Unser aller Leben werden politisch extrem anstrengend sein und bleiben – jahrzehntelang.

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Vor einigen Tagen sprach ich mit Freunden. Es ging um ein gemeinsames kleines privates Projekt. Wir sahen einander an und stellten fest, dass wir drei, grob gesagt, „mittelalte“ weiße Männer sind. Wir redeten über Frauenquoten und darüber, was wir tun könnten oder sollten, um mehr Balance zu schaffen. Und an einer Stelle sagte plötzlich einer:

Manchmal ist es mir aber auch einfach zu anstrengend, das immer mitdenken zu müssen.

Über den Satz kann man jetzt in vielerlei Hinsicht trefflich diskutieren. Über die als selbstverständlich hingenommenen Privilegien, die so ein Satz beweist; über die Kurzatmigkeit des Sprechers im Umgang mit einem politischen Thema im privaten Kontext; über Arroganz.

Aber mich interessiert daran eine andere Sache: Dass es fast schon putzig-niedlich ist, unsere heutige politisch-gesellschaftliche Anstrengung nun grade an der Auseinandersetzung mit dem Feminismus festzumachen, nur weil man mittelalter weißer heterosexueller Mann ist.

Denn es ist doch so: Wir werden extreme politische Anstrengung in unserem Leben in den kommenden Jahrzehnte immer und überall auf härteste Art und Weise erwarten und erleben müssen – und zwar auf einem globalen Niveau. Die kommenden zwei Jahrzehnte gehen nicht mehr ohne massiven Kraftaufwand ab, für alle. Denn nun geht es um die ganz großen Fragen zur Zukunft der Menschheit – so, wie wohl noch nie zuvor:

Werden wir als Spezies ansatzweise lebenswert auf diesem Planeten überleben können, ohne uns zu Millionen gegenseitig die Köpfe einzuschlagen und riesige Teile der Biodiversität dieses Planeten zu zerstören?

Werden wir die kostbaren Errungenschaften der Aufklärung und der allgemein kulturellen Zivilisiertheit – am besten ausgedrückt durch die Erklärung der universellen Menschenrechte – für steigende Teile der Menschheit erhalten bzw. erringen können?

Werden wir Verteilungsgerechtigkeit und lebenswertes Leben für alle ermöglichen können?

Wer dafür kämpfen und diese drei Fragen mit „Ja“ beantworten will, weiß, dass das nur durch einen umfassenden Umbau aller unserer Systeme und Logiken geht. Und ein solcher Umbau geht niemals ohne Widerstände ab – ganz im Gegenteil, die Widerstände sind überall. Grade hierzulande: Wir sehen sie in der Bild-Zeitung, wir sehen sie in Christian Lindner und fast in der gesamten Union, ja sogar in weiten Teilen der komplett ideenlos und gedankenlos gewordenen SPD. Wir sehen sie in großen Teilen von Wirtschaft und Gesellschaft. Und vor allem auch bei vielen JournalistInnen.

Die ziemliche Fassungslosigkeit, mit der die großartige Maja Göpel bei ihrer Antwort hier auf die bornierte und begrenzte Frage eines Journalisten reagiert, zeigt, wie tief die Gräben bereits innerhalb unserer deutschen „aufgeklärten“ Medien- und anderen Öffentlichkeit sind. Da reden nicht Trump-AnhängerInnen mit Social Democrats oder AfD-Wähler mit AnhängerInnen der Grünen. Da stellt ein Journalist in einer Pressekonferenz eine Frage an einige WissenschaftlerInnen.

Dieses Land, in dem ich aufgewachsen bin, und das ich mein Leben lang immer wieder als fortschrittlich und inspirierend wahrgenommen habe, baut derzeit so viele Widerstandskulissen gegen den nötigen Wandel auf, dass ich mich mittlerweile abgewendet habe. Und einen Dokumentarfilm mache, in dem es um Länder geht, in denen ein anderer Wind weht: Schottland, Neuseeland. In der Hoffnung, dass die Geschichte vielleicht auch hier eines Tages auf Interesse stößt.

Aber grade auch für die, die ein Weiter-So oder den Rückschritt in die Vergangenheit wollen, wird und bleibt es natürlich unbequem – und zwar egal, womit sie in die Vergangenheit wollen, ob nun bei der Kohleförderung, bei der Benachteiligung von Frauen, beim Steuersystem und dem Umgang mit CO2, bei der Asylpolitik, bei der Verkehrspolitik … Denn wir, die wir den dringenden Wandel wollen, werden natürlich nicht lockerlassen. Sie, die Ewiggestrigen, werden sich ebensowenig zurücklehnen können, wie wir das tun.

Und diejenigen, die meinen, sie seien unpolitisch, sie ginge das alles nichts an, sie müssten sich auf keine Seite schlagen, werden sich sehr schnell sehr heftig umsehen – entweder, weil ihnen vielleicht die eigenen Kinder auf’s Dach steigen, oder weil sich das Leben schneller ändert, als manchen lieb ist.

Es wird anstrengend sein, bleiben, werden – für alle. Ich hoffe und bete, dass der progressive Kampf für eine bessere, lebenswerte Welt dabei schnell die Oberhand gewinnt. Denn andernfalls sieht die Zukunft wirklich düster aus.

Und die Ewiggestrigen werden sich in einem Morgen wiederfinden, das ihnen Grauen bereiten wird.

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