„Can Liberty Survive the Digital Age?“: Keynote von Vint Cerf.

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Heute verbringe ich den Tag im BCC, bei einer Konferenz der Princeton University zur Frage „Can Liberty Survive the Digital Age?“. Um den Namen vorweg zu erklären, hat der Princeton-President zum Auftakt mitgeteilt, dass William Fung offenbar ein Princeton-Alumnus aus dem Jahrgang 1970 war, der die Veranstaltung sponsort.

Als Keynote-Sprecher war Vint Cerf dran, „one of the fathers of the Internet.“ Um den Kontext für die politischen Aspekte zu setzen, hat er beginnend mit dem Jahr 1969 und dem originalen Arpanet die Geschichte des Internets erzählt. Den Mythos, dass das Arpanet gedacht war, um mit Kommunikationsinfrastruktur gegen einen nuklearen Angriff gewappnet zu sein, entkräftet er. Er erklärte stattdessen, dass die Idee war, gemeinsam Ressourcen zu nutzen, indem Computer-Systeme ebenso wie Forschungsergebnisse geteilt wurden und so Kosten gespart werden konnten. 1977 haben sie den ersten Test eines Three-Networks zwischen den USA und Europa und über Satellitenkommunikation gemacht, sie haben schon in den 70ern mit mobiler Verbreitung gearbeitet, und — so seine Aussage — früh gewusst, was für ein gewaltiges Potential ein solches nicht-proprietäres Netz haben könnte. Al Gore hat als Senator den akademischen Ausbau des Internets befördert und dann 1989 als Vize-Präsident die Öffnung der Regierungsinfrastruktur für kommerzielle Nutzung vorangetrieben. Von da an ging’s dann sehr schnell, mit Berners-Lees WWW, und dann dem Mosaic- und dem Netscape-Browser. Das Entscheidende aber:

Das ist eine riesige verteilte Organisation. Niemand sagt den Leuten, was zu tun ist. […] Der einzige Grund, warum das funktioniert, ist dass die Protokolle alle offen und die gleichen sind. Standardisisierng ist Dein Freund hier.

Cerf hat dann die verschiedenen Baustellen identifiziert, die er bei der Weiterentwicklung des Internet sieht. Interessant war, dass er in der ersten Kategorie mit Fragen internationaler Regulierung und mit den Rollen von Regierungen angefangen hat: Das Internet ist ein riesiges Projekt internationaler Koordination und Kooperation, und es sei wichtig, dass Regierungen sich einig darüber werden, was im Internet gewünscht und gut ist und was nicht geht.

Als zweiten Punkt nannte er das sogenannte „People-Centered Internet“ und hat in diesem Zusammenhang gefordert, dass beim Ausbau der einzelne Mensch und Nutzer stärker im Fokus stehen müsse, und an allen Orten der Welt sollten Menschen das Netz nutzen und ausbauen können und wollen, anstatt dass US-Teams oder andere Leute irgendwo einfliegen und zum Internet „missionieren“.

Sein drittes Thema war konkreter die Technik-Entwicklung: Standards, Verschlüsselung, Vertraulichkeit und Privatsphäre, dauerhafte Lesbarkeit von Dateien auf früheren Geräten. Sicherheit. Und er hat ganz klar gesagt, dass ein entscheidendes Problem darin besteht, dass Software-Entwickler nicht in der Lage seien, „bug-free“ zu programmieren:

Wir wissen nicht, wie man Software schreibt, die keine Bugs hat. […] Und wir haben keine Umgebungen, in denen Software bug-free entwickelt werden kann, bevor sie veröffentlicht wird.

Zum Thema Datenträger war er erstaunlich beunruhigt, ihm scheint sehr wichtig zu sein, dass wir das Problem lösen, dass Daten schlicht aufgrund veralteter Geräte nicht mehr lesbar sind:

Ich habe die Sorge, dass wir in ein dunkles Zeitalter laufen, in dem wir Wissen verlieren, weil manche Dateien einfach nicht mehr lesbar sind.

Seine vierte Kategorie ist eine Art Bauchladen, in dem er unter anderem die mittlerweile globalen Konsequenzen von Software-Bugs, die ethischen Fragen von Software (die autonom Entscheidungen treffen kann), oder auch praktische Probleme mit dem „Internet of Things“ angesprochen hat:

Du willst keinen Lichtschalter, der nur 92% der Zeit funktioniert.

Außerdem das ganze Thema „Fake News etc.“, unter seinem Oberbegriff „Falschinformation, Irreführung und kritisches Denken“ — wozu er sagte, dass das ein zentrales Thema der zwei Tage der Konferenz sein werde.

Sein fünfter Punkt waren einige putzige Ausführungen zu einem Interplanetaren Internet, das mit den enormen Entfernungen im Weltraum umgehen können muss.

Sein Abschluss-Statement zu verschiedenen Forderungen für die weitere Entwicklung des Internets lief schließlich auf die Forderung hinaus, dass Universitäten sich bei der Entwicklung ihrer Studienprogramme daran gewöhnen müssten, dass niemand mehr sein Leben lang auf einen einzigen Job vorbereitet werden und diesen dann ausführen kann. Das Arbeitslosigkeitsproblem umschrieb er letztlich damit, dass Technologie Arbeitsplätze schafft und ebenso vernichtet, und dass eben immer dann ein Problem entstehe, wenn Menschen nach Verlust ihres Jobs im anstelle dessen neu entstehenden Job nicht unterkommen könnten.

In der Diskussion im Anschluss kam unter anderem eine Frage dazu, ob nicht die Anonymität im Internet — so schützenswert sie auch sein mag — uns aufgrund der vielen Verletzungen von Rechten durch anonyme User zu teuer zu stehen komme und deswegen vielleicht limitiert werden müsse. Cerf fand, dass es bessere Wege gebe, um für eine Rechtsdurchsetzung im Internet zu sorgen. Und eine sehr wichtige Technik dafür sei moralischer Druck und Appelle an das Verhalten. Mit anderen Worten: Leuten einfach immer wieder zu sagen, dass man bestimmte Dinge halt nicht macht. Das klinge zwar wie eine schwache Maßnahme, aber:

Eine der schwächsten Kräfte im Universum ist die Schwerkraft. Aber wenn man eine große Masse hat, wird diese Macht ziemlich groß.

Ein anderer Zuhörer fragte nach dem Umgang mit Fake News. Cerf sieht darin vor allem eine Aufgabe des Bildungssystems. Und zudem eine Herausforderung für jeden einzelnen — auch in der Bereitschaft, sich verschiedenen Blickwinkeln auszusetzen. Von sich selbst hat er berichtet, dass er sich vor einer Weile dazu entschlossen hat, Fox News zu sehen, nachdem er den Sender eigentlich immer rundheraus abgelehnt hat. Und er habe — zu seinem Erstaunen — feststellen müssen, dass auch Fox seit einer Weile damit begonnen habe, wirklich gute und wichtige Fragen zu stellen.

Grundsätzlich scheint er daran zu glauben, dass eine Schlüsselherausforderung für unsere Gesellschaften darin bestehe, dass wir alle mehr Mühe darauf verwenden, unterschiedliche Sichtweisen zu sehen, kennenzulernen, und sich nicht zu sehr in der eigenen Blase einzurichten. Und er scheint eher skeptisch zu sein, inwieweit die Technik uns dabei helfen kann — weil die Technik noch sehr lange nicht in der Lage sein werde, wertende sprachlich-inhaltliche Entscheidungen zu treffen und dann beispielsweise einem Nutzer alternative Inhalte anzubieten, um den Blick zu weiten. Daher scheint das aus seiner Sicht ein eher menschliches Problem und eine menschliche Herausforderung zu sein.

Der letzte Fragesteller hat nochmal einen sehr wichtigen Punkt gemacht: wenn ich von derselben Werbung wochenlang verfolgt werde, weil ich mich mal bei einer Google-Suche für ein Produkt interessiert habe, sei das erstmal nur nervig, aber kein Problem. Ein Problem werde es aber dann, wenn die Werbung, die mich verfolgt, politisch ist, und damit meine politische Haltung beeinflusst, nur weil ich einmal eine bestimmte Haltung im Netz gesucht habe. Cerf wies auf das Problem hin, dass bei Google (für das Unternehmen ist er tätig) die Arbeit der Ingenieure eben nur so gut funktionieren kann wie die Arbeit derer, die der Firma das Geld einbringen — die Werbungverkäufer. Also: wir sind kommerziell, „deal with it.“ Letzten Endes kehre eine Suche der Lösung im technischen Bereich wieder dahin zurück, dass die Werbeauslieferungsmechanismen keine sprachlich-inhaltlichen Entscheidungen treffen könnten — siehe oben.

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