Sind wir auf dem besten Wege, uns kaputt zu wachsen?

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Jede Politikerrede, jedes Interview, jede Pressekonferenz zu unserem Wohlstand stellt das “Wirtschaftswachstum“ ins Zentrum. Wir gehen — ganz ohne viele Fragen zu stellen — automatisch davon aus, dass “alles in Ordnung” ist, solange die Kanzlerin nur wieder verkünden kann, dass wir 1,6 oder 1,8% Wirtschaftswachstum haben werden. Und wenn es über 2% sind, knallen die Sektkorken.

Was wenige ernsthaft diskutieren: Was wächst da eigentlich genau, wie wird das gemessen, und was haben wir wirklich davon?

Das Bruttoinladsprodukt (BIP) misst die Summe des Wertes aller Waren und Dienstleistungen, die in Deutschland pro Jahr produziert wurden. Allein darum geht es. Das BIP will nur wissen, was wir produzieren und wieviel Geld das wert ist — nichts sonst. Das wird aufsummiert und dann wird nachgesehen, ob’s mehr war als im letzten Jahr. Und es „muss“ jedes Jahr mehr werden — das ist dann das Wachstum, von dem wir immer reden.

Jedes Jahr: Mehr Produkte, jedes Jahr mehr Dienstleistungen. Immer mehr, raus aus den Firmen, den Fabriken, den Instituten, den Geschäften.

Nun kann man sich glänzend vorstellen, dass dieses Maß ein gutes Maß ist, wenn ein Land am Boden liegt, weil es beispielsweise einen desaströsen Krieg hinter sich hat. Nach dem zweiten Weltkrieg war es sicher eine kluge Idee darauf zu schauen, ob wir Jahr für Jahr mehr Autos, Kühlschränke, Wohnhäuser, Friseurdienstleistungen und Steuerberatungen produzieren. Denn das zeigt uns, ob wir unser Land wieder aufbauen und allen Menschen wieder Arbeit und ein funktionierendes und dann auch komfortables Leben ermöglichen.

Aber irgendwann kippt es in sein Gegenteil. Irgendwann kommt der Punkt, an dem wir mit dem Wachstum aller Produkte und Dienstleistungen, die pro Jahr erzeugt werden, der Gesellschaft keinen Dienst mehr erweisen. Weil alles Verträgliche und Machbare und für uns Gute ausgeschöpft ist. Und weil wir nun anfangen müssen, künstlich an immer mehr mühsam herbeigezogenen Ecken und Enden weiter Wachstum zu erzeugen, nur damit es … nun ja, mehr Wachstum gibt. Wachstum wird zum Selbstzweck bzw. dient letztlich nur noch den Investoren — denjenigen, denen die großen und weiter wachsenden Konzerne gehören.

Die Resultate bei solchen an der Börse zu Wachstum gezwungenen Unternehmen kennen wir — sie bringen eine absurde „Innovation“ nach der anderen heraus. Vor allem aber schlägt die große Stunde der Wirtschaftslobbyisten. Denn jetzt geht es mit dem Wachstum nur dann noch weiter, wenn wir den Unternehmen Geschenke auf Kosten der Allgemeinheit machen — wenn also immer mehr von dem, was einmal uns allen gehört hat, privaten Unternehmen zugeschlagen wird. Kein Wunder, dass sie dann weiter wachsen:

“Der öffentliche Park bringt doch wirtschaftlich nichts, lasst uns dort stattdessen eine Shopping-Mall hinbauen. Das bringt wieder Wachstum.”
“Bei der Luftqualität müssen wir Kompromisse eingehen, es darf keine ausufernden Fahrverbote geben, was soll mit der Industrie sonst werden?”
“Die Autobahnen sollten privatisiert werden. Andernfalls können die Unternehmen unserer Branche nicht weiter wachsen.“
„Den Forst müssen wir roden, wir brauchen die Braunkohle jetzt dringend für das Wachstum und die Arbeitsplätze in der Region.“
„Steigende Mieten und Immobilienpreise sind kein Problem — sie sind das Zeichen einer konjunkturell gesunden Immobilienbranche mit guten Wachstumsaussichten.“

Das BIP-Wachstum fragt nicht, ob es uns gut geht. „Es ist ein reiner Materialist.“ Es will nicht wissen, ob wir genug Zeit mit unseren Familien verbringen. Es interessiert sich kein Stück dafür, ob wir Angehörige gesundpflegen oder mit unseren Kindern spielen. Ob wir uns anständigen Wohnraum zu menschlichen Preisen leisten können. Ob wir in schönen Parks spazieren gehen oder frische Luft atmen können. Denn all das ist kein Geld wert — zumindest nicht auf „dem Markt“, wie wir ihn heute kennen.

Vor allen anderen Dingen ist es dem BIP-Wachstum aber ganz besonders schnurzpiepegal, wie es der Natur geht. Sie existiert nicht für diese Art Wachstum — jedenfalls nicht, solange wir sie in Frieden leben lassen. Unser heiliges Bruttoinlandsprodukt interessiert sich erst dann für die Natur, wenn wir sie zerstören: Bäume zu pflanzen tut kaum etwas für das BIP-Wachstum. Den Hambacher Forst abzuholzen und dort Braunkohle abzubauen, lässt dagegen die BIP-Kasse klingeln.

Nun wird spätestens an dieser Stelle genau die Frage kommen, die Gewerkschaftler und Politiker den Protestierenden am Hambacher Forst auch entgegen geworfen haben: Ja, was ist denn aber mit den Arbeitsplätzen, Ihr irren Ökofreaks? Die brauchen wir doch, wenn wir sichergehen wollen, dass es uns allen gut geht? Und die bekommen wir doch nur mit Wachstum?

Dazu lassen sich mehrere Sachen sagen. Zum einen wissen wir, welche Art Jobs viele unserer heutigen „Wachstumsbranchen“ schaffen: Bullshit-Jobs. Arbeiten, die nichts anderes leisten als diejenigen, die sie ausfüllen, unglücklich zu machen. Dann gibt es die prekären Jobs, grade immer öfter in hippen webgestützten Dienstleistungsfirmen, mit denen man kaum ein Leben, geschweige den eine Perspektive für die Zukunft finanzieren kann. Dazu kommt das Phänomen des „Jobless Growth“, also eines BIP-Wachstums, das gar nicht zu mehr Beschäftigung führt. Und je mehr Automatisierung und künstliche Intelligenz wir bekommen, desto wackeliger wird die Verbindung zwischen Wachstum und Jobs ohnehin. Und schließlich — wenn es denn um den Hambacher Forst geht — muss man wohl einfach feststellen, dass manche Arbeitsplätze bei allen vergangenen Verdiensten nicht mehr in unsere heutige Zeit gehören. In einer Welt, in der der Klimawandel absehbar in desaströser Weise unsere Gesellschaften zu zerstören droht, kann man nicht auf Gedeih und Verderb an Arbeitsplätzen festhalten, die diesen Prozess nur weiter vorantreiben. (Wer mir jetzt vorwirft, mir sei das Schicksal der ArbeiterInnen im Braunkohlentagebau egal, irrt. Das genaue Gegenteil ist der Fall: Wir müssen jetzt andere Lösungen für sie finden, als sie weiter im trügerischen Glauben zu lassen, irgendetwas an ihrer Beschäftigung sei noch sicher.)

Vor allem aber stellt sich die Frage, ob wir wirklich durch „immer mehr Produktion von Dingen“ die richtige Art Arbeitsplätze bekommen. Oder vielleicht viel eher dadurch, dass wir Arbeit anders und besser verteilen? Sich eine Auszeit von der Arbeit zu nehmen und mit den eigenen Kindern zu spielen, ist Gift für unser aktuelles Verständnis von Wachstum. Dabei wäre es für die Familie ebenso wie für die andere Arbeitnehmerin, die die liegen bleibende Arbeit übernehmen könnte, eine feine Sache. Für’s BIP-Wachstum ist das allerdings nicht ganz so günstig. Wenn wir dagegen unsere Kinder in Betreuungseinrichtungen bringen, bezahlen wir dafür Geld. Sofort klingelt’s beim BIP in der Kasse. Außerdem können wir dann selbst noch mehr arbeiten, also: noch mehr Wachstum. Dass wir unsere Kinder nicht sehen und Burn-Out bekommen, ist dem Bruttoinlandsprodukt herzlich egal — oder nein, eigentlich nicht: Ein Burn-Out ist ja gut, dadurch entsteht Wachstum bei Ärzten und in therapeutischen Einrichtungen. Wenn wir stattdessen weniger essen, mehr mit dem Rad unterwegs sind und häufiger im Park joggen gehen, leben wir zwar gesünder, aber mit dem Wachstum geht’s bergab.

Da sollten wir schon lieber in mehr Autos auf mehr Straßen in mehr Staus stehen, denn das ist glänzend für das BIP. Die Straßen müssen für teures Geld gebaut oder repariert werden: Wachstum. Die Autos müssen produziert werden: Wachstum, Wachstum. Wir verbrennen im Stau nutzlos Benzin und Diesel und blasen CO2 in die Atmosphäre? Super für das Wirtschaftswachstum. Wo wir schon beim Verkehr sind: Am besten sind da noch die Verkehrsunfälle, denn mit ihnen wachsen derart viele Branchen — Abschleppdienste, Autowerkstätten, Autohersteller, Krankenhäuser, Arzneimittelhersteller, Rettungsdienste … —, dass wir eigentlich jeden zusätzlichen Verkehrsunfall als wertvolle Leistung am Volkswohlstand feiern müssten. Nicht auszudenken, was mit dem Wachstum passieren würde, wenn deutlich mehr Menschen friedlich mit öffentlichen Verkehrsmitteln fahren würden, in ruhigen freundlichen Innenstädten, aus denen die Autos verbannt wurden! So wie in Pontevedra, in Spanien — alptraumhaft! Oder … vielleicht doch nicht? Vielleicht eher paradiesisch?

Die Frage ist schlicht: Wollen wir weiter einer Maßzahl nachlaufen, die immer unsinniger für uns wird?

Aber dass wir uns vielleicht gar nichts Gutes mehr tun mit unserem „nicht enden wollenden Wirtschaftswachstum“, das sehen wir nicht. Denn wir hören ja von der Bundesregierung nur, dass es dieses Wachstum gibt und dass das automatisch heißt, dass das gut ist. Und dann schauen sich die Kommentatoren und die Journalisten und die Wirtschaftseliten verduzt um und fragen: Warum sind denn die Deutschen unzufrieden und verdrossen — uns geht es doch gut? Oder: Warum werfen sich die Leute denn nur in eine Demonstrationen am Hambacher Forst — wir brauchen die Braunkohle doch für die Arbeitsplätze und für das Wachstum? Warum sind denn immer mehr Leute ernsthaft besorgt wegen des Klimawandels — das ist doch weit weg, wir brauchen doch jetzt erstmal das Wachstum der Autoindustrie, der Energiewirtschaft, der Luftfahrt? Und der immer teurerer Wohnraum — na aber, das ist doch eine gesunde, florierende, wachsende Immobilienbranche, wer kann denn da etwas dagegen haben?

Vielleicht ist das Problem, dass wir auf bestem Wege sind, uns anhand der falschen Maßzahl unsere Gesellschaften und unsere ganze Welt kaputtzuwachsen?

Unser Dokumentarfilm (englisch) wird von Menschen handeln, die sagen: Es muss ein Ende haben mit dieser BIP-Obsession. Lasst uns darüber reden, was von nun an wirklich wachsen muss, damit es der Welt und den Menschen wirklich besser gehen kann: freie Zeit, Lebensqualität, Gemeinsinn, Zusammenhalt, Qualität der Arbeit, Natur. Anstatt dass wir weiter wie die Wahnsinnigen immer höhere Berge von Produkten auftürmen und uns kaputtschuften.

Wer die Arbeit an dem Film verfolgen möchte, kann das hier oder hier tun. Und hier kann man sich für unseren Newsletter anmelden.

(Dieser Text ist die bearbeitete und erweiterte Version eines Gastbeitrages, den ich für „Die Zukunftsmacher“ zu unserem Dokumentarfilm geschrieben habe.)

2 Kommentare

  1. Das klingt ja fast so als hätten wir schon genug Wachstum auf der Welt gehabt und wir sind am Ende der Geschichte angelangt. Hatte ich irgendwie nicht so das Gefühl als ich das letzte Mal außerhalb von West-Europa oder den USA war.

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