Was hat Fidel Castro mit der AfD zu tun?

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Die Folge „When The Boats Arrive“ (#654) des Planet Money Podcasts von NPR ist eine Wiederholung aus dem Jahr 2015. Der viertelstündige Podcast geht der Frage nach: was passiert mit einem Wirtschaftsraum, in den plötzlich eine große Zahl Fremde einwandert — in diesem Fall 100.000 Kubaner in Florida?

Castro erzeugt eine Flüchtlingswelle
Der Beitrag beschreibt die Vorgänge in Kuba und Florida im Jahr 1980, als es den Kubanern wirtschaftlich so schlecht ging, dass Unruhen ernsthaft drohten, das Land zu destabilisieren. In dieser Situation entschied Castro, denjenigen Kubanern, die in die USA auswandern wollten, die Ausreise zu genehmigen. Um die Sache für das Regime „gut“ aussehen zu lassen, wurden sie gebrandmarkt als „nicht für die Revolution geeignet“, als Verräter, sie wurden öffentlich an den Pranger gestellt. Dafür konnten sie die knapp 200 Kilometer über das Meer nach Florida entkommen.

Zwei Ängste entstehen, wenn viele Fremde in ein Land kommen. Einerseits, diese Leute werden nie arbeiten und daher unser Land eine Menge Geld kosten. Andererseits, diese Leute wollen alle arbeiten, sie werden uns unsere Arbeitsplätze wegnehmen.

Was ist damals in Florida passiert? Die kurze Antwort: nicht viel. Laut Wirtschaftswissenschaftlern hätte man zumindest eine kurzfristige Steigerung der Arbeitslosigkeit erwarten sollen, diese sei aber in der Realität nicht eingetroffen:

Ökonomen sind sich eigentlich ziemlich einig: für die meisten Arbeiter ist Einwanderung kein Problem. Für die meisten Arbeiter drücken Einwanderer nicht die Löhne. Sie nehmen uns nicht die Arbeit weg.

Der Grund: Arbeitsplätze sind keine unveränderliche fixe Größe. Wenn viele neue Leute in ein Land kommen, dann suchen sie zwar auf der einen Seite Arbeit, auf der anderen Seite konsumieren sie aber auch. Sie gehen zum Friseur, kaufen Brot, brauchen viele Dinge, und schaffen damit Jobs. Eine Frau, die damals als Kind aus Kuba ausgewandert ist, erinnert sich:

Vom ersten Moment an wirst Du Konsument. Du brauchst Betten, du brauchst Matrazen, du brauchst Laken, du brauchst alles, um ein Leben zu beginnen. Je weniger du mitbringst, desto mehr konsumierst du.

Dass das damals in Florida so gut funktioniert hat, wird auf zwei Faktoren zurückgeführt, die den Erfolg möglich gemacht haben:

  • Robuste Wirtschaft: das Aufnahmeland muss eine möglichst gut funktionierende Wirtschaft haben. Denn ganz kurzfristig gibt es Kosten, die durch die Aufnahme der Flüchtlinge entstehen.
  • Schnelle Jobs: die Zuwanderer müssen im neuen Land möglichst schnell Jobs finden. Denn nur dann können sie ja ihren Beitrag leisten — auch auf der Konsumseite. In Florida hat das damals gut funktioniert, weil schon sehr viele Kubaner dort waren, die den neuen geholfen haben, zurecht zu kommen.

Die Exil-Kubanerin erzählt:

Ein Freund eines Freundes, jemand, den er noch aus Kuba kannte, hat für [meinen Vater] einen Job gefunden, als Fahrer eines Bananen-Lastwagens, die Firma hieß ‚Yes Bananas‘. Und meine Mutter fand Arbeit durch meine Tante, in einer Fabrik. Und für mich ist das Unglaubliche an dieser Geschichte und an den Vereinigen Staaten, dass wir am Montag angekommen sind, am Donnerstag arbeiteten meine Eltern, und am folgenden Montag habe ich mit ‚Summer School‘ angefangen.

Und den Kubanern ging es gut in Miami. Und Miami ging es gut mit den Kubanern.

Der Podcast versucht nun, die Parallelen zu syrischen Flüchtlingen heute in Europa zu finden. Europa sei wirtschaftlich ebenfalls stark genug, um die Flüchtlinge zu verkraften. Die zweite Sache, die mit den Jobs … die sei dagegen nicht ganz das Gleiche. Denn es gebe keine starken syrischen Communities, welche den Flüchtlinge ankommen helfen können. Der Podcast lässt dann Rainer Hundsdörfer, 2015 noch Chef der Firma EBM-Pabst, zu Wort kommen, der sich offenbar sehr dafür interessiert hat, Flüchtlinge einzustellen, um viele offene Stellen endlich besetzen zu können. Und es ist die Rede von syrischen Flüchtlingen in Frankreich, wo Hollande damals bei der Ankunft der Flüchtlinge offenbar auch versucht hat, Willkommenskultur zu feiern.

Ich weiß nicht, in welcher Detailtiefe man das alles auf unsere aktuelle Situation anwenden kann. Aber die Notwendigkeit, den Menschen hier schnell Jobs zu vermitteln, leuchtet mir unmittelbar ein. Nicht allein, weil sie dank der Jobs auch zu Konsumenten werden und damit die Wirtschaft insgesamt unterstützen können. Sondern auch, weil ein Job Struktur im Leben schaffen und Sinn stiften kann. Selbst wenn es nur ein erster Job zum Haltfinden ist. (Weswegen übrigens auch das Thema „bedingungsloses Grundeinkommen“ eine derart wackelige Angelegenheit ist.) Vor dem Hintergrund erscheint es mir desaströs, dass so viele Flüchtlinge in Deutschland nicht arbeiten dürfen oder können.

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