„Es ist an der Zeit, die Demokratie mit utopischen Ideen aufzufrischen.“

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DIE ZEIT vom 15.12.16 hatte das Titelthema „Utopien“ und fragte auf dem Deckblatt: „Wer sind die Idealisten, die heute noch alles ändern wollen?“ Weil das genau zu meinem Projekt hier passt, lag die Ausgabe die ganze Zeit auf meinem Schreibtisch — heute habe ich sie endlich gelesen.

Zum einen habe ich erfahren, um was es im Urwerk zu Utopien ging, der Schrift „Utopia“ von vor 500 Jahren. Das Werk war entstanden als Reaktion auf außerordentlich brutale Verhältnisse im England der damaligen Zeit, als Schafswolle zum Exportschlager wurde und Investoren sich plötzlich über die Landwirtschaft hergemacht und die armen Bauern, die dort bislang Gemüse anbauten, vertrieben haben. Während die Bauern in die Städte wanderten und dort ein erbärmliches kurzes Leben führten, konnten sich die Reichen nicht nur ein Leben in Saus und Braus leisten, sondern zudem auch noch die Gesetze nach ihren Vorstellungen beeinflussen:

Die Besitzenden stecken mit den Mächtigen unter einer Decke, und während die einen „an Hunger sterben“, leglisiert der Gesetzgeber „die ruchlose Habgier weniger Menschen“.

Kommt einem in mancherlei Hinsicht eigentlich ganz bekannt vor …

Die fiktive Insel „Utopia“, die der Autor des Werkes darauf beschreibt, ist ein kommunistisches Musterland. Es herrschen radikale Gleichheit, demokratische Prinzipien, lebenslanges Wohnrecht, Einheitskleidung, großartige medizinische Versorgung und Arbeitszwang (niemand soll auf Kosten der anderen leben), davon aber nur drei Stunden am Morgen und drei am Nachmittag, um die menschliche Natur zu berücksichtigen. (Kurioserweise können allerdings Nachbarstaaten militärisch unterjocht werden, wenn sie denn ihre Äcker nicht bestellen und „wüst und unfruchtbar“ liegen lassen.) Das Problem bei all diesem — es wirkt alles erstaunlich seelenlos:

Das Paradies ist auf schwer erträgliche Weise vollkommen, und selbst große Feste haben etwas organisiert Freudloses.

Und so ist die Geschichte keine Anleitung für eine bessere Welt, sondern eine Abhandlung darüber, dass man sich sehr genau überlegen muss, welche bessere Welt man sich wünscht. Vor allem aber malt sich die Geschichte eine Welt aus, in der Habgier und Großmannssucht — die zentralen Treiber kaptalistischen Exzesses — nicht mehr existieren. Laut ZEIT habe der Autor Thomas Morus damit sowohl eine Absage an die alte Feudalherrschaft geschrieben, als auch an die damals heraufziehende kapitalistische Gesellschaft. Nach Morus müsse eine Gesellschaft nach moralischen Richtlinien funktionieren, und nicht aufgrund von Macht, Markt und Eigentum. Dass Morus nicht einfach die utopischen Rezepte als die einzig richtigen anpreist, sondern an den Verhältnissen auf Utopia durchaus Zweifel und versteckte Kritik übt, fordert dann die Phantasie der Leser heraus.

Der zweite Text zum Thema Utopien grast eine Reihe von Menschen und ihre Projekte und Gedanken ab, die an verschiedenen Orten Europas heute mit Ideen für eine bessere Zukunft ringen. Die 22-jährige Politikstudentin Laura Meschede aus München wünscht sich das Ende der Ausbeutung und eine Gesellschaft, in der neue Produkte kollektiv mittels Crowd-Voting im Netz zur Produktion freigegeben und direkt auch bestellt werden. Der Theatermacher Falk Richter fordert Liquid Citizenship, „eine postnationale flexible Form der Existenz von Europäern“. Elsa Terenzani aus Frankreich arbeitet in einem Kollektiv in Griechenland namens Khora, einer ehemaligen Druckerei mit acht Stockwerken, in der eine Schule entstehen soll, eine Kantine, eine Frauenetage, ein Theater, außerdem ein Zuhause für Flüchtlinge — und damit ein Entwurf für künftiges Zusammenleben, das direkt umgesetzt wird, anstatt über Theorien zu diskutieren. Der Sozialpsychologe Harald Welzer beklagt „Utopieverlust“ und schlägt drei Reformen für eine bessere Welt vor: eine Gemeinwohlökonomie, in der Unternehmen nicht nur Profite, sondern auch Beitrag zum Gemeinwohl nachweisen müssen; Umweltkosten, die auf die Preise niedergeschlagen werden; und ein bedingungsloses Grundeinkommen.

Und dann diskutiert der Text, warum Utopien „immer ökonomisch“ seien:

Es sagt viel über die Welt von heute aus, wenn Ideen eines besseren Lebens im Kern stets ökonomische sind. Über eine Welt, in der trotz Fülle immer noch Not existiert. Und in der Arbeit überwiegend Zwang bedeutet.

Dass es ein wenig „unoriginell“ sei, wenn man heute noch immer Utopien fordere, die vor allem wirtschaftliche Themen beackerten (wie schon Morus in seiner allerersten Utopie!), lässt der französische Philosoph Pierre Zaoui, der dazu im Text zu Wort kommt, nicht gelten:

Es gibt zurzeit keine originellen Utopien, weil die Hoffnungen die gleichen geblieben sind. Die Wünsche, die Sehnsüchte. Wenn Sie so wollen: die Missstände.“

Und so entsteht im letzten Absatz des Textes eine Art Plädoyer für mehr Utopien in unserer heutigen Zeit. Früher hätten die Utopien bei den Sozialdemokraten und bei den Grünen ihr Zuhause gehabt, das sei dort aber verloren gegangen. (Schöner Bezug damit auch zur Frage, ob es also doch neue politische Parteien braucht?) Und so müsse die Rolle des Weltverbesserers neu besetzt werden.

Und dabei sei entscheidend, dass man nicht allein versucht, die Demokratie oder die Umwelt zu retten. Das, was wir bisher haben, habe doch in die Katastrophe hinein geführt. Nun müsse man bereit sein, das Bestehende selbst zu kritisieren. Mit anderen Worten: sich gegen rechte Strömungen zu wehren und darauf zu verweisen, dass unsere Demokratie eine feine Sache sei, reicht nicht. Wir müssen anerkennen, dass wir uns bewegen werden müssen — in welcher Weise auch immer. Und so heißt es am Schluss des Textes:

Es ist an der Zeit, die Demokratie mit utopischen Ideen aufzufrischen.

Klingt toll. Ich bin dabei!

9 comments

  1. Lieber Martin, danke!
    Eine Ergänzung. Interessant finde ich, wie alternative Gesellschaften bis heute in Literatur, Film und Fernsehen fast ausschließlich in der Katastrophe enden. Besonders eindrücklich war mir das in „The Beach“ und zuletzt in „Walking Dead“. Beide Male besteht die Chance, ohne Geldsystem & Kapitalismus in kleinen Kommunen „einfach so“ zusammenzuleben, sich selbst zu versorgen. Und sowas geht in der Fiktion mit einer Regelmäßigkeit schief (Mord&Totschlag), die zu denken gibt. Irgendwie lässt sich eine konfliktfreie, demokratische, gerechte, glückliche Gemeinschaft/Gesellschaft nicht mal phantasieren. Etwas hält uns davon ab. Vielleicht die Angst vor der Langeweile? Oder gibts Gegenbeispiele?

    Gebracht hat mich drauf dieser Text:

    Warum Europa das Träumen wieder lernen muss
    Unser utopisches Denken ist verkümmert. Doch für ein offenes, tolerantes und humanes Europa brauchen wir einen Wettstreit der Ideen, der Phantasie, der Kreativität. Ein Beitrag von Dennis Schmidt-Bordemann.
    https://www.die-offene-gesellschaft.de/blogposts/warum-europa-das-traumen-wieder-lernen-muss

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    1. Alex, ich glaube, die Agenda solcher Geschichtenerzähler ist nicht unbedingt die, uns eine Vision zu liefern. Sondern sie sind geleitet vom Zeitgeist und von dem, was Hollywood & Co. derzeit als unterhaltsam ansehen. Daher würde ich dort keine Ideen für eine bessere Gesellschaft erwarten. Hinzu kommt noch, dass ja wenige Kilometer weiter nördlich Leute sitzen, die meinen, das Monopol für Zukunftsideen bei sich zu haben, nämlich das Silicon Valley. Und am Ende kommt dann eine App dabei heraus.

      Es kann sein, dass Langeweile die Lust auf manche positive Utopie hemmt. Aber wenn man sich realistisch mit dem Weg hin zu neuen Modellen unseres Zusammenlebens befasst, wird man verstehen, dass der Weg dahin zumindest alles andere als langweilig wird. 😉

      Danke Dir sehr für den Link, der Text ist gut und sehr richtig. Ich werde ihn hier auch nochmal in einer meiner nächsten Zusammenfassungen zitieren.

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      1. Hallo, Herr Oetting! Das ist grundsätzlich richtig beobachtet. Dystopien sind einfach spannender zu erzählen. Der Kampf eines Einzelnen gegen die Unterdrückung durch ein (totalitäres) Regime ist einfach spannender zu erzählen als eine Utopie. Perfektion gibt wenig Raum für Handlung, Spannung und Dramaturgie. Eine Handlung ergibt sich dann höchstens noch in der Entdeckung nicht-utopischer „äußerer Räume“ oder in der Verteidigung der Utopie gegen äußere Bedrohungen (wie bei Star Trek). Ansonsten wirken erzählte Utopien eben, wie Sie schon richtig schreiben, „erstaunlich seelenlos“.

        Und das ist m.E. schon ein grundlegendes Problem in unserer Zeit, in der politische Durchsetzungsfähigkeit auch von der Kraft der Narrative abhängt. Denn es gibt ja utopische Potentiale – auch z.B. durch die Digitalisierung oder die Globalisierung. Erzählt wird so gut wieder Fortschritt heute jedoch mit einem dystopischen Twist – die Gefahr totaler Überwachung oder totaler Ökonomisierung. Für linke Utopien gilt das gleiche. Da zeigt sich m.E. die Vorprägung durch die dominanten (pop)kulturellen dystopischen Narrative seit Samjatin. Und Utopien werden wenig Chancen haben, sich durchzusetzen, wenn sie nicht eigene, neue Formen finden, um sich spannend und überzeugend – „seelenvoll“ – zu erzählen.

        Beste Grüße — Dennis Schmidt-Bordemann

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  2. Das stimmt. Viele gute Dystopien sind das ja sogar ein Stück weit. Auch wenn die Utopie, die dann vor den Menschen liegt, nur ein „weißes Blatt Papier“ ist, auf dem sie eine bessere Welt neu errichten können. Das ist ja z.B. die Quintessenz von „V“. Die Utopien verlieren bisher nur stets dann ihren Zauber, wenn man die ersehnte Insel erreicht hat und das vermeintliche Paradies bereist. Das hat sich seit Morus nicht geändert.

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    1. Naja. Das ist so ein bißchen wie „And they lived happily ever after …“ Nein, taten sie nicht. Dann kam die Realität und die Routine und das Leben. Warum sollte es bei Entwürfen für eine Gesellschaft anders sein als bei Entwürfen für eine Beziehung? 😉

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