Mathias Richel erklärt Bots, Fake News, etc.

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Heute vormittag hatte ich eine Stunde lang die Möglichkeit, Mathias Richel bei einer Session im Willy-Brandt-Haus zu lauschen. Mathias ist Hobby-Cruise-Missile, Zielgruppenfernes-Verhalten-Macher, political animal und Kampagnenmensch, und weil er seine Sachen alle mit Nachdruck und Vollgas macht, habe ich mir die Gelegenheit nicht entgehen zu lassen. Es ging um einen Einordnungs- und Tutorial-Vortrag und -Dialog, den er zu den derzeit wild durcheinander diskutierten neuen „Kampfbegriffen“ des digitalen Wahlkampfs gehalten hat: „Fake News“, „Social Bots“, „Chat Bots“, „Targeting“ und „Hacking“. Auch wenn ich mich eigentlich grob ganz gut auskenne, fand ich super, wie unaufgeregt und nachvollziehbar Mathias ein wenig die Luft aus manchen dieser Begriffe gelassen und anderen mehr nötige Brisanz gegeben hat. Leider war ich nicht bei der gesamten Session dabei, aber den Anfang mit der Kurzübersicht habe ich miterlebt. Hier meine Zusammenfassung.

Mathias‘ erster Chart zeigte nebeneinander die fünf Begriffe — „Fake News“, „Social Bots“, „Chat Bots“, „Targeting“ und „Hacking“ — und direkt zu Beginn machte Mathias klar, dass es einigermaßen blödsinnig ist, sie auf einen Chart zu schreiben. Denn inhaltlich haben sie wenig miteinander zu tun, das einzige, was sie alle gemeinsam haben, ist, dass sie aktuell wild durcheinander geworfen werden und „irgendwie eine Bedrohung“ für die klassische Kampagnenarbeit zu sein scheinen. Um dem Begriffswirrwarr entgegenzuwirken, hat Mathias dann in einer kurzen Erläuterung die Dinge erklärt.

  • Fake News: Auch wenn der Begriff heute in aller Munde scheint, handelt es sich um eine relativ alte Sache, die wir schon lange kennen. Früher sagte man dazu schlicht Propaganda, und jeder wusste, was gemeint ist. Mathias meinte dann auch, dass wir uns alle bemühen sollten, einfach wieder den alten Begriff zu verwenden, denn der Umgang damit sei gelernt. Klar ist damit auch, um was es sich dabei handelt: Diffamierung und/oder bewusste Falschdarstellung oder üble Nachrede, um dem politischen Gegner zu schaden. Das kann in allen Medien stattfinden — Stichwort „Zeitungsente“ — und damit sollte man umgehen, indem man bewusst und schnell Strafanzeige erhebt, aktiv gegenkommuniziert, und versteht, dass man dafür ggf. auch auf Facebook und anderswo Reichweite kaufen muss, um genug Gehör zu finden.
  • Social Bots: Das sind letztlich nichts anderes als automatisiert befüllte Fake-Profile auf Social-Media-Plattformen, derzeit üblicherweise auf Twitter. Da sich ihre Macher gar keine allzu große Mühe machen, sie authentisch zu gestalten, kann man sie auf Twitter immernoch recht häufig am Default-Icon „Eierkopf“ erkennen. Indem man nun sehr sehr viele solcher Profile anlegt, denen dann jeweils nur wenige Leute folgen (wenn überhaupt), kann man auf Twitter dennoch eigene Themen und ihre Hashtags setzen, indem man schlicht eine ausreichend große Zahl dieser Geisterprofile mit derselben Nachricht befüllt. Das führt dann dazu, dass der entsprechende Hashtag in den „Trending Topics“ — also in der Liste der viel diskutierten Begriffe — bei Twitter auftaucht und auf diese Weise von Nutzern als womöglich relevantes Thema entdeckt werden kann. Es wird also Interesse und Engagement von vielen Nutzern an einem Thema vorgegaukelt, selbst wenn es nur von einem einzigen Menschen und seiner Twitter-Geisterarmee gespostet wird. So kann man sich Aufmerksamkeit für sein Thema erschleichen. Da Twitter aber in Deutschland nicht annähernd die Bedeutung hat wie in den USA, riet Mathias ein wenig zur Entspannung bei diesem Thema. Interessant werde es nur dadurch, dass viele Politiker und Journalisten Twitter nutzen, und dass dadurch ein Thema sozusagen über Bande ggf. in den Medien-Mainstream gehievt werden kann. Denn die Verbindung zum vorherigen Punkt ist natürlich gegeben: wenn ich Fake News — entschuldigung, Propaganda — zu verbreiten habe, kann ich das auf diese Weise tun.
  • Chat Bots: Wenn schon über Bots reden, dann über alle Arten. Anhand des Konzeptes der Chat- oder Service-Bots empfahl Mathias, das Thema Bots nicht einfach rundheraus zu verdammen. Künstliche Intelligenz, die es einem Unternehmen erlaubt, über Chat-Kanäle nachgefragte Informationen automatisiert auszuliefern, kann auch für Parteien im Wahlkampf interessant sein. Diese Bots sind dabei für das proaktive Verbreiten von Fake News etc. nicht wirklich geeignet, vielmehr treten sie erst in Aktion, wenn ein Nutzer eine entsprechende Anfrage stellt. Wenn das Programm dann halbwegs pfiffig ist, kann es möglicherweise ohne menschliche Hilfe die richtigen Informationen ausliefern und damit schnelle Reaktionsgeschwindigkeit erlauben, ohne riesige Menschenmengen dafür abzustellen. Als bestens bekannte Old-School-Version desselben Konzeptes nannte Mathias die Zeitansage der Telekom.
  • Targeting: Das superfokussierte Ausliefern von Werbung an extrem gezielt ausgewählte Profile war ja vor einigen Wochen aufgrund der Trump/Cambridge Analytica-Story ein extrem gehyptes Thema. Mathias meinte recht nüchtern, dass das Targeting von Werbebotschaften im Internet nun alles andere als eine neue Idee sei, und dass es natürlich immer sinnvoll sei, die eigenen Botschaften so gut es eben geht auf die passenden Zielgruppen abzustimmen. Wie genau man das kann, hängt dabei weniger von genialen Cambridge-Analytica-Menschen ab, und mehr von der aktuellen Gesetzeslage in Deutschland.
  • Hacking: Dazu hat Mathias zwei Aspekte besprochen. Der eine betraf das Hacking von Rechnern mit sensiblen Daten durch Leute, die damit eindeutig eine Destabilisierung der betroffenen Personen bzw. Öffentlichkeit verfolgen. Konkret nannte er das Beispiel des Bundestags-Email-Hacks aus dem letzten Jahr, und warnte, dass als Ergebnis daraus dieses Jahr durchaus drastische Effekte im Wahlkampf entstehen können, wenn kompromittierende Informationen in den Mails zu finden sind, die von den Hackern dann öffentlich ausgeschlachtet werden. Zum anderen warb er aber sprachlich für eine breitere und auch positiv konnotierte Sicht auf den Begriff Hacking, als eine Geisteshaltung, bei der man versucht, mittels guter Ideen, Kreativität und Improvisationstalent eine Situation oder eine Struktur zu verbessern. Was ja in der SPD demnächst mit dem SPD Hackathon auch gelingen soll.

Bei der Auseinandersetzung mit diesen verschiedenen Begriffen ist Mathias später dann deutlich mehr ins Detail gegangen, das habe ich dann aber leider nicht mehr miterlebt. Ich habe aber andere Wahlkampfbeobachtungen, die er gemacht hat, noch hören können, die ich sehr interessant fand:

  • Aufmerksamkeitsökonomie in Deutschland: In Deutschland hat eigentlich niemand mit einem wirklich nennenswert interessanten Wahlkampf gerechnet. Es sah alles danach aus, als würde sich letzten Endes nur eine sehr einfache binäre Frage stellen: ist man für oder gegen Merkel? Allein deswegen hat die AfD jetzt jahrelang sehr viel Aufmerksamkeit erhalten, denn sie bot den Journalisten auch einen Ausweg aus dieser Langeweile. Das ist nun mit einem Mal vorbei: zwischen Trump und Schulz ist plötzlich viel weniger Platz für die AfD in der medialen Berichterstattung, und das stellt für die Partei durchaus ein Problem dar. Deren aktuelle Auseinandersetzung mit Höcke könnte auch als Versuch gewertet werden, wieder in den Medien stattzufinden.
  • AfD als einzige echte Internetpartei in Deutschland: Auf die Frage aus dem Publikum, wie die AfD es schaffe, so viel Präsenz zu zeigen, hatte Mathias auch noch eine andere Antwort. Die AfD sei aus seiner Sicht die einzige Partei in Deutschland — nach dem Scheitern der Piraten –, die das Internet ganz eindeutig und klar als Organisationsraum für ihre Mobilisierungsarbeit sieht und nutzt. Selbst wenn sie aus Hotel-Besprechungsräumen und anderen Locations rausfliegen, macht das nichts, denn sie arbeiten mit ihren Unterstützern im Internet zusammen. Und so kann die Partei in einem Land wie Mecklenburg-Vorpommern, wo sie vielleicht 15% der Mitgliederzahlen der CDU hat, doch viel mehr Präsenz in der Fläche zeigen.
  • News als Nebelkerzen: Eine Taktik, die Mathias ebenfalls bei der AfD beobachtet, besteht darin, dass man eine besonders kontroverse (Falsch-)Meldung lanciert, an der sich alle Journalisten und Beobachter aufgebracht abarbeiten und sie breit verdammen. Damit sind deren Kräfte aber durch diese eine Nachricht gebunden, und so kann die Partei zeitgleich andere diffamierende oder kontroverse Nachrichten veröffentlichen, die weniger Beachtung und weniger Kritik finden, und dadurch auf die Unterstützer trotz ihres höchst zweifelhaften Charakters glaubwürdiger wirken, weil sie eben wenig Widerstand ernten.

Ich fand Mathias Vortrag sehr interessant und wäre gern bis zum Ende dabei geblieben. Wer sich für Mathias Beobachtungen interessiert, kann bei Zielgruppenfernes Verhalten mehr davon finden.

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