Weitere Gedanken zum Ende von Links & Rechts.

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Vor einigen Wochen haben wir ja hier ein wenig Diskussion zum Thema „links vs. rechts und was bedeutet das eigentlich heute noch“ gehabt: einen Text von mir und einen Gastbeitrag von Anja Hartmann. Letztere fand im Vorlauf zur Wahl in Frankreich diesen hilfreichen Tweet (offenbar eines britischen MPs), der eine andere Matrix anbietet:

17-04-24_matrix_france

Und während ich derweil am Wochenende noch mit den alten Terminologien zu arbeiten versucht habe, findet sich bei Isaac von Deelen ein langer Text zu selben Frage:

Knapp zusammengefasst war laut seiner Schilderung historisch das Bewahrerische bei den Konservativen wohl vor allem auf das Bewahren des eigenen Besitzstandes gerichtet (was bis heute erklärt, warum die meisten Leute hierzulande mit steigendem Alter „konservativer“ werden. Sie wollen halt das Einfamilienhaus und die angesparte Rente bewahren; „wer weiß, was damit passiert, wenn diese Verückten an die Macht kommen?!“):

Konservativ war an der Rechten nur der durchaus auch gewalttätige Wunsch, die überkommenen Rollen und Besitzstände beizubehalten. Ansonsten brach die Rechte gern und ausgiebig mit jedem bewahrenswerten Gesellschaftsbestand […]

Während die Linke offenbar vor allem deswegen progressiv war, weil junge Leute den Alten, die das Sagen hatten, eben jenes Sagen abnehmen wollte:

Der Fortschritt der Linken demgegenüber bestand zunächst einmal darin, das Establishment, die Platzhirsche, die Besitzende Klasse aus eben jenen Sesseln zu schubsen […]

Kurz gesagt: es ging vor allem darum, wer denn jetzt die Macht hat – weil halt diejenigen, die sie bislang hatten, schreckliche Verhältnisse entstehen ließen.

Ob man links war, hing zudem vor allem an der Einstellung zur Technik. Bei den Linken ging’s zentral darum, dass die Technik droht, den Lebensunterhalt zu zerstören („die Maschinen nehmen uns die Arbeit weg!“), dass man aber mit der Technik unter der eigenen Kontrolle zu einem besseren Leben findet. Die Rechten — spiegelbildlich — wollten die Kontrolle behalten, die Maschinen sollten dafür dienen, sie noch reicher zu machen.

Heute sei das anders. Die Linken hätten zunächst den Glauben an den technischen Fortschritt verloren, man sei heute GeisteswissenschaftlerIn und kokettiere mit dem eigenen technischen Unverständnis. Besonders markant sei die Technik- und Fortschrittsfeindlichkeit an den Grünen abzulesen. Und daran, dass die, die technischen Fortschritt am meisten leben – die Nerds und Geeks und wie sie alle genannt werden – keine fortschrittliche politische Heimat mehr finden (und deswegen wohl schwierige eigene Experimente damit machen müssen).

So ist der Fortschritt heimatlos geworden, und der Neoliberalismus konnte ihn umtaufen in „Innovation“ und ihn sich einverleiben. Was ebenso für „Internationalität“ gilt. Das war mal was Sozialistisches, heute heißt es „Globalisierung“ und ist Feind der Sozialisten. Und die Jugend, die revolutionär für sich die neue Hoheit in Anspruch nahm, findet heute in der greisen Politik nicht mehr statt und ist außerdem zu beschäftigt damit, Primark-Besuche zu instagrammen. Kurz gesagt: das, was mal die Linke ausgemacht hat, ist heute mittig-rechte Kapitalismusgrundlage. Weswegen die Linken zu Konservativen geworden sind, die irgendwas bewahren wollen, was früher mal im Arbeitskampf errungen worden ist.

Nur, so kann man natürlich nicht für den Fortschritt streiten.

Aber nicht nur das, was links ist, wurde umgedeutet. Denn irgendwann ging dann der rechte Finanzminister hin und rettete Banken, die sich verzockt hatten, mit unserem Geld. Und ein paar Tage später sagte die CDU-Angela Merkel, dass die Grenzen offen seien, das sei ja gut so und wir kriegten das gemeinsam hin. Und spätestens ab da stand dann auch „rechts“ der Mitte kein Stein mehr auf dem anderen.

Und die großdeutschen Mädels und Buben der AfD konzentrieren flugs den ganzen rechten Unmut in eine neo-faschistische Partei. Während auf der linken Seite Wagenknecht, Lafontaine & Co. das gleiche Spiel betreiben.

Das wäre, laut van Deelen, erstmal die Grundlage für das Unbehagen zwischen den alten Bergriffen von rechts und links. Dazu kommt nun aber noch das transatlantische Donnergrollen der alles erfassenden Digitalrevolution. Zunächst progressiv (!) beklatscht, wird mittlerweile deutlich, dass sie so ziemlich alles wegzufegen droht, was unser Leben bislang ausmacht. Hierzulande hat niemand auch nur den Hauch einer Vorstellung davon, wie die gesellschaftsverändernde Kraft dieser Entwicklung überhaupt in menschliche Bahnen gelenkt werden kann.

Und überhaupt funktionieren kann die Wirtschaft eh nur noch, weil an manchen anderen Orten der Welt die Arbeit noch genau so ausgebeutet werden kann, wie es die „Linken“ ganz oben im Text hier vor Jahrzehnten oder Jahrhunderten einst bekämpft haben:

In einer groben und eigentlich unzulässigen Verkürzung könnte man sagen, dass unsere ökonomische Grundordnung nur deswegen noch nicht zusammengebrochen ist, weil es Regionen auf der Welt gibt, in denen das Arbeitselend groß genug ist, dass der Rest der Welt von den Profiten leben kann, die in diesen Regionen erarbeitet werden.

Und nun, so sagt van Deelen, seien wir derzeit dabei, unsere Zukunft zu vertändeln, weil wir nicht begreifen wollen, dass unsere alten Denkmuster und Raster eh aufgehört haben, uns weiterzuhelfen – während wir dringend neue brauchen, um halbwegs mit einer Welt klarzukommen, die in ihrer immer rasanter ablaufenden Entwicklung keine Sekunde auf uns wartet.

(Wie man damit umgehen soll, beschreibt er in zwei anderen langen Texten. Dazu vielleicht ein anderes Mal mehr.)

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