Wie sind „eigentlich“ Menschen? Und was hat das mit Politik zu tun?

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Bevor ich mit dem dritten Teil der Zusammenfassung von Streecks Gekaufte Zeit weitermache (Teile 1 und 2 sind schon veröffentlicht), hier kurz eine kleine Gedankenübung, die mich in den letzten Tagen unter anderem beschäftigt hat.

Mir wird bei der Beschäftigung mit Kapitalismus und Demokratie wieder klar, wie sehr die Vorstellungen davon, wie Menschen und die Welt „eigentlich“ sind, die politischen Debatten bestimmen. Diese unterschiedlichen Annahmen haben letztlich auch die klassischen politischen Postionen von „Links“ und „Rechts“ definiert. In der folgenden Skizze habe ich zwei dieser Annahmenpaare aufgezeichnet.

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Die Dinge hinnehmen vs. die Dinge verbessern wollen
Es gibt eine Haltung, die sagt: die Menschen und die Dinge auf der Welt sind, wie sie sind. Vor allem die Eigentumsverhältnisse. Man kann sie nicht groß ändern — durch Steuern und Abgaben Geld „plötzlich irgendwie“ anders zu verteilen, wäre ein Eingriff, der vermutlich noch unfairer ist als die aktuellen Verhältnisse. Und auf der Grundlage der Verhältnisse, die wir jetzt haben, muss halt jeder tun, was er tun kann, um glücklich und erfolgreich zu werden. Dass der eine mehr Geld hat und der andere weniger, ist halt so. Lasst uns bloß durch allzuviel Veränderung keine Unruhe erzeugen. Verbunden wird damit oft die Vorstellung, dass man in Wirtschaftsfragen einem „unpersönlichen Markt“ trauen sollte und ihn nicht verändern darf, weil er „Naturgesetzen“ folgt. Also: hinnehmen und die Dinge laufen lassen.

(Ein christlicher Ursprung dieser Haltung wird häufig, grade in den USA, im Calvinismus gesehen. Er predigt unter anderem, dass unser Schicksal bereits vor unserer Geburt bestimmt ist. Wir sind entweder auserwählt oder wir sind es nicht — tun können wir dazu nichts. Unser Leben kann höchstens zeigen, welcher Gruppe wir angehören. Wenn wir also reich sind, dann ist die Annahme erlaubt, dass wir wohl auserwählt sein müssen. Und indem wir hart arbeiten und anderen dann unseren erworbenen Reichtum zeigen, beweisen wir, dass wir auserwählt sind.)

Die Gegensicht sagt, dass wir uns in einer zivilisierten Welt nicht damit begnügen können, dass die Dinge ungleich verteilt sind. Stattdessen ist es gerade die Aufgabe der Politik, hier fairere und gerechtere Verhältnisse herzustellen. Das ist nicht einfach, und deshalb hängt damit die Vorstellung eng zusammen, dass wir uns in einem dauernden politischen Prozess — also durch Diskussion und gemeinsame Meinungsbildung — darüber austauschen müssen, was soziale Gerechtigkeit eigentlich ist, weil wir das immer wieder neu definieren und anpassen müssen. Der Markt wird aus dieser Sicht nicht als natürliche Angelenheit betrachtet, sondern als etwas, das genauso von Menschenhand geschaffen und definiert ist wie andere Lösungen auch. Am Markt ist nichts natürlich, sondern er wird so organisiert, wie die Menschen ihn haben wollen.

(Wenn man hier auch einen christlichen Ursprung zuordnen will, könnte man ihn vielleicht in der Bergpredikt finden.)

Intrinsische Motivation vs. Motivation allein durch Geld
Das andere Annahmenpaar fragt danach, was Menschen dazu motiviert, etwas zu leisten, etwas verändern zu wollen, etwas bewegen zu wollen, etwas aus sich zu machen.

Die eine Seite sagt, dass der Mensch per se faul ist und nichts leisten möchte, dass er sich nur zur Leistung bewegen lässt, wenn man ihm Geld dafür gibt. Je mehr Geld, desto mehr wird er leisten. Wer so denkt, geht davon aus, dass Sozialleistungen schlecht sind (denn die Menschen bekommen sie ja, ohne direkt dafür etwas tun zu müssen) und dass Manager immer dann besser werden, wenn man ihnen noch mehr Geld bezahlt. Deswegen sollten Unternehmer auch möglichst viel Freiraum haben, sich unternehmerisch zu betätigen. Diese Seite neigt auch dazu zu glauben, dass Menschen sich eigentlich grundsätzlich nicht verändern — sie sind halt wie sie sind (siehe dazu oben, Calvinismus) und bleiben so. Daher schicken diese Leute auch Verbrecher eher aus Abschreckung ins Gefängnis — und nicht, um sie zu ändern.

Die andere Sicht der Dinge besagt, dass Menschen von sich aus zur Aktivität motiviert sind. Dass der Mensch selbst ein besserer Mensch werden möchte und zudem ganz natürlich ein schöpferisches Wesen ist, das Dinge schaffen, gestalten, entwickeln will und dafür vor allem Freiheit von Angst und sozialer Unsicherheit braucht. Geld oder viel Geld ist aber nicht der entscheidende Faktor dafür, Leute zu motivieren. Viel wichtiger ist, dass Menschen ein selbstbestimmtes Leben führen können, ohne Existenzangst. Ein Verbrecher muss aus dieser Sicht deshalb ins Gefängnis, damit er sich ändern, über sein Leben nachdenken, ein besserer Mensch werden kann.

Was ist rechts und was ist links?
Auch wenn das jetzt nur extrem grobe Verallgemeinerungen nach meinem (vermutlich begrenzten) aktuellen Verständnis sind, kann kann man vielleicht sagen, dass eine rechte politische Haltung zum einen dazu neigt, den aktuellen Status Quo nicht verändern zu wollen („es ist schon okay, wie die Dinge grade verteilt sind, fassen wir das mal besser nicht an“) — sie wird daher auch „konservativ“ genannt, „bewahrend“. Und sie gefällt deswegen natürlich denen, die derzeit schon (viel) Geld haben. Zum anderen geht sie davon aus, dass für Leistung bezahlt werden muss, und dass ordentlich bezahlte Leistung dann auch gleichbedeutend mit erfülltem Leben ist. Den Benz, den Zweitwagen, das Haus, die schönen Reisen. Sie steht damit auf dem Diagramm oben eher im rechten unteren Bereich.

Eine linke politische Haltung erwartet dagegen, dass die Politik sich darum bemüht, Dinge zu verändern — was bedeuten soll: zu verbessern. Fortschritt ist ein häufig damit verbundener Begriff, meint aber nicht unbedingt technischen Fortschritt (beispielsweise à la Silicon Valley), sondern vor allem gesellschaftlichen Fortschritt, letztlich im Sinne der Menschenrechte. Sie nennt sich daher gern auch progressiv („voran schreitend“). Dass die Frage, was eigentlich „besser“ bedeutet, gemeinsam diskutiert werden muss, setzt die Linke dabei voraus. Deswegen gibt es üblicherweise auch deutlich mehr Streit in links stehenden Parteien als auf der rechten Seite. Während man „links“ darüber streitet, wohin die Reise zur Verbesserung gehen soll, ist man sich „rechts“ einig darin, dass es gar keine Reise geben soll, sondern die Dinge erstmal so bleiben sollen, wie sie sind. Darüber muss man also nicht streiten. Die Linke geht außerdem eher davon aus, dass Menschen keinem (hohen) Leistungsdruck ausgesetzt werden sollten, um sich verwirklichen zu können. Sie steht damit im Diagramm im linken oberen Bereich.

Dynamisch vs. statisch
Diese Grundannahmen sind natürlich problematisch, weil ja jeder eigentlich weiß, dass Menschen sich in ihrem Leben verändern. Der rebellische Student, der soziale Errungenschaften fordert und den Konservativismus als staubig und rückständig ablehnt, ist 25 Jahre später mit Mitte 50 als erfolgreicher Manager mittlerweile vielleicht bei einer ganz anderen Haltung angekommen. (Was natürlich die interessante Frage eröffnet, für wen man eigentlich Politik macht: für sich selbst oder für andere?) Ebenso kann jemand von einer politisch rechten Familie geprägt sein, dann aber durch Austausch mit anderen, internationale Erfahrungen, oder einen Partner, der eine andere Sicht auf die Dinge hat, weit ins linke Spektrum hinüber wandern. Mein eigener Onkel hat sich in einer jahrzehntelangen Karriere aus einem ziemlich linken Spektrum ins weit rechte bewegt. Man kann also nur sehr schlecht allgemeine Vorstellungen davon haben, „wie Menschen sind“ und darauf Politik basieren lassen, wenn man weiß, dass Menschen sich ohnehin ständig verändern. Außerdem, und das wiegt wohl noch viel schwerer: die einen sind so, die anderen anders, Menschen sind ja nicht alle gleich.

Man könnte sagen, dass die Fähigkeit der Menschen, sich zu verändern, besser zur Sicht „wir müssen ständig neu über den Fortschritt argumentieren“ & „Menschen ändern sich/entwickeln sich“ — also zu einer traditionell eher linken Richtung — passt. Die nicht statisch ist, sondern die Verbesserung einfordert. Denn wenn sich die Dinge und die Menschen schon ändern, dann lasst uns doch gleich daran arbeiten, dass es in die richtige Richtung geht.

Die Haltungen sind nicht konsequent
Zugleich hat sich allerdings auch bei traditionell sehr linken Parteien oder Gruppierungen in den letzten Jahren das Gegenteil einer progressiven Haltung eingestellt, weil sie sich häufig nur noch darauf fokussiert, aus Tradition ein paar ausgewählte soziale Errungenschaften zu wahren, anstatt sich dafür zu interessieren, in welche Zukunft die Gesellschaft steuern sollte. Insofern wurde sich an dieser Stelle die Linke auch selbst untreu.

Dagegen sind hochgradig von sich aus motivierte Menschen, die viel leisten (wollen), ohne dass es ihnen dabei in erster Linie um Geld geht, in ihrer Haltung gern mal politisch konservativ — oder sie werden es spätestens dann, wenn sich finanzielle Erfolge einstellen. Denn sie gehen davon aus, dass „die anderen“ (vor allem ärmere Menschen) eigentlich nur Sozialleistungen abgreifen wollen und faul sind. Es wird also bei anderen eine ganz andere Haltung erwartet, als man selbst eine hat.

Die aktuelle Richtung ist klar
Wenn wir uns die vergangenen 2-3 Jahrzehnte ansehen, scheint die Entwicklung der Gesellschaften immer stärker in Richtung einer oben als eher rechts beschriebenen Haltung gegangen zu sein: „Menschen kommen halt mit unterschiedlichen Voraussetzungen zur Welt, das ist so und muss akzeptiert werden.“ Und: „Wenn man will, dass Menschen Dinge tun, dann geht das nur über Entlohnung.“ Mit anderen Worten: die Investoren und Kapitalgeber haben halt die Geldmittel — wenn wir wollen, dass sie sie für uns alle einsetzen, muss man die Dinge für sie so leistungsanreizend wie möglich gestalten, man muss ihnen also tendenziell größere Profite ermöglichen. Eine gute Zusammenfassung dieses Gedankens kennt man auch als Wahlslogan der FDP: „Leistung muss sich wieder lohnen.“ Und daher kommt wohl auch der Gedanke, dass die FDP deswegen nicht mehr gewählt wird, weil ihre Haltung sozusagen zum Allgemeingut der großen politischen Parteien geworden ist — man braucht die FDP schlicht nicht mehr.

Von Links vs. Rechts zu Pro Globalisierung vs. Gegen Globalisierung?
Wie wir sehen, sind diese harten politischen Haltungen teilweise nicht immer logisch oder komplett in sich schlüssig.

Dazu kommt nun noch ein Aspekt. Dieser höchst interessante und aus meiner Sicht überzeugende Artikel argumentiert, dass derartige traditionelle Links-Rechts-Haltungen und der konstruktive Widerstreit zwischen ihnen zwar großen Nutzen für die Vergangenheit hatten, aber keine Zukunft mehr haben. Denn die Politik heute orientiert sich entlang einer neuen Frage: Bin ich für oder gegen die Globalisierung? Der Autor sieht hier die Möglichkeit und die Notwendigkeit, zwei neue Pole und damit und eine neue politische Streitkultur zu schaffen, in der Gegner der Globalisierung mit Fürsprechern der Globalisierung um den richtigen Weg streiten, und damit hoffentlich wiederum — so wie früher Rechte und Linke — im Kompromiss für viele Menschen akzeptable Lösungen finden.

Mir stellt sich die Frage: wenn das so ist, was sagt es zu den darunter liegenden Einstellungen der Menschen? Und wo stehen dann die gegnerischen Parteien auf dem Diagramm? Ist das Diagramm noch relevant? Oder sollte man ein anderes zeichnen? Ich hoffe, dass ich in den kommenden Wochen auch auf diese Fragen ein Antwort finde.

6 comments

  1. Apropo menschlich – ich werde irgendwie das Gefühl nicht los, dass es im Grunde seit Beginn der sog. „Zivilisation“ doch immer nur darum ging, dass eine Gruppe von Menschen sich über eine andere erhebt, im Sinne von Moral und Macht, oder was auch immer.
    Ob das nun zu Feudalzeiten durch die „Gnade“ der Geburt legitimiert wurde (Adel und Aristrokatie), bei den Nazis von damals und heute durch den verdammten Zufall, von wem und wo man gezeugt wurde, oder in dem was man unter Kommunismus praktizierte („manche sind gleicher als andere“ ;-)) – oder eben jetzt, durch wirtschaftlichen Erfolg (der ja wieThomas Piketty mittlerweile statistisch nachweisen konnte, auch wieder vererbt ist) – am Ende gab es immer irgendwie eine „Elite“, egal durch welches Konstrukt sie sich vor sich selbst und dem Rest der Menschen zum „führen“ legitimierte. Gemein war allen, dass es immer um „wir gegen die“ ging, oder anders gesagt: einige haben alles (Macht, Freiheit und Reichtum), andere nichts.

    Das was das große „Unbehagen“ verursacht – jedenfalls in meinen Augen – ist das unbewusste Gefühl, dass sich daran im Grunde nie etwas geändert hat, Aufklärung hin- oder her, politische Systeme hin- oder her – selbst die Frage des Wirstschaftssystems hat daran nicht wirklich etwas Grundlegendes ändern können – bis jetzt (ich bin in der DDR aufgewachsen).
    Gleichzeitig gab es aber gerade im 20. Jahrhundert das Versprechen an die Massen, dass das eben nicht so sein muss und dieses Versprechen wurde permanent gebrochen – in seiner höchsten Perversion (jedenfalls in meinen Augen) zuletzt durch den Neoliberalismus – das Märchen, dass es eben nur an einem selber liegt, „es zu schaffen“. Genau das wurde den Leuten bewusst und unbewusst immer klarer und das in Kombination mit den Herausforderungen unserer Zeit, wie Digitalisierung und Klimawandel – um nur die zwei wichtigsten zu nennen – kann ja nur zu diffusen Ängsten führen und dem was wir momentan erleben in der politischen Landschaft.

    Trotzdem würde ich Dir widersprechen, wenn es darum geht, was man jetzt auch öfter hört, dass es im Grunde kein „links“/“rechts“ mehr geben soll – doch, wird es immer geben, wenn man „links“ schlicht als solidarisch und getrieben von Nächstenliebe definiert (weltweit und mit einem Maximum an Toleranz) und „rechts“ eben als dessen Gegenteil sieht: egoistisch, unsolidarisch, Menschenfeindlich und mit so wenig Toleranz wie möglich. Ich weiß – alle werden aufschreien und sagen, so krass kann man das aber nicht vereinfachen, aber sind wir mal ehrlich, ist es nicht genau das?

    Wir brauchen linken Populismus – wir brauchen ein starkes Narrativ, um den Menschen zu zeigen, es gibt noch Visionen, die uns allen helfen und ihnen auch zu zeigen, dass rechte Demagogen als letztes an den „kleinen Mann“ denken, sondern als erstes an sich.
    Für einen neuen Humanismus!

    Übrigens habe ich auch noch eine Leseempfehlung an Dich: https://www.randomhouse.de/Paperback/Wenn-nicht-wir,-wer-dann/Philipp-Ruch/Ludwig/e481916.rhd

    Ich weiß viele sehen diese Gruppe sehr umstritten, aber ich bitte Dich Dir die Zeit zu nehmen und dieses Buch zu lesen – es sollte in meinen Augen Schullektüre werden.

    Ich hoffe meine Auslassungen waren nicht zu wirr, aber es purzelte einfach raus…

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    1. Toby, immer gern kommentieren, danke dafür! Ich bin auch nicht sicher, ob ich damit einverstanden bin, dass „Links“ und „Rechts“ überholte Konzepte sind, da muss ich auch noch weiter drüber nachdenken.

      Womit ich nicht ganz einverstanden bin: dass es immer Beschiss gegeben habe, dass immer eine Gruppe stärker als die andere war: in den 50er und 60er Jahren hat es in West-Deutschland sehr viel Gerechtigkeit und Ausgleich gegeben, glaube ich. Die soziale Marktwirtschaft war eine solche. Da kann man nicht hin zurück. Aber davon kann und sollte man sich inspirieren lassen.

      Das ZPS-Buch werde ich mir besorgen, danke!

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