Es. Ist. Zu. Viel. (Oder auch: kleine Krise bei Kaffee & Kapital)

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Im Dezember habe ich dieses Projekt begonnen, um zu verstehen, warum unsere Demokratien ins Schlingern geraten sind. Und was man tun kann.

Mittlerweile gelingt es mir an manchen Tagen kaum noch, mit allem umzugehen, was da als Antwortkomplex auf mich niedersinkt: Bankenkrise, die Rechten, der ungehemmte Finanzwahnsinn, Autobahnprivatisierung (WTF?!), bis gestern die verdammte Frankreichwahl (?%&$!!), Trump, Trump, Trump, immer wieder Trump, Krise der Sozialdemokratie, Ökowahnsinn in den Schwellen- und Entwicklungsländern, CO2 und kein Ende, die Autolobby, Schäublesche Austeritätssturheit, das Red Barrier Reef wird für Kohle verschandelt, die Automatisierung und der Verlust der Arbeitsplätze, die Horrorvision eines Grundeinkommens als nächstes neoliberales Projekt … Ich habe mittlerweile einfach zu oft das Gefühl, dass die Menschheit entschieden hat, mit vollem Karacho in die Katastrophe zu fahren.

Warum? Angeleitet von dem einen Gott, dem alle huldigen: Das Geld, mit seinem heiligen Geist, dem Wachstum.

Ich konnte von diesem rasenden Zug abspringen, um daran etwas zu ändern.
Jetzt stehe ich daneben und fühle mich manchmal auch sehr hilflos.
Und der Zug rast weiter.

Ich dachte (oder hoffte), es sei eine Befreiung, anstatt eines Jobs die Zeit zu haben, sich mit Kreativität und vollem Enthusiasmus den wichtigen Themen unserer Zeit zu widmen. Aber ich stelle inzwischen fest: es ist manchmal schon auch ein Segen, wenn man einen Alltagsjob hat und einfach hin und wieder ein paar Dinge „wegarbeiten“ muss. Aus drei Gründen:

  1. Damit ist man gezwungenermaßen immer wieder mal abgelenkt.
  2. Man sieht hinterher ein Ergebnis – und wenn nur, dass man ein wichtiges Meeting heil überstanden hat.
  3. Und vor allem: man hat danach auch die Entschuldigung, mal eine Pause zu machen. Egal, wie sehr der Zug rast. Sich ein richtiges Wochenende zu gönnen. Oder gar mal in den Urlaub zu fahren.

Ich bin eigentlich nie abgelenkt.
(Höchstens mal zwei Stunden am Abend, wenn ich meinem neuen Hobby „Improv Theater“ nachgehe, oder nachts gehirnlos Big Bang Theory auf Netflix glotze.)

Es gibt bei mir bislang und auch absehbar erstmal kein echtes Ergebnis.
Nur immer wieder den nächsten Blogpost, und das nächste Gespräch. Langsam sich akkumulierendes Wissen und Verständnis.

Und ich habe nie die Entschuldigung (vor mir selbst), mal eine echte Pause zu machen.
Denn ich habe ja sozusagen Dauerpause. Ich bin ja aktuell Privatier. („Was beklagst Du Dich denn?!“)

Aber so geht es unverändert auch nicht weiter. Also gilt es, vier Dinge zu tun.

Zu allererst muss ich mich daran erinnern, die gute Laune nicht zu verlieren. Denn schlechte Laune hilft ja niemandem. Weder mir, noch dem rasenden Zug, noch all den anderen, die sich mit mir um seine Abbremsung bemühen.

Zweitens muss ich mich fokussieren, entschleunigen und gedulden – Geduld ist wirklich entscheidend. Ich war jahrzehntelang Marketingvogel. Überzeugend Politikvogel zu werden, dauert halt auch eine Weile. Und das bedeutet wohl, dass ich mich deutlich häufiger aus dem Internet verabschieden muss. Die endlosen Artikel und Links machen mich mittlerweile kirre. Und seien sie alle noch so gut. Es schreiben so viele kluge Menschen so viele wichtige gute Texte, zu so unglaublich vielen wichtigen Fragen im Internet. Aber endlose offene Tabs, die irgendwann in lange Link-Listen in Google Docs übersetzt werden, sind ja auch keine Lösung.

Mein kleines Gehirn ist halt begrenzt. Und meine Psyche auch.

Stattdessen sind’s die Bücher. Wenn sich jemand die Zeit nimmt und die Mühe macht, seine Gedanken zwischen zwei Buchdeckel zu pressen, dann findet man — eine kluge Vorauswahl natürlich vorausgesetzt — sehr oft sehr viel darin, das zu wissen lohnt. Gerade, wenn man sich wirklich die Mühe macht, es nicht nur zu lesen, sondern damit zu arbeiten. Durch wirklich umfassende Zusammenfassungen. (Die Ironie, dass ich mich über Internettexte beklage, um dann selbst Internettexte zu schreiben, entgeht mir nicht. Aber das Blog ist mein Weg, mir selbst Dinge zu erklären. Und damit halt auch anderen, falls es sie interessiert.) Außerdem: ein Buch hat keine (digitalen) Links, keine Kommentare, keine eingebetteten Videos – und die Rubrik „Wenn Sie das interessiert hat, könnte sie auch XYZ interessieren“ findet netterweise bedienerunfreundlich hinten in der Bibliografie statt. Das bedeutet: ein Buch ist ruhiger, weniger krawallig.

Natürlich ist es etwas albern, wenn ich schon wieder von Büchern schwafele. Dass es mir nicht ausreichend gelingt, mich wirklich den Büchern zu widmen, beobachte ich hier ja nun schon seit Beginn dieses Projektes. Aber einen ganzen Tag lang in einem einzigen Buch herumzuarbeiten, fällt mir noch immer nicht leicht – wohl weil ich ein sehr schnell getaktetes Leben gewöhnt war und wirklich gern auf Stimuli aus dem Internet reagiere.

Drittens, ich muss jetzt ein paar (kleinere) Projekte vorantreiben, die dann auch mal fertig werden und damit Ergebnisse „sind“. Nahelegend wäre es natürlich, sich bereits bestehenden Organisationen anzuschließen, die schon erfolgreich an Projekten arbeiten. Ich habe nur halt noch nicht das Gefühl, da schon das wirklich Richtige gefunden zu haben.

Und viertens, ich muss einen Mechanismus finden, um das Nachdenken über Politik von meinem übrigen Leben besser zu trennen. Es muss mir besser gelingen, Phasen des Unpolitischen zu schaffen, das Hirn auch abzuschalten, und sich eine Weile lang nicht zu sorgen, nicht zu grübeln, nicht zu hadern.

Wie Punkt vier gelingen soll, weiß ich noch nicht genau … das muss ich herausfinden.

Vor wenigen Tagen noch habe ich noch mit Elan von konstruktivem Größenwahn und von progressivem Populismus geschrieben. Hiermit wird wohl klar, warum es auf der progressiven Seite des politischen Spektrums so schwer ist, diese Dinge hinzubekommen. Die Realität und alle ihre Facetten können wir nicht ausblenden, wie es die Rechten tun. Wir müssen sie voll frontal konfrontieren.

Ändert aber nichts daran: wir werden die Welt zum Besseren verändern. Es gibt ja keine Alternative.

===

Nachtrag 11.05.2017: Da dieser Text offenbar für manche missverständlich war, hier eine kleine Zusatzanmerkung, zwei Tage später.

15 Kommentare

  1. Ich mache derzeit etwas ähnliches auf Nerdcore, nur betrachte ich vor allem das Zusammenspiel von Netzkultur, Debattenkultur, Sozial-Psychologie und ein wenig Politik. Ich lese da extrem viel grade und begleite das auf NC.

    Ein Tipp: Schaffe Dir einen kreativen Freiraum, in dem Du aus dem Thema zwar ausscheren kannst, aber Dich auch immer wieder auf das Thema zurückbeziehen kannst, wenn Du Bock hast. Bei mir sind das der übliche Nerdcore-Kram und Filme, bei Dir weiß ich natürlich nicht… Kaffee vielleicht? 😉

    Das nimmt viel Druck weg und macht den Kopp frei.

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    1. Danke Dir für Deinen Kommentar, René. Jeder muss wohl seinen Weg durch diesen Dschungel finden. Ich probiere jetzt nochmal mit einem anderen Tagesablauf herum, mit der inhaltlichen Arbeit am Morgen, und mit einem harten Fokus auf Bücher. Mal sehen, wie das läuft.

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      1. Viel Glück damit und einfach weiterprobieren, irgendwelche Rituale (Tagesablauf) sind da der richtige Ansatz imho. Und weitermachen, ich halte es für extrem wichtig, dass sich in den nächsten Monaten und Jahren eine bewusst kleinteilige, vielfältige Graswurzelbewegung entwickelt, die versucht, die Welt neu zu denken. Wir haben da nen Riesenvorteil, denn die anderen sind per se nicht kreativ, die wissen nicht, wie das geht, die haben nicht die Tools. Wir schon. Hau rein! 😉

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      2. Ich bin grade mal auf einen Post wie den hier bei Dir gestoßen: http://www.nerdcore.de/2017/05/03/rechtslinks-3-5-2017-kamau-bell-vs-richard-spencer-the-digital-crowded-global-village-und-die-neue-avantgarde/ — und sitze dann davor und denke „das alles zu lesen ist ja eine Sache, aber wie soll man aus all dem dann auch Konsequenzen ziehen?“ Was bedeutet das alles? Schreibst Du dazu auch mal synthetisierende Texte, die eine Weltsicht schaffen helfen?

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  2. Gerade Punkt 4 kann ich nachvollziehen, in meinem Beruf ist das quasi eine chronische Krankheit, nicht abschalten zu können. Das Netz und die politische Situation haben aber offensichtlich dazu geführt, dass es jetzt vielen Menschen so geht. Die „Phasen des Unpolitischen“ finde ich immer dann, wenn etwas keinen direkten Zweck hat, aber produktiv ist – Musik, Malen, Gedichte schreiben, was auch immer. Freiwilligenarbeit hilft finde ich auch (auch wenn ich leider zu selten dazu komme) – das Gefühl, etwas bewirkt zu haben, ohne gleich das große Ganze verändern zu müssen. Mason Curreys „Daily Rituals“ fand ich übrigens in Sachen Tagesablauf sehr inspirierend, allerdings ist es eine andere Sache, selbst die Disziplin dafür aufbringen zu können. In jedem Falle wünsche ich Dir, dass Du das für Dich ordnen kannst. No Pressure.

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    1. Ja klar, das wird auf jeden Fall gelingen. Man kann ja einen neuen Lebenswandel nicht erfinden und dann direkt erwarten, dass das dann alles auch sofort funktioniert. Bißchen experimentieren ist wichtig. Daher werde ich jetzt auch das machen, wovon René schreibt: mit Routinen experimentieren.

      Danke Dir für den Kommentar! Ich freue mich, dass Du hier weiter mitliest.

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    2. Ach so, und wegen „Phasen des Unpolitischen“, ja, mein englisches Improv Theater hilft da auf jeden Fall, und ich sollte auch wirklich wieder Musik machen. Das ist eine gute Idee! Ich weiß nicht genau, warum ich mich an die Freiwilligenarbeit bisher nicht rantraue. Aber mal gucken, da finde ich vielleicht auch was.

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  3. Der rasende Zug ist ein schönes Bild. Danke dafür.
    Auch ich möchte manchmal gerne einfach abspringen, gleichzeitig bin auch ich niemand der ruhig daneben stehen könnte während der scheinbar Zug an mir vorbei rast.
    ABer wie können wir damit umgehen?
    Ich habe gestern einen Vortrag eines Digitalisierungsexperten gehört, der davon ausgeht, dass sich der Veränderungsprozess noch weiter beschleunigen wird und das es doch toll sei, wenn kleine Pflaster den Menschen und ihren Ärzten sagen könnten, wann sie wirklich krank sind. Also ich kenne noch menschen, die das selbst merken und deren Körper sich bei entsprechendem Verhalten aus noch selbst heilen.
    Vor allem denke ich, dass Menschen in unterschiedlichen Lebensphasen mal besser und mal schlechter mit dem Tempo ihres Umfeldes umgehen können.
    Ich durfte mal als junger Mensch in einer Fabrik arbeiten. Hoch motiviert schaffte ich locker mehr Teile als meine älteren Kollegen, bis mich einer fragte: „Hälltst Du das Tempo auch in meinem aler noch durch?“ Das Problem ist, dass wir in unserer Leistungsgesellschaft an solchen Benchmarks gemessen werden und dass wir davon ausgehen, dass sich Leistungen kontinuierlich steigern lassen, wie bei jeder neuen Computergeneration.
    Dabei vergessen wir leider allzuoft, dass wir Menschen sind und keine Maschinen. (Danke an Tim Benzko, der ein passendes Lied dazu schrieb.)

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    1. Da ist was dran. Allerdings ging es mir ja weniger darum, dass sich das Alltagsleben aufgrund der Digitalisierung so beschleunigt, sondern eher darum, dass ich manchmal — bei all den desaströsen Entwicklungen, die man an vielen Stellen beobachten kann, ökologisch, sozial, wirtschaftlich — das Gefühl habe, dass die Zivilisation selbst als rasender Zug unterwegs ist. Auf den Abgrund zu.

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