Cortez war ein Start-Up! Und die „Unsichtbare Hand“ ein Mythos.

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Auf Empfehlung von Kai Schächtele (mit dem ich in den letzten Wochen eine Reihe höchst anregender Gespräche führen konnte) habe ich mir in den letzten Tagen die ersten Folgen einer wirklich bemerkenswerten Arte-Dokumentation zum Kapitalismus angesehen. Bemerkenswert vor allem deshalb, weil sie mit einer Reihe Mythen aufräumt, die unser Bild vom Kapitalismus bestimmen. Auf Kaffee & Kapital möchte ich in drei Blogposts die sechs Folgen zusammenfassen, hier geht es mit den ersten beiden Teilen los.

tl;dr: Adam Smith hat die Wirtschaft als Produkt von Kolonialismus und Sklaverei erlebt, zudem sind seine Thesen in den Wirtschaftwissenschaften verkürzt und verfälscht worden. Und so leben wir heute in einem mörderischen System, das uns als Naturgesetz verkauft wird.

Teil 1: Adam Smith und der Kolonialismus
Die ersten beiden Teile (Teil 1| Teil 2) drehen sich ausschließlich um die Arbeit von Adam Smith, der ja für viele als konzeptioneller Gründervater des modernen Kapitalismus gilt, und um die Konsequenzen seiner Arbeit. Was hat die heutige Welt und die heutige Zeit aus seinen Ideen gemacht? Oder, genauer gesagt, in welcher Weise wurden seine Ideen verkürzt, begrenzt und bewusst nur zur Hälfte ausgeschlachtet, um daraus eine Art Mythologie des Kapitalismus zu stricken?

Entstanden ist der Kapitalismus moderner Prägung wohl während der Kolonialzeit. In Europa machte sich damals Mutlosigkeit und wirtschaftliche Stagnation breit, die Wirtschaft schien ein endlicher Kuchen zu sein, der immer nur anders verteilt werden konnte — Wachstum und neue Möglichkeiten waren offenbar nicht mehr zu schaffen.

Da kam das Abenteuer neuer Welten mehr als recht, um wieder Schwung in die Wirtschaft zu bringen. Die Entdecker und Eroberer waren letztlich Start-Ups. Und es fanden sich Risikokapitalgeber in Europa, die diese Eroberungen finanziert haben — mit reichlich Erwartung an die Rendite, in Höhe von 7-8%. Die Folge: Leute wie Cortez & Co. kamen hoch verschuldet in Südamerika an. Sie mussten sehr schnell sehr viel Reichtum anhäufen, um die Kredite und Zinsen zurückzuzahlen. Und so heißt es an einer Stelle im Film:

Als der Gesandte Montezumas Cortez fragt, warum er so besessen sei vom Gold, entgegnet dieser: „Meine Gefährten und ich leiden an einer Herzkrankheit, die nur Gold heilen kann.“

Die eigenen Leute hat Cortez dann übrigens nicht von dem Geld bezahlt, das er verdient hat — er hat sie in entlegene Teile der neuen Welt geschickt und ihnen gesagt, dass sie dort gefälligst selbst ihr Glück machen sollten. Wer monatelang auf wackeligen Schiffen den Atlantik überquert und dann nicht mal dafür entlohnt wird, der benimmt sich dann vielleicht auch erwartungsgemäß wie die Axt im (Ur)Wald.

Und damit waren diese Eroberungen in ihrem Charakter völlig anders als andere Entdeckungsreisen, die beispielsweise früher von den Chinesen betrieben wurden. Auch das kaiserliche China schickte früh Schiffe in die Welt, mit Menschen, die Kontinente entdeckt haben. Aber diese Schiffe kamen nicht mit kapitalistischer Rendite-Erwartung, sondern sie kamen mit Neugier. Deshalb wurden die Chinesen nicht zu Eroberern.

Der Erfolg der finanzwirtschaftlich getriebenen Eroberungen aber hat unsere ganze Welt beeinflusst, und damit auch unser Verständnis davon, was erfolgreiche wirtschaftliche Arbeit ist. Aus den Finanzleuten, die die Eroberer finanziert haben, wurden Wirtschaftsimperien.

In England wurde dabei mehr oder minder sofort die Welt auf den Kopf gestellt: das Geld, das mit ausländischen Beutezügen verdient wurde, konnte nun inländisch investiert werden. Beliebt war schnell die Schafzucht, weil man damit Stoffe herstellen konnte, die in anderen Teilen der Welt gefragt waren. Flugs wurden also tausende kleine Landbauern von bislang gemeinsam bewirtschafteten Länderein vertrieben, damit man dort Schafe züchten konnte. Die Vertriebenen endeten in ärmlichsten Verhältnissen in den großen Städten, und Charles Dickens schrieb schließlich Romane über ihr Elend. Die Wirtschaftsimperien lieferten derweil Stoffe nach Afrika, von dort die Sklaven nach Amerika, und Rohstoffe wieder zurück nach England, und hatten so direkt die Globalisierung dazu erfunden.

Dies ist die Welt, die Adam Smith kannte. Und auf Grundlage dieser Welt — in der Eroberung, Beutezüge, Enteignung und Sklaverei wirtschaftlichen „Erfolg“ erzeugt haben — hat er versucht, allgemeine Regeln für das Wirtschaften aufzustellen. Die Sklaverei als eines der Kernelemente hat er dabei komplett ausgeblendet. Smith schrieb sein Werk, ohne sie auch nur zu erwähnen. Überhaupt ließ er alle Gewalt, die bei den oben beschriebenen Entwicklungen im Spiel war, komplett außen vor — er schrieb so, als existierte sie nicht. Was aber ist eine Theorie wert, die das Objekt ihres Interesses nur sehr zum Teil betrachtet?

Teil 2: Eine Mythologie der Wirtschaft, nur lose basierend auf Adam Smith
Aus Smiths Schriften wurden vier zentrale Ideen abgeleitet, die zu den Grundfeilern unseres Verständnisses kapitalistischer Wirtschaft wurden: Arbeitsteilung, Eigeninteresse, „die unsichtbare Hand des Marktes“, sowie der „freie Markt“. Und jedes dieser Konzepte ist eine fast schon mythische Verzerrung der Ideen von Smith. Der zweite Teil der Arte-Reihe geht die Ideen nacheinander durch.

Arbeitsteilung
Smiths Beispiel der deutlich effizienteren Herstellung einer Nadel mittels Arbeitsteilung kennt vermutlich jeder, der in der Schule oder beim Studium auch nur in die Rufweite einer wirtschaftswissenschaftlichen Einführungsveranstaltungen geraten ist. Was kaum besprochen wird: dass Smith durchaus die Gefahren der Arbeitsteilung sah, die darin bestehen, dass der Mensch abstumpft und auf ein niederes Maß als sein menschliches Potenzial heruntergekürzt wird. Noam Chomsky sagt es im Film in einem Satz:

Der Mensch wird zur Maschine.

Smith selbst fand gar, dass Regierungen gegen die Arbeitsteilung erzieherische Maßnahmen ergreifen müssten. Von diesen Sorgen und Forderungen bleibt nichts übrig, wenn Jahrhunderte später Milton Friedman im US-amerikanischen Fernsehen dieselbe Geschichte der Stecknadel anhand eines handelsüblichen Bleistifts erzählt. Und dann mit der begeisterten Feststellung endet, dass sich bei der globalisierten Herstellung eines Bleistifts ganz ohne zentrale Steuerung eine Art magischer komplett friedfertiger Tanz von global verteilten Mitspielern ergibt. Diese seien nur ihrem eigenen Interesse verpflichtet, und sorgten doch gemeinsam dafür, dass wie durch Zauberei am Ende der Bleistift entsteht. Warum machen alle mit? Friedman:

Jeder denkt, er würde durch die Transaktion besser gestellt.

Darauf springt der Film zu Foxconn und schildert die dortigen Bedingungen bei der Produktion von Tech-Produkten. Und es wird deutlich, dass hier kaum jemand mitmacht, weil er sich als autonomes Wirtschaftssubjekt frei dafür entschieden hat, und dass die Menschen hier nicht in einer gewaltfreien friedvollen Situation mit Würde behandelt werden. Im Gegenteil: exakt die Zustände, die Smith gefürchtet hat, sind eingetreten.

Eigeninteresse
Dass es moralisch in Ordnung ist, sich nur um das eigene Wohlergehen zu kümmern und die Gemeinschaft, die Interessen anderer und die allgemeine Wohlfahrt komplett aus dem Blickfeld zu streichen, ist wohl eines der zentralen Themen, die aus Smiths Arbeit abgeleitet wurden. Vor allem in den USA durchzieht diese Idee die ganze Gesellschaft.

Smiths Haltung zu diesem Thema hat zwei Seiten. Zum einen hat er das Eigeninteresse vor dem Hintergrund seiner damaligen Welt gesehen, als die lokale Wirtschaft erlahmt war und nur noch als Nullsummenspiel begriffen wurde: was der eine verliert, gewinnt der andere. Wenn sich nun ein Unternehmer über das Meer zu neuen Ufern aufmacht und damit neue Erlöse ermöglicht, vergrößert er den gesamten Kuchen, mehr Menschen können davon profitieren, weil er Geld zurück bringt, und wieder mehr lokal vor Ort kaufen und neue Jobs schaffen kann. Dazu kommt aber noch die zweite Seite: Smith schrieb nicht nur ein Buch — Wohlstand der Nationen — sondern zwei. Das zweite Buch — Theorie der ethischen Gefühle — war als Komplement zum ersten gedacht. Darin stellt er Regeln auf, nach denen Menschen tugendsam miteinander umgehen sollen. Nur vor diesem Hintergrund wollte er die kapitalistische Wirtschaft denken, mit einem ausgearbeiteten ethisch-moralischen Kompass.

Was ist davon heute übrig geblieben? Die kurze knappe These, dass es dann ein faires Gleichgewicht auf den Märkten gibt, wenn jeder sein Interesse verfolgt. Was daran fair sein soll, und warum es allen Menschen ein gutes Leben ermöglicht, wird nicht behandelt, diskutiert, gefragt. Sondern das „Gleichgewicht der Märkte“ wird unkritisch als notwendiges Ziel angestrebt, als eine Art Naturgesetz, dem man nur endlich wieder zu seinem Recht verhelfen muss.

Die unsichtbare Hand des Marktes
Dies ist mit Abstand mein Favorit in der Reihe dieser vier Konzepte. Denn die Arte-Dokumentation macht deutlich, dass der Begriff nur ein einziges Mal in Smiths Werk vorkommt, und zwar auf ganz andere Art und Weise als üblicherweise in den Wirtschaftswissenschaften. Wenn man bei Google „Die unsichtbare Hand des Marktes“ eingibt, findet man direkt oben als erstes Ergebnis eine von Google selbst bereitgestellte Definition (jedenfalls wenn man meinen Rechner und Browser benutzt):

Die Unsichtbare Hand des Marktes“ ist eine Bezeichnung für die Selbststeuerung der Wirtschaft über Angebot und Nachfrage auf dem Markt. Die Metapher der unsichtbaren Hand wurde 1776 von Adam Smith in seinem Werk „Der Wohlstand der Nationen“ formuliert.

Das ist sehr typisch für das, was man unter dem Begriff lernt. Und es ist falsch.

Als Adam Smith von der unsichtbaren Hand schrieb, dachte er nicht an die Selbstregulierung der Märkte. Sondern er dachte darüber nach, ob aufgrund sich ausbreitender Globalisierung britische Investoren vielleicht anfangen könnten, ihre Gelder nur noch in Ländern fern der Heimat anzulegen. Was für die Heimat selbst dramatisch wäre, denn damit würden ja Kapital und Jobs verloren gehen. Er nahm aber an, dass ein Investor immer davon getrieben sei, sozusagen die Nähe zur „eigenen Scholle“ zu suchen, und in der Heimat zu investieren — eine „unsichtbare Hand“ würde ihn aufgrund seiner Verbundenheit zu seinem Land dazu leiten. Was ja heute erwiesenermaßen dramatischer Unsinn ist. Aber das war die eine Stelle, an der Smith von der unsichtbaren Hand schrieb — es hat absolut nichts damit zu tun, dass die Märkte sich selbst regulieren!

Und doch wurde es umgedeutet und genutzt als Schlagwort, um immer und immer wieder dafür zu werben, dass „die Märkte“ sich selbst überlassen werden müssten — die unsichtbare Hand werde es schon regeln. Beeindruckend dazu eine Szene (ab 33:20), in der Alan Greenspan, der damalige Leiter der US-Zentralbank und ein führender Verfechter der Deregulierung zugunsten der „unsichtbaren Hand“, vor dem Untersuchungsausschuss zur US-Finanzkrise aussagen muss. Der Ausschussvorsitzende befragt ihn:

Vorsitzender: Sie waren überzeugter Verfechter der Selbstregulierung der Märkte. Meine Frage an Sie ist einfach: Hatten Sie unrecht?
Greenspan: Ich hatte einen Fehler gefunden …
Vorsitzender unterbricht: Sie fanden einen Fehler … ?
Greenspan: … in dem Modell, das definiert, wie die Welt funktioniert, sozusagen.
Vorsitzender: Mit anderen Worten, Sie haben herausgefunden, dass Ihre Sicht auf die Welt, ihre Ideologie, nicht richtig war? Dass sie nicht funktioniert hat?
Greenspan: Exakt. Das ist genau ein Grund, warum ich schockiert war. Weil ich 40 Jahre oder länger dank substanzieller Belege davon ausgehen konnte, dass sie außerordentlich gut funktionierte.

Es gibt keine magische unsichtbare Hand. Weder bei Adam Smith, noch irgendwo sonst.

Der freie Markt
Die unsichtbare Hand schafft die Grundlage für die Forderung nach dem freien Markt. Der Film fragt also nach, was das eigentlich heißt, „freier Markt“. Wenn man genauer hinsieht, stellt man fest, dass der freie Markt vielleicht der größte Mythos des Kapitalismus ist. Denn es gibt ihn nirgendwo.

Diskutiert wird die Frage anhand von Kinderarbeit. Auch wenn Kinderarbeit heutzutage in den meisten wohlhabenden Ländern kaum noch existiert, war sie früher weit verbreitet. Daniel Defoe rühmte bestimmte Gegenden in England, weil dort 4 bis 6-jährigen Kindern Arbeit gegeben wurde. Anfang des 19. Jahrhunderts sollte in England Kinderarbeit dann stärker reguliert werden, aber dagegen gab es Widerstand: das würde den freien Markt — genauer: die Vertragsfreiheit — beschränken.

Die Kinder wollen arbeiten, die Unternehmer wollen sie beschäftigen, worin besteht das Problem?

Heute sind wir uns längst einig, dass solche Verträge nicht mehr im Interesse des Gemeinwohls sind. Und so sind Gesetze geschaffen worden, die Kinderarbeit verbieten. Aber sobald derartige Gesetze allgemein anerkannt werden, treten sie sozusagen in den Schatten, verschwinden aus dem Licht, werden nicht mehr gesehen, als selbstverständlich hingenommen, und bald wird weiter vom „freien Markt“ gesprochen. Dabei ist alles, was auf den Märkten passiert, Ergebnis von politischen Entscheidungen, und war es schon immer (dazu habe ich ja auch einiges bei Graeber gelesen). Und damit ist beispielsweise auch der Umstand, dass auf den Weltmärkten ganz wenige Leute superreich sind, Ergebnis politischer Entscheidungen. Wenn das aber ein Ergebnis politischer Entscheidung und nicht das Ergebnis von Naturgewalten ist, dann könnte man offenbar auch anders entscheiden.

Soziale Gerechtigkeit, Ethik und Moral
Fragen, die um diese Themen kreisen, fand Smith außerordentlich komplex und anspruchsvoll. Er hat sich aber zumindest teilweise mit ihnen auseinander gesetzt. Die heutige Ökonomie verwendet keine Aufmerksamkeit mehr darauf — auf Basis der obenstehenden Mythen hat sie sich selbst Scheuklappen aufgesetzt, die ihr nur noch den reinen Fokus auf die Zahlen erlauben. Sie kann damit alle Fragen von Moral und Ethik im Umgang mit Menschen, Tieren, der Umwelt und unserer Menschlichkeit ausblenden. Weil sie auf der Grundlage von Smiths Arbeiten so tut, als sei die Wirtschaftslehre keine Sozial- sondern eine Naturwissenschaft, die sich mit Naturgesetzen auseinander setzt, muss sie auf andere Aspekten unseres Lebens keine Aufmerksamkeit verwenden. Es fragt ja auch niemand nach, ob die Schwerkraft gerecht oder wünschenswert ist.

Und so leben wir letztlich in einem mörderischen System, das uns als Naturgesetz verkauft wird.

10 Kommentare

      1. »Und so leben wir letztlich in einem mörderischen System, das uns als Naturgesetz verkauft wird.«

        Dafällt mir ein: Mal nach Adam Smith + Isaac Newton (+ astronomy) suchen, wenn Du es nicht schon getan hast.
        Zwei Beispiele:
        »Isaac Newton’s Influence on Adam Smith’s Natural Laws in Economics « – Hetherington
        oder
        »Political Economy in the Mirror of Physics: Adam Smith and Isaac Newton« – Diemer/Guillemin

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      2. Carlo, ich komme grade nicht so gut hinterher … kannst Du in einem Satz sagen, was diese Suchbegriffe beleuchten helfen? Die Parallelität zwischen naturwissenschaftlicher Denkweise und der (in weiten Teilen pseudo)wissenschaftlichen Denkweise in der Ökonomie?

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