Graebers „5000 Jahre Schulden“, Teil 2: alltäglicher Kommunismus, Definition von Schuld und andere Phänomene.

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(Teil 2 meiner Zusammenfassung des Buches von Graeber. Teil 1 findet sich hier.)

„Natur des Menschen“
Graeber erzählt in Kapitel 4 eine Geschichte: ein Walruß-Jäger unter den Eskimos sieht, dass ein zugereister Däne kein Glück beim Fang hatte und mit leeren Händen nach Hause gekommen ist. Sofort bringt der Eskimo-Jäger ihm mehrere hundert Pfund Fleisch vorbei. Der Däne will sich bedanken, aber der Eskimo wehrt leidenschaftlich ab:

„Hier oben in unserem Land sind wir menschlich!“, sagte der Jäger. „Und weil wir menschlich sind, helfen wir einander. Wir mögen es nicht, wenn sich irgendjemand dafür bedankt. Was ich heute fange, fängst Du vielleicht morgen. Hier oben sagen wir, dass man mit Geschenken Sklaven erzeugt, und mit Prügel erzeugt man Hunde.“

Der Inuit widerspricht also den Marktgläubigen ganz direkt: es gibt nicht die eine Natur des Menschen im Markt, geprägt durch rationale Nutzenmaximierung und aus auf den letzten besten Deal. Gerade indem wir einander einfach aushelfen, zeigt sich unsere Menschlichkeit — nicht, weil wir kalkulieren, handeln und bartern. Er sieht durchaus, dass es im Menschen die Neigung gibt, zu vergleichen, zu rechnen, zu messen. Aber Graeber führt dann selbst auf seine Weise aus, was ich kürzlich schon mal in den besonders schönen Worten von Zadie Smith gepostet hatte:

Wir haben alle möglichen Neigungen. In jeder Lebenslage haben wir Neigungen, die uns zugleich in verschiedene widersprüchliche Richtungen treiben. Keine ist realer als die andere. Die wirkliche Frage ist, welche wir als das Fundament für unsere Menschlichkeit ansehen, auf die wir deshalb als die Grundlage für unsere Zivilisation bauen.

Wie schon früher im Buch hält er also auch hier ein Plädoyer dafür, dass wir die Idee, die liberale kapitalistische Marktwirtschaft sei uralte menschliche Natur, als eine Erfindung der Ökonomen zu erkennen. Wie wir miteinander umgehen, hat nichts mit unserer Natur zu tun, sondern damit, worauf wir bewusst den Fokus unserer Menschlichkeit legen wollen. Nur wer alles, was wir tun, in einer Logik von Austausch und Handel sieht, kommt außerdem erst auf die Idee, dass es eine „Urschuld“ geben kann, die man dem Universum, Gott oder der Gemeinschaft schuldet, oder — daraus sich entwickelnd — später die Pflicht, einer Nation Treue zu schwören. Auch das ist nichts anderes ist als ein weiterer Deal, ein weiterer Handel mit der Nation.

Und die Religionen machen mit. Dass in vielen Religionen so oft von Schuld die Rede ist, führt Graeber darauf zurück, dass viele religiöse Texte zu Zeiten geschrieben wurden, als es viel sozialen Aufruhr gab, immer im Zusammenhang mit Schuld, Schuldsklaverei und bisweilen desaströsen sozialen Verhältnissen, in denen Kinder oder Frauen als Schuldsklaven an Fremde gegeben werden mussten. Und so haben religiöse Autoren immer auch tagesaktuelle Kommentare abgegeben (wie das ja auch heute noch hin und wieder die Pfarrer von der Kanzel tun) und gegen Schuldenprobleme gewettert und für Vergebung argumentiert, nur sind diese aktuellen Bezüge für uns heute verloren gegangen. Da das Konzept von Schuld zur Zeit der Schreibung vieler religiöser Schriften schon oft tief in der Gesellschaft verankert war, die Religionen aber andererseits gesehen haben, dass der Mensch gegenüber dem Universum, den Göttern, Gott unmöglich jemals seine Schuld begleichen kann, mussten sie immer mit sehr sonderbaren Widersprüchen umgehen — einerseits wird der Einzug ins Paradies gern anhand des Aufrechnens von Schuld diskutiert, andererseits prangern sie Wucherschulden und gierige Gläubiger an.

Schuld braucht Gleichheit, die dann in Ungleichheit umschlägt
Dass Schuldenprobleme so viel Aufmerksamkeit erfuhren — im Gegensatz zu vielen anderen ungerechten Zuständen in damaliger Zeit — begründet Graeber damit, dass das Eingehen einer Schuldsituation zu Anfang immer erstmal erfordert, dass beide Parteien einander als gleich gegenüberstehen, und dass dann aus der Schuldensituation heraus eine Ungleichheit entsteht. (Was übrigens — siehe oben — das Konzept der Schuld gegenüber einem Gott oder dem Universum eigentlich ziemlich unmöglich macht.) Dass dann plötzlich eine Macht des Gläubigers über den Schuldner entsteht — in dem Moment, in dem der Schuldner die Schulden nicht bezahlen kann –, dass also aus einem Gegenüber von Gleichen eine Machtposition des einen über den anderen wird, hat immer wieder dazu geführt, dass diese Probleme als unfair oder ungerecht angesehen wurden.

Moralische Alternativen zum gleichberechtigten Handelsaustausch
Graeber will vermitteln, dass wir nicht als rationale Marktwesen geboren sind, die ständig nur darauf aus sind, in jedem Austausch unseren eigenen Vorteil zu maximieren. Daher beschreibt er andere Situationen, in denen von Menschen ganz anders moralisch über Richtig und Falsch geurteilt wird, als immer einen möglichst fairen Austausch von Gleich zu Gleich zu fordern. Aus seiner Sicht gibt es drei moralische Grundprinzipien, nach denen wirtschaftliche Beziehungen im Austausch unter Menschen heute organisiert werden: Kommunismus, (Aus)Tausch (bei Graber „exchange“) und Hierarchie.

Kommunismus existiert heute, hier und jetzt
Graeber erkennt an, dass der Begriff „Kommunismus“ starke emotionale Reaktionen hervorruft, weil damit vor allem ungerechte, gescheiterte diktatorische Regimes assoziiert werden. Von diesen will er sich aber unterscheiden; er sagt, dass dort kein Kommunismus stattgefunden habe. Zudem habe der „Revolutionsbegriff“ „Kommunismus“ die Leute jahrhundertelang in die Irre geführt — er habe suggeriert, dass der „Kommunismus“ ein fernes Ziel sei, auf das hinzuarbeiten sei, und bei dem es um Besitzstand, um eine Partei und um Aufstand gehe. Das sei letztlich sehr irreführend gewesen — stattdessen definiert er Kommunismus schlicht als jedes menschliche Beziehung, die nach folgendem Prinzip funktioniert:

Von jedem entsprechend seiner Möglichkeiten, für jeden entsprechend seiner Bedürfnisse.

Kommunismus existiert heute. Hier und jetzt. Überall. Wir handeln alle kommunistisch, in vielen Lebensbereichen. Zugleich kann eine 100% kommunistisch organisierte Gesellschaft nie existieren. Laut Graeber geht es letztlich um die Frage:

Wer hat Zugang zu welchen Dingen, und unter welchen Bedingungen?

Wann immer beim Zugang zu Mitteln und Dingen das obenstehende Prinzip angewandt wird („von jedem entsprechend seiner Möglichkeiten, für jeden entsprechend seiner Bedürfnisse“), sei in der Gesellschaft Kommunismus am Werk. Und das gebe es überall, angefangen bei den kleinsten Austauschvorgängen: wenn ein Mensch einen anderen nach dem Weg fragt (in Zeiten vor Google Maps …), sich Feuer leiht, um das Salz auf dem Tisch bittet, dann hilft der andere weiter, ohne groß darüber nachzudenken. Wenn ein Handwerker zum anderen sagt „gib‘ mir mal den Schraubenschlüssel“, sagt der andere nicht „Und was bekomme ich dafür?“, sondern er gibt ihn weiter, selbst wenn er im profitgierigsten Unternehmen der Welt tätig ist. Ironischerweise seien kapitalistische Firmen in ihrem Inneren oft kommunistisch organisiert, weil das genannte Prinzip oft eine ziemlich effektive Organisationsform sei. Und wenn heute in einem Start-Up von „flachen Hierarchien“ und „kurzen Entscheidungswegen“ die Rede sei, dann nur, weil die Gründer sich dieses kommunistische Prinzip zunutze machen wollen. Das Prinzip kommt ebenfalls zum Einsatz, wenn es Naturkatastrophen gibt und die Menschen einander „unbürokratisch“ helfen — viele kennen das besondere Gefühl, das entsteht, wenn Menschen in einer Krise aufeinander zugehen, Probleme lösen, aushelfen, jeder leistet, was er kann, und jeder (hoffentlich) bekommt, was er braucht. Diese Art des kommunistischen Austauschs sei, laut Graeber, das Fundament aller menschlicher Gemeinschaft:

Tatsächlich ist Kommunismus die Grundlage für alle menschliche Geselligkeit. Er ist, was Gesellschaft möglich macht.

Diese Art fundamentalen überall existierenden gesellschaftlichen Kommunismus nennt Graeber Basiskommunismus („baseline communism“), und er ist unterschiedlich stark und umfassend ausgeprägt, in Abhängigkeit davon, ob man in einer unpersönlichen großen Stadt oder in einem kleinen Dorf wohnt, in einem westeuropäischen Land oder bei einem primitiven Volk im Urwald. Aber er existiert überall. Und er macht das Leben erst lebenswert:

Einsame Vergnügungen wird es immer geben, aber für die meisten menschlichen Wesen sind die erfreulichsten Aktivitäten fast immer jene, in denen etwas geteilt wird: Musik, Essen, Alkohol, Drogen, Gerüchte, Drama, Betten. An der Wurzel der meisten Dinge, die uns Freude machen, steckt eine Form von Kommunismus.

Wir sollten laut Graeber den Kommunismus also als moralisches Prinzip menschlichen Handelns sehen, und nicht als Frage danach, wem was gehört.

(Aus)Tausch
Nach Kommunismus, als erstem wichtigen moralischen Ordnungsprinzip menschlichen Handelns, diskutiert Graeber als zweites Tauschvorgänge und Handel: ein Hin und Her, bei dem es um die Optimierung der eigenen Situation geht, weil jede Seite am Ende möglichst viel für sich zu erreichen versucht. Darin steckt ein Paradox — einerseits versucht jede Seite die andere zu übertrumpfen, andererseits wird die Sache als fair angesehen, wenn beide mit ungefähr gleichwertigem Ergebnis davongehen.

Dabei kann es unterschiedliche Ziele geben. Beim kommerziellen Handel will jeder für sich möglichst viel herausholen. Beim Austausch von Geschenken dagegen kann es in manchen Fällen sein, dass jeder das Ziel hat, den anderen zu übertrumpfen, um seine eigene Freigebigkeit gesellschaftlich zu unterstreichen.

Entscheidend ist bei allen Austauschsituationen, ob man mit Bekannten oder Nahestehenden zu tun hat oder mit Fremden. Nur in jenen Austauschsituationen, in denen wir sicherstellen wollen, dass am Ende des Austausches jede Verbindung zum anderen potenziell für alle Zeit beendet werden soll oder kann, ist eine echte Gleichwertigkeit im Austausch letztlich das Ziel. Wenn ich mein Auto verkaufe, dann erwarte ich, dass nach Übergabe des Wagens und Bezahlung der Summe der Käufer von dannen zieht und ich nicht wieder von ihm höre — wenn ich dann aber zwei Tage später einen Anruf von ihm bekomme, weil ihm noch irgendetwas am Auto aufgefallen ist, was ihm nicht gefällt (so ging es mir bei meinem letzten Autoverkauf), dann hat der Verkauf nicht gut funktioniert.

Das ist auch der Grund, warum wir uns im Austausch mit Familie, Freunden, Nachbarn mit der Bezahlung schwer tun. Wenn uns jemand mit einer Sache hilft und wir ihn dafür bezahlen, wird damit angenommen, dass die Verbindung nun abgeschlossen und beendet ist. Aber wer wünscht sich das bei seinen Freunden? Deswegen werden Umzugshelfer gern mit Pizza bezahlt: man zeigt sich ihnen gegenüber erkenntlich, aber die Pizza ist normalerweise eindeutig weniger Wert als die Mühe, die der Umzug gemacht hat — und das wissen auch alle. Das heißt, hier wird letztlich keine Schuldsituation erzeugt, sondern die Beziehung springt in die obenstehende Kategorie des Alltagskommunismus. Letztlich wird die private Austauschsituation durch dauernd angehaltenes Geben und Zurückgeben immer weiter betrieben, um sie nicht abbrechen zu lassen. Viele kennen die schon fast stereotypen Probleme von Ehepaaren in bestimmten Gesellschaftsschichten, die ständig damit beschäftigt sind, welches Ehepaar aus ihrem Freundschaftskreis nun wieder eingeladen werden muss, und bei welchem sie selbst eingeladen werden müssten. Hier werden Beziehungen über ständigen Austausch miteinander immer wieder erneuert.

Und wieder erlaubt sich Graeber eine unterhaltsame Spitze gegen die Theoretiker des freien Marktes:

Warum würde sich ein Wirtschaftstheoretiker des freien Marktes, den ich zu einem teuren Abendessen einlade, in gewisser Weise herabgestuft fühlen — unbequem in meiner Schuld stehend — bis zu dem Moment, an dem er den Gefallen erwidert hätte? Warum wäre er geneigt, falls er sich im Wettstreit mit mir fühlte, mich eventuell sogar zu einem teureren Restaurant einzuladen?

Die klassische Wirtschaftstheorie gibt diese Verhaltensweisen nicht her — nach ihr müsste der Ökonom glücklich sein über den Nutzenvorsprung, den die erste Einladung ihm ermöglicht, ohne Interesse daran, die Sache auszugleichen. Aber genau darum geht es ja, als soziale Wesen sind wir eben alles andere als kurzfristige anonyme Nutzenmaximierer. Andere moralische Wertungen und Entscheidungen können je nach Situation ebenso leicht vorgenommen werden, unterschiedliche Bewertungen (ist es eine Ehre, dieses Geschenk bekommen zu haben; ist es eine Schande, jene Einladung auf derartige Weise zu erhalten?) hängen ganz von den Bräuchen und Erwartungen ab. In früheren Zeiten konnte man durchaus gehenkt werden, wenn man dem König das falsche Geschenk brachte. Was uns zu Graebers drittem moralischen Organisationsprinzip menschlichen Austausches bringt.

Hierarchie
In Situationen, in denen Menschen Macht über andere Menschen haben, wird zwar oft so gesprochen, als handele es sich um eine Austauschsituation (also um die vorher behandelte Kategorie) — üblicherweise, um die wahren Zustände notdürftig zu verschleiern. Ein Beispiel ist die bekannte Erzählung, dass die Bauern die Nahrung beschaffen, die Herren im Gegenzug für Sicherheit sorgen. In Wahrheit ist bei hierarchischen Situationen genau das Gegenteil der Fall — es ist ganz eindeutig klar, dass die beiden Parteien ungleich sind und die eine über der anderen steht.

Graeber geht davon aus, dass Dominanz und Unterwerfung, Kontrolle und Sich-Fügen, Herrscher und Beherrschte — also kurz: hierarchische Strukturen — aus den Beziehungen früherer Räuber und „ihrer“ Beraubten entstanden sind. Wenn Räuber immer wieder dieselben Bauerndörfer heimgesucht und bestohlen haben, sind schließlich mit der Zeit Beziehungen zu den Beraubten entstanden, so dass sich das Stehlen in Tributzahlungen verwandelt hat, und aus Vergewaltigungen wurde das Recht des Königs an der ersten Nacht mit einer Frau. Und damit immer genug für die Tributzahlungen übrig blieb, ergab sich dann fast schon von selbst, dass die Herrscher die Untergebenen irgendwann auch gegen andere Räuber verteidigt haben. Und so ist (teilweise wohl auch dank rhetorischer Kunstfertigkeit auf Seiten der Herrscher) aus amoralischer räuberischer Ausbeutung über die Zeit eine letztlich moralisch begründete (oder immerhin erklärte) Ausbeutung geworden.

Aber selbst wenn auch in einer hierarchischen Struktur an manchen Stellen die Logik von Tausch und Handel verwendet wird (Nahrung gegen Schutz), würde niemand versuchen aufzurechnen, ob der Austausch auch gerecht und fair ist. Denn wie gesagt — wir haben es nicht mit Partnern auf Augenhöhe zu tun, die wir bei einem „fairen“ Tauschhandel eigentlich bräuchten (siehe oben). Stattdessen wird bei der Hierarchie auf die Vergangenheit und auf die bisherigen Sitten geblickt: müssen wir dieses Jahr so viel abgeben wie letztes Jahr? Warum ist es mehr?

In einer klar akzeptierten Hierarchie geht es nicht mehr um Gegenseitigkeit und Austausch, sondern um komplex verwobene Beziehungen aus Gewohnheiten und Erwartungen, die teilweise über Jahre, Jahrzehnte, Jahrhunderte entstanden sind. Aus diesen Logiken entstehen dann Kasten, Stände, und schließlich die Vorstellungen, dass manche Menschen mehr wert sein könnten als andere. Wenn eine bestimmte Aktivität von einer Person mehrere Male ausgeführt wird, beginnen wir, dieses Verhalten bei ihr für normal zu halten, schließlich sogar: es zu erwarten, und sie darüber zu definieren. Und genau deshalb ist es auch so gefährlich, Königen Geschenke zu machen. Sie könnten es als Präzedenzfall sehen und künftig jedes Jahr zu selben Zeit dasselbe Geschenk erwarten:

(…) jedes Geschenk an einen Feudalherren, „vor allem, wenn es drei- oder viermal wiederholt wurde“, wurde als Präzedenzfall behandelt und dem Gewebe der Gewohnheiten hinzugefügt.

Drei moralische Prinzipien, nur eines erkennen wir an
Die drei genannten moralischen Prinzipien finden in unser aller Leben ständig parallel und zugleich statt: gegenüber unseren Freunden sind wir Kommunisten, gegenüber einem Ladeninhaber Tauschhändler, und gegenüber einem Kleinkind gutmeinende hierarchische Diktatoren. Sie können sich auch ineinander verwandeln, oder in einem unübersichtlichen Mix bestimmte Beziehungen charakterisieren. Und so fragt Graeber:

Wenn wir ständig zwischen unterschiedlicher moralischer Buchhaltung hin- und herwechseln, warum hat das niemand bemerkt? Warum erklären wir stattdessen alles immer im Zusammehang mit Gegenseitigkeit?

Offenbar ist unser Sinn für Gerechtigkeit ganz eng an gleichwertigen Austausch gekoppelt. Immer dann, wenn Menschen abstrakt und theoretisch über Gerechtigkeit und Recht nachdenken, kommen sie zu dem Schluss, dass nur der Tausch auf Augenhöhe irgendwie als fair und gerecht anzusehen ist. Und so wurden alle drei oben genannten Kategorien immer wieder zu Tauschsituation „hinkorrigiert“: die Herrscher bieten Schutz, die Untergebenen dafür Lebensmittel (oder Frauen), dem Gott oder der Mutter schuldet man etwas, und Freunden hilft man nur, weil man im Tausch auch deren Hilfe zurückbekommt. Symmetrie und Ausgleich scheinen uns dringend notwendig, wenn wir über Gerechtigkeit und Fairness nachdenken.

Und so wünschen und denken sich die Ökonomen eben auch „den Markt“ dahin, dass er — weil er ja auf fairem Austausch und Handel basiert — Gerechtigkeit, Ausgleich und Symmetrie herstellt. Sie verwandeln ihn und seine menschlichen Akteure in wenig menschliche mathematische Formeln und versteigern sich bis zur Extremposition, dass er eigentlich erst wirklich funktionieren kann, wenn sich jede Regierung aus ihm heraushält. Dabei ist ja der Markt erst durch Regierungen möglich geworden.

Wie aus gegenseitiger Hilfe Ungleichheit und Abhängigkeit entstehen
Zu Anfang dieses Blogposts ging es um die Geschichte des Inuit, der Dank ablehnt, weil er weiß, dass aus Dank Abhängigkeit entstehen kann. Später spricht Graeber immer wieder davon, wie sich die drei verschiedenen moralischen Grundpositionen ineinander verwandeln können. Gegen Endes des Kapitels zitiert er dann eine Autorin, die beschreibt, was passiert, wenn man anders als der Eskimo den Dank annimmt: ein Mann kommt in eine Firma und bittet um einen Job. Der Chef findet einen für ihn. Der Mann kann fühlt sich in der Schuld des anderen, kann sich aber nicht wirklich für die große Hilfe revanchieren. Die Autorin Lorraine Blaxter schreibt weiter:

(…) er könnte ihm Respekt zollen, oder ihm symbolische Geschenke von Gemüse aus dem Garten machen. Wenn ein Geschenk eine Erwiderung verlangt, aber keine greifbare Erwiderung möglich ist, wird die Zurückzahlung durch Unterstützung oder Ansehen geleistet.

Graeber fragt zurecht: was denn nun? Kann die Schuld beglichen werden, oder kann sie es nicht? Weil das hin und wieder vorbeigebrachte Gemüse niemals den Wert eines Jobs aufwiegen kann, entsteht in diesem Fall — ganz wie beim Inuit beschrieben — aus der vermeintlichen Austauschsituation eine Abhängigkeit. Der Chef und der Mitarbeiter sind nun zu unterschiedlichen Leuten geworden, wie sie es vor diesem Austausch noch nicht waren. Ehrlicher wäre wohl gewesen, von vornherein anzuerkennen, dass sich zwei Leute hier nicht auf Augenhöhe begegnet sind, sondern es von Beginn an einen Unterschied gab. Dann hätte der Mitarbeiter — vielleicht aus einer kommunistischen Logik heraus („Von jedem entsprechend seiner Möglichkeiten, für jeden entsprechend seiner Bedürfnisse.“) die Sache einfach hingenommen und nicht angefangen, hin und wieder ein wenig Ernte vorbeizubringen.

Was ist also Schuld?
Schuld bedeutet also, wenn zwei Leute, die sich als fundamental gleich erachten, im Austausch eine temporäre Ungleichheit eingehen, die sie mittelfristig aber wieder ausgleichen wollen und können.

Damit kann es nicht zurückzahlbare Schuld per Definition nicht geben. Wenn es eine Schuld gibt, muss diese beglichen werden können. Da zu Beginn beide Parteien einander auf Augenhöhe gegenüber traten und die Schuld als bezahlbar angenommen wird, muss es das Problem des Schuldners sein, wenn er sich nicht wieder aus der Schuld befreien kann. Das macht Situationen, in denen Schulden nicht zurückgezahlt werden können, so schmerzhaft für die Schuldner. Wer seine Schuld nicht zurückzahlt, der hat — wortwörtlich — Schuld, auch rechtlich-moralisch. Während der Zeit der Schuld wechselt dabei das Verhältnis der beiden von Augenhöhe zu Hierarchie. Der Gläubiger steht über dem Schuldner, hat plötzlich Macht über ihn.

Sobald aber der Schuldner bezahlen kann, endet jede Beziehung zwischen den beiden (sofern sie denn nur auf diesem Austauschverhältnis basiert), denn Gleichheit und Augenhöhe sind wieder hergestellt. Das aber wünschen wir uns in unserem Alltag mit Menschen, die uns etwas bedeuten, niemals: wir wollen nicht die Verbindungen kappen, indem wir alle Schuld bezahlen — vielmehr sind wir uns der Verpflichtungen unterschiedlicher Art allzu oft allzu sehr bewusst, meinen in der Schuld der vielen zu stehen (Nachbarn, die unsere Post annehmen; Freunde, die unsere Kinder hüten; Eltern, die uns alles beigebracht haben), und begreifen nicht, dass das keine Schuldbeziehungen sind — sondern nichts anderes als menschlicher Alltagskommunismus.

(Hier geht es mit Teil 3 der Zusammenfassung weiter.)

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