Ein Jahr Experiment „Kaffee & Kapital“: die drei großen Probleme unserer Zeit.

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Heute wird dieses Blog ein Jahr alt — am 30. November letzten Jahres habe ich das erste Posting veröffentlicht. Und am 1. Dezember habe ich es auf Facebook & Co. geteilt.

Jetzt ist Zeit, Bilanz zu ziehen und eine neue Phase dieses Blogs zu beginnen.

Ich bin Ende 2016 mit diesem Blog angetreten, um mir selbst und anderen das große Unbehagen verständlicher zu machen, das immer mehr Menschen zu empfinden scheinen, wenn sie über den Zustand unserer Welt nachdenken und die politischen Ereignisse beobachten. Mir reichte undeutliches Unbehagen nicht aus, deswegen habe ich meine freie Zeit (in einer Ruhephase, die ich mir nach dem Ausscheiden aus meinem letzten Job Ende Februar 2016 gegönnt habe) nutzen wollen, um besser zu verstehen, was eigentlich falsch läuft in der Welt.

Ich glaube, das ist mir gelungen. Zumindest habe ich jetzt eine Vorstellung davon, welche grundlegenden Entwicklungen für viel Unbehagen verantwortlich sind.

Vielleicht gelang mir dieser Erkenntnisprozess auf anderen Wegen, als ich ursprünglich vorgehabt hatte. Das Lesen vieler Bücher hat leider eine weniger wichtige Rolle gespielt als ich mir eigentlich gewünscht hätte. Gespräche mit vielen Menschen und die Arbeit an politischen Projekten eine größere. Nicht alle Gedankenprozesse habe ich hier so abbilden können, wie ich mir das gewünscht hätte. Grade in der zweiten Jahreshälfte ist das Blog vor allem auch wegen der Arbeit an unserer Show vollehalle viel zu kurz gekommen. Aber das Ziel, bei mir selbst mehr Klarheit über die eigentlichen Probleme zu schaffen, habe ich erreicht. Zumindest ist das mein Eindruck. Ich bin — in Bezug auf meinen Blick auf die Welt und mein Verständnis von politischen Zusammenhängen — ein völlig anderer Mensch als vor einem Jahr. Damals dachte ich noch, dass die Systeme grundsätzlich in Ordnung und eher ein paar Kurskorrekturen nötig sind, um einige Probleme zu beheben. Das ist vorbei. Ich weiß heute, dass im globalen Kontext unsere wirtschaftlichen Systeme wirklich nicht mehr funktionieren — in derartiger Weise, dass sie mittelfristig unser aller Existenz bedrohen.

Folgend will ich meine Erkenntnisse so knapp wie möglich zusammenfassen, indem ich die aus meiner Sicht zentralen drei Probleme schildere, und dann möchte ich ein paar Gedanken dazu formulieren, was das für dieses Blog und für meine weitere Arbeit bedeutet.

Das erste große Problem unserer heutigen Welt
Seit den späten 70er und frühen 80er Jahren hat sich weltweit eine ökonomische Denkrichtung durchgesetzt, die bis dahin lange Jahre im Verborgenen hatte wirken müssen — das, was wir heute als neoliberale Wirtschaftspolitik und vielerorts als wirtschaftswissenschaftlichen Mainstream kennen, war jahrzehntelang eine Randerscheinung der Wirtschaftswissenschaften gewesen, von wenigen Vordenkern in der Gemeinschaft der Mont Pèlerin Society erdacht und geplant. Diese Denkschule hatte zwar in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts Einfluss gehabt und für einen sehr freien Kapitalismus gestritten, nach dem zweiten Weltkrieg in der westlichen Welt aber lange Jahre kein Gehör mehr finden können. Anstelle dessen wurde auf aktive Wirtschaftspolitik durch Regierungen und einen durch die Politik gebändigten Kapitalismus gesetzt — einerseits wohl, um eine Antwort auf die Zerstörung durch den Krieg zu geben, um soziale Ruhe zu schaffen und den Wiederaufbau hinzubekommen, andererseits als Reaktion auf die sowjetische „Lösung“ mit ihrer (zumindest idealtypisch) klassenlosen Gesellschaft, in der die Menschen zwar unfrei waren, aber garantiert Arbeit und Auskommen hatten. Mit den Jahren und dem Nachkriegswirtschaftswachstum wurde der Krieg dann langsam, aber sicher Geschichte. Die Sowjetunion schien immer weniger eine echte Alternative zu sein. Und in Großbritannien kamen Margaret Thatcher und in den USA Ronald Reagan an die Macht, während in manchen westlichen Ländern die Gewerkschaften und Arbeiterbewegungen erste Wohlstandsverkrustungen und -verstarrungen zu zeigen schienen. Zu dieser Zeit schlug wieder die Stunde der Wirtschaftsliberalen. Sie begannen, sich mit ihren Thesen von Flexibilisierung, Deregulierung, Heraushalten des Staates aus der Wirtschaft und Steuererleichterungen für das Kapital immer weiter durchzusetzen und strategisch entscheidende Positionen auf der ganzen Welt zu besetzen. (Am 7.11. gab es eine sehenswerte Zusammenfassung zur Mont Pèlerin Society bei „Die Anstalt“ zu sehen.)

Das Zerbrechen der dualen Weltordnung aus Ost und West sorgte dann wenige Jahre später dafür, dass diese Sicht auf die Welt noch stärker legitimiert erschien. Einer wirtschaftsliberalen Ideologie konnte kein zumindest politisch mächtiges Modell mehr gegenüber gestellt werden; der Kapitalismus hatte den Kampf gewonnen. Ich erinnere mich noch, wie mein Vater — ein Sozialdemokrat — in einem nachdenklichen Moment einige Monate nach dem Fall der Mauer zu mir sagte: „Wollen wir mal hoffen, dass der Kapitalismus jetzt nicht über Tisch und Bänke geht.“ Wie sich zeigen sollte, hat sich die Hoffnung meines Vaters nicht erfüllt. Endgültig durchgesetzt hat sich die neoliberale Politik dann nämlich, als auch im bis dahin linken politischen Spektrum diese Ideen als modern und mit sozialdemokratischer Politik vereinbar angesehen wurden. Vielmehr: In einer sich immer stärker globalisierenden Welt wurde das radikale Erhalten oder Erzeugen wirtschaftlicher Konkurrenzfähigkeit zwischen Staaten (und nicht mehr allein zwischen Firmen) zum einzig möglichen Weg für den Erhalt von Arbeitsplätzen angesehen, und Erhalt von Arbeitsplätzen war ja immer Kernaufgabe der Arbeiterpartei SPD gewesen — nun aber eben mit der zwingenden Folge, dass die Qualität dieser Arbeitsplätze ebenso unter Druck geriet wie diejenigen, die auf diese Arbeitsplätze angewiesen waren. Ein Meilenstein dafür war das Schröder-Blair-Papier und die Politik dieser beiden Regierungschefs in Europa (Hartz IV) sowie die Präsidentschaft Bill Clintons in den USA („It’s the economy, stupid.“).

Dass konservative und unternehmerfreundliche Parteien in ihrer Klientelpolitik etwas für die Unternehmen tun und die Verhandlungsposition von Arbeitern schwächen wollten, war nachvollziehbar und auch verständlich. In dem Moment aber, in dem Parteien und Politiker, die eigentlich die Gegenseite vertraten, einer ähnlichen Denkweise anzuhängen begannen, war wohl die Schlacht um sozialen Ausgleich und um Fragen von Gerechtigkeit und Verteilung für die Arbeiterseite verloren. Mehr noch: Es gelang den Anhängern einer marktliberalen Weltsicht, bei vielen Menschen langsam, aber sicher die Vorstellung durchzusetzen, dass ihre Sicht auf die Welt gar keine Ideologie sei oder eine Haltung, oder gar ein Satz an moralischen Vorstellungen — vielmehr beschreibe sie „marktwirtschaftliche Naturgesetze“. Und sich gegen diese aufzulehnen, wäre schlicht töricht. Ein Denkgefängnis, in dem die SPD offenbar bis heute gefangen bleibt.

Der einzige alternative Weg wäre wohl gewesen, Europa gemeinsam zu einer Art Bastion echter sozialdemokratischer Wirtschafts- und Sozialpolitik auszubauen, damit der Zusammenhalt in Europa gewahrt bleibt, der Binnenmarkt für die nötige wirtschaftliche Nachfrage sorgen kann und zugleich die Menschen handfest erleben, dass sie in Europa Solidarität und Zusammenhalt im Angesicht einer globalisierten Welt genießen können. Dafür aber wäre eine intensive Zusammenarbeit zwischen den damals noch starken sozialdemokratischen Regierungen und Parteien quer durch Europa und ihr Kampf gegen die Mont-Pèlegrin-Vertreter notwendig geworden. Aber daran waren Schröder und Co. wohl weniger interessiert als ihre Vorgänger, und bald war es dafür auch zu spät — die neoliberale Schule fand immer stärker Berücksichtigung bei der Entwicklung der Architektur Europas, so dass der Markt schließlich das einzige war, was übergreifend und in allen Ländern entstand, während die anderen entscheidenden Politikfelder national und damit im europäischen Kontext schwach und fragmentiert blieben: die Steuer-, die Sozial- und ebenso die Wirtschaftspolitik.

Das Mantra allen Wirtschaftens nach dem kapitalistischen Paradigma ist dabei: Wachstum. Die Wirtschaft muss wachsen, denn allein Wachstum bringt uns voran. Die kapitalistische Investorin erwartet, dass ihre Anlagen mit der Zeit im Wert steigen, sie braucht das Wachstum, denn sie verdient ihr Geld durch Abwarten. Die Arbeiterin braucht Wachstum, weil innerhalb der kapitalistischen Logik nur dann immer genug Arbeit für alle da ist, wenn diejenige, die ihren Job durch einen Effizienzvorsprung heute verliert, morgen einen neuen findet, weil es Bedarf an mehr und an Neuem gibt. Aus diesem Grund gibt es ein fast globales Einvernehmen darüber, dass für Arbeiter wie für Investoren Wachstum unabdingbar ist und dass (mehr) Konsum uns alle glücklicher macht. Und je stärker die Macht derer wird, die ihr Geld mit Investitionen statt mit ihrer Hände Arbeit verdienen, desto lauter wird zudem natürlich der Ruf nach Wachstum.

Nun können wir heute erleben, dass das ungebremste Einfordern von Wachstum unsere Gesellschaften an ihre Grenzen treibt. Wenn naheliegende Potenziale für Wachstum von den Firmen ausgeschöpft sind, müssen neue her. Das führt dann dazu, dass Bereiche des Lebens, die bisher nicht im Zugriff privater Unternehmen waren, nach und nach für diese freigegeben werden — die Privatisierung breitet sich immer weiter aus: „Liebe Politik, wir können leider nur durch Wachstum neue Arbeitsplätze schaffen, also muss als nächstes der und der und jener Bereich des öffentlichen Lebens privatisiert werden — wie sollen wir sonst wachsen?“ Es ist eine Spirale ohne Ende.

Wenn aber derartige neue Wachstumsquellen so schnell nicht gefunden oder der Öffentlichkeit entrissen werden können, dann kommt das Wachstum eben nicht beim Umsatz zustande, sondern bei den Gewinnen. Das gelingt, wenn man im Unternehmen bei gleichem Umsatz Kosten senken kann, und Kosten senkt man fast immer dadurch, dass man die Kosten für Arbeit drückt. Dank künstlicher Intelligenz soll diese Entwicklung — vor allem, wenn es nach den Lenkern des Silicon Valley geht — schließlich so weit voranschreiten, dass die normale Bevölkerung ein Grundeinkommen bekommen muss, weil es irgendwann aufgrund des Wachstumsdiktats überhaupt keine Jobs mehr für Menschen geben wird. Sie sind schlicht zu teuer, die Arbeit müssen Roboter übernehmen. Da man aber weiter Kunden braucht, sollen die Menschen weiter in der Konsumlogik gehalten werden, nur bitte zu minimalen Kosten, weshalb die Forderung nach einem Grundeinkommen durch Unternehmer so perfide ist. Sie kommt einem kompletten Abschied der Unternehmen aus jedweder sozialen Verantwortung gleich.

Das Ergebnis? Immer größere Teile des Staatswesens müssen in private Hände, immer weniger dieser Hände kontrollieren immer größere Summen, immer weiter geht die Ausdehnung des Kapitalismus. Die großen Liberalisierungen des globalen Finanzsektors, die offenbar auf die außerordentlich Wall-Street-freundliche Politik gerade von Bill Clinton zurückgeht, hat dann zugleich dazu geführt, dass sich die Bankenwelt in eine komplett eigene Sphäre hat abheben können, wo Geld zunächst selbst erzeugt und dann damit komplett nach eigenen Regeln gespielt wird, die unantastbar sein müssen, solange alles „gut läuft“. Sobald ein Crash passiert, muss die globale Volkswirtschaft die Probleme lösen helfen und die Last bei den Armen abladen, damit die Banker danach weiter in ihrer Traumwelt aus Derivaten und Milliarden hantieren können, bis der nächste Crash kommt — der wieder alle anderen verarmen lässt, nur die nicht, die ihn angerichtet haben. Und als krönender Abschluss kommt das Internet hinzu und die Macht der globalen Digitalisierung. Sie spült wenigen Mächtigen im Silicon Valley ein bislang ungeahntes Maß an Kontrolle zu, das sich nicht allein in Geldmitteln ausdrückt, sondern auch darin, die Kommunikation und den Handel zwischen Milliarden von Menschen weltweit steuern zu können. Unvorstellbar in ihrem Ausmaß, undenkbar in ihrer Zerstörungskraft. Was diese Macht gekoppelt mit einer immer potenteren künstlichen Intelligenz erst wird bewirken können, entzieht sich bislang noch meiner Vorstellungskraft.

Das Absurde an all diesem ist jedoch, dass mittlerweile klar ist, dass viele Kernthesen der neoliberalen Ökonomik zwar auf dem Papier gut aussehen, sich in der echten Welt aber immer wieder als falsch erwiesen haben. In den ersten Jahren wurde beispielweise die Idee, dass mehr Reichtum bei den Reichen auch den Rest der Bevölkerung besser stellt, noch als „Trickle-Down“-Effekt propagiert — wer mehr hat, gibt mehr aus, dadurch kommen auch andere zu einem besserem Leben. Davon ist schon lange keine Rede mehr, die These hat sich als falsch herausgestellt. Dann zeigt sich, dass das Wirtschaftswachstum in vielen Ländern keine oder kaum neue Jobs schaffen kann. Der Freihandel verwüstet unterentwickelte Volkswirtschaften, anstatt sie gedeihen zu lassen. Und dass Märkte sich effizient selbst regulieren könnten, sobald man sie möglichst frei agieren lässt, ist spätestens mit der Finanzkrise 2008/2009 ad absurdum geführt worden. In einem denkwürdigen Stück Fernsehgeschichte kann man sehen, wie Alan Greenspan öffentlich zugibt, dass seine Modelle offenbar falsch waren. Größere Regulierungen der Finanzmärkte sind aber letztlich vom Tisch bzw. werden in den USA unter Donald Trump gerade wieder zurückgedreht.

Das heißt: Viele Thesen der neoliberalen Schule haben sich als falsch entpuppt, es gibt bergeweise Literatur dazu. Dennoch dominiert sie weiter die Politik und die globale Wirtschaft. Denn mittlerweile ist die Macht der wenigen, die von diesen Ideen profitieren, so groß, dass sie keine sachlich-inhaltliche Legitimation mehr brauchen. Und wie gesagt: Wir haben ja alle längst die These inhaliert, dass es sich dabei gar nicht um Moralvorstellungen und persönliche Wertvorstellungen handelt, sondern um eine Art Naturgesetze. Dabei gibt es auch noch ganz andere Schulen der Volkswirtschaft, die echte Antworten haben und die manche globalen Probleme lösen können. Nur bekommen sie kaum Aufmerksamkeit, sind an den Rand gedrängt.

Problem 1: Die Herren der Wirtschaft kontrollieren die Welt und scheuen die Verantwortung
Die Wirtschaft in unserer globalen Welt hat sich durch diese Entwicklungen aus ihrer Rolle als Teil ihrer Gesellschaften, denen sie früher gedient hat, herausgelöst und ist zu einer Instanz geworden, die so gut wie alle Gesellschaften kontrolliert. Das ist bemerkenswert. Denn Wirtschaft — oder: das Wirtschaften — war einst nichts anderes als die Frage danach, wie wir untereinander Resourcen verteilen und uns ernähren — im sozialen Austausch. Sie beschrieb also Prozesse, die integraler Bestandteil der Gesellschaften sind, in denen wir leben. Heute dagegen nimmt die Wirtschaft für sich in Anspruch, eine eigene Sphäre zu sein, der jeder einzelne von uns dienen muss — und nicht mehr umgekehrt.

Damit sind diejenigen, die die Wirtschaft kontrollieren, zu den Herrschern über die Welt geworden. Nicht mehr demokratisch legitimiert, besitzen sie ihren Einfluss aufgrund ihrer häufig unvorstellbaren Finanzmittel, mit denen sie durch Investitionsentscheidungen mehr Macht ausüben können als die meisten Politiker. Und in Form des Silicon Valley übernehmen sie nun auch noch die Kontrolle über die globale Kommunikationsinfrastruktur. Zugleich, und das ist vielleicht das eigentliche Problem, scheint sich der Gedanke weltweit durchgesetzt zu haben, dass Reichtum ein Ziel für sich allein ist und nie groß genug sein kann. Es scheint kein anderes zentrales Ziel, keine andere zentrale Aufgabe zu geben. Dank der Panama- und Paradise-Papers wissen wir, dass die Superreichen sich daher auch mit allen Mitteln der Besteuerung entziehen und damit keinerlei Veranwortung mehr gegenüber den Gesellschaften übernehmen, aus denen sie stammen und die sie reich gemacht haben. Ich selbst kenne keine Milliardäre, ich kann sie also nicht fragen, warum aus einem 3 Milliarden-Vermögen möglichst 5 und dann 12 Milliarden werden müssen, aber dass das so ist, scheint in diesen Kreisen offenbar unstrittig zu sein. In das Grundgesetz war noch „Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen.“ hineingeschrieben worden. Aber was bleibt davon heute wirklich übrig? Wäre ein Teil der neoliberalen Doktrin, dass unvorstellbar großer Reichtum erst angehäuft und dann aber auch fair und bewusst unter denen verteilt werden soll, die weniger haben, dann hätten wir vielleicht ein viel weniger großes Problem. Dann wäre Steuerzahlen womöglich ebenso anerkannt wie Geldverdienen. Aber Teil dieser Lehre ist auch, dass keine Regierung und keine Demokratie mit Geld umgehen kann — man muss es ihnen deshalb möglichst vorenthalten. Demgegenüber ist die Gier selbst etwas Gutes, weil private Gier offenbar auf magische Art — irgendwie — auch dem Rest der Bevölkerung zugute kommt. Das war das Mantra Milton Friedmans, das Oliver Stone 1987 seinem Charakter Gordon Gekko in den Mund legte:

Das große Unbehagen, das aus diesem Problem herrührt, kann man vielleicht so beschreiben: In unserer globalisierten Welt des Totalkapitalismus geht dem einzelnen komplett das Gefühl verloren, dass die Sache im Großen und Ganzen noch mit rechten Dingen und mit Fairness zugeht. Die Verbindung zwischen harter Arbeit und gutem Lohn, das Gefühl, dass demokratische Prozesse und politische Entscheidungen nachvollziehbar zusammen gehören, und die Anerkenntnis, dass Recht und Gesetz für alle auf gleiche Weise gelten, geht selbst in unserer Gesellschaft hierzulande langsam, aber sicher verloren. Stattdessen wird immer deutlicher:

Sehr wenige haben fast das ganze Geld.
Dieses Geld ist die Macht.
Und danach kommt ganz lange nichts.

Das zweite große Problem unserer Welt
Für diesen Teil brauche ich deutlich weniger Worte als für den vorherigen. Denn das Problem lässt sich leicht beschreiben: Wir sind derzeit mit voller Wucht dabei, diesen Planeten für Menschen mittelfristig unbewohnbar zu machen, und kurzfristig die Lebensbedingungen so zu verändern, dass das Zusammenleben der Menschen immer schwieriger, anstrengender und gefährlicher wird. Der Ressourcenverbrauch, den wir erzeugen, ist deutlich höher als das, was die Erde verkraften kann, und unsere wirtschaftlichen Systeme sind nicht ansatzweise dafür eingerichtet, den Schaden, der an unserer Welt erzeugt wird, denjenigen in Rechnung zu stellen, die ihn auslösen.

Am einfachsten und besten kann man das am Klimawandel deutlich machen: Ein/e durchschnittliche/r MitteleuropäerIn erzeugt im Alltag grade durch das Verbrennen von fossilen Brennstoffen einen Schaden, der ihm oder ihr nirgendwo in Rechnung gestellt wird. In Form von Klimaveränderungen beeinträchtigt dieser Schaden aber bereits heute die Lebensbedingungen von Menschen in anderen Teilen der Welt — dort, wo der CO2-Ausstoß pro Person deutlich geringer ist als bei uns. Zugleich sorgt dieser CO2-Ausstoß auf für uns noch unmerkliche Weise dafür, dass langfristig die Lebensgrundlage für alle künftigen Menschen auf der Erde in Gefahr gerät. Jeder verbrannte Liter Benzin, jede Kohlestromwattstunde sind ein Axthieb am Baumstamm der Generationengerechtigkeit. Und wir scheinen nur sehr langsam, viel zu langsam, in der Lage zu sein, aus diesem Ressourcenwahn ausbrechen zu können.

Und der Klimawandel ist natürlich bei weitem nicht der einzige Schaden an der Welt, den wir auf immer heftigere Weise anrichten. Das Insektensterben, der Zustand der Weltmeere, der Raubbau an den großen Regen- und anderen Wäldern, das Artensterben — wohin man schaut, der Mensch ist hektisch damit beschäftigt, das Ökosystem zu zerstören, zu dem wir selbst gehören. Im ersten Film der Matrix-Reihe hat Agent Smith das sehr überzeugend beschrieben:

Und das benennt das zweite Problem, das zum großen Unbehagen führt.

Problem 2: Wir wissen um den Katastrophenkurs — und fühlen uns doch machtlos
Viele Menschen wissen, dass es nicht so weitergehen kann und darf. Und doch fühlen sie sich machtlos, mittels eigenen Handelns etwas daran ändern zu können, wie die Dinge derzeit laufen. Das hat mit einem fatalen Mix aus Bequemlichkeit, Nostalgie, wirtschaftlichem und gesellschaftlichem Druck und der Einsicht zu tun, dass der einzelne im großen Kontext einer komplexen interdependenten Welt eben für sich allein eigentlich nichts bewirken kann. Und kaum jemand hat — gefangen im Kampf des globalen Kapitalismus — noch die Muße und Zeit, sich darum zu kümmern, eine echte Bewegung zu schaffen, die sich geeint der Zerstörung entgegenstellt. Vielmehr werden diejenigen, die das vielleicht versuchen, auf aggressive Weise als Verbotspartei gebrandmarkt. Denn die Kehrseite desselben Problems ist ja: Diejenigen, die heute ohnehin schon verängstigt dagegen ankämpfen, den sozialen und Wohlstands-Anschluss zu verlieren, sehen natürlich in keinster Weise ein, warum sie sich nun auch noch die wenigen liebgewonnene Gewohnheiten, die sie sich noch grade leisten können, abgewöhnen sollen: ein Auto als Symbol von Freiheit, ein Stück Fleisch als Symbol für gutes Essen, einen Billigflug in den Urlaub als Symbol für gutes Leben. Wo doch andere so viel mehr haben, sich leisten, sich gönnen. Mein vollehalle-Kollege Kai Schächtele hat das gestern in eine schöne Metapher verpackt:

Man kann ja auch niemanden ernsthaft bitten, die Wäsche reinzuholen, weil sie die Fenster anderer Mieter verdunkelt, wenn acht Stockwerke darüber die Penthouse-Markise die Sonne verdeckt. Vielmehr: Man kann schon, man braucht nur nicht darauf zu hoffen, dass die Angesprochenen verständnisvoll reagieren.

Dabei ist es bei vielen sicher so, dass diese Gedanken gar nicht unbedingt täglich an der mentalen Oberfläche schwimmen. Aber die vielen Artikel und Texte zum Klimawandel und zu anderen Katastrophen und zu unserer Schuld daran bleiben nicht folgenlos — selbst wenn sie sich vielleicht eher im Unterbewusstsein verfangen, im sich auflösenden Grundvertrauen darin, dass wir noch in einer grundsätzlich funktionierenden Welt leben.

Auch so entsteht Unbehagen.

Das dritte große Problem unserer Welt
Wer denkt, dass die beiden beschriebenen Themen schon schwierig genug seien, der sollte sich jetzt erst richtig anschnallen: Wenn wir das erste Problem (sich zersetzende soziale Kohäsion in den Gesellschaften aufgrund der sozialen Ungleichheit und aufgrund des Fokusses auf Konkurrenzkampf und Kapitalismus plus verschwindende demokratische Legitimierung vieler politischer Entscheidungen, weil sie nur noch für „die Wirtschaft“ oder „den Markt“ und nicht mehr für die Menschen getroffen werden) und das zweite Problem (den Umstand, dass unsere aktuelle Lebensweise den Planeten zerstört) aufeinander prallen lassen, entsteht das eigentliche überragende dritte Problem.

Ich habe selbst Anteile an einem Unternehmen besessen, in dem ich auch gearbeitet habe und in dem ich Führungsverantwortung hatte. Ich weiß, wie sich das Hoffen auf, das Bangen um, das Erstreben von Wachstum in den Unternehmen anfühlt. Und dieses Streben macht keinerlei Halt vor der Erkenntnis, dass auf diesem endlichen Planeten kein unendliches Wachstum möglich sein kann. Wer von nachhaltigem Wachstum auf der Ebene von ganzen Volkswirtschaften spricht, weiß nicht, wovon er oder sie redet. Wie oben schon im gesellschaftlichen Kontext anhand der Privatisierungen beschrieben: Die Wachstumslogik ist nicht nachhaltig organisierbar, sie hört nie auf, sie kann die Grenzen des Planeten niemals anerkennen. Sie ist ein blindes Raubtier, das verschlingt, was es zwischen die Klauen bekommt. Die unhinterfragte blinde Forderung nach Wachstum in fast jeder Volkswirtschaft der Erde ist vermutlich der mächtigste und größte Feind des Wandels, der unsere Gesellschaften und den Planeten retten könnte.

Eine ernsthafte politische Auseinandersetzung mit den wirklichen Zuständen würde dabei diejenigen, die von der aktuellen Situation profitieren, zwingen, ihre eigene Haltung und vor allem ihren eigenen Reichtum in Frage zu stellen. Das aber liefe allen Doktrinen und Narrativen der letzten 30 Jahre zu Reichtum, Kapitalismus und Gier zuwider. Und so gibt es nur einen Ausweg: Anstatt die eigentlichen Ursachen anzuerkennen und gemeinsam einen Weg einzuschlagen, der zu einem nachhaltigeren fairen Wirtschaftssystem und einer gerechteren Welt führt, wird ein Sündenbock gesucht. Im Nachgang von 9/11 steht er auf perfekte Weise zur Verfügung: der dunkelhäutige Einwanderer und/oder Flüchtling, idealerweise mit islamischem Hintergrund, der uns etwas wegnehmen will — die Identität, den Beruf, die Freiheit, das Leben.

Es ist alles andere als Zufall, dass die Bedrohungsnarrative zu Flüchtlingen und Migranten gerade immer und immer wieder von jenen Parteien und Politikern verbreitet werden, die zugleich eine neoliberale Agenda verfolgen. Donald Trump ist die absurd übersteigerte Karrikatur eines milliardenschweren Wirtschaftbosses, der ein Kabinett aus Bankern und anderen Milliardären bildet und in seiner Polemik auf alle möglichen Feinde einschlägt, dabei am meisten auf Ausländer/Fremde/Zuwanderer/Dunkelhäutige, aber komplett blind ist auf dem Auge, das sehen könnte, wo eigentlich das Problem liegt. Mit der AfD in Deutschland ist es identisch — die Partei ist zugleich so wirtschaftsliberal wie sie fremdenfeindlich ist. Das heißt: Trump und AfD sind aus meiner Sicht Ausdruck des letzten Abwehrkampfes eines ins Taumeln geratenden Extrem-Kapitalismus, der wohl tief im Inneren weiß, dass es nicht weitergehen kann wie bisher, der aber wegen radikal übersteigerten Besitzstandswahrertums lieber den Planeten und die Gesellschaften vor die Hunde gehen lässt, als selbst Verzicht zu üben und Mäßigung, Ausgleich und Versöhnung auf einer endlichen Welt anzustreben.

Problem 3: Die wahrhaft Mächtigen wollen nichts so wenig wie eine nachhaltige Wirtschaft
Und das ist vielleicht der in der Kombination entstehende dritte Grund für Unbehagen — diejenigen, die wirklich Einfluss auf der Welt haben, sind diejenigen, die von der Ausbeutung der Erde und den Gesellschaften am meisten profitieren, und daher keinerlei Interesse haben, unsere Lebensweise und unsere Art des Wirtschaftens in Frage zu stellen.

Zusammenfassung
Das ist also mein Ergebnis nach einem Jahr Kaffee & Kapital:

  1. Die Herren der Wirtschaft kontrollieren die Welt und scheuen die Verantwortung, demokratisch legitimierte Regierungen folgen letztlich immer willfähriger ihren Weisungen.
  2. Wir alle wissen um den ökologischen Katastrophenkurs — und fühlen uns doch machtlos.
  3. Die wahrhaft Mächtigen wollen nichts so wenig wie eine nachhaltige Wirtschaft.

Nun gibt es sicherlich genug Kapitalismuskritiker, die diese drei Punkte sehen und sagen würden: „Na herzlichen Glückwunsch, Oetting, das sind ja bahnbrechende Neuigkeiten.“

Natürlich sind sie das nicht.

Aber man muss sich in Erinnerung führen, wo ich herkomme. Ich habe fast zwei Jahrzehnte lang genau diesem System das Wasser getragen und kritiklos geglaubt, dass Wirtschaftswachstum, Kapitalismus, Ökologie und soziale Gerechtigkeit irgendwie zusammenpassen — schlimmer noch: zusammen gehören. Mich von diesen Gedanken verabschiedet zu haben und verstanden zu haben, dass wirklich radikale Änderungen nötig sind, ist das Ergebnis eines Jahres Auseinandersetzung mit diesen Dingen. Das ist schon ein radikaler mentaler wie emotionaler Kurswechsel — für jemanden, der allzu lange glaubte, dass die Dinge richtig laufen, im Großen und Ganzen. Dass ich damit keine objektiv neuen Erkenntnisse gesammelt habe, die unsere Welt insgesamt weiterbringen, weiß ich. Aber ich habe dafür Erkenntnisse gesammelt, die mein eigenes Leben und Denken sehr verändern.

Mehr konnte ich von Kaffee & Kapital in einem Jahr nicht erwarten.

Wie geht es jetzt weiter — mit Kaffee & Kapital und mit meinem Leben?
Künftig werde ich dieses Blog nicht mehr als eines meiner zentralen Projekte ansehen. Es wird noch seltener Zusammenfassungen von Büchern geben oder den Versuch, regelmäßig zu dokumentieren, wie sich meine Gedanken entwickeln. Das ist mir ja auch in den letzten Monaten schon nicht mehr gelungen. Vielmehr habe ich gemerkt, dass diese Erwartung an mich selbst schließlich anfing, nur noch Druck und Unzufriedenheit zu schaffen. Am Anfang von Kaffee & Kapital stand wohl auch eine etwas zu romantische Vorstellung von mir selbst: als „Denker“, der kluge Bücher liest und daraus kluge Texte produziert und damit sein Scherflein zur deutschen politischen Denklandschaft beitragen kann. Ich musste aber in den vergangenen Wochen feststellen, dass ich nicht wirklich der richtige Mensch dafür bin — das hat auch mit persönlichen Vorlieben zu tun. Ich lese und schreibe schlicht weniger gern, als ich gedacht oder gehofft hatte. Deswegen beende ich mit diesem Posting nach einem Jahr das Projekt „Bloggen als Kernaufgabe meiner politischen Arbeit“. Ich werde künftig hier nur dann bloggen, wenn ich wirklich Lust zum Schreiben habe, oder glaube, eine wirklich hilfreiche Erkenntnis oder Beobachtung teilen zu können — und nicht mehr, weil ich mich dazu verpflichtet fühle.

Mein Leben ist außerdem nach einem Jahr Orientierung und Experimentieren nun auch neu „sortiert“ — und die neue Aufteilung reflektiert das Obenstehende:

Privatleben
Ich bemühe mich zunächst mal darum, mein eigenes Leben so zu leben, dass ich einen persönlichen Beitrag zum ökologischen Wandel leiste — ich versuche, nur noch das Fahrrad oder ökostrom-elektrisch angetriebene Fahrzeuge zu verwenden, egal, ob sie zwei oder vier Räder haben, und außerdem verstärkt öffentliche Verkehrsmittel zu verwenden. Innerdeutsch und in den meisten Teilen Europas sind Flüge tabu, und sollten internationale Reisen nicht mit der Bahn oder dem E-Auto machbar sein, dann will ich für eine echte Kompensation der Flugreisen zahlen. Meine Ernährung stelle ich Schritt für Schritt um, reduziere meinen Fleischkonsum drastisch und versuche auch sukzessive weniger Milchprodukte zu mir zu nehmen und Alternativen kennen und schätzen zu lernen. Mode kaufe ich ohnehin wenig, hier nachhaltiger zu werden, steht noch aus, muss aber kommen. Allgemein bin ich ansonsten eh kein (im kapitalistischen Sinne) „guter“ Konsument, kaufe nur sehr ungern ein, allein bei meinen Lebensmitteln muss ich noch am unverpackten Shopping arbeiten — das fehlt leider auch noch. (Dazu unterstütze ich auch durch Spenden beispielsweise das Ocean Cleanup Project.)

Vor allem aber spreche ich über alle diese Themen mit den Menschen in meinem Umfeld — nicht predigend, sondern indem ich von meinen persönlichen Konsumentscheidungen und ihren Hintergründen hin und wieder — dann, wenn es ins Gespräch passt — erzähle. Ich habe mich ein Jahrzehnt lang beruflich mit Mundpropaganda beschäftigt und weiß um ihre transformative Kraft. Wenn wir nur für uns allein mit unseren Kaufentscheidungen versuchen, Wandel zu erzeugen, wird das nicht gelingen. Wenn überhaupt, dann funktioniert das erst, wenn wir damit zudem Wellen durch die sozialen Netze schicken, denen wir alle angehören — offline, online, wo immer es geht. Damit sich der Wandel durch die Gesellschaft fortpflanzt.

Außerdem möchte ich mich privat für eine Idee engagieren, die — so denke ich — unsere politischen Systeme dem Zugriff durch die starken Finanz- und Wirtschaftslobbies wieder etwas entziehen und zu mehr Demokratie und besseren politischen Entscheidungen führen kann: Ich spreche immer wieder mit Menschen über die Idee einer ausgelosten Bürgerversammlung und darüber, wie wir diesem extrem vielversprechende Konzept zu mehr Sichtbarkeit, Akzeptanz und vielleicht letzten Endes politischer Realität verhelfen können.

Beruf
Auch meine berufliche Situation hat nun eine neue Struktur bekommen, die aus zwei Teilen besteht. Auf der einen Seite gibt es das Projekt vollehalle, unsere politische Entertainment-Show, deren Premiere wir am 22.9.2017 in Berlin auf die Bühne gebracht haben. (Hier gibt es einen Trailer aus dem Mitschnitt der Show — für die, die ihn verpasst haben.) Sie behandelt so gut wie alle Themen, die ich hier im Text diskutiere, und gemeinsam mit Kai Schächtele arbeite ich jetzt daran, aus dem „Prototypen“ ein Serienmodell zu machen, mit dem wir in ganz Deutschland auf Tour gehen können. Ein wenig mehr dazu haben wir im oben schon verlinkten Blogpost auf vollehalle.de geschrieben. Unser Ziel ist es, mit Inspiration und guter Unterhaltung am Bewusstseinsswandel in Deutschland mitzuwirken — nicht mehr und nicht weniger.

Auf der anderen Seite entwickele ich meine Firma Omnipolis Media weiter. Sie wird nun eine echte Film- und Musikproduktionsfirma, ab Anfang des Jahres wird sie aus mir und einem neuen Kollegen bestehen. Unsere Arbeit wird sich 2018 in drei Bereiche aufteilen: Erstens, Arbeit an und für vollehalle, denn die Show braucht viel Film und Musik. Zweitens, Arbeit an (bezahlten) anderen Projekten, mit denen wir etwas Geld für unseren Unterhalt verdienen. Dabei wollen wir auf jeden Fall einen starken Fokus auf politische Themen richten, im Sinne der oben beschriebenen Probleme. Derzeit bemühe ich mich beispielsweise darum, ein Projekt zu entwickeln, dass hoffentlich öffentliche Wirkung im Bereich Wachstumskritik entfalten kann. (Ich bin aber auch ganz ehrlich und sage: Wir werden wohl nicht verhindern können, hin und wieder werbliche Arbeit zu machen, denn irgendwann muss sich diese Firma selbst tragen. Aber wer weiß, vielleicht schaffen wir ja, ohne Werbejobs auszukommen.) Und drittens, private selbstfinanzierte Projekte, die uns einfach Spaß machen. Denn das habe ich auch gemerkt: Wenn ich mich nicht hin und wieder um Projekte kümmere, die einfach nur Spaß machen, kreisen meine Gedanken nur noch um die Probleme der Welt, und auf die Weise wird man irgendwann wahnsinnig.

(Dass das Entwickeln der eigenen Firma — und wenn nur mit einem einzigen neuen Mitarbeiter — in einem gewissen Widerspruch zur Wachstumskritik steht, ist mir klar. Andererseits kann ich diese Themen nicht anders beackern, als durch die Entwicklung von neuen Projekten, die hoffentlich ihren kleinen Beitrag zum Wandel leisten. Zudem besteht letztlich das Wachstumsproblem ja nicht auf der individuellen, sondern auf der volkswirtschaftlichen Ebene. Innerhalb von nicht-wachsenden Volkswirtschaften wird es dennoch Unternehmen geben, die wachsen und andere, die es nicht tun. Die zentrale Frage ist dann eher, welches Wachstum es aus welchen Gründen gibt. Und in der Summe sollte das „endlose“ Wachstum der volkswirtschaftlichen Gesamtheit eben nicht mehr mantraartiges Ziel und Ergebnis sein.)

Abschließend
Die Probleme sind gigantisch, deswegen schwindet immer wieder die Hoffnung. Aber das abgelaufene Jahr hat mir vor allem auch eines gezeigt: eine große Zahl kluger, charmanter, humorvoller, kreativer Menschen ist sich der enormen Herausforderungen bewusst, die vor uns liegen. Und täglich werden wir mehr.

Wir alle haben keine andere Wahl, als uns der Aufgabe anzunehmen, und wir werden alle gemeinsam mit entscheiden, ob in wenigen Jahrzehnten die Menschen auf die heutige Zeit zurückblicken und entweder sagen „das war die Zeit, als endgültig die Weichen in Richtung Katastrophe gestellt wurden“, oder aber „das war die Zeit, wo sie das Ruder haben herumreißen und das Schlimmste verhindern können“.

Man lebt nicht alle Tage in solchen Zeiten. Lasst uns das Beste daraus machen.

Und damit ist das „Experiment“ Kaffee & Kapital beendet. Von nun an ist dies einfach ein Blog, auf dem ich hin und wieder meine Meinung poste. Was ja auch eine feine Sache ist.

Ich danke für Ihre und Eure Aufmerksamkeit.

6 Kommentare

  1. Vielen Dank für diese gute Zusammenfassung eines Unbehagens das sicher viele teilen. Bei allem Schrecklichen was aufgezählt wird, braucht man jedoch nicht vergessen dass die Welt tatsächlich Fortschritte macht: Hunger und Krankenheiten sind weniger verbreitet, Wohlstand wächst außerhalb der „Ersten Welt“.
    Das kann man sehr gut sehen an den Daten die Projekte wie „Our World in Data“ (https://ourworldindata.org/) veröffentlichen. In dem Zusammenhang ist auch das Konzept der „Fat“ und „Lean“ Welt der Bill-Gates-Stiftung interessant (https://www.nytimes.com/2014/03/01/opinion/sunday/forget-developing-fat-nations-must-go-lean.html).
    Auch werden die Geschicke der Welt immer weniger im „Westen“ bestimmt. Trump ist tatsächlich ein Reichsverweser im doppelten Sinne. Und wenn China eines richtig macht, ist es von den Fehlern des Westens zu lernen.
    Abschliessend noch ein Wort zur KI. Diese ist eine Schlüsseltechnologie, und ihre Propheten versprechen soviel das einige das BGE für umumgänglich halten. Dennoch ist Weltungangsstimmung nicht angemessen, den diese Technologie ist nicht allmächtig: https://algorithmenethik.de/2017/11/14/die-sieben-todsuenden-der-prognosen-ueber-die-zukunft-der-ki/

    Gefällt 1 Person

    1. Vielen Dank für den Kommentar — ja, da ist was dran: mein Text beschreibt nur die Probleme, ein paar Worte über die guten Dinge auf der Welt wären sicherlich nicht fehl am Platz gewesen. Und sie sind immer wieder nötig, um nicht die Hoffnung zu verlieren. Andererseits war ja das Ziel, die Gründe für das Unbehagen zu erläutern, daher wohl die etwas einseitige Sicht.

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