David Graebers „Debt“ (Teil 4): Wie durch Krieg das Geld, der Markt, der Sozialstaat und die Philosophie erfunden wurden.

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Dies ist Teil 4 meiner Zusammenfassung des Buches „Debt – the First 5,000 Years“, von David Graber, zu den Kapiteln acht und neun. Die ersten drei Teile finden sich hier: Teil 1 | Teil 2 | Teil 3. Das achte Kapitel im Buch ist eher eine kurze Einleitung dazu, was Graeber dann im neunten Kapitel ausführlich diskutiert: eine Welle großer gesellschaftlicher Veränderungen, die in sehr ähnlicher Weise und so gut wie zeitgleich drei entscheidende Regionen der zivilisatorischen Entwicklung erfasst hat: China, Indien und Griechenland (plus, später, Rom). In diesen drei Teilen der Welt sind die Regierungen und Herrscher zu ganz ähnlicher Zeit von ausgefeilten Kreditsystemen abgekommen und zu Systemen barer Münze übergewechselt.

Erst der Krieg macht die „anonyme Münze“ notwendig
Was motiviert einen Herrscher dazu, in seinem Reich von Kreditsystemen auf Bargeld umzustellen?

Expansionskriege und Gewalt.

In Friedenszeiten kann man viel über Vertrauen und gegenseitige Buchführung zu Schulden und Guthaben regeln. Das Leben läuft in geregelten Bahnen ab, Menschen gehen regelmäßig miteinander um, sie bauen Vertrauensverhältnisse auf. In chaotischen Zeiten von Krieg und Gewalt dagegen ist anonymes und transportables Geld deutlich praktischer – denn viel mehr Menschen führen miteinander Handel, ohne sich zu kennen und ohne sich über den Weg zu trauen. Für eine Gruppe gilt dies ganz besonders: Soldaten. Sie haben durch Plünderungen Zugang zu Edelmetall, sie sind immer unterwegs und es gibt keinerlei Vertrauen zwischen ihnen und der Bevölkerung in der jeweiligen Gegend, durch die sie grade ziehen. Daher war Bargeld damals schon so praktisch wie es das heute für den Drogendealer ist, der auch in Cash bezahlt werden will: Geld hat keine Geschichte, wird von jedem angenommen, und beendet die Transaktion direkt hier und jetzt – ohne künftige Verpflichtungen gegenüber dem Geschäftspartner.

Geld, anonyme Märkte und Sozialleistungen wurden durch militärische Raubzüge erfunden
Unter anderem diese Qualität des Geldes hat eine wichtige Rolle während des sogenannten Achsenzeitalters („axial age“) gespielt (welches Graeber als Konzept von Karl Jaspers übernimmt, allerdings bewusst etwas weiter fasst), von 800 vor bis 600 nach Christi Geburt. Es umschließt nicht nur die Entstehung der entscheidenden geistesphilosophischen Denkschulen, sondern auch aller großen Weltreligionen – 1.400 Jahre, die eine außerordentliche Epoche in der Menschheitsgeschichte darstellen. Dabei wurde zur gleichen Zeit und unabhängig voneinander in den oben genannten drei Regionen das Münzwesen erfunden – rund um den Gelben Fluss in China, am Ganges im Norden Indiens, und in der Ägäisregion. Zugleich aber war dieser Zeitraum in allen drei Teilen der Welt auch eine unerhört gewalttätige Zeit voller Kriege und Plünderungen.

Das Geld wurde überwiegend von Privatleuten erfunden, aber kurz danach sind jedes Mal Regierungen eingestiegen und haben die Kontrolle über das Münzwesen übernommen. Wertvolle Metalle, die auch für Tausch und Handel verwendet werden konnten, waren zunächst im Besitz wohlhabender Haushalte und Tempel. Wie gelangten diese unter Staatsaufsicht in die Hände normaler Bürger, in zerkleinerter Form, als Münze für tägliche Transaktionen? Durch die Soldaten: bei ihren Plünderungstouren suchten sie nicht nur Frauen, Alkohol und Nahrung, sie sammelten zugleich auch wertvolle und transportable Dinge ein – Edelmetalle. Als Lohn des Krieges, der ihnen zudem auf der Reise das (Über)Leben erleichtern würden. Kurz: das Geld kam als Kriegsbeute in die Hand der Regierungen.

Damit hatten sie einen Weg gefunden, die Versorgung ihrer riesigen Armeen sicherzustellen. Große Heere unterwegs zentral zu versorgen, wurde zunehmend logistisch unmöglich. Also ließ man ihnen einen Teil des Raubgutes und musste nur noch dafür sorgen, dass die Menschen in den eroberten Regionen Teile davon im Tausch auch annehmen wollten. Der Staat erreichte dies, indem er Münzen daraus prägte, sie den Soldaten überließ und zugleich Steuern aus den eroberten Regionen einforderte, die nur mit eben dieser Münze des Staates selbst bezahlt werden konnten. So war jeder Mensch froh über einen Soldaten, der ihm mit dem Geld des neuen herrschenden Staates ein Schaf oder ein Bier abkaufte – denn nun konnte er selbst seine Steuern bezahlen. Auf diese Weise wurde das staatliche Geld das einzig akzeptierte; es verdrängte alle anderen Währungen (mit denen man seine Steuern und Abgaben eben nicht bezahlen konnte). Und zugleich erfand der Staat auf diese Weise nebenbei die Marktwirtschaft: wenn einander fremde Menschen aufeinander treffen, weil die einen sich verproviantieren wollen, und dafür nicht mit Kredit, sondern mit anonymer Münze zahlen, dann erleben wir genau das, was auch heute noch tagtäglich im Supermarkt passiert.

Zusätzlich stellte das dem Staat nun zur Verfügung stehende Geld eine phantastische Lösung für ein ganz anderes Problem dar: die immer wiederkehrenden Schuldenkrisen in der Heimat, die für Unruhe sorgten und die Schlagkraft der Heere negativ beeinflussten – ein Staat, in dem Aufruhr herrscht, tut sich schwerer damit, fremde Länder zu erobern oder fähige Soldaten zu rekrutieren. Also ließ man überschuldete arme Bürger nicht länger in Schuldsklaverei geraten, sondern gab ihnen einen Teil des erbeuteten Geldes, sorgte allerdings im Gegenzug dafür, dass sie ihre Kinder zum Militär schickten. Zugleich mussten auch diese Bürger mit eben diesem Geld ihre Steuern bezahlen, was die Schaffung von Märkten auch in der Heimat beförderte.

Ein letztes zentrales Element fehlt noch: die Sklaverei. Weil durch die expansiven Militäraktionen der Bedarf an Edelmetallen immer größer wurde, musste auch mehr davon aus der Erde geholt werden. Und das machten traditionell die Sklaven. So entstanden immer weiter wachsende staatliche Kriegsmaschinerien, die sich aus den folgenden Elementen zusammensetzte:

  • Raubzüge bringen Gold und Silber – daraufhin passiert die …
  • Einführung von Bargeld, zur Ernährung der Armeen, daraus entstehen …
  • sich ausbreitende Marktwirtschaften, sie werden gefördert durch zusätzliche …
  • Steuereinnahmen, diese und das geraubte Geld erlauben …
  • die soziale Befriedung der Heimat durch Verteilung eines Teils der Kriegsbeute und zugleich Rekrutierung neuer Soldaten, in Verbindung mit der …
  • Sklaverei, um die benötigten stetig steigenden Mengen von Edelmetallen in den eroberten Regionen zu fördern und zu Münzen zu prägen.

Mit anderen Worten: Handelsmärkte, der Sozialstaat, Steuern und Geld sind Erfindungen der Expansionskriege.

Diese Kriegsmaschinerien waren dabei – um fortbestehen zu können – auf immer weitere Expansion und Ausdehnung angewiesen. Im selben Moment, in dem die Expansion stockte, kein neues Gold und Geld ins Land kam, flammten immer wieder die Schuldenkrisen auf. Die „Befreiung“ der armen Bevölkerung aus der Schuldenklemme war also immer nur ein temporärer und durch gewalttätige Militärkampagnen ermöglichter kurzer Akt, der zusammenbrach, sobald die großen Imperien selbst zusammenbrachen.

Was hat die kriegerische Erfindung der Marktwirtschaft mit Philosophie zu tun?
Bei all dem stellt sich die Frage, warum die beschriebenen Prozesse zeitgleich mit der Entwicklung bedeutender philosophischer Denkschulen und Religionen abgelaufen sind? Was hat das eine mit dem anderen zu tun? Möchte man nicht eher meinen, dass in derart kriegerischer Zeit der Mensch keine Zeit hat, sich Fragen zum großen Ganzen zu stellen?

Graeber bietet eine so einleuchtende wie erstaunliche Begründung für diesen Zusammenhang: Kennzeichen der philosophischen Schulen dieser Zeit war der Fokus auf das Rationale. Woher aber stammt der Begriff „Ratio“, für die Vernunft? Ratio ist das mathematische Verhältnis zwischen den Dingen – wieviel von X passt in Y? Bislang waren diese Art mathematische Berechnungen Domäne der Architekten und Ingenieure gewesen – nun aber, aufgrund der sich ausbreitenden Märkte, musste jedermann damit umgehen können. Mit anderen Worten: das Einführen der Marktwirtschaften hat die Menschen zu obsessiven Zählern und Rechnern gemacht.

Profitstreben: der Wandel vom Austausch unter Nachbarn zum anonymen Handel mit Fremden
Wir haben bereits gesehen, dass in den früheren Wirtschaftssystemen quantitatives Profitstreben eigentlich nicht vorkam: Menschen in Gemeinschaften sorgten zusammen dafür, die Bedürfnisse zu decken, die entstanden, und sie versuchten zu vermeiden, einander über den Tisch zu ziehen. Man lebte ja eng beieinander, da war es unklug, den anderen bewusst zu prellen. Das Zusammenleben der Menschen wurde dabei als komplex und vielschichtig angenommen, geprägt von den unterschiedlichsten Motiven und Sehnsüchten, die sich auf einer breiten Grauzone zwischen Eigeninteresse und Interesse am und für den anderen verteilten.

Nun aber – durch sich stark entwickelnden Handel unter Fremden – wurde es für fast jeden alltäglich, auf dem Markt beim täglichen Feilschen, Messen und Rechnen quantitative Überlegungen zum Wert der Dinge und zu den Verhältnissen zwischen den Dingen anzustellen. Vor allem aber: das eigene Profitstreben in den Vordergrund zu stellen. Einen Fremden, der bald weiterzieht, über’s Ohr zu hauen, würde nur in seltenen Fällen negative Konsequenzen haben.

Daraus, so Graeber, entstand die Philosophie:

Das Ergebnis, während des Achsenzeitalters, war eine neue Art und Weise über menschliche Motivation nachzudenken, eine radikale Vereinfachung von Motiven bewirkte, dass nun damit begonnen wurde, von Ideen wie „Profit“ und „Vorteil“ zu sprechen – und sich vorzustellen, dass es das sei, was Menschen ernsthaft verfolgen, in jedem Aspekt ihres Seins – als hätte die Gewalt des Krieges oder die Unpersönlichkeit des Marktes ihnen schlicht erlaubt, den Vorwand abzuwerfen, sie hätten sich je für etwas anderes interessiert.

Damit aber nicht genug: indem die menschlichen Verhältnisse zunehmend zu mathematisch und finanziell kalkulierbaren Verhältnissen wurden, näherten sie sich den Gedankenwelten an, die beispielsweise beim Studium der Sternenkörper eine Rolle spielten. Die Verbindungen zwischen den Menschen wurden mathematisch, sie begannen den Anschein zu erwecken, nach wissenschaftlichen Formeln studiert werden zu können. Ganz wie Jahrhunderte später bei Ricardo und anderen zeitgenössischen Wirtschaftswissenschaftlern, mag die aufmerksame Leserin meinen! In der Tat, stimmt Graeber zu, allerdings mit einem entscheidenden Unterschied: im raubenden und sklaventreibenden Achsenzeitalter wäre niemand je auf die Idee gekommen, diese Verhältnisse als irgendetwas anderes als das Ergebnis kriegerischer Gewalt zu sehen. Halsabschneiderischer Wettbewerb war damals genau das – der Markt basierte auf dem Durchschneiden von Kehlen.

Die Staatskunst nahm sich dieser „Rationalität“ an
Der Effekt dieser Philosophie auf das Denken der Staatslenker in dieser Zeit ist laut Graeber leicht zu erkennen:

In zahllosen Anleitungen über die Staatskunst, die zu jener Zeit erstellt wurden, wurde alles dargestellt als die Aufgabe, Interesse und Vorteil zu erkennen, auszurechnen, wie man ein Gleichgewicht schaffe zwischen dem, was dem Herrscher Vorteile bringt gegenüber dem, was den Menschen Vorteile verschafft, und festzustellen, wann die Interessen des Herrschers die gleichen seien wie die des Volkes, und wann sie einander widersprächen.

Religiösität und Spiritualität dagegen verschwanden:

Ein weiteres bemerkenswertes Kennzeichen dieser Zeit ist ihr entschlossener Materialismus. Göttinnen und Götter, Magie und Orakel, Opferrituale, Ahnenkulte, sogar Kasten- und Ritualstatussysteme verschwinden entweder alle, oder rücken an den Rand, nicht mehr betrachtet als eigenes Ziel, sondern nur noch als Instrumente, genutzt dafür, materiellen Gewinn zu erzielen.

Und so macht Graeber einen unbändigen Materialismus aus als das zentrale Merkmal dieser Zeit. Die Philosophen und Wissenschaftler wollten dem Ursprung aller Dinge auf den Grund gehen, bemühten sich zu verstehen, aus was die Dinge entstanden sind, die uns umgeben. Sie wollten die Urbestandteile verstehen, aus denen alles zusammengesetzt wird.

Interessanterweise hatte Geld die gleiche Eigenschaft – es konnte sich in quasi alles verwandeln. Womit Geld eine sonderbare doppelte Qualität bekam: einerseits war es ein bestimmtes Material, Metall, ein wertvolles Objekt. Zugleich aber konnte es alles sein, was man mit ihm kaufen konnte, gestützt durch das Vertrauen der Gemeinschaft in die gemeinsame Währung. Und so wurde es zum Symbol für mehr als nur den Wert seines Metalls.

Profitstreben macht Philosophie und Wohltätigkeit erst notwendig!
Damaliges rationales Denken war also gezeichnet durch die Verhältnisse seiner Zeit: der Mensch ist (in Kriegszeiten) ein rein profitorientiertes Wesen, das ständig durch Handel seine Stellung zu verbessern sucht, das ultimative Ziel menschlichen Strebens ist das Anhäufen materiellen Wohlstandes. Alles andere, was menschliches Zusammenleben aus- oder möglich macht – Moral, Gerechtigkeit, Justiz –, muss aus rationalen Gründen oben aufgesetzt werden, da es dazu notwendig ist, die Massen beim Profitstreben gefügig zu machen.

Mehr noch: wenn das anonyme Streben nach Profit im Vordergrund steht, fallen andere Begründungen und Erklärungen für unser Leben weg – der Halt in der Gemeinschaft, die Verbindungen zu anderen Menschen, der Natur, den Göttern. So wurde die Philosophie letztlich erfunden, um die Lücke zu füllen, die entstand, weil jeder nachvollziehbare Lebenssinn außerhalb des Profitstrebens verloren ging. Und damit wurden zwei Denksysteme nebeneinander gestellt – auf der einen Seite Markt, Profit, Trachten nach dem eigenen Vorteil in einer kriegerischen gewalttätigen Welt. Auf der anderen Seite das Nachdenken über höhere Themen und Ziele, Gedanken zum großen Ganzen. Und dann kommt Graeber mit einer letzten bemerkenswerten Erkenntnis dieses Kapitels um die Ecke:

[…] Es ist sicherlich bedeutsam, dass alle Religionen des Achsenzeitalters die Bedeutung von Wohltätigkeit betonten, ein Konzept, das zuvor kaum existiert hatte.

Gier und Wohltätigkeit können nur gemeinsamen Aufschwung nehmen. Wenn ich Menschen als tief verwurzelte Teile einer vernetzten Gemeinschaft denke, in der in gemeinsamer Anstrengung das Leben gemeistert wird, stellt sich die Frage nach Wohltätigkeit überhaupt nicht. Erst wenn ich die Gier von der Leine lasse, muss ich ihr Spiegelbild entwerfen.

Ein Wahnsinnskapitel, dieses neunte aus Graebers Buch.

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