Drei Gedanken zum großartigen „Pulse of Europe“. Und: kommt künftig alle!

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Gestern war ich zum ersten Mal in Berlin auf dem Gendarmenmarkt beim „Pulse of Europe“ — die Veranstaltung findet jeden Sonntag um 14 Uhr statt, sie geht eine Stunde lang. Alles begann vor einigen Wochen mit einer privaten Initiative in Frankfurt, mittlerweile gibt es die sonntäglichen Pulse-of-Europe-Kundgebungen in vielen deutschen Städten — und inzwischen auch in weiteren Ländern. In Berlin waren gestern fast 3.000 Leute dabei — mehr als doppelt so viele wie am Sonntag davor. Ich war von meinem ersten Besuch mehr als angetan.

Als ich ankam, war über die große Lautsprecheranlage ein Pulsschlag zu hören, der „Puls Europas“ — ein überraschend starkes emotionales akustisches Signal! Die Veranstaltung selbst war ein sehr ermutigendes Zeichen dafür, dass der europäische Traum nicht an seinem Ende, sondern an seinem Anfang steht. Es ist noch so viel zu leisten, und jetzt ist die Zeit, uns gegenseitig daran zu erinnern. Und damit weiterzumachen.

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Auf dem Weg nach Hause sind mir drei Dinge dazu aufgefallen.

Europa ist die attraktivere Geschichte
Es wird immer erklärt, dass die Erzählung zur Entwicklung Europas an Attraktivität verloren habe. Das fühlte sich vor Ort ganz anders an. Ganz im Gegenteil — ich habe lange schon nicht mehr eine Veranstaltung erlebt, die sich so optimistisch angefühlt hat, und die so positiv klang. Und mir ist klar geworden, dass die Europa-Befürworter die deutlich attraktivere Geschichte erzählen können. Das Abschotten, das Sich-Einigeln, das Abgrenzen, das Trennen und Teilen ist nie attraktiv, nur für extrem ängstliche Menschen ist es das. Wer den Weg in die Isolation und in den negativen Frieden sucht, der kann keine wirklich positive Erzählung anbieten, sondern letztlich nur sehr traurige Ideen. Das wird in den nächsten Monaten immer mehr Leuten klar werden, denke ich, wenn wir gemeinsam daran erinnern und darüber reden.

„Pulse of Europe“ ist kein blindes Europa-Hurrah-Rufen
Viele Redner erinnerten daran, dass in Europa nicht alles so läuft, wie es soll. Auf soziale Probleme und Ungerechtigkeit wurde ebenso hingewiesen wie auf den Umgang mit den Flüchtlingen. Aber ein Redner macht es mit einer einfachen Formel deutlich:

Wenn an einem Haus eine Fensterscheibe kaputt ist, geht man doch nicht hin und reißt das ganze Haus ein!

Ich glaube, dass diese Analogie vielleicht ein wenig optimistisch ist. In Europa müssen wir mehr tun als nur ein paar Fensterscheiben auszuwechseln. Aber genau darüber kann man beim Pulse of Europe reden. Und das ist toll. Unser Demokratien brauchen jetzt kein Zurück zu vermeintlich besseren vergangenen Zeiten; sie brauchen den Weg nach vorn in eine bessere Zukunft. Die rechten Parteien in Europa sind nicht das Problem, sie sind ein Symptom der Probleme, die wir in unseren politischen und wirtschaftlichen Systemem bekämpfen müssen. Und mein Eindruck war, dass die Menschen, die zu Pulse of Europe kommen, davor nicht die Augen verschließen.

Es gibt eigentlich keine Entschuldigung
Das Format der Veranstaltung ist gut gewählt: eine Stunde am Sonntagnachmittag um 14 Uhr kann so gut wie fast jeder Mensch möglich machen — und auch die sonst ja nachvollziehbare Entschuldigung von Familien mit Kindern wirkt nicht ganz so gut: zum Gendarmenmarkt (oder auf den entsprechende Platz in welcher anderen Stadt auch immer) kann man bestens die Kinder mitbringen, und selbst wenn sie klein sind, schafft man die eine Stunde mit ihnen. Ich finde, das sollte man sogar versuchen — denn es wäre doch gut, wenn sie auch verstehen, dass wir heute für Europa kämpfen müssen! Deswegen: kommt alle am kommenden Sonntag, es tut nicht weh, danach kann man einen Kaffee trinken gehen, oder einen Spaziergang machen — im guten Gefühl, den Kameras von Journalisten und anderen gezeigt zu haben, dass wir viele sind, die für Europa stehen!

Ich werde mich jedenfalls ab jetzt bemühen, an jedem Sonntag, an dem ich nicht durch Reisen verhindert bin, für Europa auf die Straße zu gehen.

4 Kommentare

  1. Ich war auch in Hamburg auf einem der Kundgebungen. Dort war es jedoch das blinde „Hurrah Europa“, was es anscheinend in Berlin nicht war. Mein Problem: Mit Pulse of Europe vereint man für Europa, jedoch eher für den Status Quo, als für ein sich weiterentwickelndes Europa, dass den einzelnen Mitgliedstaaten hilft und Staaten wie Griechenland und Portugal unterstützt, anstatt ausbeutet, ihnen einen Weg aufzeigt, anstatt sie zwingt ihre Ölreserven im Meer anzuzapfen und andere jetzt „wirtschaftliche“ Maßnahmen zu ergreifen, die gleichzeitig unsere Umwelt zerstören. Die Bewegung „für Europe“ muss kritischer und progressiver geführt werden. Es darf nicht der Status Quo als zu schützendes Gut angesehen werden, das geht an den Problemen vorbei!

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