David Graebers Wahnsinnsritt: „5000 Jahre Schulden“, Teil 1.

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David Graebers Buch „Debt – the First 5,000 Years“ beginnt mit großem Anspruch. Gleich am Anfang des Buches heißt es (meine Übersetzung):

Seit sehr langer Zeit herrscht intellektuelle Übereinstimmung dazu, dass wir keine Großen Fragen mehr stellen können. Zunehmend scheint es, als hätten wir keine andere Wahl.

Das Buch beginnt mit einem wilden Galopp durch die unterschiedlichsten historischen Geschichten und Ursprünge des Konzeptes von „Schuld“ und „Schulden“. Das ist einerseits ein großes Vergnügen, weil Graeber Gedanken und Ideen präsentiert, die im Zusammenhang mit dem Thema „Schulden“ wohl selten in dieser Weise zusammengestellt wurden. Andererseits ist es bisweilen mühsam, weil (zumindest bisher) ein durchgängiger Argumentationsfaden, der alles zusammenhält, eher selten erscheint — und wenn, dann bruchstückhaft. Hin und wieder versteckt Graeber zentrale ordnende Gedanken eher, als sie in den Vordergrund zu rücken. Das macht die Lektüre des Buches nicht einfach. Ich will dennoch versuchen, zentrale Thesen des Buches herauszuarbeiten. In den folgenden Zeilen geht es um die zwei Kernthemen aus den Kapiteln eins bis drei: den Mythos vom Tauschhandel und die Idee der „Urschuld“. Weitere Teile des Buches werden ich dann in späteren Texten zusammenfassen.

Der Mythos vom Tauschhandel
„Die Wirtschaft“ als eine vom übrigen menschlichen Dasein quasi losgelöste, separate Facette ist — so Graeber — eine Erfindung der Wirtschaftswissenschaften. Und das kam so: Immer und immer wieder ist uns die Geschichte vom Tauschhandel erzählt worden, nach der die Menschen (in Folge der Erfindung der Arbeitsteilung) zunächst durch Tausch von Gütern miteinander ihre täglichen Bedarfe decken konnten. Das sei ihnen dann schnell ein wenig unpraktisch geworden, und so hätten sie kurzerhand das Geld erfunden, um die Sache zu erleichtern. Aber selbst mit Geld sei das alles letztlich nichts anderes als Tauschhandel 2.0. Wirtschaftliches Handeln — also der Austausch von Gütern — ist nach dieser Lesart von Anfang an eine eigenständige ganz spezielle „natürliche“ Tätigkeit des Menschen, die dann über Geld nur vereinfacht wurde. Geld als „Commodity“, um den Tauschhandel zu vereinfachen. Und so ist Wirtschaft eine komplett eigene Sphäre menschlichen Tuns.

Soweit, so gut bekannt. Nur gibt es laut Graeber keinerlei Nachweise dafür, dass es in der Tat so gewesen ist. Im Gegenteil — Historiker und andere Forscher hätten endlose Beispiele dafür gefunden, dass Menschen alle möglichen Arten wirtschaftlicher und sozialer Systeme entwickelt hätten, von denen der Tauschhandel das vermutlich untypischste gewesen sei. Denn anders als die Ökonomen uns weismachen wollten, war das Geschachere und Gefeilsche um den besten Deal beim Tausch von zwanzig Hühnern für eine Kuh eben nicht das Grundprinzip menschlichen Handelns von Beginn an, sondern eher eine Erfindung eben dieser selben Ökonomen — rückblickend auf eine Zeit, mit der sie sich nicht wirklich auseinander gesetzt haben. Ihrer Erfindung haben sie dann gleich noch die „Hand Gottes“ zugedichtet — Adam Smith meinte wohl Gott, nannte ihn allerdings „die unsichtbare Hand des Marktes“, die gleichsam magisch für Fairness auf allen Seiten sorgt.

Graeber hält das alles für gewagt. Im echten Leben der frühen Menschen habe nicht das Hauptaugenmerk auf ständigem Tauschen und Schachern gelegen. Sondern das Befriedigen von Bedürfnissen aller Art sei eng verwoben gewesen mit Nachbarschaft, Verwandtschaft, Vertrauen, Gemeinschaft, Fürsorge, Kampf, Abenteuer, Sex, Ernährung oder Tod. Mit anderen Worten: mit allen Facetten des Lebens. Nur weil die Menschen die Arbeitsteilung erfunden haben, wurden sie deswegen nicht gleich zu Geschäftsleuten. Vielmehr hing die Bereitschaft dazu, anderen Schuhe zu geben (weil man beispielsweise selbst sehr gut darin war, Schuhe herzustellen) eng davon ab, welche Beziehung man zum anderen hatte. War es ein Nachbar oder Verwandter? Wenn er aus demselben Dorf kam, war die Wahrscheinlichkeit groß, dass er beides war. Würde man ihn mit einem „Kuhandel“ über’s Ohr zu hauen versuchen? Natürlich nicht, das wäre desaströs gewesen in einer kleinen Gemeinschaft. Stattdessen half man sich gegenseitig aus — im Vertrauen darauf, dass andere einem selbst in einer anderen Situation aushelfen werden.

Warum aber liegt den Ökonomen so an einer „Tauschhandel-Geschichtsschreibung“ zur Entstehung des Geldes? Weil diese Geschichte eine zentrale Säule ökonomischer Theorie stützt: „Handel und Wandel“ auf einem „Markt“ ist eine Sache der Natur, die der Mensch schon immer gemacht hat, die daher Naturgesetzen folgt und die daher auch gleichsam wie eine Naturwissenschaft mit ähnlichen Regeln organisiert ist und studiert werden kann. Und in die — Obacht! — der Staat nicht eingreifen darf!

Viel wahrscheinlicher ist dagegen, dass die Menschen schon früh Kreditsysteme entwickelt haben. Um ein wenig im Überblick zu behalten, wer eigentlich wem mit was ausgeholfen hatte. Und die Fairness auf Dauer sicherzustellen — ohne „unsichtbare Hand“, sondern mit sichtbaren Aufzeichnungen. Das Geld wurde in diesem Zusammenhang nicht erfunden, um den Tauschhandel zu erleichtern, sondern einfach als transportabler und vielerorts einlösbarer Schuldschein. Geld war kein Objekt des Handelns, sondern einfach ein Maß in das Vertrauen in eine bestimmte Person, dass diese ihre Schulden wird begleichen können.

Wenn Geld aber eine Maßeinheit für Vertrauen war, dann war ebenso klar, warum sich die Regierungen dafür interessierten: sie haben ja oft auch alle anderen wichtigen Maße standardisiert und kontrolliert. Und wenn einmal ein mächtiger König hinter einer Maßeinheit (in diesem Fall: einer Währung) stand, war das Vertrauen in sie noch einmal größer und man konnte mit ihr in noch mehr Gegenden bezahlen. Denn wenn der König die Währung mit seinem Vermögen gesichert hat, dann sollte sie dem Fischer oder Tischler wohl recht sein. Mit anderen Worten: erst der Staat hat das Geld wirklich funktionieren lassen. Und damit ist die These, dass der Staat sich aus dem Markt heraushalten soll, wohl nur schwerlich zu halten. Der Staat hat ihn ja mit einer funktionierenden Währung erst erschaffen. Und so entsteht zuerst der Staat, und erst danach ein funktionierender Markt — und nicht anders herum.

Warum Steuern?
Im dritten Kapitel befasst sich Graeber sehr ausführlich mit der Frage, woher eigentlich früher die Rechtfertigung des Staates kam, Steuern einzuziehen. Heute ist die Frage leicht beantwortet — der Staat erbringt Leistungen, sie müssen bezahlt werden. Historisch aber sagt er, dass Steuern eher vage mit einem sozialen Vertrag und Übereinkunft zwischen Marktteilnehmern begründet worden seien. Dessen Entstehen könne man sich aber nur vorstellen, wenn es zunächst Märkte und erst danach Regierungen gegeben hätte. Was aber laut Graeber ja genau anders herum passiert ist. Also: woher hatte der Staat das Recht, Steuern zu erheben?

Eine Theorie, die hierzu entwickelt wurde, ist die sogenannte „Primordial Debt Theory“ (übersetzt vielleicht „Urschuldtheorie“ oder „Erbschuldtheorie“), wonach der Staat der Wächter über die Schulden ist, die wir alle zwangsläufig bei einander und der Welt haben — weil wir Produkt unseres Umfelds sind, unserer Gesellschaft; wir sind das Ergebnis von Generationen. Graeber diskutiert die Idee ausführlich, hält sie für attraktiv, und beschreibt, wie aus der Idee einer Urschuld letztlich der Staat und dann die Nation begründet wurden: zu Beginn schulden wir alles den Göttern, die uns zu dem geformt haben, was wir sind — am Ende wurde daraus die Schuld an die Nation, in deren Mitte wir entstanden sind, und die wir letztlich bis auf den Tod gegen ihre Feinde verteidigen müssen.

Graeber kommt zu dem Ergebnis, dass die Theorie dennoch nicht realistisch erscheint. Anstatt die Welt dadurch zu erklären, dass wir als einzelne auftretend „Schulden“ gegenüber den Vorfahren, der Erde, dem Kosmos, den Göttern haben, ist es aus seiner Sicht deutlich naheliegender, anzuerkennen, dass jeder von uns keine losgelöste einzelne und kein losgelöster einzelner ist, der oder die überhaupt in derart „vertragliche“ Bindungen („ich schulde Dir“) mit dem Universum eintreten können, sondern dass wir vielmehr Teil des Ganzen sind, und dass „Schuld“ sozusagen „innerhalb des Großen Ganzen“ schlicht das falsche Konzept ist. Ebensowenig würde man ja auch sagen, dass der Arm dem Herzen etwas schuldet, oder das Ohr der Leber. Zudem erklärt er recht nachvollziehbar, dass das Konzept einer eindeutig abgrenzbaren Gesellschaft („society“), zu der wir eindeutig zugeordnet gehören, viel zu jung ist, um die Entstehung einer solchen deutlich älteren Theorie zu erlauben.

An diesen Passagen im Buch ist auch interessant, wie intensiv Graeber immer wieder darauf verweist, dass wir alle Ergebnis unseres Umfeldes und der Umstände sind, unter denen wir aufwachsen; damit setzt er sehr deutlich einen Gegenpunkt zum vor allem US-amerikanischen Archetyp des Selfmade Man. (Wie übrigens auch das höchst lesenswerte Buch „Outliers“ von Malcolm Gladwell.)

Graeber schließt das Kapitel damit, dass dies die „große Falle des 21. Jahrhunderts“ sei: auf der einen Seite stehen die Marktgläubigen, die meinen, dass wir alle als einzelne und von allem unabhängige Individuen auf den „natürlichen Markt“ treten, und dort im Wettstreit mit Gleichen unser Glück schmieden. Auf der anderen Seite gibt es die Staatsgläubigen, die erklären, dass wir keineswegs losgelöst und unabhängig sind, sondern dass wir der Gesellschaft mehr schulden, als wir ihr je zurückzahlen können. Graeber sieht das als falschen Widerspruch, der nicht der Wahrheit entspricht. Die Staaten haben die Märkte erschaffen, sie fanden sich nicht „in der Natur“. Die Märkte wiederum brauchen den Staat, um zu funktionieren. Beide gäbe es nicht ohne den jeweils anderen. Sie sind eine Einheit.

Mit Teil 2 meiner Zusammenfassung geht es hier weiter.

10 comments

  1. Danke, für diese Rezension. Das Buch hätte ich nie gelesen, Kapitalismus ist einfach nicht mein Metier.
    Jedoch hat mich die ein oder andere Passage inspiriert.
    Auch sehr schön zu sehen wardas sich manche meiner Ideen über die Natur der Menschlichkeit in tatsächlichem wissenschaftlichem Konsens befinden oder zumindest ein ähnliches Ideal hervorbringen.

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    1. Danke für den Kommentar! Das Buch liest sich nicht leicht, aber ich glaube, es ist wert, dass ich es komplett durcharbeite, weil Graeber so anders denkt und so eine neue Perspektive auf viele Dinge bietet. Ich habe ehrlich gesagt keine Ahnung, in wievielen Teilen ich die Zusammenfassung machen werde, aber gestern habe ich den zweiten Teil veröffentlicht, in dem auch wieder einiges wirklich Interessantes drin steckt:
      https://kaffeeundkapital.de/2017/01/18/graebers-5000-jahre-schulden-teil-2-alltaeglicher-kommunismus-definition-von-schuld-und-andere-phaenomene/

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