Was hat Fidel Castro mit der AfD zu tun?

Was hat Fidel Castro mit der AfD zu tun?

Die Folge „When The Boats Arrive“ (#654) des Planet Money Podcasts von NPR ist eine Wiederholung aus dem Jahr 2015. Der viertelstündige Podcast geht der Frage nach: was passiert mit einem Wirtschaftsraum, in den plötzlich eine große Zahl Fremde einwandert — in diesem Fall 100.000 Kubaner in Florida?

Castro erzeugt eine Flüchtlingswelle
Der Beitrag beschreibt die Vorgänge in Kuba und Florida im Jahr 1980, als es den Kubanern wirtschaftlich so schlecht ging, dass Unruhen ernsthaft drohten, das Land zu destabilisieren. In dieser Situation entschied Castro, denjenigen Kubanern, die in die USA auswandern wollten, die Ausreise zu genehmigen. Um die Sache für das Regime „gut“ aussehen zu lassen, wurden sie gebrandmarkt als „nicht für die Revolution geeignet“, als Verräter, sie wurden öffentlich an den Pranger gestellt. Dafür konnten sie die knapp 200 Kilometer über das Meer nach Florida entkommen.

Zwei Ängste entstehen, wenn viele Fremde in ein Land kommen. Einerseits, diese Leute werden nie arbeiten und daher unser Land eine Menge Geld kosten. Andererseits, diese Leute wollen alle arbeiten, sie werden uns unsere Arbeitsplätze wegnehmen.

Was ist damals in Florida passiert? Die kurze Antwort: nicht viel. Laut Wirtschaftswissenschaftlern hätte man zumindest eine kurzfristige Steigerung der Arbeitslosigkeit erwarten sollen, diese sei aber in der Realität nicht eingetroffen:

Ökonomen sind sich eigentlich ziemlich einig: für die meisten Arbeiter ist Einwanderung kein Problem. Für die meisten Arbeiter drücken Einwanderer nicht die Löhne. Sie nehmen uns nicht die Arbeit weg.

Der Grund: Arbeitsplätze sind keine unveränderliche fixe Größe. Wenn viele neue Leute in ein Land kommen, dann suchen sie zwar auf der einen Seite Arbeit, auf der anderen Seite konsumieren sie aber auch. Sie gehen zum Friseur, kaufen Brot, brauchen viele Dinge, und schaffen damit Jobs. Eine Frau, die damals als Kind aus Kuba ausgewandert ist, erinnert sich:

Vom ersten Moment an wirst Du Konsument. Du brauchst Betten, du brauchst Matrazen, du brauchst Laken, du brauchst alles, um ein Leben zu beginnen. Je weniger du mitbringst, desto mehr konsumierst du.

Dass das damals in Florida so gut funktioniert hat, wird auf zwei Faktoren zurückgeführt, die den Erfolg möglich gemacht haben:

  • Robuste Wirtschaft: das Aufnahmeland muss eine möglichst gut funktionierende Wirtschaft haben. Denn ganz kurzfristig gibt es Kosten, die durch die Aufnahme der Flüchtlinge entstehen.
  • Schnelle Jobs: die Zuwanderer müssen im neuen Land möglichst schnell Jobs finden. Denn nur dann können sie ja ihren Beitrag leisten — auch auf der Konsumseite. In Florida hat das damals gut funktioniert, weil schon sehr viele Kubaner dort waren, die den neuen geholfen haben, zurecht zu kommen.

Die Exil-Kubanerin erzählt:

Ein Freund eines Freundes, jemand, den er noch aus Kuba kannte, hat für [meinen Vater] einen Job gefunden, als Fahrer eines Bananen-Lastwagens, die Firma hieß ‚Yes Bananas‘. Und meine Mutter fand Arbeit durch meine Tante, in einer Fabrik. Und für mich ist das Unglaubliche an dieser Geschichte und an den Vereinigen Staaten, dass wir am Montag angekommen sind, am Donnerstag arbeiteten meine Eltern, und am folgenden Montag habe ich mit ‚Summer School‘ angefangen.

Und den Kubanern ging es gut in Miami. Und Miami ging es gut mit den Kubanern.

Der Podcast versucht nun, die Parallelen zu syrischen Flüchtlingen heute in Europa zu finden. Europa sei wirtschaftlich ebenfalls stark genug, um die Flüchtlinge zu verkraften. Die zweite Sache, die mit den Jobs … die sei dagegen nicht ganz das Gleiche. Denn es gebe keine starken syrischen Communities, welche den Flüchtlinge ankommen helfen können. Der Podcast lässt dann Rainer Hundsdörfer, 2015 noch Chef der Firma EBM-Pabst, zu Wort kommen, der sich offenbar sehr dafür interessiert hat, Flüchtlinge einzustellen, um viele offene Stellen endlich besetzen zu können. Und es ist die Rede von syrischen Flüchtlingen in Frankreich, wo Hollande damals bei der Ankunft der Flüchtlinge offenbar auch versucht hat, Willkommenskultur zu feiern.

Ich weiß nicht, in welcher Detailtiefe man das alles auf unsere aktuelle Situation anwenden kann. Aber die Notwendigkeit, den Menschen hier schnell Jobs zu vermitteln, leuchtet mir unmittelbar ein. Nicht allein, weil sie dank der Jobs auch zu Konsumenten werden und damit die Wirtschaft insgesamt unterstützen können. Sondern auch, weil ein Job Struktur im Leben schaffen und Sinn stiften kann. Selbst wenn es nur ein erster Job zum Haltfinden ist. (Weswegen übrigens auch das Thema „bedingungsloses Grundeinkommen“ eine derart wackelige Angelegenheit ist.) Vor dem Hintergrund erscheint es mir desaströs, dass so viele Flüchtlinge in Deutschland nicht arbeiten dürfen oder können.

Rundumschlag: Presse, USA, Europa, Flüchtlinge und Schulz.

Rundumschlag: Presse, USA, Europa, Flüchtlinge und Schulz.

Ich habe mal wieder ein paar Links zusammengestellt, zu aktuellen politischen Themen.

Medien & „Free Speech“ in den USA
Ein aus meiner Sicht bemerkenswertes Zitat fand sich in einem Kommentar der New York Times über das erneuerte Mission Statement von Facebook. Danach soll Mark Zuckerberg folgendes gesagt haben:

“I don’t think that we, sitting here in California, are best positioned to know what the norms in communities around the world should be,” Mr. Zuckerberg said. “At some point, you just need a more dynamic system where people can just express that themselves.”

Sollte es wirklich zu dieser Art Bewusstseinswandel bei Facebook kommen — nachdem das Unternehmen ja ein Jahrzehnt lang eher dadurch aufgefallen ist, dass es seine eigene Idee von der Welt dieser überstülpen wollte — wäre das eine große Sache. Auch wenn Facebook absehbar ein rein profitorientiertes Unternehmen bleiben wird, für das Shareholder Value letztlich das einzige verlässliche Ziel ist, habe ich weiter die stille Hoffnung, dass das Unternehmen seine Verantwortung für das Lösen der großen Menschheitsprobleme vielleicht eines Tages wahrnimmt. Denn ich bin überzeugt davon, dass wir den Herausforderungen der Menschheit letztlich nur begegnen können, wenn wir einander näher kommen und uns besser miteinander abstimmen, im Bezug auf den Wandel, den unsere Welt braucht. Die Infrastruktur dafür steht mit Facebook zur Verfügung — sie muss nur zu diesen Zwecken verändert und verbessert werden. Vielleicht geht es ja langsam in diese Richtung?

Aus einer ganz anderen Ecke des Themas Free Speech in den US kommt die aktuelle Nachricht, dass der rechte Hetzer und Agitator Milo Yiannopolous offenbar aufgrund von Äußerungen zu Sex mit Minderjährigen nun sogar bei denen in Ungnade gefallen ist, die bislang im Namen von „Free Speech“ verteidigt haben, dass er seine rassistischen, frauenfeindlichen und fremdenfeindlichen Reden speit. Die Aktivistin Julia Serano hält ihnen allen Doppelmoral vor — zu recht:

I have no problems with any of these groups refusing to tolerate Yiannopoulos’s comment. And I have no qualms with their decisions to „no platform“ him over this issue. But I do want to point out that, by drawing the line there, the American Conservative Union, Simon & Schuster, Kurt Eichenwald, and others, are implicitly saying that EVERYTHING ELSE that Yiannopoulos has done up until this point — his long history of blatant racism, misogyny, and transphobia, and his penchant for doxxing, harassing, and intimidating marginalized individuals online and during his talks — all of that is a-okay. Absolutely tolerable. Within the boundaries of normal discourse, in their eyes.

Und dann gab es noch diese extrem hilfreiche Analyse, die erläutert, wie die amerikanische Rechte sich der Instrumente des Cluetrain Manifesto bemächtigt hat (das ich ungefähr ein Jahrzehnt lang selbst gepredigt habe) und auf diese Weise eine vergleichsweise kleine Gruppe von Menschen mittels Emotionalisierung einen übermächtig wirkenden medialen Kampf gewinnen kann:

This is a classic piece of asymmetric warfare, with a small, but highly-distributed but well-ordinated group of people punching far above their weight because they are focusing on a central narrative, and are using more powerful digital techniques than their sluggish, divided mainstream competitors. The newspapers and broadcast media have very big guns, but they’re all firing them at the same place – and it’s not where the opposition really are.

Während zwischen all diesem die New York Times — auf die wir ja alle letztlich dafür zählen, dass sie insbesondere in den USA und insbesondere in Zeiten wie diesen die Flagge des Journalismus hochhält — versucht, sich weiter digital neu zu erfinden. Und dabei Fortschritte macht:

The Times has had more success at building its digital subscriber base than any other publication. Its nearly $500 million in digital revenue not only dwarfs what any print publication has managed online, it also far exceeds leading digital-only publishers. At The Washington Post, which has invested heavily in digital growth since it was acquired by Amazon founder Jeff Bezos, digital revenue was reported in 2016 to be in the neighborhood of $60 million. In 2015, BuzzFeed brought in a reported $170 million, while the Huffington Post’s 2014 revenue, the most recent reported figure, was $146 million.

Vielleicht werde ich auch Abonnent. Ganz digital, im Widerspruch zu meinem Text von letzter Woche.

Flüchtlinge & Europa
In der taz kann man derweil davon lesen, wie sich manche Menschen in Europa auflehnen dagegen, dass die Parteien der politischen Mitte ihre Haltung zu den Flüchtlingen verändern, indem sie Positionen der Rechten übernehmen — was ja auch hierzulande aus Angst vor der AfD sattsam geschieht. Der kurze Artikel in der taz zitiert unter anderem Emmanuel Macron, und endet mit folgenden Worten:

So durchbrechen die Katalenen, die niederländischen Aktivisten und Macron den Fatalismus. Sie erinnern an das, was über die immer gleichen Nachrichten aus den Randgebieten Europas vergessen zu werden droht: dass wir eine Wahl haben.

Bei einem Mittagessen mit Louis Klein von der EUSG und Alexander Wragge von Die Offene Gesellschaft habe ich von „Pulse of Europe“ erfahren — davon hatte ich noch nicht gehört und war sehr erfreut, über deren Aktivitäten in der FAZ zu lesen:

Also Frage an die Frankfurter, die vor einer Woche einfach leise und freundlich zusammen in der Kälte standen: Warum? Antworten: Weil es guttut, mit der Angst vor Trump nicht allein zu sein. – Weil ich glaube, dass wir mehr sind als die, die behaupten, das Volk zu sein. Es wird jetzt Zeit, das zu zeigen. – Weil ich hoffe, dass die Politiker sehen, dass wir an Europa glauben. – Weil ich zum ersten Mal in meinem Leben merke, dass Europa nicht selbstverständlich ist. – Weil es nicht mehr reicht, mit Rotwein am Tisch zu sitzen und sich gegenseitig zu versichern, dass man recht hat. – Weil ich denen Mut machen will, die schweigen. Wir sind auch noch da.

Am nächsten Wochenende, an dem ich wieder in Berlin bin, werde ich sonntags auch zur Demo gehen. Für Europa auf die Straße zu gehen, ist eine Superidee.

Martin Schulz & Europa
Nachdem ich Fragen zu Martin Schulz‘ Haltung zu Europa gepostet hatte, haben mir Kommentatoren auf Facebook zwei Quellen dazu verlinkt. Einmal ein PDF, in dem Martin Schulz gemeinsam mit Sigmar Gabriel bereits im letzten Sommer — noch vor dem Brexit — eine Art Neugründung der EU gefordert hat. Die zentrale Forderung scheint aber eher wirtschaftlicher Natur zu sein, und dieses Gerede zum Aufschwung lässt auf Anhieb wieder nur weitere wirtschaftsliberale Politik befürchten, anstatt dass wirklich Großes geplant wird:

Wir brauchen jetzt den Mut, etwas Größeres zu wagen. Die Überzeugung, dass Europa für alle ein Gewinn ist, kann nur dann wieder stark werden, wenn wir endlich einen Ausweg aus der ökonomischen Krise finden. Deshalb gilt: Vorrang muss jetzt ein neuer wirtschaftlicher Aufschwung in Europa haben!

Danach folgen dann zehn Forderungen an eine Reform Europas, die im wirtschaftlichen Teil sehr viel Raum bekommen, aber für mich nach einer Politik klingen, die auch von der FDP kommen könnte. Derweil wird die Frage nach der Gerechtigkeit auf den Umgang mit Steueroasen reduziert. Das klingt für mich ein wenig schmal. Insgesamt überzeugt mich das Paper nicht davon, dass Schulz der ganz große Europäer sei, als der er gern bezeichnet wird.

Der zweite Link verweist auf das Video-Interview von Richard David Precht mit Martin Schulz. Da kann man dann immerhin so etwas hören, von einem sehr ernsthaften und konzentriert sprechenden Schulz:

[…] Segnungen des Kapitalismus würde ich nun vom Grundsatz zurückweisen. Der Kapitalismus ist nicht etwas, was Segen bringt, sondern der Wildwest-Kapitalismus, den wir ja erlebt haben, der Raubtier-Kapitalismus, der ja übrigens auf die Schwellenländer keinerlei Rücksicht nimmt, führt ja eher zur Verelendung. Deshalb glaube ich schon, Europa hat profitiert, da haben Sie recht, und zwar sehr, deswegen hat es auch die Potenziale zu teilen, ohne seinen eigenen Reichtum aufgeben zu müssen. Die Kunst ist: wie halten wir unseren Standard und bringen andere auf die gleiche Ebene? Das muss das Projekt im 21. Jahrhundert sein.

Da steckt natürlich auch eine Illusion drin, diejenige, dass es bei uns — grob gesprochen — schon im Großen und Ganzen wirtschaftlich so weitergehen kann. Was ja schlicht nicht stimmt, wenn wir uns unseren endlichen Planeten und die unendliche wirtschaftliche Wachstumsgier im Konflikt damit ansehen. Aber sich vor einer Wahl hinzustellen und den Menschen zu sagen, dass es fundamentale Veränderung braucht, macht halt kein Politiker.

Einige Minuten später sagt Schulz dann:

Die Unterwerfung unter dem Primat der Durchkommerzialisierung unseres gesamten Lebens […] ist zumindest mit mir nicht machbar. Ich glaube deshalb zum Beispiel, dass wir Regeln brauchen, und diese Regel — da kommt mein Europapolitikerdasein ins Spiel — ist auf der nationalen Ebene allein nicht mehr zu erreichen; wir brauchen zum Beispiel Steuerregeln auf europäischer Ebene.

Und vor allem:

Wir sind ein superreiches Land, Europa ist ein superreicher Kontinent, aber es gibt zwei Phänomene: der Reichtum ist weder innerhalb unseres Landes noch innerhalb Europas gerecht verteilt, und er ist zwischen Europa und anderen Regionen der Welt auch nicht gerecht verteilt. Und da sind wir wieder bei dem, was wir am Anfang diskutiert haben: dieser Raubtierkapitalismus, den wir eben beschrieben haben, wo einige wenige ganz Superreiche immer reicher werden, und eine zunehmende Anzahl Menschen ärmer wird, das können wir bekämpfen, da haben wir Instrumente.

Das klingt dann schon sowohl europäisch wie sozialdemokratisch.

Insgesamt ist das ein sehenswertes Interview, weil Precht vor allem auch interessante Fragen stellt — beispielsweise zur Digitalisierung der Welt und Arbeitslosigkeit durch Automatisierung, zu Politik als Dienstleistung, zu „Erasmus für alle“, oder auch zum Staatsbürgertum oder der Ökologie im Konflikt mit einer Werbewelt, die ständig nur die Jagd nach dem persönlichen Vorteil propagiert.

Und dann gibt es noch den extrem unterhaltsamen Schulz-und-Sühne-Text beim Stern zur Kandidatur von Martin Schulz, der nicht nur den schönen Namendreiklang Schmidt – Schröder – Schulz präsentiert, sondern auch so feine Absätze wie diesen zu bieten hat:

Dieses jovial hemdsärmelige, mitunter schnoddrige, diese fast schon autosuggestive Überzeugtheit von sich selbst, gepaart mit der Bereitschaft, bei politischen Gegnern vom Kaliber eines Berlusconi den Bizeps anzuspannen- vielleicht schwingt da ja auch die leise Hoffnung mit, dass es den Erdogans und Trumps dieser Welt bald ganz ähnlich ergehen könne.

Da ist was dran, glaube ich. Den Schulz würde ich schon gern mal auf Trump loslassen.

Mein syrischer Freund, mein britischer Freund: zwei Überraschungen.

Mein syrischer Freund, mein britischer Freund: zwei Überraschungen.

Ein Ergebnis dieses Projekts ist, dass ich mittlerweile jeden Tag Gespräche mit Freunden und Bekannten zur politischen Lage führe — wie wohl viele Menschen derzeit. Diese Woche hatte ich zwei interessante Gespräche mit Freunden, die mir über die Länder, aus denen sie stammen, und die uns derzeit außenpolitisch beschäftigen, interessante neue Einblicke geben konnten.

Assad, vielleicht doch nicht nur ein Monster in Menschengestalt?
Gestern war ich mit einem syrischen Freund Kaffee trinken. Ich habe ihn vor einem guten halben Jahr bei einer Veranstaltung zur Flüchtlingshilfe kennengelernt. Seitdem treffen wir uns in unregelmäßigen Abständen. Gestern war unser Gespräch politischer als je zuvor, eben weil ich inzwischen mit diesem Projekt begonnen habe.

Er hat mir einiges darüber erzählt, wie er nach Deutschland kam — er war zunächst aus Sorge davor, von Assads Armee im Bürgerkrieg eingezogen zu werden, nach Dubai geflüchtet, wo er zwar zwei Jahre lang in der Firma eines ausgewanderten Syrers arbeiten konnte, wo den Syrern das Leben vom dortigen Regime aber auch schwer gemacht wird. Dann hatte die Familie die Möglichkeit, nach Deutschland zu kommen, der Vater informierte ihn darüber am Telefon, und er schloss sich sofort an. Er erzählte davon, dass sein Vater inzwischen wieder nach Damaskus zurückgekehrt sei, weil er es nicht mehr ausgehalten habe, hier die Hände in den Schoß zu legen — obwohl das Leben in Damaskus unerträglich sein muss: fließendes Wasser oft nur eine Stunde am Tag, und zwar morgens um 4, Stromzufuhr immer wieder stundenlang unterbrochen, die dauernde Angst vor dem Tod, oder besser: das Fügen in das Schicksal, dass das Leben jeden Moment vorbei sein kann. Er erzählte, ein Cousin von ihm sei vor einigen Tagen auf der Straße von einer Bombe getötet worden. Mein Freund sagte, dass er von den Menschen, die heute noch in Damaskus bleiben, nur noch als Helden spricht. Und dass er sich selbst nicht mal vorstellen kann, wie das Leben dort funktioniert.

Irgendwann kam das Gespräch auf Assad und Putin zu sprechen. Und er sagte interessante Dinge:

Ja, ich kann Assad und dessen Regime auch nicht leiden. Aber bevor dieser Wahnsinn angefangen hat, war unser Leben in Syrien auch unter Assad ziemlich gut.

Das Land habe gut funktioniert, mit einer kostenlosen Gesundheitsversorgung, mit einer positiven wirtschaftlichen Entwicklung. Dann erwähnte er eine Situation, in der er noch in Damaskus TV-Nachrichten von Al Jazeera gesehen habe. Es sei berichtet worden, wie Demonstranten vom Assad-Regime grade brutal niedergekämpft würden — und zwar in seiner Straße. Er trat vor die Tür und sah: nichts. Manche Medienberichte zu den Greueln der Regierung seien also auch nicht unbedingt die reine Wahrheit gewesen. Dennoch, eine Revolution sei aus seiner Sicht keine schlechte Idee — aber das, was da seit 2011 in Syrien passiere, sei keine wirkliche Revolution. Er findet, dass man nur dann von einer Revolution sprechen könne, wenn es einen Plan, ein Ziel, und eine Strategie gebe. Und das sei — aus seiner Sicht — nicht ansatzweise gegeben bei denen, die sich gegen Assad aufgelehnt hätten.

Ich war überrascht.

Ich hätte erwartet, dass ein gut gebildeter syrischer Flüchtling auf Assad schimpfen und ihn verteufeln würde. Aber das tat er gar nicht, sondern er hatte eine eher moderate Haltung, und es wurde deutlich, dass die bei uns verbreitete Idee, dass Assad nichts anderes sei als der Teufel in Menschengestalt nicht notwendigerweise von allen Syrern geteilt wird, die hierher geflohen sind.

Seitdem versuche ich mir vorzustellen, wie es sich anfühlt, wenn das eigene Land in nur fünf Jahren von relativer Prosperität in totale Zerstörung zerfällt. Und es will mir nicht gelingen. Wie findet mein Freund den Lebensmut und die gute Laune, morgens aufzustehen, das Start-Up der Familie voranzubringen, oder in einem Teilzeitjob bei einer Flüchtlingsinitiative zu arbeiten?

Ein britischer Blick auf die Freizügigkeit in der EU
Zwei Tage zuvor saß ich mit einem englischen Freund in einer Kneipe zusammen. Irgendwann begannen wir, über den Brexit zu sprechen. Er sagte viele Dinge dazu, und mich hat überrascht, wie verständnisvoll ein in Deutschland lebender (und exzellentes Deutsch sprechender!) junger Brite über die Entscheidung Großbritanniens denkt, die EU zu verlassen. Ein zentraler Punkt war, dass er aus einer Familie stammt, die über die EU schimpft, seit er denken kann. Und dass das Land niemals eine Vision mitgetragen habe oder mittragen würde, die noch mehr Nähe und Vereinigung vorsieht, als bisher schon in der EU erreicht ist.

Nationale Souveränität, zum Beispiel in Fragen internationaler Handelsbeziehungen, sei für viele Menschen in Großbritannien wichtig — also wenn es gelte, ein Freihandelsabkommen mit den USA auszuhandeln. Oder auch nationale Souveränität darin, über die Verwendung der eigenen Steuergelder komplett im Land zu bestimmen und nicht einen substanziellen Anteil davon nach Brüssel zu überweisen. Natürlich gibt es starke Gegenargumente dazu, aber sie verhallen letztlich ohne Wirkung, wenn die grundlegende Haltung auf der anderen Seite darin besteht, sich letztlich ausschließlich und allein mit dem eigenen Land zu identifizieren und keinerlei europäische Solidarität zu kennen. Und so dachte ich, dass es letzten Endes vielleicht eine gute Sache sei, dass die Briten Europa nun nicht mehr bremsen können (wenn es nicht der Anfang einer katastrophalen Kettenreaktion wird …). Mein Freund stimmte dem zu.

Was mich aber in diesem Gespräch überrascht hat, war das Thema Freizügigkeit. Ich hatte vermutet, dass es auch den Briten vor allem um Flüchtlinge und die Angst vor dem Terror gehe (über deren Idiotie ich mich ja bei sich bietender Gelegenheit gern prächtig aufregen kann …), aber mein Freund sagte, das sei nicht das Thema. Sondern das Thema sei Polen — als Platzhalter für verschiedene vor allem osteuropäische Länder. Was er damit meinte, wird aus diesem Zitat deutlich, das ich aus meiner Erinnerung wiedergebe, das aber ziemlich genau bei mir hängen geblieben ist:

Es ist einfach, die Freizügigkeit in der europäischen Union als großen Wert zu preisen, wenn man selbst aus einem Land stammt, wo niemand hinziehen will. Wieviele Leute sehnen sich danach, nach Bulgarien zu ziehen?

Mit anderen Worten: die Briten haben erlebt, dass direkt nach der Öffnung der Grenzen innerhalb Europas eine große Zahl Menschen von der Freizügigkeit Gebrauch gemacht haben, um grade auch nach Großbritannien zu kommen. Ich kann das verstehen — es ist das Land in der EU, das zugleich den Zugang zum wohl stärksten und attraktivsten globalen Kultur- und Sprachraum ermöglicht: der angelsächsischen Welt.

Was dann auch bedeutet hat, dass es mehr und mehr Gegenden in Großbritannien gab, in denen die Menschen sich damit abfinden mussten, dass plötzlich in ihren Schulen wachsende Zahlen von Kindern aufkreuzten, die erst einmal die Sprache nicht sprachen, oder dass es neue Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt durch engagierte, fleißige Polen gab, die halt jetzt auf Englisch ihr Glück „im Westen“ machen wollten.

Ich gebe das nicht so wieder, weil ich diese Gründe für die Ablehnung der EU richtig finde, oder unterstütze. Und ich weiß, dass die Herausforderung, fremde Menschen in die Gesellschaft einzugliedern, überall besteht, und dass es dem Geist einer freizügigen EU und des guten menschlichen Miteinanders widerspricht, das als unerträglich darzustellen. Aber ich hatte bis zu diesem Gespräch nie darüber nachgedacht, dass die Freizügigkeit in der EU tatsächlich nicht für alle das Gleiche bedeutet. Manche Länder strahlen mehr Attraktivität aus als andere, aus welchen Gründen auch immer. Und so nehmen die Menschen in ihnen ein Ungleichgewicht wahr, was dann wiederum ihre Haltung zur EU beeinflusst.