Teil 3 von „5000 Jahre Schulden“: Humanökonomie, Sklaverei und die Römer erfinden Freiheit um.

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(Bisher habe ich schon zwei Teile meiner Zusammenfassung von David Graebers Buch veröffentlicht, außerdem eine damit verbundene kleine Randbemerkung. Dies ist Teil 3.)

In den Kapiteln sechs und sieben des Buches geht es ganz überwiegend um die Entstehung der Sklaverei, und darum, dass sie bis heute nachhaltige Bedeutung für unser Leben hat. Zunächst greift Graeber jedoch auf das vorherige Kapitel zurück. Er fragt, warum die klassische ökonomische Theorie bei der Diskussion des wirtschaftlichen Verhaltens derart zentrale und häufige Vorgänge wie Alltagskommunismus und hierarchische Strukturen schlicht unberücksichtigt gelassen und stattdessen so getan hat, als gäbe es nur Marktwirtschaft? Diese Verknappung habe unser Verständnis von Wirtschaft deutlich ärmer gemacht als es sein sollte — vor allem, weil es einen entscheidenden Aspekt fast komplett aus der Geschichte entfernt: die Rolle der Frauen.

Humanökonomien und soziale Währungen
In der Folge diskutiert Graeber dann über viele Seiten das, was er „Human Economies“ nennt (Humanökonomien) — wirtschaftliche Systeme, in denen es nicht darum geht, Brot, Kleidung oder Salz zu kaufen, sondern die sich allein darum drehen, die Beziehungen zwischen den Menschen immer wieder neu zu ordnen. Dafür wurde sogenanntes „primitives Geld“ verwendet, welches von Forschern sehr häufig im Zusammenhang mit einfachen Völkern beschrieben wurde, die weder Staaten noch Märkte kannten. Von ihrem Charakter her seien diese Währungen damals das genaue Gegenteil unserer Währung gewesen — sie haben für die Sorte Transaktion gedient, „über die Ökonomen nicht gern sprechen“:

Üblicherweise wurden diese Gelder nie verwendet, um Dinge zu kaufen oder zu verkaufen. Stattdessen werden sie genutzt, um die Beziehungen zwischen Menschen zu erschaffen, aufrecht zu erhalten, oder neu zu ordnen: um Hochzeiten zu arrangieren, die Vaterschaft von Kindern sicherzustellen, Fehden abzuwehren, Trauernde bei Beerdigungen zu trösten, Vergebung im Fall von Verbrechen zu ersuchen, Verträge zu verhandeln, Unterstützer einzukaufen — fast alles, nicht jedoch für den Handel mit Süßkartoffeln, Schaufeln, Schweinen, oder Juwelen.

Graeber nennt sie „soziale Währungen“ (Social Currencies) und wird in der Folge nicht müde darauf hinzuweisen, dass es sich bei Brautgeldern oder beim Bezahlen für einen Mord an einem Menschen nie darum gehandelt habe, den Schaden mit Geld aufzuwiegen, also: dafür zu bezahlen. Er bezieht sich dabei auf den französischen Forscher Philippe Rospabé, der erklärt, dass unser Geld zwar entstanden sei aus diesem Primitivgeld — dass dieses aber gerade nicht dafür gedient habe, Schulden zu bezahlen:

[Die soziale Währung] ist eine Möglichkeit anzuerkennen, dass es Schulden gibt, die unmöglich bezahlt werden können.

Weil jeder Mensch einzigartig ist, insbesondere in seinen Verbindungen zu seinem sozialen Umfeld, zu dem reichhaltigen Netzwerk, das sein Leben ausmacht, kann sein Wert niemals mit Geld aufgewogen werden. Hält also ein Mann um die Hand einer Frau an, und gibt ihrem Vater dafür den Zahn eines Wales, dann nicht, um sie womöglich zu kaufen. Sondern um dem Vater gegenüber deutlich zu machen, dass der Wert dieser Frau nie — durch welche Währung auch immer — durch etwas anderes, was nicht ein Menschenleben ist, aufgewogen werden kann.

Das Gleiche gilt für den Fall, in dem ein Mensch ermordet wurde, und die Familie des Mörders der geschädigten Familie die Zahlung der „Social Currency“ nicht anbietet, um für den Toten zu bezahlen — sondern um zu zeigen, dass genau das nicht geht. So verbleiben zahllose Verpflichtungen und „Schulden“, die sich über Jahre zwischen Menschen und über Jahrzehnte und Jahrhunderte zwischen Familien entwickeln. Und auf diese Weise entstehen schließlich Gesellschaften. Oder, wie Graeber sagt:

Unsere Schulden ergeben Gesellschaft.

Gewalt als zentraler Faktor zur Kommerzialisierung menschlicher Beziehungen
Das Problem daran ist aber, dass in diesem System Gewalt verborgen ist — Gewalt gegenüber Frauen. Denn letztlich waren Frauen sehr häufig relativ eindeutig Objekt der Handlungen und Verhandlungen von Männern. Damit konnten ihnen Dinge angetan werden, die in keinerlei Übereinstimmung mit ihren eigenen Wünschen passieren, also gegen ihren Willen. Jemanden zu einer Sache zwingen zu können, die gegen ihren Willen abläuft, ist nichts anderes als Gewalt auszuüben.

Zudem, es klang oben schon an, war durchaus denk- und machbar, ein Menschenleben mit einem anderen aufzuwiegen. Damit waren Menschenleben nicht einzigartig, sondern „nur“ mehr wert als alles andere, aber per se dann doch handelbar.

Drittens kam eine zweite Form der Gewalt hinzu — die Sklaverei. In den Gesellschaften, in denen diese Währungen verwendet wurden, hat es immer wieder auch Sklaven gegeben. Nicht als absolute Regelmäßigkeit und in großer Anzahl, aber durchaus als Normalität. Üblicherweise waren das Menschen, die anderen entfernteren Stämmen aus verschiedenen (oft als sehr berechtigt angesehen) Gründen geraubt und damit komplett aus ihrem sozialen Zusammenhang gerissen wurden. Komplett aus dem sozialen Zusammenhang gerissen zu sein, ist der Zustand, in dem aus einem Menschen ein verkaufbares Objekt wird. Denn es gibt niemanden mehr, der Anteil an ihm nimmt oder ihn als unverkäuflich betrachten kann.

Alle drei Aspekte — dass Frauen innerhalb dieser Systeme zu Objekten wurden, die miteinander getauscht wurden, und dass es durch die Sklaverei bereits Beispiele für Menschen gab, die ge- und verkauft werden konnten und durften — haben die Grundidee sozusagen löchrig gemacht und gemeinsam dazu geführt, dass diese humanökonomischen Systeme mit ihren sozialen Währungen, die dafür gedacht waren, das Leben zu schützen und durch mannigfaltige Verflechtungen der Menschen untereinander zu erhalten, ebenso leicht zum genauen Gegenteil führen konnten: der Zerstörung von Leben (und Menschlichkeit) durch Sklaverei und Menschenhandel.

Sklaven sind tote Menschen.
Im folgenden Kapitel führt Graeber dann aus, dass Sklaven nicht allein aus ihrem sozialen Zusammenhang gerissen waren. Da man üblicherweise nur dann Sklave wurde, wenn die Alternative der Tod gewesen wäre, wurden Sklaven demzufolge als praktisch tot angesehen. Sklaverei ist eine komplett auf Gewalt basierende Situation — dem Sklaven kann jederzeit alles Denkbare angetan werden, er selbst hat keinerlei moralisch bindende Beziehungen zu anderen Menschen und lebt in einem Zustand absoluter moralischer Erniedrigung. Die Gegenseite derselben Medaille: die Herren über die Sklaven ziehen aus dieser Erniedrigung die Erhöhung der eigenen Person — so entstand die Idee der „Ehre bedeutender Männer“. Je mehr andere Menschen sie degradieren konnten, desto größer war die eigene Ehre. Graeber sagt, Ehre sei sozusagen eine Art Überfluss an Würde und schreibt den großartigen Satz:

Ehre ist ein Nullsummenspiel.

Der sonderbar wackelig-unsichere Zustand des „Ehrenmannes“ (bei Graeber: „man of honor“), der einerseits in seinem Selbstvertrauen fast ertrinkt, andererseits aber ständig ängstlich darüber wachen muss, die eigene Ehre zu verteidigen, weil sie durch die kleinste Beleidigung gefährdet werden kann, entsteht erst, wenn ein Mensch anderen ihre ganze Macht und Würde abnimmt. Der ständige Kampf um die „knappe Ressource Ehre“ macht denjenigen, der die Würde anderer mit Füßen tritt, paranoid in der Sorge, dass andere ihm ebenso jederzeit dasselbe antun könnten. Und jedes bißchen Ehre, das der andere gewinnt, reduziert die eigene. Ehrenmänner zeichnen sich also dadurch aus, dass sie anderen keine Ehre lassen können. (Dazu auch meine Randbemerung.)

Anhand anderer Beispiele — unter anderem der Humanökonomie im frühen mittelalterlichen Irland oder in Wales; auch dort gab es keine kommerziellen Märkte, sehr wohl aber jene für Beziehungspflege — beschreibt Graeber verschiedene Aspekte dieser Logiken von Ehre und Sklaverei. Sich mit unzähligen „ehrlosen“ Sklaven zu umgeben, hat für einen Herrn erst dann Sinn, wenn man erkennt, dass die Sklaven deswegen ehrlos sind, weil sie ihre Ehre an den Herrn verloren haben. Damit kann man an ihrer Anzahl „die Größe der Ehre des Herrn“ ablesen — wieder das Nullsummenspiel. Meine Ehre kann nur zunehmen, wenn Deine abnimmt. Und mir fällt auf: offenbar verhält es sich mit der Ehre genau gegenteilig wie mit der Liebe.

Die Verbindung zwischen Würde, Ehre und Sklaverei und dem Thema des Buches, „Schulden“, ist laut Graeber naheliegend: auch wenn Menschen (Kinder, Ehefrauen) lange Zeit nicht verkauft werden konnten, änderte sich die Situation in dem Moment, in dem Schulden ins Bild kommen, sofort schlagartig. Die Kinder wurden zu Pfandobjekten, die solange unter die Kontrolle des Gläubigers gestellt wurden, wie die Schulden nicht bezahlt waren. Konnte der Gläubiger dauerhaft nicht bezahlen, waren die Kinder letztlich verkauft.

Geld als Gegenteil von Ehre
Während in den beschriebenen Humanökonomien Geld als Tauschgegenstand für das Aushandeln der Beziehungen von Menschen untereinander diente, hatte sich die Situation im alten Griechenland ins Gegenteil verkehrt: mittlerweile waren kommerzielle Märkte entstanden. Und während den Griechen ihre Ehre extrem wichtig war (und bis heute ist), wurde die Idee, für die Ehre eines Mannes könne man bezahlen, zur schlimmsten Beleidigung. Zugleich änderte sich der Charakter des Geldes — es war nun zu einer Notwendigkeit geworden, an der alle Menschen Bedarf hatten — hoch oder niedrig gestellt in der Gesellschaft:

Wir könnten sagen (…), dass Geld eine Demokratisierung von Begierde eingeführt hat.

Und so schob sich der kommerzielle Markt zwischen die anderen beiden Austauschformen „Alltagskommunismus“ und „Hierarchie“, und hat dadurch sehr viel Verwirrung erzeugt: früher half man sich gegenseitig aus — muss man einander heute nun bezahlen? Früher war allen klar, dass der wohlhabende einflussreiche Herr, der einem Knecht ein Darlehen gab, über ihm stand und andere Mittel zur Verfügung hatte als der Schuldner. Wurde daraus nun die Gleichwertigkeit zweier Wirtschaftssubjekte im Tauschgeschäft „Kreditvergabe“? Und was war ein normales Geschenk des Alltags, was war ein Kredit?

Hinzu kam, dass die zentralisierte Geldprägung das Geld anonym gemacht hat: wenn die Beziehungen vorher durch gegenseitigen Kredit und Vertrauen geprägt waren, konnte nun jeder Geld verwenden, aus welchen — womöglich kriminellen? — Quellen er es auch immer erhalten hatte.

Als Ergebnis machte sich im alten Griechenland große moralische Unsicherheit breit. Und die Frage „was bedeutet es, die eigene Schuld zu begleichen?“ wurde zur zentralen philosophischen Aufgabe.

Sklaverei als Grundlage für den Eigentumsbegriff
Der Rest des Kapitels springt dann ins alte Rom. Und befasst sich vor allem mit dem übermächtigen Einfluss, den römische Gesetzestexte auf die Rechtssysteme der gesamten Welt gehabt haben — ungeachtet der Tatsache, dass ein Aspekt des römischen Rechtssystems von Beginn an für Verwirrung sorgt: der Eigentumsbegriff.

Im römischen Recht bezeichnet Eigentum die Beziehung zwischen einem Menschen und einer Sache — die definiert ist dadurch, dass der Mensch unbegrenzt Macht über die Sache hat. Und das führt zu endlosen Schwierigkeiten. Denn kann ein Mensch überhaupt eine Beziehung zu einer Sache haben? Beziehungen hat man zu anderen Menschen. Wer auf einer einsamen Insel alle Bäume dieser Insel besitzt, hat keinen Vorteil, denn erst in Verbindung mit anderen Menschen wird Eigentum interessant. Damit ist Eigentum also eigentlich eine Beziehung zu anderen Menschen. Graeber:

Ganz offensichtlich ist Eigentum also nicht wirklich eine Beziehung zwischen einem Menschen und einer Sache. Es ist vielmehr eine Verständigung oder Regelung zwischen Menschen in Bezug auf Dinge.

Nur weil ich eine Kettensäge besitze, habe ich eben keine absolute Macht über diese Kettensäge. Ganz im Gegenteil — es gibt eine Menge Dinge, die ich damit nicht machen kann. Und so sucht Graeber nach der Antwort auf die Frage, warum das römische Recht mit einer derart speziellen Definition daher kam. Und findet eine Erklärung von Orlando Petterson nachvollziehbar: die Gesetzesdefinition entspringt der Sklaverei.

Wenn man die Beziehung zu einem Menschen, der zugleich ein Ding ist, als Grundlage für den Eigentumsbegriff nimmt, ergibt die Sache eher Sinn. Und da der lateinische Begriff für Eigentum — „dominium“ — offenbar zu einer Zeit aufkam, als auch viele Sklaven nach Italien kamen (was zunächst einige legale Schwierigkeiten nach sich zog), entstand zu dieser Zeit das Konzept. Und definierte eine fast komplette Allmacht des römischen Haushaltsvorstandes gegenüber seinem dominium, und auf jeden Fall gegenüber seinen Sklaven. Und da dieser Haushaltsvorstand in der römischen Republik die höchste Instanz im Land war — es gab ja keinen Imperator — war auch seine Macht zu beherrschen absolut. Und im Fall von Sklaven war dies moralisch akzeptierte absolute einschränkungslose Macht über andere Menschen.

Der Wandel unserer Idee von Freiheit
Und in der Folge haben die Römer unseren Begriff von Freiheit umdefiniert. Zunächst hieß „frei“ zu sein, dass man kein Sklave war. Wenn Sklaverei bedeutet, dass alle menschlichen Verbindungen gekappt sind und man nicht mehr als Teil des sozialen Netzes existiert (siehe oben), dann war frei, wer wieder mit anderen Menschen in Beziehung stehen, Freund und Gesprächspartner, Mitmensch sein konnte. Damit war Freiheit zunächst ein sehr sozial ausgerichteter Begriff. Dann aber wurde der Begriff nach und nach umgedeutet, immer stärker am Eigentumsbegriff ausgerichtet. Weg von einer Definition in einem sozialen Umfeld, hin zu einer sehr isolierten Definition über Macht:

Freiheit ist die natürliche Fähigkeit, zu tun was immer man will, was nicht durch das Gesetz verboten wird.

Und so beschreibt Graeber wie dann über die Jahrhunderte Freiheit letztlich gleichbedeutend wurde mit Macht:

Wenn mittelalterliche politische Theoretiker über Freiheit sprachen, dann meinten sie damit normalerweise das Recht eines Herrschers zu tun was immer er wollte mit seinem Eigentum.

Also weit entfernt von einer sozialen Definition von Freiheit. Aber aus Graebers Sicht ist genau das die Tradition, die direkt zu Adam Smith und der modernen Wirtschaftslehre führt: wenn ein freier Mensch über das Recht definiert ist, mit seinem Eigentum tun zu können, was er will, dann kann ihm Wirtschaftstheorie wohl am besten dienen, wenn sie sich darüber Gedanken macht, wie man dieses Eigentum über viel Handel und Wandel vermehren kann.

Nur wer Rechte hat, kann sie abtreten
Dabei wurde davon gesprochen, dass Menschen Rechte an der Freiheit haben — ganz genau so, wie sie auch ihr Eigentum selbst haben. So geht aber verloren, dass des einen Rechte ja immer Verpflichtungen eines anderen sind. Wenn ich Recht auf etwas habe, muss es ein anderer doch bereitstellen. Ich habe Recht auf ein faires Gerichtsverfahren — es muss also ein Gericht und Richter und alles geben, was man dafür braucht. Damit ist ein Recht an einer Sache eigentlich nicht etwas, was einer alleine besitzen kann, sondern etwas, das man gemeinsam organisieren muss. Dennoch wurde die auf den römischen Gesetzen aufbauende Sprache immer so definiert, dass Menschen Rechte haben — warum? Nur wenn man ein Recht hat, kann man es abtreten. Also kann man Sklave werden, verkauft werden, absolutistisch beherrscht werden, in einem Staat eingebunden sein, in einem Unternehmen temporär seiner Freiheitsrechte beraubt sein:

Thomas Hobbes war der erste, der im siebzehnten Jahrhundert dieses Argument richtig ausformuliert hat, aber es wurde schnell zum Allgemeinplatz. Regierung war letztlich ein Vertrag, eine Art Geschäftsbeziehung, in der Bürger freiwillig einige ihrer natürlichen Freiheiten an den Herrscher abgegeben hatten.

Und so kommt Graeber zum finalen Konzeptbaustein: er erklärt schließlich, dass in letzter Konsequenz sogar die Idee, wir seien die Herren über unseren eigenen Körper, aus dieser Tradition entspringt. Das alternative Konzept wäre, dass Körper und Geist eins seien, aber in unserer Geistestradition herrscht der Geist über den Körper, hat Rechte an ihm, und kann sie abtreten.

Wo stehen wir jetzt?
Graeber beendet das Kapitel mit einer Zusammenfassung des bisher Gesagten. Am Anfang steht ein Dilemma: Sind wir alle „alleinstehende“ Händler, die am Markt des Lebens im immerwährenden Handel überall und ständig nur das Beste herauszuschlagen versuchen müssen? Oder sind wir tief eingebetteter Teil eines so engen Netzes sozialer Verpflichtungen, dass wir uns nie aus ihm befreien können? Er bietet die Idee der Human Economies als alternative Erklärung an. Sie ließ das Geld entstehen, aber der Zusammenbruch ihrer ursprünglichen Idee hat dazu geführt, dass Menschen mit einem Mal doch zu verkaufbaren Objekten wurden. Und dass daraus Konzepte von Herrschertum und Dominanz und Freiheit als fast unbegrenzte Kontrolle über Eigentum entstanden sind. In endgültiger Konsequenz führt dies dann dahin, dass wir letztlich auch Herren über unseren eigenen Körper geworden sind — also als in uns selbst geteilte Wesen — und damit letztlich komplett allein sind. Wenn die letzte Instanz ein Geist ist, der den Körper beherrscht, dann muss dieser Geist unverbunden gegenüber allen anderen sein. Und damit hat die Geistesgeschichte die Zutaten für den Homo Oeconomicus, den rational handelnden wirtschaftenden Menschen, der über sich selbst und seine Besitztümer bestimmt und mit jedem anderen Menschen in Austauschbeziehung tritt. Und dabei zugleich immer wieder die eigene Freiheit im Rahmen dieser Tauschhandel an verschiedenen Stellen abgeben kann und muss — im Beruf, im Staat.

Was ist uns dabei verloren gegangen? Die Idee, dass Freiheit alternativ auch bedeuten kann, tief eingebetteter Teil der Menschheit zu sein. Und dass gesellschaftliches Zusammenleben auch denkbar ist in einer Weltsicht, in der nicht jeder Mensch für sich im endlosen Meer der Wirtschaftenden schwimmt, die einander ständig nach dem Leben, dem Besitz, der Würde trachten. Sondern dass derjenige ein freier Mensch ist, der sich seiner zahllosen Verbindungen zu anderen Menschen bewusst wird.

5 comments

  1. Vielen Dank für die viele Arbeit, die in dieser Zusammenfassung steckt. Mit den Ausführungen passt übrigens die wichtigste Aussage im ersten Teil der 6-teiligen arte-Serie „Der Kapitalismus“ zusammen: Adam Smith konnte die Kapitalismus-Bibel „Der Wohlstand der Nationen“ nur kohärent niederschreiben, weil er in seiner Analyse die Sklaverei komplett außen vor ließ, sie war sein blinder Fleck, wie es Wirtschaftshistoriker in der Doku formulieren. Die unsichtbare Hand des Marktes konnte ihre segensreiche Wirkung nur entfalten, weil sie sich auf ein System stützte, in dem Menschen ihrer Rechte beraubt waren und das freie Spiel der Kräfte erst möglich machten. Mit anderen Worten: Der Kapitalismus, wie wir ihn bis heute exerzieren, gründete von Beginn an zum einen auf Ausbeutung und zum anderen darauf, dass ihre Vordenker und Profiteure die Augen davor verschlossen.

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