Der doppelte Stoß, den der Neoliberalismus dem Umweltschutz verpasst hat.

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Beim Nachdenken über die dringende ökologische Erneuerung unserer Welt ist mir jetzt aufgefallen, dass ich dabei immer wieder auf derselben Hürde auflaufe: Wie wollen wir denn bitte bei denen, die in den letzten Jahren und Jahrzehnten ohnehin schon unter Verzicht oder sozialer Spaltung leiden mussten, wieder um Verzicht bitten?

Das ist nicht sozial, und das wird so nicht gehen.

Das, was wir jetzt in unserem Alltag ändern müssen, kostet Geld. Auf Elektromobilität umzustellen kostet Geld. Regenerativen Strom zu kaufen ist teurer. Eine nachhaltigere Ernährung und eine Landwirtschaft zu organisieren, die uns auf lange Frist versorgen und unsere Ökosysteme schützen kann, erhöht die Preise im Supermarkt. CO2-Kompensation für die Billig-Flüge nach Mallorca oder Sydney macht Reisen unerschwinglicher. Und so weiter und so fort.

Hätten wir uns in den letzten dreißig Jahren mit aller Macht darum bemüht, unsere Gesellschaften zusammen zu halten, Solidarität zu üben, auf den verpflichtenden Charakter des Eigentums zu pochen und letztlich im Angesicht der Globalisierung für ein echtes solidarisches Europa zu sorgen, wo jede und jeder das Gefühl hat, nicht allein gelassen zu werden, dann könnten wir jetzt die ökologische Wende gemeinsam und mit aller Macht vorantreiben. Aber genau diesen Weg haben wir uns verbaut. In meinem langen Text zu den großen Problemen unserer Zeit habe ich ausführlich beschrieben, wie unsere Gesellschaften durch eine einseitige Sicht auf das Funktionieren von Volkswirtschaften in die soziale Ungerechtigkeit gesteuert sind. Zentral war dafür, dass die Politik immer stärker von einer neoliberalen Weltsicht bestimmt wurde und wird, die schließlich an allen Schaltstellen finanzieller und politischer Macht immer häufiger Entscheidungen zugunsten immer größeren Reichtums für immer weniger Menschen ganz am obersten Ende der Einkommensskala getroffen hat. Basierend auf einer Mentalität, die natürlich in den USA ihre extremsten Züge angenommen hat, die aber auch bei uns viel Politik bestimmt hat:

Und so haben der Neoliberalismus und die Gier-ist-geil-Mentalität — mit der Behauptung, dass nur damit allein der Wohlstand der Menschheit vorangebracht werden kann — dem Erhalt unserer Lebensgrundlage auf doppelte Weise einen enormen Schaden zugefügt:

An erster Stelle dadurch, dass damit einer Wirtschaftspolitik das Wort geredet wurde, die ein hemmungsloses Ausbeuten unseres Planeten nicht verhindert, sondern quasi zum Staatsziel erklärt hat. Und an zweiter Stelle dadurch, dass man außerdem so viel soziale Ungerechtigkeit geschaffen hat, dass die notwendige kostspielige Kurskorrektur heute doppelt schwierig wird.

Die einzige gute Nachricht bei all dem ist, dass diejenigen, die am meisten an ihrem Leben ändern müssen, auch diejenigen sind, die mehr Geld haben. Wer derzeit viel fliegt, das große Auto fährt, das große Haus hat, das viele Geld beim Shopping lässt, den größten Konsum von Dingen ebenso wie von Erlebnissen produziert, kann auch am meisten durch eine Veränderung seines Lebens bewirken. Und genau deshalb hat es wenig Sinn, den Umweltschutz dort vorantreiben zu wollen, wo es den Menschen ohnehin nicht gut geht. Wir können heute nicht mit Vorstellungen von nachhaltiger Lebensweise und CO2-Reduzierung in Plattenbausiedlungen in Thüringen gehen, oder zu den Leuten, die grade bei Siemens ihre Jobs verlieren. Wer wenig Geld hat, der stößt auch weniger CO2 aus.

Dennoch: der Doppelschlag des Neoliberalismus gegen unser aller Lebensgrundlage — er erstaunt mich immer wieder in seiner eklatanten Ungerechtigkeit.

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