Was hat Fidel Castro mit der AfD zu tun?

Was hat Fidel Castro mit der AfD zu tun?

Die Folge „When The Boats Arrive“ (#654) des Planet Money Podcasts von NPR ist eine Wiederholung aus dem Jahr 2015. Der viertelstündige Podcast geht der Frage nach: was passiert mit einem Wirtschaftsraum, in den plötzlich eine große Zahl Fremde einwandert — in diesem Fall 100.000 Kubaner in Florida?

Castro erzeugt eine Flüchtlingswelle
Der Beitrag beschreibt die Vorgänge in Kuba und Florida im Jahr 1980, als es den Kubanern wirtschaftlich so schlecht ging, dass Unruhen ernsthaft drohten, das Land zu destabilisieren. In dieser Situation entschied Castro, denjenigen Kubanern, die in die USA auswandern wollten, die Ausreise zu genehmigen. Um die Sache für das Regime „gut“ aussehen zu lassen, wurden sie gebrandmarkt als „nicht für die Revolution geeignet“, als Verräter, sie wurden öffentlich an den Pranger gestellt. Dafür konnten sie die knapp 200 Kilometer über das Meer nach Florida entkommen.

Zwei Ängste entstehen, wenn viele Fremde in ein Land kommen. Einerseits, diese Leute werden nie arbeiten und daher unser Land eine Menge Geld kosten. Andererseits, diese Leute wollen alle arbeiten, sie werden uns unsere Arbeitsplätze wegnehmen.

Was ist damals in Florida passiert? Die kurze Antwort: nicht viel. Laut Wirtschaftswissenschaftlern hätte man zumindest eine kurzfristige Steigerung der Arbeitslosigkeit erwarten sollen, diese sei aber in der Realität nicht eingetroffen:

Ökonomen sind sich eigentlich ziemlich einig: für die meisten Arbeiter ist Einwanderung kein Problem. Für die meisten Arbeiter drücken Einwanderer nicht die Löhne. Sie nehmen uns nicht die Arbeit weg.

Der Grund: Arbeitsplätze sind keine unveränderliche fixe Größe. Wenn viele neue Leute in ein Land kommen, dann suchen sie zwar auf der einen Seite Arbeit, auf der anderen Seite konsumieren sie aber auch. Sie gehen zum Friseur, kaufen Brot, brauchen viele Dinge, und schaffen damit Jobs. Eine Frau, die damals als Kind aus Kuba ausgewandert ist, erinnert sich:

Vom ersten Moment an wirst Du Konsument. Du brauchst Betten, du brauchst Matrazen, du brauchst Laken, du brauchst alles, um ein Leben zu beginnen. Je weniger du mitbringst, desto mehr konsumierst du.

Dass das damals in Florida so gut funktioniert hat, wird auf zwei Faktoren zurückgeführt, die den Erfolg möglich gemacht haben:

  • Robuste Wirtschaft: das Aufnahmeland muss eine möglichst gut funktionierende Wirtschaft haben. Denn ganz kurzfristig gibt es Kosten, die durch die Aufnahme der Flüchtlinge entstehen.
  • Schnelle Jobs: die Zuwanderer müssen im neuen Land möglichst schnell Jobs finden. Denn nur dann können sie ja ihren Beitrag leisten — auch auf der Konsumseite. In Florida hat das damals gut funktioniert, weil schon sehr viele Kubaner dort waren, die den neuen geholfen haben, zurecht zu kommen.

Die Exil-Kubanerin erzählt:

Ein Freund eines Freundes, jemand, den er noch aus Kuba kannte, hat für [meinen Vater] einen Job gefunden, als Fahrer eines Bananen-Lastwagens, die Firma hieß ‚Yes Bananas‘. Und meine Mutter fand Arbeit durch meine Tante, in einer Fabrik. Und für mich ist das Unglaubliche an dieser Geschichte und an den Vereinigen Staaten, dass wir am Montag angekommen sind, am Donnerstag arbeiteten meine Eltern, und am folgenden Montag habe ich mit ‚Summer School‘ angefangen.

Und den Kubanern ging es gut in Miami. Und Miami ging es gut mit den Kubanern.

Der Podcast versucht nun, die Parallelen zu syrischen Flüchtlingen heute in Europa zu finden. Europa sei wirtschaftlich ebenfalls stark genug, um die Flüchtlinge zu verkraften. Die zweite Sache, die mit den Jobs … die sei dagegen nicht ganz das Gleiche. Denn es gebe keine starken syrischen Communities, welche den Flüchtlinge ankommen helfen können. Der Podcast lässt dann Rainer Hundsdörfer, 2015 noch Chef der Firma EBM-Pabst, zu Wort kommen, der sich offenbar sehr dafür interessiert hat, Flüchtlinge einzustellen, um viele offene Stellen endlich besetzen zu können. Und es ist die Rede von syrischen Flüchtlingen in Frankreich, wo Hollande damals bei der Ankunft der Flüchtlinge offenbar auch versucht hat, Willkommenskultur zu feiern.

Ich weiß nicht, in welcher Detailtiefe man das alles auf unsere aktuelle Situation anwenden kann. Aber die Notwendigkeit, den Menschen hier schnell Jobs zu vermitteln, leuchtet mir unmittelbar ein. Nicht allein, weil sie dank der Jobs auch zu Konsumenten werden und damit die Wirtschaft insgesamt unterstützen können. Sondern auch, weil ein Job Struktur im Leben schaffen und Sinn stiften kann. Selbst wenn es nur ein erster Job zum Haltfinden ist. (Weswegen übrigens auch das Thema „bedingungsloses Grundeinkommen“ eine derart wackelige Angelegenheit ist.) Vor dem Hintergrund erscheint es mir desaströs, dass so viele Flüchtlinge in Deutschland nicht arbeiten dürfen oder können.

Demokratie ist keine Dienstleistung – und auch kein Kampagnen-Job!

Demokratie ist keine Dienstleistung – und auch kein Kampagnen-Job!

Falsche Vorstellungen von Politik, die viele Menschen haben, werden sich bald womöglich rächen — genau zu einer Zeit, zu der sich viele (dankenswerter Weise!) politisch engagieren wollen. Das wird zu Frustration und Ärger führen. Deswegen möchte ich das hier mal kurz diskutieren.

Vier Beispiele:

Vor einigen Wochen war ich bei einer Podiumsdiskussion der Friedrich-Ebert-Stiftung, bei der es um Bürgermitwirkung und eDemocracy ging. Bei den Publikumsfragen wollten mehrere Menschen aus dem Publikum nicht davon hören, sich in ihrem politischen Engagement mit bestehenden Institutionen oder Parteien auseinander zu setzen, denn „das geht doch alles viel zu langsam!“ Beim Get-Together hinterher habe ich mich ein Weilchen mit Christopher Lauer unterhalten, der auch auf dem Podium gesessen hatte. Er sagte etwas sehr Interessantes: das Problem an der Politik sei mittlerweile wohl auch, dass wir Deutsche gelernt hätten, in einer Dienstleistungsgesellschaft zu leben. Da erwarten wir, dass die Dinge sofort passieren — das Amazon-Paket kommt idealerweise in einer Stunde, die Banküberweisung passiert per Mausklick, das Trouble-Shooting am Rechner wird sofort erledigt. Und mit genau dieser Haltung kommen die Leute nun zur Politik und wollen das da auch.

Zweitens, beim SaveDemocracy Day in Hamburg am vergangenen Wochenende, aber auch bei vielen anderen Treffen, erlebe ich, dass ganz viele Leute grade einen eigenen politischen Verein gründen oder gar eine neue Partei, und ganz beseelt davon sind, was sie jetzt auf diesem „blanken Blatt Papier“, das da quasi vor ihnen liegt, Großartiges schaffen werden. Was sie dagegen leider nicht tun: sich bereits bestehenden Vereinen anschließen und bei denen ihre Energie und Schaffenskraft einbringen.

Drittens, im Martin-Schulz-Interview von Richard David Precht (das ich gestern hier schon verlinkt hatte), gibt es ab Minute 16:16 eine sehr interessante Passage von Precht, die schließlich zu dieser Äußerung führt:

[…] Die großen Visionen, die unseren Gesellschaften in den letzten Jahren Veränderung abgenötigt haben, waren alles technische Visionen. Und dieses technische Denken ist extrem ausgeprägt bei den allermeisten Menschen. Also diese digitale Kodierung in „Like“ und „Dislike“. Und das spiegelt sich darin wieder, dass Menschen von der Politik erwarten, dass die Politik Probleme löst. Zum Beispiel das Problem, dass Google keine Steuern zahlt. Das finde ich eine erschreckende Verengung von Politik. Wenn man fragt: welches Problem hat Konrad Adenauer in den 50er Jahren gelöst? Oder: welches Problem wurde gelöst durch die Ostpolitik von Willy Brandt? Dann würden wir sagen: das ist keine zutreffende Beschreibung. […] Heute sieht es aber so aus, dass die Leute erwarten, dass die Politik Probleme löst. Das Flüchtlingsproblem lösen. Das Terrorproblem lösen. Tatsächlich haben wir es aber mit Prozessen zu tun, die gar keine Probleme sind. Ein Problem — das griechische Wort ‚problema‘ — ist etwas, das zur Lösung vorgelegt wird. Ein mathematisches Problem verschwindet, wenn ich die Aufgabe richtig berechnet habe. Und so erwarten die Leute: Politik ist Problemlöser. So reden Politiker auch. Es ist überall von Problemen die Rede. Aber Politik ist doch kein Problemlöser. Bei Politik geht es doch darum, gesellschaftliche Prozesse langfristig zu gestalten.

Viertens, bei vielen Veranstaltungen und Terminen, wo Leute zusammenkommen, die politisch etwas bewegen wollen, treffe ich überraschend viele Kommunikations- und Werbeleute. (Das mag an meiner Vergangenheit liegen.) Was viele dieser Leute eint, ist, dass sie sehr oft überraschend wenig Interesse an grundsätzlichen politischen Diskussionen haben. Bei einem Abend habe ich eine Art Zwei-Gruppen-Bildung erlebt — die einen wollten „schnell was Kampagnenartiges, irgendwie gegen die AfD, nicht so viel reden, lieber jetzt mal was machen.“ Die anderen — und dazu gehörte ich — wollten darüber reden, wo die wirklichen Probleme liegen, um zu verstehen, was eigentlich passieren muss, damit sich unsere Gesellschaften wieder in die richtige Richtung bewegen. Wir wurden dann von der „Kampagnengruppe“ sogar ein wenig herablassend als der „Debattierclub“ bezeichnet.

Dazu würde ich jetzt gerne mal vier Dinge festhalten:

Politik ist Streit und kostet Kraft.
Bei der politischen Arbeit geht es letztlich um nichts anderes als darum, mit anderen darüber zu streiten, wie wir in unserer Gesellschaft zusammen leben wollen. Wer also Mühe, Auseinandersetzung mit Andersdenkenden und vor allem: reden scheut, der hat grundsätzlich nicht begriffen, wie Politik funktioniert. Und genau deshalb ist auch die Weigerung, in bestehenden Institutionen etwas bewegen zu wollen, nichts anderes als Weigerung vor politischer Arbeit. Anders gesagt: wer nicht die Geduld, die Ausdauer, die Leidenschaft hat, in einem Verein, einer Ortsgruppe, bei einer Gewerkschaft, wo auch immer, den Kampf mit den Ewiggestrigen dort aufzunehmen und diese Gruppe nach den eigenen Vorstellungen umzuformen, wie soll so jemand überzeugende Politik für eine größere Gruppe von Menschen oder gar das ganze Land machen? Stattdessen die Gemütlichkeit von selbst ausgewählten Gleichgesinnten zu bevorzugen, ist vielleicht nachvollziehbar, aber letztlich oft nicht hilfreich. Das Gegenbeispiel der Kammerrebellen aus Hamburg ist deswegen auch so großartig. Die haben sich eine bestehende Institution vorgenommen, dort wieder die Demokratie gefeiert, und können sie jetzt nach ihren Vorstellungen umbauen. Aber deswegen sollte auch klar sein, dass man Politik nicht mit der Projekt-Manager-Mütze auf dem Kopf und dem Agile Projekt-Management-Tool unter dem Arm machen kann. Denn das sind Job-Beschreibungen und Instrumente aus Unternehmen, also: extrem hierarchischen Strukturen. Firmen mögen sich heute noch so funky und modern geben — am Ende hat jedes Unternehmen Herrscher und Untergebene. Politik dagegen ist Streit unter Gleichen. Per Definition. Und der ist mühsam.

AfD, Front National, etc. sind Symptome, nicht Probleme.
Man kann derartige Parteien und politische Strömungen, die Momentum haben und in der Gesellschaft wahrgenommen werden, nicht allein durch Kommunikation bekämpfen. Das führt zu nichts und ist vergeudete Mühe. Eine ganze Reihe linksliberaler Initiativen gründet sich derzeit auf dem Gedanken, dass man die Menschen ja nur daran erinnern müsse, wie gut es uns doch in unserem Land geht, und dass sie die Demokratie nur (wieder) wertschätzen und achten und sich an das schöne WM-Jahr 2006 erinnern müssen. Das ist ein Irrtum. Wir haben tiefliegende Probleme in unseren Gesellschaften und auf dieser Welt. Diese tiefliegenden Probleme sorgen dafür, dass Menschen verunsichert sind, Angst haben, sich Sorgen machen. Das nutzen die Rechten schamlos aus. Aber damit sind nicht die Rechten das Problem — sie bieten nur verlogene Scheinlösungen, die am Schluss alles noch schlimmer machen werden. Was es braucht, ist Interesse an den Fundamenten, auf denen unsere aktuelle politische Landschaft steht — und nicht das Bekämpfen der Fähnchen, die manche ganz oben auf’s Gebäude stellen.

Nur gemeinsam sind wir stark.
Gründer zu sein, ist toll. Ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn man begeistert ist, eine neue Sache komplett nach eigenen Vorstellungen entwickeln zu können. Unternehmertum ist eine großartige und wichtige Sache. Bei politischer Arbeit dagegen ist der Start von null weniger nützlich. Denn es gibt einen massiven Unterschied zwischen Unternehmertum und politischer Arbeit. Ein Unternehmen ist, siehe oben, eine komplett hierarchische Angelegenheit — anders ausgedrückt: eine Diktatur. Und zwar ohne Abstriche. Das sagen heute nicht mehr allzuviele Unternehmer gern, und es wird von „flachen Hierarchien“ und „total kollaborativer Arbeitsatmosphäre“ geschwafelt, aber in Wahrheit haben die Eigentümer das Sagen, der Rest nicht. Wenn man einen Betriebsrat hat, ändert sich daran etwas, aber welche jungen Unternehmen haben heute noch Betriebsräte? Das bedeutet, dass diejenige, die sich als Unternehmerin betätigt, halt immer nur genau das tut, was sie für richtig hält. Punkt. Politische Arbeit in einer Demokratie wie unserer ist dagegen von Anfang an und immer auf Kompromisse angewiesen. Sie erfordert, dass man sich immer und immer wieder mit anderen zusammenrauft, die einfach nicht so wollen wie man selbst. Dem zu entfliehen und „ein eigenes Ding“ zu machen, weil es einfacher scheint, ist vielfach nur eine Scheinlösung. Man verzettelt sich in vielen kleinen Strukturen, anstatt mit anderen die eine große zu schaffen, mit der man dann wirklich an einem großen Rad drehen kann. Wenn wir uns nicht in großen Strukturen zusammen tun, werden wir viel zu viel Energie vergeuden, weil wir schlicht alle zu klein bleiben und nicht das politische Geschäft miteinander lernen.

Anders gefragt: über was reden wir bei den Rechten? Über Pegida und AfD, oder über 278 Vereine und Gruppierungen, die alle irgendwie ganz innovativ was gegen Flüchtlinge tun wollen? (Zugegeben: Pegida und AfD sind Neugründungen. Aber das liegt halt daran, dass die bisherigen tief rechten Vereine gesellschaftlich nicht akzeptiert waren. Das ist auf der gesunden Seite des politischen Spektrums anders.)

Ideen für eine neue Welt
Das Problem, das wir heute haben, ist, dass die Unmöglichkeit die Seiten gewechselt hat. Noch vor wenigen Jahren wurde jemand, der mit utopischen Ideen kam, als unrealistisch ausgelacht. Heute merken wir alle langsam aber sicher, dass stattdessen das Festhalten an einer visionslosen Realpolitik mittlerweile als unrealistisch ausgelacht werden sollte. So zu tun, als kämen wir bei den Herausforderungen der heutigen Zeit mit einem geringfügig modifizierten „Irgendwie-Weiter-So“ voran, ist ebenso unrealistisch-weltfremd wie vor fünfzehn Jahren die Forderung nach einer autofreien Stadt oder nach einer Bürgerversammlung gewesen wäre. Das, was wir jetzt brauchen, sind keine Kampagnen und keine vierhunderttausend neue Vereine — was wir brauchen, sind neue große Ideen. Und unendlich viele Gespräche, zwischen allen Menschen in diesem Land — damit wir weiter zusammen bleiben und nicht auseinander driften. Wir müssen Ideen dafür entwickeln, wie wir den wildgewordenen Hyper-Kapitalismus, die Armut und die Hoffnungslosigkeit in der Welt, die Intoleranz und den Wahnsinn religiöser Fundamentalisten, sowie die Zerstörung unserer Umwelt und dieses Planeten bekämpfen. Aber das gelingt nicht damit, gegen etwas zu sein, bzw. jetzt mal akute Problemlösungen bei der Politik einzufordern. Es geht nur mit dem gemeinsamen Kampf für etwas. Für etwas Neues. Das wir erfinden, diskutieren und worüber wir streiten müssen.

Und je mehr wir sind, die das gemeinsam tun, desto besser.

Rundumschlag: Presse, USA, Europa, Flüchtlinge und Schulz.

Rundumschlag: Presse, USA, Europa, Flüchtlinge und Schulz.

Ich habe mal wieder ein paar Links zusammengestellt, zu aktuellen politischen Themen.

Medien & „Free Speech“ in den USA
Ein aus meiner Sicht bemerkenswertes Zitat fand sich in einem Kommentar der New York Times über das erneuerte Mission Statement von Facebook. Danach soll Mark Zuckerberg folgendes gesagt haben:

“I don’t think that we, sitting here in California, are best positioned to know what the norms in communities around the world should be,” Mr. Zuckerberg said. “At some point, you just need a more dynamic system where people can just express that themselves.”

Sollte es wirklich zu dieser Art Bewusstseinswandel bei Facebook kommen — nachdem das Unternehmen ja ein Jahrzehnt lang eher dadurch aufgefallen ist, dass es seine eigene Idee von der Welt dieser überstülpen wollte — wäre das eine große Sache. Auch wenn Facebook absehbar ein rein profitorientiertes Unternehmen bleiben wird, für das Shareholder Value letztlich das einzige verlässliche Ziel ist, habe ich weiter die stille Hoffnung, dass das Unternehmen seine Verantwortung für das Lösen der großen Menschheitsprobleme vielleicht eines Tages wahrnimmt. Denn ich bin überzeugt davon, dass wir den Herausforderungen der Menschheit letztlich nur begegnen können, wenn wir einander näher kommen und uns besser miteinander abstimmen, im Bezug auf den Wandel, den unsere Welt braucht. Die Infrastruktur dafür steht mit Facebook zur Verfügung — sie muss nur zu diesen Zwecken verändert und verbessert werden. Vielleicht geht es ja langsam in diese Richtung?

Aus einer ganz anderen Ecke des Themas Free Speech in den US kommt die aktuelle Nachricht, dass der rechte Hetzer und Agitator Milo Yiannopolous offenbar aufgrund von Äußerungen zu Sex mit Minderjährigen nun sogar bei denen in Ungnade gefallen ist, die bislang im Namen von „Free Speech“ verteidigt haben, dass er seine rassistischen, frauenfeindlichen und fremdenfeindlichen Reden speit. Die Aktivistin Julia Serano hält ihnen allen Doppelmoral vor — zu recht:

I have no problems with any of these groups refusing to tolerate Yiannopoulos’s comment. And I have no qualms with their decisions to „no platform“ him over this issue. But I do want to point out that, by drawing the line there, the American Conservative Union, Simon & Schuster, Kurt Eichenwald, and others, are implicitly saying that EVERYTHING ELSE that Yiannopoulos has done up until this point — his long history of blatant racism, misogyny, and transphobia, and his penchant for doxxing, harassing, and intimidating marginalized individuals online and during his talks — all of that is a-okay. Absolutely tolerable. Within the boundaries of normal discourse, in their eyes.

Und dann gab es noch diese extrem hilfreiche Analyse, die erläutert, wie die amerikanische Rechte sich der Instrumente des Cluetrain Manifesto bemächtigt hat (das ich ungefähr ein Jahrzehnt lang selbst gepredigt habe) und auf diese Weise eine vergleichsweise kleine Gruppe von Menschen mittels Emotionalisierung einen übermächtig wirkenden medialen Kampf gewinnen kann:

This is a classic piece of asymmetric warfare, with a small, but highly-distributed but well-ordinated group of people punching far above their weight because they are focusing on a central narrative, and are using more powerful digital techniques than their sluggish, divided mainstream competitors. The newspapers and broadcast media have very big guns, but they’re all firing them at the same place – and it’s not where the opposition really are.

Während zwischen all diesem die New York Times — auf die wir ja alle letztlich dafür zählen, dass sie insbesondere in den USA und insbesondere in Zeiten wie diesen die Flagge des Journalismus hochhält — versucht, sich weiter digital neu zu erfinden. Und dabei Fortschritte macht:

The Times has had more success at building its digital subscriber base than any other publication. Its nearly $500 million in digital revenue not only dwarfs what any print publication has managed online, it also far exceeds leading digital-only publishers. At The Washington Post, which has invested heavily in digital growth since it was acquired by Amazon founder Jeff Bezos, digital revenue was reported in 2016 to be in the neighborhood of $60 million. In 2015, BuzzFeed brought in a reported $170 million, while the Huffington Post’s 2014 revenue, the most recent reported figure, was $146 million.

Vielleicht werde ich auch Abonnent. Ganz digital, im Widerspruch zu meinem Text von letzter Woche.

Flüchtlinge & Europa
In der taz kann man derweil davon lesen, wie sich manche Menschen in Europa auflehnen dagegen, dass die Parteien der politischen Mitte ihre Haltung zu den Flüchtlingen verändern, indem sie Positionen der Rechten übernehmen — was ja auch hierzulande aus Angst vor der AfD sattsam geschieht. Der kurze Artikel in der taz zitiert unter anderem Emmanuel Macron, und endet mit folgenden Worten:

So durchbrechen die Katalenen, die niederländischen Aktivisten und Macron den Fatalismus. Sie erinnern an das, was über die immer gleichen Nachrichten aus den Randgebieten Europas vergessen zu werden droht: dass wir eine Wahl haben.

Bei einem Mittagessen mit Louis Klein von der EUSG und Alexander Wragge von Die Offene Gesellschaft habe ich von „Pulse of Europe“ erfahren — davon hatte ich noch nicht gehört und war sehr erfreut, über deren Aktivitäten in der FAZ zu lesen:

Also Frage an die Frankfurter, die vor einer Woche einfach leise und freundlich zusammen in der Kälte standen: Warum? Antworten: Weil es guttut, mit der Angst vor Trump nicht allein zu sein. – Weil ich glaube, dass wir mehr sind als die, die behaupten, das Volk zu sein. Es wird jetzt Zeit, das zu zeigen. – Weil ich hoffe, dass die Politiker sehen, dass wir an Europa glauben. – Weil ich zum ersten Mal in meinem Leben merke, dass Europa nicht selbstverständlich ist. – Weil es nicht mehr reicht, mit Rotwein am Tisch zu sitzen und sich gegenseitig zu versichern, dass man recht hat. – Weil ich denen Mut machen will, die schweigen. Wir sind auch noch da.

Am nächsten Wochenende, an dem ich wieder in Berlin bin, werde ich sonntags auch zur Demo gehen. Für Europa auf die Straße zu gehen, ist eine Superidee.

Martin Schulz & Europa
Nachdem ich Fragen zu Martin Schulz‘ Haltung zu Europa gepostet hatte, haben mir Kommentatoren auf Facebook zwei Quellen dazu verlinkt. Einmal ein PDF, in dem Martin Schulz gemeinsam mit Sigmar Gabriel bereits im letzten Sommer — noch vor dem Brexit — eine Art Neugründung der EU gefordert hat. Die zentrale Forderung scheint aber eher wirtschaftlicher Natur zu sein, und dieses Gerede zum Aufschwung lässt auf Anhieb wieder nur weitere wirtschaftsliberale Politik befürchten, anstatt dass wirklich Großes geplant wird:

Wir brauchen jetzt den Mut, etwas Größeres zu wagen. Die Überzeugung, dass Europa für alle ein Gewinn ist, kann nur dann wieder stark werden, wenn wir endlich einen Ausweg aus der ökonomischen Krise finden. Deshalb gilt: Vorrang muss jetzt ein neuer wirtschaftlicher Aufschwung in Europa haben!

Danach folgen dann zehn Forderungen an eine Reform Europas, die im wirtschaftlichen Teil sehr viel Raum bekommen, aber für mich nach einer Politik klingen, die auch von der FDP kommen könnte. Derweil wird die Frage nach der Gerechtigkeit auf den Umgang mit Steueroasen reduziert. Das klingt für mich ein wenig schmal. Insgesamt überzeugt mich das Paper nicht davon, dass Schulz der ganz große Europäer sei, als der er gern bezeichnet wird.

Der zweite Link verweist auf das Video-Interview von Richard David Precht mit Martin Schulz. Da kann man dann immerhin so etwas hören, von einem sehr ernsthaften und konzentriert sprechenden Schulz:

[…] Segnungen des Kapitalismus würde ich nun vom Grundsatz zurückweisen. Der Kapitalismus ist nicht etwas, was Segen bringt, sondern der Wildwest-Kapitalismus, den wir ja erlebt haben, der Raubtier-Kapitalismus, der ja übrigens auf die Schwellenländer keinerlei Rücksicht nimmt, führt ja eher zur Verelendung. Deshalb glaube ich schon, Europa hat profitiert, da haben Sie recht, und zwar sehr, deswegen hat es auch die Potenziale zu teilen, ohne seinen eigenen Reichtum aufgeben zu müssen. Die Kunst ist: wie halten wir unseren Standard und bringen andere auf die gleiche Ebene? Das muss das Projekt im 21. Jahrhundert sein.

Da steckt natürlich auch eine Illusion drin, diejenige, dass es bei uns — grob gesprochen — schon im Großen und Ganzen wirtschaftlich so weitergehen kann. Was ja schlicht nicht stimmt, wenn wir uns unseren endlichen Planeten und die unendliche wirtschaftliche Wachstumsgier im Konflikt damit ansehen. Aber sich vor einer Wahl hinzustellen und den Menschen zu sagen, dass es fundamentale Veränderung braucht, macht halt kein Politiker.

Einige Minuten später sagt Schulz dann:

Die Unterwerfung unter dem Primat der Durchkommerzialisierung unseres gesamten Lebens […] ist zumindest mit mir nicht machbar. Ich glaube deshalb zum Beispiel, dass wir Regeln brauchen, und diese Regel — da kommt mein Europapolitikerdasein ins Spiel — ist auf der nationalen Ebene allein nicht mehr zu erreichen; wir brauchen zum Beispiel Steuerregeln auf europäischer Ebene.

Und vor allem:

Wir sind ein superreiches Land, Europa ist ein superreicher Kontinent, aber es gibt zwei Phänomene: der Reichtum ist weder innerhalb unseres Landes noch innerhalb Europas gerecht verteilt, und er ist zwischen Europa und anderen Regionen der Welt auch nicht gerecht verteilt. Und da sind wir wieder bei dem, was wir am Anfang diskutiert haben: dieser Raubtierkapitalismus, den wir eben beschrieben haben, wo einige wenige ganz Superreiche immer reicher werden, und eine zunehmende Anzahl Menschen ärmer wird, das können wir bekämpfen, da haben wir Instrumente.

Das klingt dann schon sowohl europäisch wie sozialdemokratisch.

Insgesamt ist das ein sehenswertes Interview, weil Precht vor allem auch interessante Fragen stellt — beispielsweise zur Digitalisierung der Welt und Arbeitslosigkeit durch Automatisierung, zu Politik als Dienstleistung, zu „Erasmus für alle“, oder auch zum Staatsbürgertum oder der Ökologie im Konflikt mit einer Werbewelt, die ständig nur die Jagd nach dem persönlichen Vorteil propagiert.

Und dann gibt es noch den extrem unterhaltsamen Schulz-und-Sühne-Text beim Stern zur Kandidatur von Martin Schulz, der nicht nur den schönen Namendreiklang Schmidt – Schröder – Schulz präsentiert, sondern auch so feine Absätze wie diesen zu bieten hat:

Dieses jovial hemdsärmelige, mitunter schnoddrige, diese fast schon autosuggestive Überzeugtheit von sich selbst, gepaart mit der Bereitschaft, bei politischen Gegnern vom Kaliber eines Berlusconi den Bizeps anzuspannen- vielleicht schwingt da ja auch die leise Hoffnung mit, dass es den Erdogans und Trumps dieser Welt bald ganz ähnlich ergehen könne.

Da ist was dran, glaube ich. Den Schulz würde ich schon gern mal auf Trump loslassen.

3. Save Democracy Day in Hamburg.

3. Save Democracy Day in Hamburg.

Vergangenen Samstag musste ich kurz nach 5 aus dem Bett, um es bis 9:30h ins Hamburger Betahaus zu schaffen. Dort fand die dritte Runde des Hackdays der Initiative Save Democracy statt, und ich wollte dabei sein. Hat alles sehr pünktlich geklappt, in einer Nebenstraße gab es dankenswerter Weise sogar eine Strom-Ladesäule zum Tanken meines Autos. Hier meine Zusammenfassung des Tages.

Eröffnungsplenum
Rund 150 Leute waren zur Veranstaltung ins Betahaus gekommen. Der Tag begann damit, dass wir alle herdenartig von Moderator Moritz durch den Raum getrieben wurden, um uns anhand verschiedener Konstellationen („die Teilnehmer, die schon mehrfach dabei waren, bitte in diese Ecke“, „die Teilnehmer, die coden können, bitte in jene Ecke“) irgendwie gruppendynamisch besser „kennenzulernen“. Nett gemeint, aber irgendwie nicht wirklich hilfreich. Direkt danach kam die Themenfindung — wer eine Session anbieten wollte, schrieb sie auf einen Zettel und erklärte sie mit wenigen Worten im Forum. Dann wurde sie an den Wand-Zeitplan geheftet, auf diese Weise entstand der Session-Plan, an dem man sich dann für die eigene Teilnahme orientieren konnte. Also alles sehr Barcamp-artig.

DEMO
Meine erste Session betraf das Projekt Demo. Die Initiatorin Mareike hatte mich nach meinem Session-Vorschlag direkt gefragt, ob ich bei ihnen mitmachen kann, weil sie fand, dass mein Thema („Wie man mit wildfremden Menschen auf der Straße ins politische Gespräch kommt, selbst wenn sie in einer anderen Welt leben als man selbst“) zu ihrer Arbeit auch gut passen könnte. Sie erklärte in der Gruppe auf Nachfragen kurz nochmal, warum und wie Demo eigentlich entstanden ist und teilte uns dann in Unter-Arbeitsgruppen auf, die verschiedene Themen beackern sollten. In meiner ging es darum, lokale Aktionen für Hamburg zu planen. Die Idee, die dort entstand, drehte sich dann um LehrerInnen und um ein Projekt, das Schüler mehr für die Demokratie begeistern soll.

Meine eigene Session
In Zusammenarbeit mit Judith Döker habe ich in den vergangenen Wochen an einer Idee gearbeitet, die spontan beim Versuch entstand, in einem uns fremden Stadtteil von Berlin mit uns völlig fremden Menschen auf der Straße politische Gespräche zu beginnen. Ich habe den Gesprächsansatz (den wir dafür aus dem Stehgreif entwickelt hatten und der sehr gut funktioniert hat) in der Session vorgestellt, danach haben wir Vor- und Nachteile und Weiterentwicklungsmöglichkeiten diskutiert. Das Gespräch mit ca. 10 Interessierten war sehr hilfreich, sehr anregend, und hat einige neue Ideen erzeugt, die uns auf jeden Fall weiter bringen. (Die Details des Ansatzes schildere ich hier jetzt noch nicht, weil wir eine entsprechende Veröffentlichung dazu ohnehin aktuell noch vorbereiten.) Besonders gut gefiel mir auch, dass eine Gruppe von Leuten direkt dazu ihre Emailadressen ausgetauscht hat, um den Ansatz auch in Hamburg zu testen.

Session zu SaveDemocracy
Nach dem Mittagessen habe ich an einer sehr kleinen Runde mitgewirkt, die besprach, wie das Projekt „SaveDemocracy“ über diese Camps hinaus verstetigt und noch nützlicher für die demokratische Arbeit gemacht werden kann. Das war sehr interessant, unter anderem auch, weil ich auf diesem Weg bspw. erfahren habe, dass Schmalbart schon längst nicht mehr (allein) eine „Antwort“ auf Breitbart ist, sondern inzwischen eher zu einem Dach für eine demokratische Bewegung bzw. ein Netzwerk geworden ist. (Was der Name nun wahrlich nicht vermittelt.)

17-02-19_kammerrebellen
Session der Initiative „Die Kammer sind Wir“

Kammerrebellen: „Die Kammer sind Wir“
Das war eine wirklich interessante Session, in der einer der sogenannten Hamburger Kammerrebellen, Detlev Siebold, den Prozess und die Erfolgsfaktoren dafür geschildert hat, wie die Gruppe die verschnarchte Hamburger Handelskammer gekapert hat, um sie wieder demokratischer und schlanker zu machen. Noch ganz beseelt von dem grade errungenen Wahlerfolg beschrieb Detlev mit viel Begeisterung, was es für den Erfolg gebraucht hat. Für alle im Raum war das Projekt auf jeden Fall eine Ermutigung dazu, sich ruhig Institutionen vorzunehmen, die unveränderbar und verkrustet erscheinen, um sie zu erobern und zu modernisieren — und auf diese Weise echten demokratischen Prozessen wieder Aufwind zu geben, und neue Lust auf Partizipation zu machen. In Bezug auf manche Parteien wäre sowas ja vielleicht auch keine schlechte Idee …

DemokratieHelden
Nach dem Abschlussplenum (welches mich ein wenig enttäuscht hat, weil von den Leuten, die am Morgen zum Auftakt da waren, vielleicht noch ein Viertel übrig war) hatte ich noch die Gelegenheit, mit Melanie Stein von DemokratieHelden zu sprechen. Auch dieses Projekt nimmt sich vor, politische Gespräche zwischen Menschen anzuregen, die sonst nur schwer miteinander ins Gespräch kommen. Sie video-interviewt dafür unter anderem Menschen, die sich für die Demokratie einsetzen und mehr Dialog in der Gesellschaft anregen wollen. Ich habe mich sehr gefreut, dass sie mich ebenfalls interviewen wollte — auch wenn ich ja eigentlich noch gar nicht so viel zu sagen habe.

Neben diesen Sessions habe ich eine Menge Gespräche geführt, außerdem gab es eine Reihe Sessions, die ich ebenfalls gern miterlebt hätte, was aber wegen Terminkonflikten leider nicht ging. Zwei Leute von bewegung.jetzt waren beispielsweise da (mit denen ich gern weiter über meine Zweifel zu ihrem Projekt gesprochen hätte), es gab Sessions vom CCC zur Sicherheit der eigenen digitalen Tools — insbesondere dann, wenn man sich tiefer in kontroverse politische Gewässer begibt und damit Hackern aussetzt, oder auch Sessions mit Christoph Giesa, der ein Buch zur neuen Rechten in Deutschland geschrieben hat.

Fazit
Wenn man eines oder mehrere der drei folgenden Resultate sucht, ist man auf so einem Camp bestens aufgehoben: (1) Input zu einem bereits bestehenden eigenen politischen Projekt. Die vielen kompetenten und klugen Köpfe, die bei so einer Veranstaltung zusammenkommen, können zu jeder Idee weitere nützliche Gedanken beisteuern — das funktioniert gut. (2) Inspiration für die eigene Arbeit. Wer sich orientieren will, Ideen sucht, wissen will, was andere machen, findet hier eine Menge Inspiration. (3) Menschen, die einen weiterbringen oder inspirieren können. Das ergibt sich ja schon aus den beiden vorherigen Punkten — hier kommen viele Leute zusammen, die kennenzulernen schlicht Spaß macht.

Und wieder dankeschön!

Und wieder dankeschön!

Meine (natürlich etwas verknappten) Überlegungen zum Papier-Journalismus fanden erstaunlich große Beachtung — mit der Folge, dass der Text zum bislang meistgelesenen hier auf dem Blog wurde. Mein Dank für Verlinkungen gehen an das BildBlog, die Leipziger Internetzeitung und die Buddenbohms — sowie diverse Menschen auf Twitter und Facebook, die den Text dann auch auf Rivva gehievt haben.

Ich freue mich immer sehr über solche Unterstützung — herzlichen Dank!

Warum Papier-Journalismus besser ist.

Warum Papier-Journalismus besser ist.

Jahrelang … eigentlich ein Jahrzehnt lang habe ich fassungslos gestaunt, dass es JournalistInnen gab und gibt, die allen Ernstes behaupteten, ihr Journalismus auf Papier sei irgendwie besser als Journalismus im Internet. Es erschien mir komplett töricht zu behaupten, das Trägermedium könne etwas darüber aussagen, wie gut der Inhalt ist, der über dieses Medium verbreitet wird. Aus meiner Sicht ging es nur um eine einzige Sache: Wie erarbeite ich die überzeugendsten, wichtigsten Inhalte, und wie sorge ich dafür, dass diese Inhalte möglichst reibungslos, angenehm und einfach zu ihren Nutzern und Lesern gelangen? Dafür nicht auf das Internet zu setzen, erschien mir schlicht dämlich.

In den letzten Monaten habe ich meine Meinung geändert. Ich bin selbst überrascht deswegen. Und das liegt nicht an den niedrigen Werbeeinnahmen im Internet, und dass man damit keinen Journalismus bezahlen kann. Es liegt an drei Aspekten des Online-Journalismus, die aus meiner Sicht das Veröffentlichen auf Papier tatsächlich qualitativ besser machen:

Deadlines
Always-On Journalismus, so wie er im Internet praktiziert wird, kennt keine Deadlines. Die Deadline ist immer und automatisch sofort. Wenn man seine Story selbst nicht sofort veröffentlicht, sind andere vermutlich schneller und man rennt am Ende hinterher. Dass das zu Lasten der Qualität geht, ist offensichtlich. Und so wird aus jedem Blödsinn und jeder noch so unwichtigen „Expertenmeinung“ mit aller Macht ein neuer Text, ein neuer Newsflash herausgepresst, der absolut irrelevant ist und keinerlei Mehrwert bietet. Nur weil die Deadline immer sofort ist, und man deswegen immer sofort irgendetwas Neues bieten muss. Selbst wenn es eine Falschinformation ist, die man später wieder korrigieren kann.

Das ist bei Papier anders. Da hat man wenigstens Zeit bis zum Redaktionsschluss, um noch einen Moment darüber nachzudenken, ob der Text denn so wirklich Sinn hat; und man kann nochmal einen weiteren Anruf machen und klären, ob die Information denn verlässlich ist. Denn einmal hundertausendfach auf Papier gedruckt, ist die Falschinformation dann auch eine physische Realität, die sich nicht wieder zurückziehen lässt.

Endlosigkeit
Wenn ich in einem Medium publiziere, in dem endlos Platz ist, und in dem jeder alles zu jeder Zeit veröffentlichen kann, muss ich ständig und rastlos Neues bieten. Dass das dazu führt, dass jeder noch so absurde Furz zur Nachricht hochstilisiert wird, ist klar. Des reinen Klickwahns wegen muss ständig etwas auf der Nachrichtenseite passieren, denn bei den anderen passiert ja auch was, und man darf ja keine Nachrichtenseite betreiben, die nicht laufend irgendwo aktualisiert wird. Mittlerweile führt das dazu, dass Nachrichten-Websites noch während der Lektüre eines Artikels darüber informieren, dass sich in der Zwischenzeit auf der Startseite schon wieder etwas getan hat. Die Extremfälle dieser Art Leerlaufjournalismus kann man erleben, wenn es eine Naturkatastrophe gegeben hat. Die tatsächlich vorliegenden und relevanten Informationen passen normalerweise in einen knappen Artikel. Dennoch wird die Hälfte der Seite mit Links zu jedem noch so weit hergeholten Thema in dem Zusammenhang zugekleistert — in dem hilflosen Versuch, immer noch mehr „Inhalte“ zur Katastrophe zu produzieren, als es die anderen tun.

Eine Zeitungsausgabe dagegen ist endlich, muss teuer bedruckt werden, und man muss sich ziemlich genau überlegen, was denn rein soll und was nicht. Anders gesagt: All the News that’s Fit to Print.

Traffic-Analysen
Wenn ich einen Artikel in der Zeitung lese, weiß die Redaktion das nicht. Niemand weiß das. Es gibt ein sehr intimes Verhältnis zwischen mir und dem Blatt Papier, und wenn ich die Zeitung mit Bargeld am Kiosk kaufe, bin ich tatsächlich völlig anonym. Das führt dazu, dass die Zeitungsredaktion ihre Arbeit nicht an meinem Leseverhalten ausrichten kann. Sondern sie muss ihren Job erledigen, den Job, den Journalisten nun mal haben: sich das Weltgeschehen anzusehen und zu entscheiden, was aus ihrer Sicht wichtig ist.

Ganz anders im Internet. Dort wird gebannt darauf gestarrt, was die Leute anklicken, lesen, liken, kommentieren. Und dann wird davon mehr geliefert. Was absurd ist. Ich erwarte, dass verantwortungsvolle Journalisten mich darüber informieren, was ich wissen sollte. Deswegen sind sie ja die Profis. Anstatt dass die Nutzer die Journalisten durch ihr Geklicke darüber informieren, was sie lesen wollen. Das befördert nichts anderes als die Fliterblasen, die uns eher weniger als mehr informiert sein lassen.

Aus diesen Gründen habe ich Anfang diesen Jahres auch die taz und die ZEIT auf Papier abonniert. Natürlich weiß ich auch, dass diese beiden Zeitungen viel besuchte Internetseiten haben und sich dort vom Traffic dazu inspirieren lassen, was sie in ihre Zeitung drucken. Und ich weiß ebenso, dass die Tage der Papierzeitung vermutlich letztlich doch gezählt sind.

Dennoch, ich will Journalismus, der mir Dinge liefert, die ich nicht bestellt habe. Weil er mir damit meinen Horizont erweitert. Journalismus, der diese Themen mit Sorgfalt und Zeit produziert. Denn damit leistet er eine Ausgleichfunktion zum hyperschnellen Online-Journalismus, der natürlich seine Rolle spielt, aber qualitativ immer unter den drei Arten Druck steht, die ich oben beschreibe. Und ich will Journalismus, der mir nicht dabei zuschaut, wie ich ihn konsumiere, um daraus wiederum Entscheidungen abzuleiten, was ich als nächstes vielleicht auch liken könnte.

Natürlich kann man alle diese Effekte durch redaktionsinterne Maßnahmen zu begrenzen versuchen. Nur, das widerspräche aller ökonomischen Logik und allen werblichen Anforderungen an Medienhäuser heutzutage. Und dieses Blog heißt ja nicht umsonst Kaffee & Kapital.

So ringe ich mich hiermit nun zu dem fortschrittsfeindlich wirkenden Satz durch, dass Papier-Journalismus vielleicht doch der bessere ist.

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Nachtrag 17.02.2017 10:53h: Mir fällt beim Lesen mancher Kommentare und beim weiteren Nachdenken über das Thema auf, dass ich in meinem Text spezifisch Nachrichten-Journalismus gemeint habe. Diesen hätte ich von anderen Arten des Journalismus — also beispielsweise von weniger zeitlich aktuellen Reportagen etc. — sorgfältiger abgrenzen sollen. Gut recherchierte (multimediale!) Geschichten und Berichte oder auch gut durchdachte Nachdenktexte sind Formen von Online-Journalismus, die das Medium auf großartige Weise nutzen und kaum an den obenstehenden „Krankheiten“ leiden. Es ging mir also nicht um Journalismus allgemein, sondern um Nachrichten-Journalismus.

Mathias Richel erklärt Bots, Fake News, etc.

Mathias Richel erklärt Bots, Fake News, etc.

Heute vormittag hatte ich eine Stunde lang die Möglichkeit, Mathias Richel bei einer Session im Willy-Brandt-Haus zu lauschen. Mathias ist Hobby-Cruise-Missile, Zielgruppenfernes-Verhalten-Macher, political animal und Kampagnenmensch, und weil er seine Sachen alle mit Nachdruck und Vollgas macht, habe ich mir die Gelegenheit nicht entgehen zu lassen. Es ging um einen Einordnungs- und Tutorial-Vortrag und -Dialog, den er zu den derzeit wild durcheinander diskutierten neuen „Kampfbegriffen“ des digitalen Wahlkampfs gehalten hat: „Fake News“, „Social Bots“, „Chat Bots“, „Targeting“ und „Hacking“. Auch wenn ich mich eigentlich grob ganz gut auskenne, fand ich super, wie unaufgeregt und nachvollziehbar Mathias ein wenig die Luft aus manchen dieser Begriffe gelassen und anderen mehr nötige Brisanz gegeben hat. Leider war ich nicht bei der gesamten Session dabei, aber den Anfang mit der Kurzübersicht habe ich miterlebt. Hier meine Zusammenfassung.

Mathias‘ erster Chart zeigte nebeneinander die fünf Begriffe — „Fake News“, „Social Bots“, „Chat Bots“, „Targeting“ und „Hacking“ — und direkt zu Beginn machte Mathias klar, dass es einigermaßen blödsinnig ist, sie auf einen Chart zu schreiben. Denn inhaltlich haben sie wenig miteinander zu tun, das einzige, was sie alle gemeinsam haben, ist, dass sie aktuell wild durcheinander geworfen werden und „irgendwie eine Bedrohung“ für die klassische Kampagnenarbeit zu sein scheinen. Um dem Begriffswirrwarr entgegenzuwirken, hat Mathias dann in einer kurzen Erläuterung die Dinge erklärt.

  • Fake News: Auch wenn der Begriff heute in aller Munde scheint, handelt es sich um eine relativ alte Sache, die wir schon lange kennen. Früher sagte man dazu schlicht Propaganda, und jeder wusste, was gemeint ist. Mathias meinte dann auch, dass wir uns alle bemühen sollten, einfach wieder den alten Begriff zu verwenden, denn der Umgang damit sei gelernt. Klar ist damit auch, um was es sich dabei handelt: Diffamierung und/oder bewusste Falschdarstellung oder üble Nachrede, um dem politischen Gegner zu schaden. Das kann in allen Medien stattfinden — Stichwort „Zeitungsente“ — und damit sollte man umgehen, indem man bewusst und schnell Strafanzeige erhebt, aktiv gegenkommuniziert, und versteht, dass man dafür ggf. auch auf Facebook und anderswo Reichweite kaufen muss, um genug Gehör zu finden.
  • Social Bots: Das sind letztlich nichts anderes als automatisiert befüllte Fake-Profile auf Social-Media-Plattformen, derzeit üblicherweise auf Twitter. Da sich ihre Macher gar keine allzu große Mühe machen, sie authentisch zu gestalten, kann man sie auf Twitter immernoch recht häufig am Default-Icon „Eierkopf“ erkennen. Indem man nun sehr sehr viele solcher Profile anlegt, denen dann jeweils nur wenige Leute folgen (wenn überhaupt), kann man auf Twitter dennoch eigene Themen und ihre Hashtags setzen, indem man schlicht eine ausreichend große Zahl dieser Geisterprofile mit derselben Nachricht befüllt. Das führt dann dazu, dass der entsprechende Hashtag in den „Trending Topics“ — also in der Liste der viel diskutierten Begriffe — bei Twitter auftaucht und auf diese Weise von Nutzern als womöglich relevantes Thema entdeckt werden kann. Es wird also Interesse und Engagement von vielen Nutzern an einem Thema vorgegaukelt, selbst wenn es nur von einem einzigen Menschen und seiner Twitter-Geisterarmee gespostet wird. So kann man sich Aufmerksamkeit für sein Thema erschleichen. Da Twitter aber in Deutschland nicht annähernd die Bedeutung hat wie in den USA, riet Mathias ein wenig zur Entspannung bei diesem Thema. Interessant werde es nur dadurch, dass viele Politiker und Journalisten Twitter nutzen, und dass dadurch ein Thema sozusagen über Bande ggf. in den Medien-Mainstream gehievt werden kann. Denn die Verbindung zum vorherigen Punkt ist natürlich gegeben: wenn ich Fake News — entschuldigung, Propaganda — zu verbreiten habe, kann ich das auf diese Weise tun.
  • Chat Bots: Wenn schon über Bots reden, dann über alle Arten. Anhand des Konzeptes der Chat- oder Service-Bots empfahl Mathias, das Thema Bots nicht einfach rundheraus zu verdammen. Künstliche Intelligenz, die es einem Unternehmen erlaubt, über Chat-Kanäle nachgefragte Informationen automatisiert auszuliefern, kann auch für Parteien im Wahlkampf interessant sein. Diese Bots sind dabei für das proaktive Verbreiten von Fake News etc. nicht wirklich geeignet, vielmehr treten sie erst in Aktion, wenn ein Nutzer eine entsprechende Anfrage stellt. Wenn das Programm dann halbwegs pfiffig ist, kann es möglicherweise ohne menschliche Hilfe die richtigen Informationen ausliefern und damit schnelle Reaktionsgeschwindigkeit erlauben, ohne riesige Menschenmengen dafür abzustellen. Als bestens bekannte Old-School-Version desselben Konzeptes nannte Mathias die Zeitansage der Telekom.
  • Targeting: Das superfokussierte Ausliefern von Werbung an extrem gezielt ausgewählte Profile war ja vor einigen Wochen aufgrund der Trump/Cambridge Analytica-Story ein extrem gehyptes Thema. Mathias meinte recht nüchtern, dass das Targeting von Werbebotschaften im Internet nun alles andere als eine neue Idee sei, und dass es natürlich immer sinnvoll sei, die eigenen Botschaften so gut es eben geht auf die passenden Zielgruppen abzustimmen. Wie genau man das kann, hängt dabei weniger von genialen Cambridge-Analytica-Menschen ab, und mehr von der aktuellen Gesetzeslage in Deutschland.
  • Hacking: Dazu hat Mathias zwei Aspekte besprochen. Der eine betraf das Hacking von Rechnern mit sensiblen Daten durch Leute, die damit eindeutig eine Destabilisierung der betroffenen Personen bzw. Öffentlichkeit verfolgen. Konkret nannte er das Beispiel des Bundestags-Email-Hacks aus dem letzten Jahr, und warnte, dass als Ergebnis daraus dieses Jahr durchaus drastische Effekte im Wahlkampf entstehen können, wenn kompromittierende Informationen in den Mails zu finden sind, die von den Hackern dann öffentlich ausgeschlachtet werden. Zum anderen warb er aber sprachlich für eine breitere und auch positiv konnotierte Sicht auf den Begriff Hacking, als eine Geisteshaltung, bei der man versucht, mittels guter Ideen, Kreativität und Improvisationstalent eine Situation oder eine Struktur zu verbessern. Was ja in der SPD demnächst mit dem SPD Hackathon auch gelingen soll.

Bei der Auseinandersetzung mit diesen verschiedenen Begriffen ist Mathias später dann deutlich mehr ins Detail gegangen, das habe ich dann aber leider nicht mehr miterlebt. Ich habe aber andere Wahlkampfbeobachtungen, die er gemacht hat, noch hören können, die ich sehr interessant fand:

  • Aufmerksamkeitsökonomie in Deutschland: In Deutschland hat eigentlich niemand mit einem wirklich nennenswert interessanten Wahlkampf gerechnet. Es sah alles danach aus, als würde sich letzten Endes nur eine sehr einfache binäre Frage stellen: ist man für oder gegen Merkel? Allein deswegen hat die AfD jetzt jahrelang sehr viel Aufmerksamkeit erhalten, denn sie bot den Journalisten auch einen Ausweg aus dieser Langeweile. Das ist nun mit einem Mal vorbei: zwischen Trump und Schulz ist plötzlich viel weniger Platz für die AfD in der medialen Berichterstattung, und das stellt für die Partei durchaus ein Problem dar. Deren aktuelle Auseinandersetzung mit Höcke könnte auch als Versuch gewertet werden, wieder in den Medien stattzufinden.
  • AfD als einzige echte Internetpartei in Deutschland: Auf die Frage aus dem Publikum, wie die AfD es schaffe, so viel Präsenz zu zeigen, hatte Mathias auch noch eine andere Antwort. Die AfD sei aus seiner Sicht die einzige Partei in Deutschland — nach dem Scheitern der Piraten –, die das Internet ganz eindeutig und klar als Organisationsraum für ihre Mobilisierungsarbeit sieht und nutzt. Selbst wenn sie aus Hotel-Besprechungsräumen und anderen Locations rausfliegen, macht das nichts, denn sie arbeiten mit ihren Unterstützern im Internet zusammen. Und so kann die Partei in einem Land wie Mecklenburg-Vorpommern, wo sie vielleicht 15% der Mitgliederzahlen der CDU hat, doch viel mehr Präsenz in der Fläche zeigen.
  • News als Nebelkerzen: Eine Taktik, die Mathias ebenfalls bei der AfD beobachtet, besteht darin, dass man eine besonders kontroverse (Falsch-)Meldung lanciert, an der sich alle Journalisten und Beobachter aufgebracht abarbeiten und sie breit verdammen. Damit sind deren Kräfte aber durch diese eine Nachricht gebunden, und so kann die Partei zeitgleich andere diffamierende oder kontroverse Nachrichten veröffentlichen, die weniger Beachtung und weniger Kritik finden, und dadurch auf die Unterstützer trotz ihres höchst zweifelhaften Charakters glaubwürdiger wirken, weil sie eben wenig Widerstand ernten.

Ich fand Mathias Vortrag sehr interessant und wäre gern bis zum Ende dabei geblieben. Wer sich für Mathias Beobachtungen interessiert, kann bei Zielgruppenfernes Verhalten mehr davon finden.