Eine Woche hinter den Kulissen der 5-Sterne-Bewegung in Italien.

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Ich bin kein intimer Kenner der italienischen Politiklandschaft. Und das „Movimento 5 Stelle“ habe ich nie ausführlich studiert oder begleitet. Aber zwischen 2013 und 2015 habe ich fast zwei Jahre lang in Italien gelebt, und Ende Februar diesen Jahres konnte ich für einen Dokumentarfilm, dessen Produktion ich mit meiner Firma Omnipolis Media begonnen habe, eine Woche im Wahlkampf hinter den Kulissen der „5 Stelle“ erleben.

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Die große Abschlussveranstaltung des 5-Sterne-Wahlkampfes in Rom, als wir dort ankamen. (Foto: M. Oetting)

Selbst mit dieser geringfügigen Italienerfahrung kann ich sagen, dass der Alarmismus deutscher Medien („Fundamentalopposition“, „europakritisch“, „Populisten“, „Sorge um Europa“), wenn es um die Bewegung in Italien geht, uns alle vermutlich auf’s falsche Gleis führt und dem Thema nicht gerecht wird. Mein Eindruck ist, dass viel zu oft einfach nur aus den italienischen Medien abgeschrieben, oder schlicht überhaupt nicht wirklich dazu recherchiert wird, was die „5 Sterne“ eigentlich sind und wollen. Dabei wäre es grade für die politische Ideenlandschaft in Deutschland mehr als anregend, sich näher mit dem Phänomen ernsthaft auseinander zu setzen.

Unser Dokumentarfilm dreht sich um das Thema Post-Wachstum, das hier im Blog im Zusammenhang mit unserer Show vollehalle schon behandelt wurde. Vor allem meine Erlebnisse bei der Summer Academy des Netzwerks Plurale Ökonomik haben zum Entstehen dieses Film-Projektes geführt. Ein Protagonist unseres Films ist daher Lorenzo Fioramonti. Er ist Italiener, aber eigentlich Weltbürger, und war bis vor zwei Monaten noch hauptberuflich Professor an der Universität von Pretoria in Südafrika. Seit Jahren wirbt er mit viel Energie dafür, dass sich die Welt davon verabschiedet, das Wachstum des Bruttoinlandsproduktes als Maß für den Erfolg von Volkswirtschaften und Gesellschaften anzusehen. Er hat eine ganze Reihe von Büchern und Texten geschrieben, die eindrucksvoll dokumentieren, dass die scheuklappenartige Wachstumspolitik unseres Politik-Mainstreams keine Antwort mehr ist auf die Herausforderungen der Menschheit auf einem endlichen Planeten — sondern dass sie uns vielmehr in die Irre führt. Denn im Namen des „endlosen“ Wirtschaftwachstums werden lauter Dinge getan, die uns allen mehr schaden als nützen.

Auf Einladung der „5 Sterne“ und ihres Präsidenten Luigi di Maio hat sich Lorenzo vor wenigen Wochen entschieden, mit seinen Forderungen aus der Welt der Wissenschaft in das politische Geschehen überzuwechseln, für das italienische Parlament zu kandidieren, und zudem als Kandidat für einen Ministerposten in einer möglichen Regierung der „5 Stelle“ zur Verfügung zu stehen — genauer gesagt für die Rolle des Ministers für industrielle Entwicklung.

Aus meiner Sicht ist allein das eine echte Sensation: Wenn potenzielle Regierungsmitglieder eines G7-Landes wie Italien darüber reden, dass der Wachstumskurs unserer Volkswirtschaften enden muss, dann ist das eine Zeitenwende. Und ins Parlament hat Lorenzo es schon mal geschafft.

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Lorenzo ganz links, mit zwei weiteren Wirtschaftsministerkandidaten und Di Maio (zweiter von rechts), bei der Präsentation des potenziellen Kabinetts der „5 Stelle“ am 1. März 2018. (Foto: M. Oetting)

Wir haben Lorenzo eine Woche vor der Wahl in Brescia bei einer Wahlkampfveranstaltung getroffen und sind anschließend am Montag gemeinsam mit ihm im Auto nach Rom gefahren. Bis zur Wahl hatten wir dann die Gelegenheit, in Lorenzos Elternhaus außerhalb von Rom, bei Wahlkampfveranstaltungen, bei Besuchen von sozialen Projekten in und um Rom und bei seinen Fernsehauftritten dabei zu sein, alles zu filmen, alles zu begleiten und ständig Fragen zu stellen und ihn zu interviewen.

Wie oben gesagt, halte ich mich aufgrund dieser Erlebnisse und aufgrund meiner Zeit in Italien nun nicht für einen italienischen Politikkenner oder einen 5-Sterne-Experten. Aber ein paar Beobachtungen kann ich mir vielleicht erlauben.

Viele deutsche JournalistInnen kommen mit den „5 Sternen“ wohl schon deswegen nicht klar, weil sie anders entstanden sind und anders ticken als andere Parteien. Die Gründung der Partei geht zurück auf den Zorn Beppe Grillos, der vor zwanzig Jahren damit begonnen hat, sich auf Bühnen landauf und landab in Italien über das kaputte italienische Politiksystem aufzuregen, und zugleich von der Politik ein Umdenken im Sinne einer nachhaltigen ökologischen Wende einzufordern. Diesen Forderungen — nach einem Rausschmiss all der korrupten und mafiagetränkten Politikerkaste (die es in der Form in Deutschland einfach nicht gibt, weswegen deutsche Journalisten offenbar auch nur sehr begrenzt Grillos Zorn darauf nachvollziehen können) und nach einem Wandel im Denken über die ökologischen Folgen unseren Tuns auf der Erde — haben sich die unterschiedlichsten Menschen angeschlossen. Das hat es bis heute schwer gemacht, eindeutig zuzuordnen, ob und wie die Partei denn nun links oder rechts ist. Und das führt noch heute dazu, dass manchmal sehr unterschiedliche Haltungen zu verschiedenen Themen nach außen dringen. Auch Italiener haben mir gesagt, dass sie die „5 Sterne“ nicht wählen könnten, weil sie nicht wüssten, ob sie denn nun rechts oder links seien. Anstatt sich aber mit dieser Komplexität auseinanderzusetzen, wird das Thema von den deutschen Medien offenbar einfach umgedeutet in: populistisch. Wer sich im klassischen Parteienspektrum nicht einsortieren lässt, der muss wohl Populist sein, und das ist automatisch gleichbedeutend mit: abzulehnen bzw. gefährlich.

Ein anderes Thema: Europa. Es liegt mir besonders am Herzen, daher habe ich Lorenzo natürlich darauf angesprochen und nach der kolportierten „europakritischen Haltung“ der Partei gefragt. Er selbst ist ein glühender Fan der europäischen Idee, aber zugleich fest davon überzeugt, dass wir nur dann für Europa sein können, wenn wir es kritisieren. Denn — und das hat er uns in einer Art flammenden Rede vor unserer laufenden Kamera hinter den Kulissen beim italienischen Fernsehsender „La Sette“ gesagt — aus seiner Sicht hat sich die heutige europäische Union weit von der ursprünglichen Gründungsidee Europas entfernt. Wir haben nicht das Europa, das sich die GründerInnen mal ausgedacht hatten, das soziale und gerechte Zustände unter seinen Bürgern schafft und auf Ausgleich und Brüderlichkeit ausgerichtet ist. Heute ist Europa ein von neoliberalem Wettbewerbsdenken durchdrungenes Gebilde, das aufgrund der Ungerechtigkeit in seinem Inneren zu zerbrechen droht. Das will Lorenzo ändern, und deswegen ist er natürlich europakritisch — im besten Sinne des Wortes. Den Brexit bewertet Lorenzo anders als viele Europafreunde, aber man kann auch seine Sicht nachvollziehen: Er sieht ihn als positive Sache, weil er sagt, dass die britischen Regierungen all die Jahre lang Europa als Projekt eigentlich immer nur gelähmt und geschwächt haben. Wenn sie erstmal weg sind, wird man besser vorwärts gehen können.

Luigi di Maio dagegen hat durchaus sonderbare Dinge zum Brexit gesagt. Und es muss wohl in der Vergangenheit auch andere widersprüchliche Äußerungen aus den Reihen der „5 Sterne“ zu Europa gegeben haben. Aber bei der Vorstellung des potenziellen Kabinetts am 1.3. in Rom haben sämtliche Kandidaten, die in einer Regierung in irgendeiner Weise mit Außenpolitik oder Europa zu tun hätten, klare Bekenntnisse für Europa abgegeben. Aus all diesem entnehme ich, dass wir mit einer 5-Sterne-Regierung keine zusätzliche Sorge um Europa haben müssten — im Gegenteil, wir können uns spannende Impulse erhoffen. In der Financial Times beschrieb Lorenzo den Plan der 5 Sterne für Europa kürzlich jedenfalls so:

Our ambition is to reconnect the EU with its founding values of solidarity, sustainability and peace. Far from being isolationists, we strive for an interconnected Europe truly capable of promoting the wellbeing of its citizens and the rest of the world.

Ein weiterer Punkt ist das Thema Flüchtlinge. Dazu fallen mir zwei Dinge ein. Zum einen darf man sich vielleicht nicht wundern, wenn in einem Land wie Italien — das von Europa mit seinen daher stammenden Problemen derart allein gelassen wird — fremdenfeindliche Empfindungen wachsen. Wir reden hierzulande über „besorgte Bürger“ — wie wäre die „Besorgungs“-Lage wohl erst, wenn unser Land ringsum von Wasser umgeben wäre, auf dem die Schlauchboote aus Nordafrika direkt bis an unsere Grenzen kommen? Dass die widerliche Lega vor diesem Hintergrund mit 17,4% auch „nur“ 4,8% mehr geholt hat als die ebenso widerliche AfD bei uns, finde ich da fast schon verständlich. Zum anderen muss man allerdings auch sagen, dass die Italiener sich mit ihrem Faschismus nicht ansatzweise so auseinandergesetzt haben, wie wir das in Deutschland in vielen Teilen mit dem Nationalsozialismus getan haben. Und wohl auch deswegen ist es leider im ganzen Land — quer durch alle politischen Strömungen — noch immer salonfähiger als hier, fremdenfeindliche Äußerungen zu tätigen.

Was sagt Lorenzo dazu? Er gab uns gegenüber immer wieder ein extrem klares Bekenntnis dazu ab, dass Italien ein offenes Land sein muss, in dem Menschen, denen es anderswo schlechter geht, eine Zuflucht finden und willkommen sind. Aber er sagt ebenso, dass das erst geht, wenn das Land sich vom Wachstumsmantra verabschiedet und stattdessen den Weg zu einer Wellbeing Economy geht.

Was ist daher nun mein vorläufiges Fazit? Ich habe in Lorenzo eine Woche lang einen höchst progressiven Menschen erlebt, der Positionen vertritt, die einer ernsthaft modernen und zeitgemäßen SPD wahrlich gut zu Gesicht stünden. Das ist auch mit ein Grund dafür, warum ich diesen Film machen muss. Weil Deutschland die politischen Ideen ausgegangen sind, und weil wir uns dringend an denen orientieren müssen, die wieder welche haben. Aber es kann natürlich sein, dass Lorenzo letzten Endes mit seiner Haltung nicht typisch oder beispielhaft ist für den Regierungsstil, den wir schließlich von einer 5-Sterne-Regierung in der Realität erleben werden. Das bleibt abzuwarten — und auch, wie Lorenzo darauf dann selbst reagieren wird. Allein die Art der italienischen Regierungsbildung in den kommenden Wochen wird uns dazu einiges sagen können.

Wir werden in jedem Fall an der Sache dran bleiben, denn unsere dokumentarische Arbeit hat grade erst begonnen, und Lorenzos Erlebnisse in der italienischen Politiklandschaft sollen ein zentraler Teil der Geschichte werden, die wir erzählen wollen.

Und wer noch ein wenig mehr dazu lesen will, wie arrogant und wenig kenntnisreich die deutschen Medien das Politikgeschehen in Italien kommentieren, der sollte mal bei Petra Reski vorbeischauen — sie hat deutlich mehr Ahnung als ich, und bei ihr klingt das alles erstaunlich ähnlich:

Der Unterschied zwischen den Fünfsternen und den anderen italienischen Parteien besteht darin, dass Korruption oder die Nähe zur Mafia für sie kein Empfehlungsschreiben ist. Mag banal klingen. Ist aber revolutionär.

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Das Foto von Beppe Grillo über dem Artikel ist ein Screenshot aus einer Aufnahme meines Kameramanns und Kollegen Nick Scholey, der bei der großen Wahlkampfabschlussveranstaltung der „5 Sterne“ im Herzen Roms das Geschehen direkt von der Bühne filmen konnte.

 

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