Bitte ändere meine Meinung!

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Die eigene Meinung im Austausch mit anderen Menschen ändern zu können, ist eine anspruchsvolle Fähigkeit. Wir Menschen sind eher für „Confirmation Bias“ gebaut als dafür, uns umstimmen zu lassen. Zudem scheint diese Fähigkeit vielen Menschen heutzutage vielleicht noch eher abhanden zu kommen als früher – in unserer Welt der Filterblasen, die bestehende „komfortable“ Meinungen festigen, anstatt sie infrage zu stellen.

Umso mehr begeistert hat mich der aktuelle Planet Money Podcast (Folge 780) – denn er dreht sich um das Ändern der eigenen Meinung, und darum, wie wichtig das ist. Darin gibt es unter anderem die Geschichte von Cal Turnbull, der zu genau diesem Zweck eine Reddit-Gruppe gegründet hat: Leute, die einander gegenseitig die Meinung ändern. Sie heißt „Change my View“ und hat mittlerweile mehr als 300.000 Mitglieder.

Nutzer können in der Gruppe etwas posten, das sie glauben oder für richtig halten, um dazu eine inhaltlich reichhaltige und wertvolle Debatte anzustoßen – und dann vielleicht auch ihre Meinung zu ändern. Beispiele: „Der Mindeslohn sollte abgeschafft werden.“ Oder: „Kommunismus ist gar nicht so schlecht.“ Oder: „Ronald Reagan sollte keinen Dank für Gleichberechtigung in der Ehe bekommen.“ Oder: „Voldemoort in Harry Potter ist ein ziemlich schwacher Bösewicht.“

Also, so ziemlich alles geht. Solange man die Regeln beachtet!

Denn das Geheimrezept, das dafür sorgt, dass Meinungsänderung in dieser Gruppe funktioniert, obwohl sie andernorts immer weniger zu klappen scheint, sind sehr leicht verständliche und dabei sehr wichtige Regeln für den Austausch.

Hier zunächst die Regeln dafür, wie man einen eigenen Eintrag verfassen soll:

Regel A: „Erkläre die Hintergründe für Deine Meinung – anstatt nur zu sagen, was Deine Meinung ist. (500+ Zeichen sind notwendig).“ Denn man kann sich mit Meinungen nur sinnvoll auseinandersetzen, wenn man die Grundlagen kennt, auf denen sie entstehen.

Regel B: „Du musst diese Meinung selbst vertreten und offen dafür sein, dass sie sich ändern kann.“ Es hat nur Sinn, die Gruppe aufzusuchen, wenn man auch offen dafür ist, dass sich die eigene Meinung zum Thema ändern kann. Vielleicht, weil man sich zu einer Sache ernsthaft austauschen möchte, aber sich das im Offline-Leben nicht zutraut.

Regeln C und D behandeln formale Aspekte auf der Plattform — wie man den Betreff/Titel schreiben soll, und dass man in den Postings nicht das Forum „Change my View“ selbst diskutieren soll, weil es dafür eine eigene Gruppe gibt.

Regel E: „Veröffentliche nur etwas, wenn Du bereit bist, dazu eine Konversation mit anderen, die Dir antworten, zu führen, und wenn Du dafür spätestens drei Stunden nach Deinem Posting zur Verfüfung stehst. (Wenn Du in dieser Zeitspanne nicht geantwortet hast, wird Dein Eintrag wieder gelöscht.)“ Das klingt streng, aber es soll verhindern, dass NutzerInnen nur eine Meinung raushauen und sich dann nicht mehr blicken lassen.

Und nun die Regeln für das Kommentieren der Einträge anderer:

Regel 1: „Direkte Antworten auf einen Change-My-View-Eintrag müssen mindestens einen Aspekt dieser Meinung infrage, oder aber eine klärende Rückfrage stellen.“ Wichtig ist vor allem auch, dass niemand einfach nur schreiben soll, dass er dieselbe Meinung hat wie die Person, die den originalen Eintrag geschrieben hat. Denn das bringt genau gar nichts.

Regel 2: „Sei nicht unhöflich oder feindselig gegenüber anderen Nutzern.“

Die große Kunst zwischen diesen beiden ersten Regeln besteht also darin, dass eine derartige Debatte weder in gegenseitiges Schulterklopfen und Bestätigen abdriftet (Echokammer!), noch in wildes Beschimpfen und Gekeife ausbricht. Und genau dieser Balance-Akt scheint in dieser Reddit-Gruppe zu gelingen.

Regel 3: „Unterlasse es bitte, den/die ursprüngliche/n VerfasserIn eines Eintrags oder andere zu beschuldigen, nicht zu einer Meinungsänderung bereit zu sein.“

Regel 4: „Vergibt ein ‚Delta‚, wenn Du anerkennst, dass sich Deine Meinung geändert hat. Verwende die Deltas für keinen anderen Zweck.“ Die Deltas sind sozusagen die „Punkte“ oder „Likes“ dieser Gruppe. Sie werden von Nutzern an die Menschen vergeben, denen es gelingt, die eigene Meinung umzustimmen. Das Delta – als Symbol der Veränderung – ist damit sozusagen ein Abzeichen für Menschen, die auf der Plattform gut und schlüssig argumentieren. Und es ist innerhalb der Gruppe zu einer Art Statussymbol geworden. Und damit ist es ein sehr besonderes Debatten-Statussymbol. Denn üblicherweise steigert man ja in einer Debatte den eigenen Status, indem man innerhalb einer Auseinandersetzung für eine Seite trommelt, und dann deren Anerkennung erhält. Hier aber ist es anders herum: man bekommt die Anerkennung derer, deren Meinung man geändert hat.

Regel 5: „Keine billigen Kommentare.“ Damit sind Memes, Witze, sonstwie unnütze und die Debatte nicht voranbringende Kommentare gemeint.

Am Ende des Beitrags fragen die Journalisten Turnbull, ob er hier eventuell einer größeren Sache auf der Spur ist als nur Regeln für sein Subreddit geschaffen zu haben – vielleicht sind es ja Regeln für unser Leben. Und er sagt:

Wenn ich mir das ansehe, dann denke ich: ‚Das ist etwas, das Leute beachten sollten, wenn sie versuchen, andere Menschen zu überzeugen. Oder einfach nur in allgemeinen Konversationen.‘ Und Regeln zu haben erscheint manchen Leuten ein wenig autoritär oder sowas, aber es sind nicht wirklich Regeln. Sie sind eher sowas wie ein Hinweis. Denn das hier funktioniert, und das dort nicht. Mehr sagen wir gar nicht.

Wir brauchen Regeln dafür, wie wir miteinander debattieren. Und diese Regeln hier erscheinen mir wirklich nützlich.

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