Keynes gewinnt, Hayek schlägt zurück, in Griechenland kommen die 30er Jahre zurück und „Schulden“ triumphieren immer.

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Heute geht es weiter mit der dritten und letzten Zusammenfassung der Folgen 5 und 6 aus der Arte-Serie zum Kapitalismus. (Meine ersten beiden Zusammenfassungen: hier und hier.) In der fünften Folge liegt der Fokus auf der Auseinandersetzung zwischen den prägenden Wirtschaftsdenkern des 20. Jahrhunderts, Hayek und Keynes. Es ist ein Streit, der bis heute andauert — um die Frage, um die es immer wieder geht: welche Rolle spielt der Staat in der Wirtschaft? Teil 6 dreht sich dann um Karl Polanyi und um die Frage, warum wir uns daran gewöhnt haben, dass das Rückzahlen von Schulden alle anderen moralischen Forderungen aus dem Rennen wirft.

tl;dr: Kenyes glaubte daran, dass der Kapitalismus geregelt werden müsse, weil sonst krasse Ungleichheit und schließlich Verderben entstehen würden — die Nazi-Zeit gab ihm Recht. Erst gute dreißig Jahre später gelang es seinem Widersacher Hayek und dessen Schülern, das Ruder wieder in Richtung einer immer freieren Marktwirtschaft herum zu reißen. Karl Polanyi beschreibt die transformative Gewalt der industriellen Revolution und fordert, dass die Wirtschaft Teil der Gesellschaft sein muss — anstatt dass die Gesellschaft zur Dienerin der (Finanz-)Wirtschaft wird. Andernfalls passiert genau das, was wir grade in Griechenland erleben.

Hayek: bürgerliche Ordnung und Sicherheit nach dem Krieg
Friedrich August von Hayek wurde 1899 in Wien geboren, erlebte den ersten Weltkrieg als Soldat an der Front und war in der Folge daran interessiert zu ergründen, wie gesellschaftliche Ordnung und Stabilität sichergestellt werden können — auch aus Sorge vor dem Bolschewismus. Durch den Einfluss von Ludwig von Mises und die Österreichische Schule wandelte sich seine Haltung – nachdem er zunächst an eine starke Rolle des Staates bei der Regulierung der Wirtschaft geglaubt hatte, überzeugte Mises ihn davon, dass Sozialismus zwar eine gute Idee sei, aber praktisch nicht funktionieren könne. Eines der Argumente bestand darin, dass es ohne privates Eigentum, Profit und die offene Preisfindung auf dem Markt unmöglich sei, überhaupt den Wert von Dingen zu bestimmen. In einer solchen Situation sei rationales Wirtschaften unmöglich. Am Markt ermittelte Preise seien das zentrale Signal zur wirtschaftlichen Planung aller Ressourcen. Über Preise und Handel den Wert von Gütern festzulegen, sei das natürliche Verhalten des Menschen, gleichsam einprogrammiert in das menschliche Gehirn – alle anderen wirtschaftlichen Methoden würden nicht funktionieren oder seien schlicht irrational.

Keynes: Wirtschaftspolitik als reale Politik, die Einfluss auf Menschen nimmt
John Maynard Keynes entstammte einer wohlhabenden Akademikerfamilie, wuchs friedlich auf dem Land auf, ging zum Eton-College. Um die Jahrhundertwende wurde er Mitglied einer Intellektuellen-Szene (Bloomsbury Group), die sich als Vordenker der neu entstehenden Welt im beginnenden 20. Jahrhunderts begriffen. Als Berater des Premierministers Lloyd George nahm er an den Verhandlungen zum Versailler Frieden teil, ein für Keynes offenbar desillusionierendes Erlebnis. Er verurteilte den Vertrag und sah voraus, dass dieser sich rächen würde. Die Schulden, die die Alliierten den Deutschen auferlegt hätten, seien nicht abzahlbar und würden gegen die menschliche Natur verstoßen. Davon beeinflusst forderte Keynes, dass eine Wirtschaftstheorie so angelegt sein müsse, dass sie sozialen Zusammenhalt und politische Stabilität in den Vordergrund stellt. Andernfalls würden sich schlimme soziale und politische Folgen ergeben.

Versailles und die Spekulationsblase
Hayek und die anderen „Österreicher“ konnten mit diesen Forderungen nichts anfangen, für den Versailler Vertrag interessierten sie sich nicht. Dass die platzende Spekulationsblase des Jahres 1929 darauf zurückzuführen sein könnten, dass die USA zu unnachgiebig die Rückzahlung der Schulden – auch die Kriegsschulden der eigenen Alliierten – einforderten, sahen sie nicht.

Die europäischen Allierten sagten zu Deutschland: „Ihr müsst uns so viel Geld bezahlen, dass wir den USA die Schulden zurückzahlen können, die wir gemacht haben, um Euch zu besiegen.“

Damit die Schulden überhaupt irgendwie bezahlbar blieben, wurden die Zinsen niedrig gehalten. Das lenkte die Anleger auf das Börsengeschäft um, wo die Aktienkurse durch die steigenden Anlegerzahlen weiter stiegen. Für all das interessierte Keynes sich sehr. Er wollte eine Theorie entwickeln, die reale Phänomene beschreiben und erklären kann. Das war bei Hayek anders: bei ihm stand eine normative Erklärung der Wirtschaft im Vordergrund, also das Beschreiben von wünschenswerten Entwicklungen.

Die Wirtschaftskrise von 1929, als die Spekulationsblase platze, stürzte den Kapitalismus in seine schwerste Krise. Bis zu 25% Arbeitslosigkeit. Rückgang der US-Wirtschaftskraft um die Hälfte. Der Export in Europa kommt zum Stillstand. Und die meisten Ökonomen haben keine Antworten. Um etwas gegen die Vormacht der Uni Cambrige im Bereich der Wirtschaftswissenschaften zu unternehmen, lud die London School of Economics 1930 den jungen aufstrebenden Hayek nach London für Vorlesungen ein. Denn er schien Antworten auf die Krise zu haben. Damit beginnt die Rivalität zwischen Hayek (LSE) und Keynes (Cambrige), dem bekanntesten britischen Ökonomen seiner Zeit.

Kaputtsparen des Landes à la Hayek: am Ende steht der Nationalsozialismus
Keynes sieht eine Abhängigkeit der Arbeitsplätze von der gesamten Nachfrage in einem Markt: je mehr insgesamt nachgefragt wird, desto mehr Menschen werden Arbeit finden. Wenn also Privatpersonen und -unternehmen ihre Ausgaben in einer Krise zurückfahren und die Staaten das zugleich auch tun, wird alles noch schlimmer. Hayek sah etwas völlig anderes: er meinte, die Krise sei dadurch entstanden, dass aufgrund der Niedrigzinspolitik zu viel Kapital angehäuft worden sei. Anstatt sich einzumischen, sollte der Staat die Finger von der Wirtschaft und sie sich selbst regulieren lassen. Deutschland versuchte Hayeks Strategie anzuwenden. Der Wirtschaftsweise Bofinger erklärt im Film:

Wir haben ja mit dem Reichskanzler Brüning in der Tat einen Politiker gehabt, der versucht hat, in einer extremen Rezession/Depression das Haushaltsdefizit möglichst klein zu halten.

Also: die Wirtschaft stürzt ab und der Staat spart zusätzlich. Brüning gelang das, er schaffte es, die Verschuldung gering zu halten. Der Preis war hoch: Schlimme wirtschaftliche Zustände und die furchtbaren Folgen des Dritten Reichs. Denn auf die Ergebnisse von Brünings Politik gab Adolf Hitler dann seine polemischen Antworten. Wie Keynes prognostiziert hatte: „Die Rache wird furchtbar.“

Und so bleiben der Hayekschen Schule nach dem Krieg nicht viele Anhänger.

Keynesianismus als dominierende Politik nach dem Krieg
Stattdessen wird die Weltwirtschaft nach den Keynes’schen Regeln neu aufgebaut – auf die welterschütternde Krise der Weltkriege wurde hastig reagiert, um ein Gefühl von Gerechtigkeit und Ordnung (wieder)herzustellen: der Staat investierte und stellte ein, kurbelte die Wirtschaft an. Daran schloss sich eine nie dagewesene Wachstumsphase an, dreißig Jahre lang bis zum Ende der 70er Jahre. Zentral war dafür, dass der Staat aktiver Player in der Wirtschaft war und viele Aspekte des Wirtschaftslebens reguliert wurden. Damit ließ sich der Kaspitalismus bändigen, soziale Ungleichheiten wurden reduziert. Keynes starb schon 1946, aber seine Lehre hatte sich allem Anschein nach durchgesetzt.

Und Hayek? Er sah die Gründe für Diktaturen und Faschismus nicht im wirtschaftlichen Zusammenbruch aufgrund zu freier unregulierter Märkte, sondern im Gegenteil: in der Aufgabe der freien Ideen, die die Grundlage für eine Marktwirtschaft seien. (Mir erscheint, als ob er dabei Ursache und Wirkung nicht auseinander hält. Ein Fehler, den übrigens die heutigen Wortführer der AfD offenbar wieder machen.) Regulierung und staatliche Intervention hätten uns in die Knechtschaft geführt und würden es wieder tun. Aber seine Ideen kamen nicht mehr an. Er zog sich in die Schweiz zurück und gründete die Mont Pèlerin Society – einen gut finanzierten internationalen Verein, der sich dazu bekannte, die freie Marktwirtschaft wieder durchsetzen zu wollen. Eine Art Anti-Keynes-Denkfabrik. In diesem Verbund von Marktgläubigen, die den Weg zurück zum Laissez-Faire favorisieren, spielt Milton Friedman – und die sich um ihn entwickelnde Chicago School – dann eine immer wichtigere Rolle. Friedman war beeinflusst von seinem eigenen Hintergrund in einem New York der Jahrhundertwende, in dem niemandem staatlich geholfen wurde, in dem aber auch niemand, der etwas leisten wollte, unter Bürokratie und Regulierungswut zu leiden hatte. Regierung bedeutete für ihn immer Probleme und Verschwendung. Der freie Markt müsse eine wichtigere Rolle spielen.

The Return of Hayek & Friedman
Als Ende der 70er Jahre die Wirtschaft vor allem in den USA und England stagniert, steigen Hayek und Friedman „aus den Bergen herab“ und sehen ihre Stunde gekommen: das Keynes’sche Wirtschaftssystem mit dem starken Staat drohe die Wirtschaft zu erdrosseln, wir müssen alles befreien und liberalisieren. Durch populistische Vermittlung der Ideen einer starken freien Wirtschaft entsteht in der öffentlichen Wahrnehmung ein Rollentausch: mit einem Mal sind Hayek und Friedman Vertreter eines pragmatischen realitätsnahen Wirtschaftskurses, während Keynes und seine Anhänger als Befürworter eines veralteten starren Denkens betrachtet werden. Es entstand eine Art Revolution in den Wirtschaftswissenschaften, die komplett im Sinne des Kapitals und der Unternehmer verlief. Margaret Thatcher und Ronald Reagan waren die politischen Banneträger dieser Entwicklung. Reagan:

[…] Die Art Führungsrolle, die ich in Washington übernehmen möchte, ist nicht eine Führungsrolle, bei der ich vorgebe, ich könnte alle Probleme lösen […]. Aber gemeinsam, Sie und ich, können wir das. Ich würde gern dabei die Führung übernehmen, die Regierung aus dem Leben des amerikanischen Volkes herauszuhalten und Sie alle frei zu machen, damit Sie das leisten können, wozu ich weiß, dass Sie fähig sind.

Die neoliberale Revolution sollte letztlich — nach Krieg und dann dreißig Jahren staatsgesteuerter Marktwirtschaft — die Herrschaft des Kapitals über die Arbeitnehmer wieder herstellen. Und genau das ist gelungen. Denn real sind die Löhne in den USA seit Mitte der 80er Jahre nicht mehr gestiegen. Die Produktionszahlen aber sehr wohl. Der Neoliberalismus hat es also geschafft, die Arbeiter fortan nicht mehr vom Wirtschaftswachstum profitieren zu lassen.

Und dann fällt 1989 die Mauer, der Sowjet-Kommunismus kollabiert zwei Jahre später. Thomas Piketty sagt im Film:

Der Weg ist nun frei für eine neue Phase des unumschränkten Glaubens an die Selbstregulierungsfähigkeit eines freien Marktes und freien Wettbewerbs. Eines Glaubens, dass der private Kapitalismus seine eigenen Regeln erzeugt.

Kapitalertrag ist größer als Wachstum
Das Problem: die Idee der großen Freiheit bringt nur dem etwas, der Geld hat. Dem Armen bringt sie nichts. Denn die Behauptung, dass alle auf dem Markt als Ebenbürtige aufeinander treffen, ist schlicht nicht wahr. (Was uns ja zurück zu Graeber und den unterschiedlichen wirtschaftlichen Austauschprinzipien und der Hierarchie durch Schuld bringt.) Dafür, dass nichts in der Logik der freien Märkte ein faires oder gerechtes Gleichgewicht herbeiführt, gibt es einen zentralen Grund: Auf den Märkten ist der Kapitalertrag so gut wie immer größer als die Wachstumsrate. Das bedeutet, dass derjenige, der schon viel Geld hat, damit durch Anlegen oder Investieren schneller neues hinzuverdient, als der, der aufgrund der Arbeit, die er mit seinen Händen macht, Gehaltserhöhungen erhoffen kann. Mit anderen Worten: der Kapitalertrag aus Anlagen läuft immer dem Ertrag aus Arbeit davon. Die Reichen werden schneller automatisch reicher als die Arbeiter Geld dazu verdienen können. Und so konzentriert sich der Reichtum immer wieder – wegen dieser Funktionsweise des kapitalistischen Finanzsystems – in den Händen der wenigen. Und obwohl das weder fair noch gerecht ist, nehmen wir es bis heute einfach hin.

Bei den Überlegungen von Hayek und Friedman spielen Geld und Reichtum, die dieses Ungleichgewicht und diese Ungerechtigkeit bewirken, keine Rolle. In ihren Forderungen entsteht immer „Gleichgewicht“, wenn alles dereguliert wird — alles wird gut, die Wirtschaft findet ihre Balance von allein. Aber was bedeutet dieses Gleichgewicht? Ist es ein gutes Gleichgewicht? Ist es ein faires Gleichgewicht? Und vor allem: wenn sich alles um das Gleichgewicht dreht, wie kann es dann sein, dass wir ständig mit Blasen und Crashs zu tun haben, sowie mit großer sozialer Ungerechtigkeit, die in den Theorien der Wirtschaftsdenker gar nicht vorkommen? Die Antwort der Marktdenker hier wäre wohl, dass der Staat halt immernoch viel zu viel regelt. Und so haben wir — so lange es den kleinsten Rest Wirtschaftspolitik gibt — eine endlose Auseinandersetzung.

Karl Polanyi: Wirtschaft als Teil menschlichen Kulturschaffens
Unter diesem Titel steht die sechste und letzte Folge der Arte-Reihe. Auch Polanyi stammte aus Österreich, geboren in Wien, aufgewachsen in Budapest. 1919 musste er aus Ungarn zurück nach Wien fliehen. Politisch sehr engagiert, gehörte er zur sozialistischen Bewegung im sehr sozialdemokratischen Wien, das sich u.A. im sozialen Wohnungsbau für Arbeiter engagiert, finanziert aus Steuereinnahmen der Reichen – sehr zum Ärgernis von Hayek und Co. 1934 schließlich zerschlug das mittlerweile faschistische Österreich nach und nach die Sozialdemokratie, bis hin zum Bürgerkrieg, bei dem in Wien grade der sozialistische Wohnungsbau zentral umkämpfter Ort war. Polanyi, der als der Sozialdemokratie nahestehender Journalist arbeitete, hatte schon ein Jahr früher das Land verlassen müssen.

Nach Polanyis Auffassung begann die folgende Katastrophe der Zerstörung Europas durch den zweiten Weltkrieg letztlich im 19. Jahrhundert mit dem Glauben an einen sich selbst regulierenden Markt:

Unsere These besagt, dass ein Markt, der sich selbst regelt, reine Utopie ist. Eine derartige Institution kann nicht existieren, ohne die menschliche und natürliche Substanz der Gesellschaft zu vernichten, ohne den Menschen zu zerstören und seine Umwelt in eine Wüste zu verwandeln.

In den USA gab es in den 50er Jahren Interesse an Fragen zu sozialer Gerechtigkeit und der Ungleichheit vor allem zwischen verschiedenen Ländern. Zugleich war aber die Lehre von der Marktwirtschaft — als der einen Lösung für alle Verteilungsprobleme auf der Welt — die beherrschende Doktrin. Egal wo Wirtschaftswissenschaftler ansetzten — die Antwort am Ende war immer: Marktwirtschaft, ewig, allgegenwärtig, ohne Alternative. Karl Polanyi, mittlerweile an der Columbia University, lehrte eine andere Sichtweise: die Marktwirtschaft als bewusst entwickelte Ideologie, die die Wirtschaft ebenso wie die Gesellschaft neu organisiert hat. Sie versprach nicht nur, die wirtschaftlichen Bedürfnisse der Menschen zu erfüllen, sondern überhaupt alle gesellschaftlichen Bedürfnisse — so war die Grundlage für unsere heutige Konsumgesellschaft geschaffen.

Wirtschaft als Teil von Politik und Sozialleben
Früher — jahrtausendelang — war ökonomische Aktivität immer eingebetteter Teil ihrer jeweiligen Gesellschaft, entsprach den Logiken und Anforderungen dieser Gesellschaft, war nur ein Teil des umfassenden Geflechts menschlichen sozialen Handelns. Wenn also im alten Sumer Handel betrieben wurde, dann nicht aus Profitsucht und als Business, sondern durch öffentliche Beamte, die ihn schlicht als Teil der Aufgabe betrieben, die Versorgung der Bevölkerung sicherzustellen. Kommerzieller Handel und Wandel sind nicht Naturinstinkte des Menschen, sondern eine relativ junge Erfindung.

Polanyi studierte aus diesen Gründen frühe Gesellschaften, in denen kommerzielle Tätigkeit innerhalb der Logiken der Gesellschaft stattfand – und nicht als separat abgetrennte „Wirtschaft“ auf einem „freien Markt“, in den nicht hineinregiert werden dürfe. Damals gab es Regeln, die uns heute schwer vorstellbar erscheinen: kam ein neuer Herrscher in Sumer an die Macht, löschte er die Schulden und gab aufgrund von Schuldpfand verlorenes Land zurück, um die Gesellschaft wieder „auf null“ setzen und die Gleichheit der Menschen wieder herstellen zu können. Das ging auch deswegen einfacher, weil die Schulden ganz häufig Schulden bei Staatseinrichtungen waren — diese konnte der Herrscher also besonders einfach löschen. Anders als nach der französischen Revolution (siehe oben) wurde Gleichheit der Menschen nicht einmal „eingerichtet“ und danach nicht weiter beachtet, sondern sie wurde aktiv immer wieder hergestellt. Auch die Israeliten handelten nach derartigen Regeln. (Man stelle sich vor, wir würden das heute mit Griechenland machen. Oder mit dem, der seinen Immobilienkredit nicht mehr zurückzahlen kann.)

Im alten Rom war dann aber die Möglichkeit abgeschafft, Schulden zu erlassen — die Gläubiger waren zudem überwiegend privat:

Mit dem Resultat, dass im zweiten Jahrhundert unserer Zeitrechnung ein Viertel der Bevölkerung in Sklaverei und Knechtschaft geriet.

Und wieder hören wir David Graeber, der erklärt, dass Schulden vermutlich der wichtigste Grund für Aufstände in der jüngeren Menschheitsgeschichte sind. Und er gibt die gleiche Definition für Schuld, die er auch schon in seinem Buch gegeben hat:

Schulden sind ein Vertrag zwischen zwei gleichgestellten Parteien, die so lange nicht mehr gleichgestellt sind, bis eine ihre Schulden beglichen hat. Das impliziert eine mögliche Gleichheit. Und aufgrund dessen können Schulden so explosiv werden.

Damit springt der Film zur aktuellen Schuldenkrise in Griechenland: Selbstmorde aus Verzweiflung. Obdachlosigkeit. Echte Arbeitslosigkeit von rd. 30%. Eine humanitäre Katastrophe in Europa. Und daraus erwächst eine tiefe politische Krise. Denn im Prozess haben die politischen Parteien und Entscheidungsträger in Griechenland ihre komplette Legitimität verloren — im Ursprungsland der Demokratie. Was die Nationalisten befördert.

Es ist genau wie in den 30er Jahren: übermenschliche Schulden, die nicht mehr bezahlbar sind. Und die Nationalisten wissen davon zu profitieren.

Warum kann das strikte Beharren auf der Rückzahlung von Schulden alle andere Moral übertrumpfen? Warum haben Schulden Vorrang vor allem anderen?
Der Konflikt ist Jahrtausende alt. Und er beruht darauf, dass Schulden die Perversion eines Versprechens sind — weil sie Mathematik und Gewalt verbinden: nicht erlassbare Schulden entstehen dort, wo zwei Parteien aufeinander treffen, die nicht ernsthaft gleichberechtigt sind. Ganz im Gegenteil: der eine ist abhängig vom anderen. Im Fall von Griechenland ist das Land komplett abhängig von internationalen Geldgebern. Man spricht in dieser Situation jedoch von „Schulden“ — also davon, dass sich Griechenland als fairer kommerzieller Partner auf Augenhöhe Geld geborgt hat, deren Summen genauestens quantifiziert werden, was wiederum Präzision und Korrektheit suggeriert. So entsteht der Anschein von fairem Ausgangspunkt und Handel zwischen Partnern, und einer moralischen Pflicht des Schuldners. In Wahrheit ist es aber alles andere als ein gleichberechtigter Austausch, die Griechen sind rettungslos überschuldet. Dennoch ist natürlich die Erwartung zentral, dass der Schuldner sein Versprechen exakt und auf den Cent genau einhalten wird. Ganz gleich, ob er dazu realistischerweise je in der Lage sein wird. (Aus demselben Grund bemüht sich die Mafia auch immer darum, jede Forderung an andere als eine rückzuzahlende „Schuld“ darzustellen. Das lässt die Forderung deutlich legitimer aussehen.)

Es gibt dagegen andere Fälle, in denen einander als wirklich gleichberechtigt empfundene Partner bei einer Schuld gegenüberstehen. In solchen Fällen wird damit ganz anders umgegangen — das Beispiel, das Graeber im Film nennt, ist die Rettung der amerikanischen Banken:

2008 erlebten wir, dass — wenn es sich um die American Insurance Group, die Bank of America, oder die Citibank handelt — Billionen Dollar Schulden wie durch Zauberhand bereitwillig abgeschrieben werden. Da gibt es kein Problem. Aber wie kommt es, dass die Schulden der American Insurance Group abgeschrieben werden können, wohingegen dies bei den Schulden Griechenlands nicht möglich ist?

Die einzige Erklärung, die sich Graeber denken kann, ist, dass die Gläubiger von AIG, der Bank of America, oder der Citibank annehmen, die Schuldner seien ihnen menschlich näher: „Leute wie ich.“ Die Annahme dabei ist vielleicht: sie trifft wahrscheinlich keine Schuld daran, dass sie jetzt nicht zahlen können. Kann ja passieren. Demgegenüber: Griechen (mit dunklen Bärten und Ouzo?!) sind wohl faul und arbeitsscheu. Dass die Schulden von AIG und Co. in Wahrheit durch komplett rücksichtslose Spekulation entstanden sind — dass diese Bänker sehr wohl große Schuld trifft –, spielt interessanterweise keine Rolle. Gläubiger behandeln die Schulden derjenigen, die ihnen eindeutig unterlegen sind, sehr oft qualitativ anders als die Schulden derer, die ihnen ebenbürtig erscheinen.

Die Wirtschaft hat drei zentrale Lebensbestandteile zu Waren gemacht
Polanyi postulierte, dass durch die industrielle Revolution drei entscheidende Elemente aus der normalen Gesellschaft der Menschen herausgelöst, in ein separates Gebilde — „die Wirtschaft“ — überführt und schlicht zu Waren gemacht worden seien. Bis dahin waren sie das nicht: die menschliche Arbeitskraft (sie ist bis dahin schlicht das, was Menschen miteinander zum Überleben tun), das Geld (es war bis dahin schlicht das Vertrauen in die Verlässlichkeit des anderen), sowie Grund und Boden (bis dahin auch bekannt als: Natur).

Aus diesen drei zentralen Bestandteilen des Lebens wurden fiktive Handelswaren gemacht, und die Gesellschaft ist nun nur noch dafür da, der Wirtschaft zu dienen. Dass Polanyi sich überhaupt für die Gesellschaft und ihre verwobene Vielschichtigkeit interessierte, war für die klassischen Ökonomen unverständlich. Sie stellten und stellen ja das Individuum und seinen Eigennutz ins Zentrum, sowie das fiktive Konstrukt eines abgetrennten ungeregelten „Marktes“. Polanyis Tochter Kari Polanyi-Levitt führt aus:

Wenn die Wirtschaft nicht mehr in die Gesellschaft eingebettet ist, sondern ein Eigenleben annimmt, und bestimmt, was wir tun und wie wir arbeiten, und wie wir konsumieren, und wie wir denken, dann haben wir am Ende ein System, das nicht nachhaltig ist. Denn es zerstört die sozialen Beziehungen und darüber hinaus die Beziehung zu unserer natürlichen Umwelt.

Griechenland: Polanyis zugespitzer Konflikt zwischen Demokratie und Kapitalismus
In Griechenland beging Dimitris Christoulas Selbstmord, denn er konnte nicht mit dem Verlust der Würde leben, weil er künftig im Abfall nach Essensresten würde suchen müssen.

Der Rettungsschirm und die Transaktionen während der Krise sind derweil keinerlei Geldzufluss nach Griechenland und an das griechische Volk gewesen, sondern nichts anderes als Schutzmaßnahmen für die Profite der heimischen Banken — die andernfalls viel Geld verloren hätten, zu viel Geld, wenn Griechenland seine Schulden nicht mehr hätte bezahlen können. Damit das vermieden wird, darf der „Patient“ Griechenland nicht eingehen (und danach neu starten), sondern muss bei Mindestniveau auf der Intensivstation am Leben erhalten werden. Das nennt sich dann Austerität.

Joschka Fischer erklärt dagegen, wie es den Banken in der Krise geht:

Man könnte […] sogar sagen: die Banken haben den Kommunismus für sich entdeckt. Solang die Geschäfte gut gehen, machen sie Profite, große Profite […]. Wenn die Geschäfte schlecht gehen, oder gar ein Kollaps droht, sind sie „too big to fail“ — zu groß, um zu scheitern. Und insofern, was immer sie tun — es scheint die Sonne und es regnet Manna.

Aber er sagt, dass auch er die Banken im Zweifelsfall in der Finanzkrise gerettet hätte. Denn die Katastrophe, die entstanden wäre, wenn es einen massiven Bankenkollaps gegeben hätte, würde niemand tragen wollen.

In der Finanzkrise treffen sich also Regierungschefs bei Krisengesprächen, sie beraten sich die ganze Nacht lang, und sie treffen Entscheidungen. Und dann warten sie worauf? Darauf, wie die Märkte am Morgen regieren. Demokratisch gewählte Institutionen und Politiker sind mittlerweile machtlos — gegenüber dem Urteil der Märkte.

Das Schlusswort hat Thomas Piketty, der noch einmal darauf verweist, dass es eine Gesellschaft auf Dauer nicht aushält, wenn das Kapital so viel stärker wächst als die Wirtschaft selbst. Schon Adam Smith hatte gefordert, dass ein Markt auch frei sein solle von den sogenannten „Rentiers“, als denen, die nicht arbeiten, sondern nur von ihrem Kapital leben. Und Piketty warnt:

Wenn nicht demokratische und friedliche Formen gefunden werden, um Ungleichheiten zu beseitigen, dann werden sich andere Formen herausbilden. Denn die Geschichte geht immer ihre eigenen Wege und erfindet immer neue Lösungen für Probleme. Diese können manchmal sehr gewaltsam sein und ganz und gar nicht mit dem übereinstimmen, was wünschenswert gewesen wäre, wären diese Probleme rechtzeitig kollektiv angegangen worden.

(Nachtrag 7.4.2017: Direkt am folgenden Tag habe ich noch ein paar tagesaktuelle politische Beobachtungen zu den Theorien von Keynes und Hayek beschreiben können, die die absolut aktuelle Relevanz dieser Themen wunderbar illustrieren.)

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