Buchzusammenfassung: „23 Things They Don’t Tell You About Capitalism“

Gepostet von

17-06-22_23thingsDem Autor dieses Buches, dem Volkswirtschaftler Ha-Joon Chang, bin ich bereits in der Arte-Serie zum Kapitalismus begegnet, die ich hier vor einigen Wochen in drei Teilen zusammengefasst hatte. Sein Buch habe ich jetzt als „leichtere“ Lektüre eingeschoben, bevor ich endlich mit David Graebers „Debt“ fertig werde. Wer sich für eine gut lesbare kritische Sicht auf die marktliberale volkswirtschaftliche Lehrmeinung interessiert, dem kann ich das Buch ans Herz legen. In dreiundzwanzig übersichtlichen Kapiteln zeigt Chang, dass viele verbreitete Vorstellungen davon, wie unsere Welt ökonomisch funktioniert, schlicht falsch sind.

Mythos „freier Markt“
Das erste Kapitel des Buches behandelt direkt den Mythos des „freien Marktes“. Indem Chang erläutert, wie jede denkbare Marktsituation zwangsläufig auf die eine oder andere Weise durch Gesetzgebung entsteht, kommt er zur entscheidenden Feststellung, dass es beim „Kampf für einen freien Markt“ letztlich gar nicht um ökonomische Entscheidungen geht — sondern allein um moralische Vorstellungen davon, was man für richtig und falsch hält. Marktliberale Vertreter erklären zwar immer wieder, dass sie ein „natürliches“ Gleichgewicht der Kräfte auf dem Markt anstreben, unbeeinflusst von der Politik. Wenn man diese These aber genauer untersucht, stellt man fest, dass sie letztlich nichts anderes als eine persönliche politische Haltung haben – zum Vorteil derer, die mehr Geld besitzen. Sie verkaufen diese Haltung jedoch als Naturgesetz und beklagen zugleich, dass Andersdenkende allein Politik zum eigenen Nutzen betrieben, während sie selbst ja nur „den neutralen Markt schaffen“ wollten. Aber die ständige neoliberale Kritik an der politischen Regelung wirtschaftlicher Prozesse ist letztlich nichts anderes als der politische Kampf für das Stärken der Macht derer, die eh schon mehr Geld haben:

Wer sich gegen eine neue Regelung ausspricht, sagt, dass der Status Quo – so ungerecht er für manche Menschen sein mag – nicht verändert werden sollte. Wer sagt, dass eine bestehende Regelung abgeschafft werden soll, erklärt, dass in diesem Bereich der Markt ausgedehnt werden soll, was bedeutet, dass diejenigen, die Geld haben, mehr Macht in diesem Bereich erhalten sollen, weil der Markt nach dem Prinzip „Ein Dollar ist eine Stimme“ funktioniert.

Zum Thema Markt und dazu, dass man ihn „in Ruhe lassen“ sollte, gibt es später noch ein Kapitel (16). Darin geht es darum, dass die Grundannahme für das Funktionieren des „freien Marktes“ die rationalen Entscheidungsprozesse der Markt-Player sind. Chang beschreibt anhand erschreckender Beispiele, dass die Akteure auf den Finanzmärkten entgegen dieser Annahme häufig überhaupt keine Ahnung davon haben, was sie tun:

Wenn Nobelpreisträger in Finanzökonomie, Top-Banker, hochfliegende Fund-Manager, angesehene Colleges und die klügsten Promis gezeigt haben, dass sie nicht verstehen, was sie tun, wie können wir dann Wirtschaftstheorien akzeptieren, die auf der Grundlage dessen funktionieren, dass Menschen vollständig rational handeln?

Seine Antwort darauf lautet, dass wir aufgrund unserer „bounded rationality“ – unserer begrenzten intellektuellen Fähigkeiten angesichts der Komplexität der Welt — künstlich unseren Entscheidungsspielraum beschränken müssen (also in diesem Fall: den Markt eingrenzen), damit wir als Menschen innerhalb dieses Konstrukts wieder halbwegs rationales Handeln hinbekommen:

[…] Simons Theorie zeigt sehr schön, dass viele Regulierungen nicht deshalb funktionieren, weil sich die Regierung notwendigerweise besser auskennt als die, die sie reguliert […], sondern weil sie die Komplexität der Aktivitäten begrenzen, was den Regulierten ermöglicht, bessere Entscheidungen zu treffen.

Eigennutz vs. Gemeinschaft
Das Kapitel Nummer 5 behandelt das Thema Egoismus. Die klassische Lehrmeinung lautet, dass die zentrale Eigenschaft des Menschen sein Egoismus sei, und dass man allein diesen Egoismus nutzen müsse, um eine funktionierende Wirtschaftsordnung zu schaffen. Egoismus bietet auch ein wichtiges Argument dafür, dass die Politik nicht in die Wirtschaft eingreifen darf, weil Politiker noch schlechtere Entscheidungen träfen als die Wirtschaft selbst: sie wollten sich nur in die eigene Tasche wirtschaften und unterlägen dabei zu wenigen Kontrollen – Kontrollen, die der Markt demgegenüber den Unternehmen durchaus auflegen würde. Mal ganz abgesehen davon, dass die These von den Kontrollen des Marktes spätestens seit 2008 als Absurdität gelten sollte, legt Chang eindrücklich dar, dass ein überwältigender Anteil menschlicher Aktivität nicht an Eigennutz ausgerichtet ist, sondern auf Loyalität und Vertrauen und auf dem Schaffen gemeinsamen Nutzens basiert. (Hier deckt er sich mit vielem, was Graeber sagt.) Gerade in Unternehmen sind diese Faktoren so entscheidend, dass sie ausführlich in Management-Büchern behandelt werden:

[…] man kann jedes Buch über Unternehmensführung oder die Autobiografie eines erfolgreichen Geschäftsmannes in die Hand nehmen und schauen, was sie sagen. […] sie sprechen überwiegend davon, wie man mit Mitarbeitern eine Beziehung aufbaut, wie man ihre Sichtweise verändert, wie man sie inspiriert und wie man Teamarbeit zwischen ihnen fördert. Gute Manager wissen, dass Menschen keine tunnelblickhaften ich-bezogenen Roboter sind.

Menschen sind ständig damit beschäftigt, sich nicht gegenseitig zu betrügen, auszunehmen, schlecht zu behandeln. Dass es hin und wieder doch vorkommt, sorgt dafür, dass wir solche Situationen eher im Gedächtnis behalten und sie uns merken — als besondere Ausnahmen, nicht als die Regel.

Das stärkste Argument aber ist das folgende: Nehmen wir einmal an, die Menschen seien alle ausnahmslos komplett ichbezogene Akteure. Ein Belohnungs-/ Bestrafungsmechanismus des Marktes gegen Fehlverhalten würde dann niemals funktionieren. Denn: wenn man Belohnungs-/Bestrafungsmechanismen einsetzen will, kosten sie etwas. Derjenige, der beispielsweise ein Verhalten bestrafen will, müsste in diese Bestrafung investieren, und wenn nur seine Zeit. Als Beispiel nennt Chang einen Taxigast, der, anstatt für seine Fahrt zu bezahlen, einfach wegläuft. Der Taxifahrer müsste nun dem Gast nachstellen und für seine Bestrafung sorgen und dabei sein Taxi zurücklassen, er könnte in der Zeit nicht weiter arbeiten, etc. Der Nutzen dieser Bestrafung käme in den meisten Fällen aber dem gesamten Markt zugute (falls der Gast künftig sein Verhalten überdenkt), dem Bestrafer selbst nur ganz minimal (dass genau derselbe Gast wieder mit ihm fährt, erscheint unwahrscheinlich). Damit stellt sich sofort die Frage: welches Interesse hätte ein ausschließlich ichbezogen handelnder Mensch dann daran, so eine Bestrafung durchzusetzen? Diese Kette zeigt, dass die Logik von allein ichbezogenen Akteuren auf einem Markt, der sie für ihr Fehlverhalten bestrafen soll, nicht funktioniert.

„Trickle-Down“ ist tot.
Im Kapitel 13 nimmt er die Logik der „Trickle-Down Economics“ auseinander — also die Idee, dass man den Reichen mehr geben muss, damit die Wirtschaft insgesamt wächst und dadurch auch bei den Armen mehr ankommt. Die Zusammenfassung seines Arguments gegen diese These kommt direkt am Anfang: wir haben’s jetzt dreißig Jahre lang ausprobiert, und es hat nicht funktioniert. Die Idee, dass Umverteilung an die Armen eine schlechte Idee für die Wirtschaft ist und dass man den Reichen immer mehr geben muss, stammt aus dem 19. Jahrhundert, sie war damals falsch und sie blieb falsch, wurde nach dem zweiten Weltkrieg schließlich endlich abgeschafft, mit großartigem Effekt, dann aber in den 80er Jahren wieder neu belebt und seither mit großer Aggressivität durchgesetzt — mit dem Ergebnis, dass seitdem eigentlich kaum mehr Wachstum entsteht.

Waschmaschine vs. Internet, Afrika und ahnungslose Ökonomen
In weiteren Kapiteln erklärt Chang, wie die Waschmaschine die Welt deutlich stärker verändert hat als das Internet. Er erläutert, warum sogar Jack Welsh – Vorkämpfer des „Shareholder Value“ – mittlerweile offenbar selbst erkannt hat, dass Shareholder Value „die dämlichste Sache der Welt“ sei. Er belegt, dass der erfolgreiche Fokus auf die Bekämpfung von Inflation (weltweit vor allem inspiriert von den Erfahrungen Deutschlands in der Phase zwischen den Weltkriegen) eigentlich vor allem den Reichen nutzt, während er für die weniger Wohlhabenden die Welt ökonomisch unsicherer gemacht hat. Und auch wenn seine Gedanken oft an angelsächsischen Problemen und Gedanken orientiert sind, hat er als Koreaner zugleich eine internationale Sichtweise – in einem Kapitel beschäftigt er sich beispielsweise ausführlich mit den wirtschaflichen Problemen, die in Afrika herrschen: er weist nach, dass die stockende Entwicklung auf dem Kontinent nicht etwa hausgemacht ist, sondern in den vergangenen 30 Jahren vor allem an den marktliberalen Regelungen liegt, die dort auf internationalen Druck hin immer wieder implementiert werden. Kapitel Nummer 9 belegt schließlich, dass es ein Irrtum ist anzunehmen, wir lebten in einer postindustriellen Welt – die Fertigung von Gütern ist noch immer der überragend entscheidende wertschaffende Faktor. Und in Kapitel 12 macht er deutlich, dass Politiker und Regierungen durchaus in der Lage sind — und zwar immer wieder — gute unternehmerische Entscheidungen zu treffen. Dass sie eben auch hin und wieder falsch lägen, sei bei ihnen ähnlich wie bei Unternehmern und Geschäftsleuten, die ebenfalls grandiose Fehlleistungen tätigten.

Und was mir von allem vielleicht am besten gefällt: im vorletzten Kapitel erklärt Chang, dass gute Wirtschaftspolitik keine Ökonomen braucht. Er begründet anhand der Wunderjahre in Asien, dass gute Wirtschaftspolitik durchaus von Ingenieuren oder Anwälten implementiert werden kann. Ökonomen waren wundersamer Weise abwesend bei der Schaffung dieser Wirtschaftswunder. Warum ist das so? Weil marktradikale Ökonomen ziemlich mies darin seien, ökonomische Empfehlungen auszusprechen, ihr Blickwinkel sei viel zu eng:

Es könnte sein, dass die Wirtschaftslehre, die in Hochschulklassenzimmern gelehrt wird, viel zu entfernt ist von der Realität, um von praktischem Nutzen zu sein.

Und ein Stück weiter:

Mit anderen Worten, die Wirtschaftswissenschaften waren schlimmer als unwichtig. Die Lehre der Ökonomie, so wie sie in den letzten drei Jahrzehnten praktiziert wurde, war eindeutig schädlich für die meisten Menschen.

Ein Ökonom, der – anstatt sich selbst wichtig zu machen – mit derart kühlem Abstand über die Fehler und Irrungen seines eigenen Fachs redet, verdient mein Vertrauen, möchte mir scheinen.

Marktwirtschaft ja, aber nicht „frei um jeden Preis“
Um keinen falschen Eindruck zu erwecken: das Buch ist alles andere als anti-marktwirtschaftlich. Aber damit die Marktwirtschaft und das Gewinnstreben auch künftig für Wohlstand und eine bessere Welt sorgen können, müssen wir uns (wieder) daran gewöhnen, dass Habgier und Planlosigkeit, Übermut und Wahnsinn der Menschheit an den Märkten dieser Welt und in den Meetingräumen der Konzerne Beschränkung und Eingrenzung brauchen. Das Buch ist eine gute Hilfe, wenn man an der immergleichen Leier vom schlanken Staat, der unbedingten Notwendigkeit „freier Märkte“ oder dem Eigennutz der Menschen vorbeischauen und die bisweilen komplett andere Realität unserer Welt dahinter kennenlernen will. Chang schließt mit einem 24. Kapitel, in dem er aus seinen „23 Dingen“ acht Regeln für eine neue wirtschaftliche Ordnung ableitet, die mit vielem brechen, was heute insbesondere in den hyperkapitalistischen angelsächsischen Ländern – aber zunehmend auch bei uns – als „normal“ gilt:

  • Kapitalismus ja, aber wir müssen unsere Obsession mit der Liberalisierung von allem und jedem wieder aufgeben – sie hat der Menschheit nicht gedient.
  • Wir müssen ein Wirtschaftssystem errichten, dass anerkennt, dass die menschliche Fähigkeit zu rein rationalen Entscheidungen sehr begrenzt ist. Mehr Transparenz allein verhindert keine neue Finanzkrise – wir sind nicht in der Lage, alle Konsequenzen komplexer Finanzprodukte zu überblicken. Daher müssen sie ihren Nutzen erst beweisen, bevor sie legalisiert werden.
  • Wir dürfen nicht alles wirtschaftliche Handeln an kurzfristigen Ergebnissen ausrichten — langfristige unternehmerische Planung, die Erkenntnis, dass der Mensch eben auch ein kollaboratives kooperatives Wesen ist (und nicht nur ein selbstsüchtiger Nutzenoptimierer), sowie das Interesse an nachhaltiger Arbeit mit allen Resourcen müssen wieder zu ihrem Recht kommen und gesellschaftsweit anerkannter werden.
  • Ungleiche Grundvoraussetzungen der Menschen aus unterschiedlichen Teilen der Gesellschaft und der Welt sorgen für eine große Unfairness im wirtschaftlichen Betrieb – vom Tellerwäscher zum Millionär schafft es kaum noch jemand, schon lange nicht mehr. Das können und sollten wir aktiv ändern.
  • Die post-industrielle Wissensgesellschaft ist ein Mythos. Wir müssen die Produktion von Dingen wieder ernster nehmen.
  • Die Finanzindustrie ist zum Schwanz geworden, der den Hund wedelt. Sie muss verlangsamt werden. Manche Prozesse in der Realwirtschaft dauern lange. Wenn die darüber liegende Finanzwelt demgegenüber unglaubliche Ergebnisse in kürzester Zeit verlangt, dann erzeugt sie immer wieder die Blasen, die dann zu desaströsen Krisen wie 2008 führen.
  • Der Sozialstaat verlangsamt nicht die Wirtschaft, sondern er beschleunigt sie, indem er es den Menschen leichter macht, Risiken einzugehen und weniger Angst vor Arbeitslosigkeit zu haben. Länder mit schmalen Staatsapparaten stehen wirtschaftlich überwiegend schlecht da, während Länder mit ausgefeiltem Staatswesen und Sozialstaat häufig starkes Wachstum zeigen. Die Regierung eines Landes ist essenzieller Bestandteil der Wirtschaft, und nicht ein Fremdkörper.
  • Die radikalsten Experimente mit Marktliberalismus sind in Entwicklungsländern gemacht worden – mit desaströsen Ergebnissen. Nun müssen wir ihnen Pausen geben und erlauben, ihre staatlichen und wirtschaftlichen Systeme geschützt wieder aufbauen zu können, damit sie überhaupt eine Chance haben, eines Tages auch wirtschaftliches Wachstum erleben zu können.

Er endet mit dem Satz: „It is time to get uncomfortable.“ Aus meiner Sicht erscheinen mir seine Thesen aber nicht so sehr unbequem, als schlicht die Bestätigung der alten Idee einer sozialen Marktwirtschaft. Sie kommt uns hier in Deutschland langsam aber sicher abhanden. Lasst uns dagegen kämpfen.

2 Kommentare

  1. Pingback: lv201080's Blog
  2. Hi,

    die Rezension gefällt mir ziemlich gut. Der Kapitalismus und seine glühenden Verfechter sind eines der Grundübel unserer Zeit. Leider gibt es keinerlei organisierten Widerstand mehr gegen den Marktradikalismus, so wie´s aussieht. Aber von unten kommen immer wieder neue kleine Grashalme aus Wurzeln hervor, die selbst der fette Elefant des Kapitalismus niemals alle zertrampeln kann, so sehr er sich auch abmüht…
    Gruß Andrej

    Gefällt 1 Person

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