Zusammenfassung: meine Erkenntnisse aus der Arte-Reihe „Kapitalismus“.

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Vergangene Woche habe ich mit dem dritten Text meine Zusammenfassungen der Arte-Reihe zum Kapitalimus abgeschlossen. Hier möchte ich meine Erkenntnisse daraus noch einmal zusammenfassen.

An den Anfang stelle ich die tl:dr-Zusammenfassungen der drei einzelnen Beiträge:

Text 1: Adam Smith hat die Wirtschaft als Produkt von Kolonialismus und Sklaverei erlebt, zudem sind seine Thesen in den Wirtschaftwissenschaften verkürzt und verfälscht worden. Und so leben wir heute in einem mörderischen System, das uns als Naturgesetz verkauft wird.

Text 2: David Ricardo hat wertvolle theoretische Grundlagen für internationale Handelsbeziehungen geschaffen, aber damit auch den gedanklichen Unterbau für viel Elend in der Welt. Karl Marx war weniger Revolutionär, als vielmehr ein präziser Beobachter des Kapitalismus — das, was er damals sah und beklagte, lässt heute noch immer viele Menschen leiden.

Text 3: Kenyes glaubte daran, dass der Kapitalismus geregelt werden müsse, weil sonst krasse Ungleichheit und schließlich Verderben entstehen würden — die Nazi-Zeit gab ihm Recht. Erst gute dreißig Jahre später gelang es seinem Widersacher Hayek und dessen Schülern, das Ruder wieder in Richtung einer immer freieren Marktwirtschaft herum zu reißen. Karl Polanyi beschreibt die transformative Gewalt der industriellen Revolution und fordert, dass die Wirtschaft Teil der Gesellschaft sein muss — anstatt dass die Gesellschaft zur Dienerin der (Finanz-)Wirtschaft wird. Andernfalls passiert genau das, was wir grade in Griechenland erleben.

Für mich sind die folgenden Beobachtungen und Erkenntnisse aus der Arte-Reihe zentral:

  • Die Haltung ist links: man muss beim Betrachten der Reihe ganz klar feststellen, dass die Haltung derer, die diese Filme gemacht haben, dem Neo-Liberalismus eindeutig kritisch gegenüber steht. Die Befürworter eines möglichst freien Marktes kommen an keiner Stelle gut weg. Das kann man natürlich kritisieren und eine ausgewogenere Darstellung fordern, damit „die andere Seite“ (Hayek, Friedman & Co.) besser wegkommt. Aber genau diese andere Seite hat ja mittlerweile rund 40 Jahre lang die Wirtschaftspolitik dominiert — und die Filme interessieren sich für die negativen Folgen davon. Die positiven Folgen — dass wenige Menschen in dieser Welt sehr sehr reich werden können und dass Unternehmertum bisweilen wahnwitzige Returns erwirtschaften kann — sind ja bestens bekannt.
  • Kolonialismus als Startpunkt: Dass unser Wirtschaftssystem auf Grundlage des Kolonialismus entstanden ist, und dass die allerersten Venture Capital-Investoren diejenigen Wohlhabenden waren, die den Kolonialismus finanziert haben, war für mich eine erstaunliche Erkenntnis. Deswegen hatte ich ja auch im ersten Titel „Cortez war ein Start-Up“ stehen.
  • Die großen Adam-Smith-Irrtümer: Dass die heute weltberühmte „unsichtbare Hand des Marktes“ das genaue Gegenteil dessen ist, was Adam Smith meinte und wollte, als er an einer einzigen Stelle in seinem Werk von einer unsichtbaren Hand schrieb, finde ich bemerkenswert. Seine Bedeutung wurde ins genaue Gegenteil verkehrt, und doch wird er als der Urvater der Forderung nach dem freien Markt gefeiert. Extremer noch: Smith sah die Bedrohungen durch einen enthemmten Kapitalismus voraus, deswegen schrieb er als Begleitung zu seinem Text „Wealth of Nations“ ein zweites Buch, zu Moral und ethisch richtigem Verhalten. Davon ist bei den Ökonomen, die sich auf Smith berufen, nichts übrig geblieben. Die Moral ist aus dem ökonomischen Diskurs entfernt worden.
  • Ein zerknirschter Bill Clinton: den ehemaligen Präsidenten bei der Diskussion der FreeTrade-Politik der USA gegenüber Haiti in einer dermaßen selbstanklagenden Rolle zu sehen, hat mich mehr als überrascht — ebenso die Erkenntnis, dass eine heute sehr starke Volkswirtschaft wie Südkorea nur an diese Position gelangen konnte, weil dort die Wirtschaft über Jahrzehnte zunächst sehr protektionistisch aufgebaut wurde. Dass also Freihandel alles andere als ein Garant für wirtschaftliche Prosperität ist.
  • Marx als scharfsinniger Beobachter: dass Marx nicht wirklich nützlicher Revolutionsvordenker und eher kompetenter Kapitalismus-Kritiker war, habe ich immer mal wieder gehört, hier wurde es für mich deutlich. Er hat dank seines Freundes Engels in Manchester aus erster Hand beobachten können, was ein unkontrollierter Kapitalismus mit den Menschen anrichtet. Und daraus Thesen abgeleitet, die heute aktueller sind als je zuvor. Das aus unserer heutigen Sicht fast schon naiv wirkende Beispiel vom Polio-Impfstoff, den sein Erfinder in den 50er Jahren als „Geschenk“ an die Menschheit feiert, welches man natürlich nicht patentieren könne („wie absurd, die Idee!“), zeigt, wie weit wir uns in eine durchkommerzialisierte Welt hineinbewegt haben.
  • Die hartnäckige Sturheit der irrigen Hayekianer: wenn man sieht, wie unglaublich daneben Hayek und Co. mit ihren Ansichten immer wieder gelegen haben — als beispielsweise die Deutschen in den frühen 30er Jahren deren Rezepte angewendet und damit den Nationalsozialismus mit befördert haben — und wie asozial die Ergebnisse einer derartigen Politik sind, muss man sich fragen, warum so hartnäckig darauf gesetzt wird. Und warum heute — grade in diesen Tagen — eine deutsche Regierung mit allen Mitteln dafür kämpft, Griechenland keine Schulden zu erlassen. Es scheint, als lege man es bewusst darauf an, in Europa neue Nationalisten befördern zu wollen.

Die Wirtschaftpolitik scheint seit 40 Jahrzehnten mit Scheuklappen in eine Richtung zu galoppieren, ohne Rücksicht auf Verluste.

Das muss sich ändern.

5 Kommentare

      1. Ich versuche auch die verschiedenen Links zu sammeln und werde sie – hoffentlich – alle irgendwann nachverfolgen. Im übrigen: wenn Du magst, kannst Du auch gern mal einen Gastbeitrag für das Blog hier schreiben, es gab schon zwei. Voraussetzung wäre nur, dass wir ggf. den Text sprachlich noch gemeinsam bearbeiten (weil ich bestimmte Erwartungen an Lesbarkeit habe), und dass keine Verschwörungstheorien darin vorkommen.

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