Statusbericht Selbstversuch zur Nachhaltigkeit — Teil 1: Ernährung.

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Der Kampf für den Umbau unserer Gesellschaften ist ein politischer Kampf. Wenn wir unsere Welt so verändern wollen, dass nicht mittelbar alle Natur und damit auch unsere Lebensgrundlage zerstört wird, müssen wir vor allem auf politischem Weg dafür kämpfen. Für alles andere fehlt die Zeit. Nur durch größere nationale oder transnationale Veränderungen, die sehr viel zur selben Zeit bewirken, können wir den Wandel hinbekommen, den es braucht, um noch halbwegs rechtzeitig umzusteuern. Weniger Plastiktüten zu verwenden, oder sich ein Elektroauto zu kaufen, wird nicht reichen. Der am vergangenen Sonntag veröffentlichte offene Brief (deutsche Fassung bei ZEIT Online) zu „Wellbeing statt Wachstum“ — unterzeichnet von einer langen Liste von Forschern und Ökonomen — weist dabei den politischen Weg, der dafür gegangen werden sollte (hier die Petition dazu). Wenn wir anstelle dessen auf der Idee des endlosen Wachstums unseres Bruttoinlandsproduktes beharren, werden wir hier so ziemlich alles an die Wand fahren. Der oder die einzelne kann daran mitwirken, indem sie/er sich mit anderen zusammentut und damit stärker und lauter politische Forderungen äußert. Im Rahmen unseres Projektes vollehalle arbeiten Kai Schächtele und ich unter anderem auch an Ideen, wie wir dazu unseren Teil beitragen können.

Das befreit jeden einzelnen aber nicht von der Verantwortung, auch im eigenen Leben Veränderung durchzusetzen. Denn die Politik schaut auf uns. Sehr genau. Und aktuell hat die Politik den Eindruck, dass uns offenbar eine Menge anderer Dinge wichtiger sind als das Klima, die Umwelt und das Schicksal der Kinder, die heute vielleicht zehn Jahre alt sind, und die in 50 Jahren auch noch eine lebenswerte Welt vorfinden wollen. Wir müssen der Politik zeigen, dass das so nicht ist. Und das geht natürlich auch, indem wir vorangehen. Nicht so sehr, weil das direkt und sofort viel bewegt — aber weil es Kettenreaktionen nach sich ziehen kann, weil es über Social Media und Offline-Gespräche öffentlich wird, und weil es uns im Gespräch dazu anregt, weiter zu denken, und — siehe oben — uns zusammen zu tun. (Leonie Sontheimer, die viel zu diesen Dingen schreibt, fasst das gern zusammen in der Forderung „Bildet Banden!“.)

Ich habe in den vergangenen 18 Monaten nach und nach versucht, mein Leben nachhaltiger zu gestalten. In manchen Belangen eher unkoordiniert und ungeplant, in anderen zielstrebiger. Den aktuellen Stand möchte ich hiermit hier festhalten, um auch mir selbst Klarheit über das bisher Erreichte und das noch zu Leistende zu verschaffen. Dabei decke ich die folgenden Kategorien ab: Ernährung, Mobilität, Reisen, Wohnen, Kleidung, sonstiger Konsum. Heute schreibe ich über die erste dieser Kategorien.

Vielleicht noch zwei Dinge vorweg: Ich kann mit meinem Leben einfacher experimentieren, weil ich derzeit persönlich recht viel Freiheit und weder Familie noch Beziehung habe. Und weil ich beruflich sehr selbstbestimmt bin. Damit kann ich leichter Dinge ausprobieren oder umstellen, die bei anderen mehr Aufwand oder mehr Risiko bedeuten. Das macht mich nicht „besser“ — im Gegenteil, das macht es mir einfacher. Außerdem: Nichts von dem, was in den folgenden Zeilen steht, ist irgendwie revolutionär oder eine neue Erfindung. Es geht nur darum, ein wenig zu dokumentieren, wie manche Dinge funktionieren oder sich anfühlen.

Ernährung
Die Nahrungsmittelindustrie hat einen entscheidenden Einfluss auf unser Klima und auf die Umwelt. Daher lohnt es sich in jedem Fall, über dieses Thema nachzudenken und hier Änderungen vorzunehmen. Grade die Produktion von Fleisch weltweit hat einen mindestens ähnlich großen oder gar größeren Treibhauseffekt als der Straßenverkehr.

Ich lebe seit dem 5. März diesen Jahres komplett vegetarisch. Bis dahin habe ich schon wenig Fleisch gegessen (im Mittel nicht mehr als einmal pro Woche), habe dann aber komplett auf vegetarisches Essen umgestellt. Mir fällt das nicht besonders schwer, weil ich italienisches Essen liebe und es da ja schon von Haus aus eine Menge wirklich guter Rezepte gibt, die ohne Fleisch auskommen. Allerdings ist es grade bei langen Reisen auf den Raststätten an Autobahnen nicht immer ganz einfach, unterwegs akzeptables Essen zu finden. Für den Dokumentarfilm, an dem ich derzeit arbeite, sind wir immer wieder quer durch Europa unterwegs, und da fällt es hin und wieder schon schwer, sich mit den bisweilen höchst begrenzten vegetarischen Optionen „am Straßenrand“ anzufreunden. Allerdings muss man dazu sagen, dass das grade für Deutschland gilt. Hierzulande scheint Einigkeit darin zu herrschen, dass es unterwegs genau drei Arten von Malzeit braucht, nämlich Schnitzel, Schnitzel und Schnitzel. Erstaunlicherweise kann man da selbst in Großbritannien mehr Vielseitigkeit entdecken.

Bis zum Veganertum habe ich es noch nicht geschafft, auch wenn ich immer wieder darüber nachdenke. Natürlich erzeugen auch die Nutztiere, die für Milch gehalten werden, reichlich Klimagase. Und es steht zu vermuten (darüber weiß ich nicht genug), dass viele von ihnen irgendwann auch gegessen werden. Aber ich gebe offen zu, dass es mir bisher einfach zu schwer fällt, auf Milch und Käse zu verzichten. Vor allem dann, wenn Fleisch als Option schon mal komplett ausfällt. Was mir dagegen schon gelingt: Zuhause die Milch im Kaffee durch Sojamilch zu ersetzen, und für den Brotaufstrich immer öfter vegetarische Aufstriche aus dem Bio-Markt zu kaufen. Mit anderen Worten: Schlicht weniger Milchprodukte zu konsumieren, ist ja vielleicht auch ein Schritt in die richtige Richtung.

Ohnehin denke ich, dass es unwahrscheinlich ist, dass alle Menschen zu Veganern werden. Wer das für nötig hält, wird scheitern. Aber wenn es uns gelingt, dass wir alle — in der Summe — insgesamt weniger Fleisch und Tierprodukte konsumieren und gesellschaftsweit den Fleischkonsum als das Problem zu begreifen, das er ist, dann bewegt sich etwas.

Grundsätzlich ist ein Problem meiner Ernährungsweise, dass ich sehr oft essen gehe. Nicht nur auf Reisen, sondern auch zuhause: Im Büro bin ich dankbar, wenn ich zum Mittagessen mal die Räume verlassen und mir draußen frischen Wind um die Nase wehen lassen kann. Abends bin ich oft unterwegs und treffe mich irgendwo zum Abendessen. Damit habe ich — abgesehen davon, dass ich kein Fleisch esse — nicht ganz so viel Kontrolle darüber, was für Produkte auf meinem Teller landen und und unter welchen Bedingungen sie dahin gekommen sind. Das ist sicherlich etwas, woran ich noch arbeiten sollte.

Der letzte Aspekt in diesem Zusammenhang ist mein Lebensmitteleinkauf. Insbesondere nach dem Besuch einer Konferenz zu nachhaltiger Kleidung im Sommer diesen Jahres, bei der es unter anderem sehr oft um den Plastikmüll in den Ozeanen ging, ist mir das ewige Wegwerf-Plastik in allen Bereichen unseres Lebens wirklich zuwider geworden. Wenn man ganz normal im Supermarkt einkauft, macht man sich zum Teil einer Verpackungslawine, die ihresgleichen sucht. Aber selbst wenn man versucht, eine Verpackung abzuschaffen, macht man die Sache nicht besser — ein Beispiel: Ich trinke sehr gern ein Glas frischen Orangensaft zum Frühstück. Lange habe ich dafür die entsprechenden gekühlten Säfte im Supermarktkühlregal gekauft. Teuer und in Wegwerfplastikflaschen. Also habe ich mir vor einigen Monaten eine Saftpresse zugelegt und angefangen, meinen O-Saft am Morgen selbst zu pressen. Eine schöne Morgenroutine. Aber dann fängt man an, sich dafür zu interessieren, woher die Orangen eigentlich kommen. Und siehe da — aktuell aus Südafrika. Mit anderen Worten schmeiße ich jetzt keine O-Saft-Plastikflaschen mehr weg, bin aber Teil eines Systems, das Orangen auf Containerschiffen um die halbe Welt hierher fährt. Was ebenso beschissen ist. Ich sage ehrlich: noch kaufe ich weiter die Orangen aus Südafrika. Weil ich nicht weiß, durch was ich sie ersetzen soll.

Leider habe ich es in den letzten Monaten nur einmal zu Original Unverpackt geschafft. Der Laden in Kreuzberg versucht, eine Reihe von Lebensmitteln ohne Umverpackung so anzubieten, dass man sie mit minimalem bis gar keinem Verpackungsaufwand kaufen kann. Allerdings ist die Auswahl an Produkten recht begrenzt (der Laden ist nicht sehr groß), und es ist für mich an meinen oft sehr hektischen Tagen schon ein Umweg, mit dem Fahrrad auch noch dorthin zu fahren, morgens vorher an die verschiedenen Verpackungen zu denken, die ich mitbringen muss, um halbwegs problemlos dort einkaufen zu können, um dort dann doch nur einen kleinen Teil dessen zu bekommen, was ich brauche. Daher fällt das dann doch oft aus als praktikable Lösung im Alltag.


Thema Ernährung — Bewertung soweit:

  • Ist es deutlich unbequemer? Auf Reisen ja, sonst nicht.
  • Ist es deutlich teurer? Nein, eher günstiger.
  • Wie geht es mir dabei? Subjektiv besser. (Was die Umstellung objektiv an meinem Gesundheitszustand geändert hat, kann ich nicht sagen.)
  • Was ist noch zu tun: Einiges. Vor allem mehr und bewusster zuhause selbst kochen, mit Zutaten, die möglichst wenig nachteilige Klima- und Umweltwirkung haben. Und bei den Produkten aus dem Supermarkt besser auf den Verpackungsmüll zu achten. Und es vielleicht doch ein wenig öfter zu Original Unverpackt zu schaffen.

 

6 Kommentare

  1. Stark, Martin.
    Freue mich, Deine Manöver hier weiter verfolgen zu dürfen. Ich glaube, dass wir uns definitiv mit einem „Shade of Grey“ abfinden müssen, wie so oft: Wenn Deine Orangen dann aus Spanien kommen, werden sie vermutlich von ausgebeuteten Flüchtlingen gepflückt und so weiter. Aber jeder Schritt bringt etwas mehr Weiß ins Schwarz.
    Ich habe zum Beispiel zwischen September 2017 und September 2018 keine Kleidungsstücke mehr gekauft. Einerseits, weil mich der schleichend immer höher werdende Plastikanteil bei den Drecksketten aufgeregt hat, andererseits – einfach so. Weil ich nichts brauchte. Und was war? Nix! Die ersten Wochen habe ich sogar eine Art überraschte Befreiung gespürt (Ah! Ein Store! Ah nee! Musste ja gar nicht rein.) Ganz weiß war das Manöver jetzt auch nicht, weil ein Freund heiratete und ich Socken und ein Hemd brauchte. Aber ohne Plastik, immerhin.
    Bin gespannt auf Deine weiteren Akssionen!
    Every little helps, as they say. Also: Keep on keepin‘ it on, mein Lieber. (And call me mal wieder!)

    Gefällt 1 Person

  2. Ich habe mal eine Zeit lang vegan gelebt und kann das nur empfehlen: nicht als Dauerlösung, sondern als Zeit des Lernens, was alles an tierischen Produkten auch menschlich „leidfrei“ ersetzbar ist! Das ist nämlich eine ganze Menge! Diese riesigen Regale im Supermarkt mit Milchprodukten – sehr vieles davon lässt sich durch Soyamilch (am besten die teurere, die billige schmeckt sehr bohnig), Sojaghurt und Soja-Cuisine blendend ersetzen (und nein, das verwendete Soya ist nicht dasjenige, für das Regenwälder abgeholzt werden!). Dann gibt es mittlerweile auch Fleischalternativen, die bei vielen Gerichten das Fleisch verlustfrei ersetzen können – z.B. die veganen Hack- und Schnetzel-Varianten. Auch viele vegene (zugegeben noch mehr vegetarische) Würstchen treffen den Geschmack tierischer Würste mittlerweile gut (weil der eben auch vor allem durch Gewürze und Raucharoma etc. zustande kommt). Ich lernte auch den Umgang mit Seitan und vor allem Trockensoya, aus dem sich wirklich tolle „Vleischgerichte“ zubereiten lassen. Und Räuchertofu funktioniert in vielen Gerichten blendend als Ersatz für Schinkenwürfel, durchwachsenen Speck und Kasseler.

    Letztendlich bin ich dann zur „flexitarischen“ Ernährung zurück gekehrt, doch ist nichts mehr so wie vor der veganen Phase. Ich nutze alles weiter, was sich in der veganen Zeit als gut machbar und gut schmeckend heraus gestellt hat. Und für alles, worauf ich letztendlich nicht auf Dauer verzichten wollte, gilt jetzt: Bessere Qualität, teurer, deutlich seltener. Ich vermeide Massentierhaltungsfleisch und kaufe Bio bzw. „Gourmetfleisch“ oder Wild, wenns wirklich (selten!) mal sein soll – auf jeden Fall von Tieren, die ein gutes Leben hatten. Und ab und an ausschließlich richtig guten Käse mit Tradition, also nicht dieses ganze, geschmacklich „mild unauffällige“ Zeugs, das die Regale im wesentlichen füllt.

    100-Prozentig geht das auch bei mir nicht immer so ab, es gibt auch mal Ausnahmen – aber der Megatrent ist ein anderer seit ich die veganen Möglichkeiten kennen lernte. Kann es nur empfehlen!

    Gefällt 2 Personen

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