Ein Wahnsinnserlebnis. Oder: wie mutige Politik nicht möglich, sondern notwendig wird.

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Ich war letzte Woche bei einer internationalen Konferenz, die vom Netzwerk Plurale Ökonomik organisiert wurde. Das, was ich dort erlebt habe, sah von außen harmlos aus, und ist doch atemberaubend.

Als ich mit Kaffee & Kapital angefangen habe, hatte ich eine Vermutung, ein Bauchgefühl, dass es Menschen und Zirkel geben muss, in denen die wirklichen und wahren Probleme diskutiert werden, die unsere Menschheit bedrängen. Ich habe diese Leute gefunden. Es sind „Pluralist Economists“.

Eine große Hoffnung für die Zukunft unserer Welt liegt in den Händen von Studenten und Doktoranden (und einigen wenigen ProfessorInnen), die völlig frustriert davon sind, dass sich die Hochschulen komplett einseitig auf eine ganz bestimmte wissenschaftliche Lehrmeinung beschränken, anstatt endlich die Augen gegenüber der Realität zu öffnen. Und diese Realität zeigt, dass die Dinge, die vom VWL-Mainstream wie Naturgesetze behandelt werden, fast schon das Gegenteil davon sind: sie sind eine einseitige Weltsicht, die vor 90% der Wahrheit die Augen verschließt.

Das klingt alles sehr nerdig, dabei ist es Wahnsinn. Das Problem ist, dass nur sehr wenige Menschen mitbekommen, in welchen eisernen Klammergriff eine einzige ökonomische Denkschule die Welt genommen hat. Diese Weltsicht hat – das sollte nicht vergessen werden – sicher Vorteile und kann ein paar gute Erkenntnisse bieten. Aber sie hat niemals alle Antworten und auschließlich recht. Es gibt jedoch im Hochschul-Mainstream keinerlei ernsthafte Debatte darüber, welche VWL-Forschungsrichtung welche Stärken und welche Schwächen hat. Und wo man die besten Antworten auf unsere Probleme findet. Die eine Lehrmeinung, die sich weltweit durchgesetzt hat, ist nun aber jene, die mittlerweile zu 90% unserer politischen und ökologischen Probleme führt. Wenn man das einmal durchschaut hat, dann sieht man plötzlich unzählige Antworten auf viele politische Fragen unserer Zeit. Aber das weiß kaum jemand, weil eben diese eine Denkschule – die Neoliberale, nach der der Markt die Sache regelt, und man Effizienz braucht, und die Kapitalseite entlasten muss – die einzige ist, die überhaupt ernsthaft wahrgenommen wird.

Dabei ist grade diese Weltsicht enorm theoretisch, entfernt sich sehr von den realen Umständen, und hat keinerlei Antworten auf die großen Fragen unserer Zeit: endliche Welt, Ressourcenverbrauch und Umwelt, soziale Ungleichheit, etc. Und sie hat den Crash 2008 nicht kommen sehen, sie kann ihn bis heute nicht erklären.

Es ist unfassbar.

Wir haben in dem Studienfach, auf das sich so ziemlich alle Politiker der Welt verlassen, wenn es um Wirtschaftspolitik dreht — nämlich VWL — keinerlei echte Debatte. Es herrscht dort eine Art unhinterfragte Orthodoxie. Und die Folgen kennen wir hierzulande insbesondere für die SPD: „Wir müssen doch Arbeitsplätze schaffen!“ Dafür gibt es nach der orthodoxen Lehrmeinung keine anderen Optionen, als immer mehr Zugeständnisse an die Kapitalseite zu machen. „Dann entsteht Wachstum, und so entstehen Arbeitsplätze.“ Das gilt aber so schon lange nicht mehr. Wachstum per se ist immer weniger die Antwort auf die Probleme unserer Welt. Aber das wird nicht debattiert, und damit wird die Politik der SPD nicht mehr unterscheidbar von der der Union. Und wir haben die Scheiße, die wir haben.

Wenn man sich dagegen mit der pluralen Ökonomik auseinandersetzt, wird mit einem Mal progressive Politik nicht allein möglich, sondern die einzige vernünftige Konsequenz. I want to shout this stuff from the rooftops … Bin noch immer komplett überwältigt von dem, was sich mir da in dieser Woche offenbart hat.

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