Ein Vermögensverwalter über die SPD: „Ich verstehe das nicht.“

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Vor einigen Tagen hatte ich die Gelegenheit, mich in einem privaten Rahmen mit einem Vermögensmanager zu unterhalten — dem Geschäftsführer eines Unternehmens, das für wohlhabende Familien und Stiftungen große Geldsummen anlegt und verwaltet. Wir haben unter anderem über unser Show-Projekt vollehalle gesprochen und über Nachhaltigkeit und den Klimawandel. Und schließlich kam das Gespräch auf die SPD. Nachdem ich in wenigen Zügen über meine Nöte und meine Frustration mit der Partei gesprochen habe, teilte er mir seine Sicht mit. Und die war bemerkenswert — er war einigermaßen fassungslos.

Ich habe das nicht mitgeschrieben, aber die Schlüsselsätze gehen mir seither nicht mehr aus dem Kopf, und schließlich dachte ich, ich schreibe sie hier mal auf:

Die Wirtschaft läuft und den Unternehmen in Deutschland geht es heute super. Und vermutlich auch den meisten Menschen. Aber es gibt auch Fehlentwicklungen. Und da frage ich mich: Warum sind die Gewerkschaften so ruhig? Wo ist denn die SPD? Ich selbst bin kein SPD-Wähler und auch nicht unglücklich über diesen Umstand, aber das, was da bei der SPD gerade passiert, das verstehe ich nicht. Früher wäre das Umfeld, in dem wir uns grade befinden, a gmahde Wiesen für die SPD gewesen, um Profil zu zeigen — aber sie zeigt sich nicht. Die SPD scheint sich ja nicht mal groß darum zu bemühen, bei ihrem klassischen Wählerklientel Punkte zu machen. Warum nicht?

Ich stotterte daraufhin ein wenig herum, versuchte etwas dazu zu sagen, und schließlich — gegen Ende unseres Gespräches — sagte er dann noch:

Wie gesagt, ich bin kein SPD-Wähler. Aber es wäre für unser Land und unsere Parteienlandschaft nicht gut, wenn es die SPD nicht mehr gäbe.

Ich wiederhole nochmal: Das sagte mir vor einigen Tagen ein Vermögensverwalter. Keiner von den LINKEN und auch kein Aktivist auf der Straße. Sondern ein Mann, der sich darum kümmert, das Geld der Reichen in Deutschland zu vermehren. Wenn solche Menschen sich Sorgen um den Zustand der SPD machen, dann ist sie wirklich groß — die Not.

[Nachtrag 03.02.2018: Ich habe das Zitat nach Input der zitierten Person etwas überarbeitet, um die Intention korrekt wiederzugeben. Diese Abspräche hätte vorher passieren sollen — mein Fehler. Ich bin kein Journalist und habe keine klaren Vereinbarungen getroffen, noch sorgfältig mitgeschrieben. Es kann nun sein, dass manche Kommentare nicht mehr 100%ig auf das Gesagte passen.]

5 Kommentare

  1. Nicht nur die SPD, die gesamte europäische Sozialdemokratie hat gerade keine Antworten, weil sie sich von den Reichen hat einlullen lassen. Ich finde es deshalb etwas wohlfeil, wenn ein Vermögensberater so etwas sagt. Denn er weiß genau oder müsste wissen: Die Sozialdemokratie wurde aus seinem Lager heraus sturmreif geschossen. Ich sage nur: Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft. Was hatte denn zum Beispiel die zum Ziel? Flexibilisierung, Globalisierung, Marktradikalisierung. Und im Hintergrund werden die Eliten immer wohlhabender und tragen ihr Geld zu Leuten wie ihm, woran auch er selbst gut verdient haben dürfte. Erst kräftig daran mitzuwirken, dass die Sozialdemokratie in eine solche Lage gerät, und dann zu sagen: Komisch, warum rühren die sich denn nicht mehr? ist wie jemanden in einer dunklen Ecke mit einem Trupp bezahlter Schläger aufzulauern und nach einer Tracht Prügel zu rufen: Warum wehrst du dich denn nicht mehr? Jetzt ist doch die Zeit, in der die Leute nach mehr Gerechtigkeit auf den Straßen rufen. Da wäre wirklich was rauszuholen. Aber bestimmt nicht, wenn man so wimmert wie du.

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    1. Der einzelne Vermögensberater kann wohl für die Situation ähnlich wenig wie der einzelne SPD-Abgeordnete. Dem Vermögensverwalter ist zu Gute zu halten, dass er sich eifrig für seine Klientel einsetzt (was auch immer man davon halten mag). Von der SPD kann man das nicht wirklich behaupten, wobei man sich natürlich streiten kann, wer zur Klientel der SPD eigentlich gehört.
      Ich glaube im Übrigen nicht, dass das Problem die SPD ist oder die SPD sich einfach erneuern müsste und dann wird alles wieder gut. Je länger ich drüber nachdenke, desto eher komme ich zu dem Schluss, dass es ein systematisches Problem gibt, nämlich dass das ganze Wahl- und Parteiensystem eine Art strukturelle Korruption begünstigt. Das Buch „Gegen Wahlen“, das auch in diesem Blog schon einmal erwähnt wurde (https://kaffeeundkapital.de/2017/01/30/ich-bin-in-eine-politische-idee-verliebt-die-ausgeloste-buergerversammlung/) fand ich sehr inspirierend. Ich denke in diese Richtung müsste es gehen.

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      1. Ich bin ja weiterhin sehr begeistert von der Idee der ausgelosten Bürgerversammlung, aber ich bin fest überzeugt, dass die politischen Parteien für unseren politischen Prozess weiterhin dringend gebraucht werden — nämlich um strategische Angebote zu machen. Damit haben sie aber aufgehört, weil im Rahmen der merkelschen Governance-„Politik“ die Idee einer politischen großen Strategie obsolet gemacht wurde; es wurde der Eindruck geschaffen, Politik müsse nur noch Probleme lösen. Das aber reicht nicht. Ich glaube, dass die Bürgerversammlung nur bedingt für strategische Planung von Politik taugt, stattdessen muss die Politik das wieder lernen.

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  2. Sehr vorbildlich: Fehler können passieren. Dann kommt es auf den richtigen Umgang damit an.
    Mir gefällt die Lösung, die Anpassung im Blog durch die Fußnote zu dokumentieren. Das machen leider selbst journalistische Medien nicht immer. Ein Beispiel dafür habe ich gerade in meinem Blog dokumentiert. So etwas finde ich sehr bedenklich. So verliert der Journalismus auf Dauer seine Glaubwürdigkeit. Deshalb freue ich mich über jeden, der Fehler eingestehen kann und Transparenz schafft.

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