regierung war letztlich ein Vertrag, eine Art Geschäftsbeziehung, in der Bürger freiwillig einige ihrer natürlichen Freiheiten an den Herrscher abgegeben hatten.

Und so kommt Graeber zum finalen Konzeptbaustein: er erklärt schließlich, dass in letzter Konsequenz sogar die Idee, wir seien die Herren über unseren eigenen Körper, aus dieser Tradition entspringt. Das alternative Konzept wäre, dass Körper und Geist eins seien, aber in unserer Geistestradition herrscht der Geist über den Körper, hat Rechte an ihm, und kann sie abtreten.

Wo stehen wir jetzt?
Graeber beendet das Kapitel mit einer Zusammenfassung des bisher Gesagten. Am Anfang steht ein Dilemma: Sind wir alle „alleinstehende“ Händler, die am Markt des Lebens im immerwährenden Handel überall und ständig nur das Beste herauszuschlagen versuchen müssen? Oder sind wir tief eingebetteter Teil eines so engen Netzes sozialer Verpflichtungen, dass wir uns nie aus ihm befreien können? Er bietet die Idee der Human Economies als alternative Erklärung an. Sie ließ das Geld entstehen, aber der Zusammenbruch ihrer ursprünglichen Idee hat dazu geführt, dass Menschen mit einem Mal doch zu verkaufbaren Objekten wurden. Und dass daraus Konzepte von Herrschertum und Dominanz und Freiheit als fast unbegrenzte Kontrolle über Eigentum entstanden sind. In endgültiger Konsequenz führt dies dann dahin, dass wir letztlich auch Herren über unseren eigenen Körper geworden sind — also als in uns selbst geteilte Wesen — und damit letztlich komplett allein sind. Wenn die letzte Instanz ein Geist ist, der den Körper beherrscht, dann muss dieser Geist unverbunden gegenüber allen anderen sein. Und damit hat die Geistesgeschichte die Zutaten für den Homo Oeconomicus, den rational handelnden wirtschaftenden Menschen, der über sich selbst und seine Besitztümer bestimmt und mit jedem anderen Menschen in Austauschbeziehung tritt. Und dabei zugleich immer wieder die eigene Freiheit im Rahmen dieser Tauschhandel an verschiedenen Stellen abgeben kann und muss — im Beruf, im Staat.

Was ist uns dabei verloren gegangen? Die Idee, dass Freiheit alternativ auch bedeuten kann, tief eingebetteter Teil der Menschheit zu sein. Und dass gesellschaftliches Zusammenleben auch denkbar ist in einer Weltsicht, in der nicht jeder Mensch für sich im endlosen Meer der Wirtschaftenden schwimmt, die einander ständig nach dem Leben, dem Besitz, der Würde trachten. Sondern dass derjenige ein freier Mensch ist, der sich seiner zahllosen Verbindungen zu anderen Menschen bewusst wird.

Das Bier, der Wachmann und ich — im Willy-Brandt-Haus.

Das Bier, der Wachmann und ich — im Willy-Brandt-Haus.

Ich war gestern bei der SPD zu einem Gespräch eingeladen. Ich sage zur Pförtnerin, mit wem ich meinen Termin habe.

Außerdem sage ich: „Mein Name ist Oetting.“

Der Wachmann neben ihr: „Wie dit Bier.“

Ich: „Ja genau, nur ohne -er.“

Er: „Obwohl … ick frag mich, ob man sowat überhaupt noch Bier nennen darf.“

Ich, oberlehrerhaft und irrtümlich: „Ich glaube, das ist heute das meistverkaufte Bier in Deutschland.“

Er: „Ja, aba nur, weil so viele Leute nich‘ mehr jenuch Jeld haben.“