Zwischenfazit: drei Monate Kaffee & Kapital.

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Vor drei Monaten habe ich dieses Blog gestartet. Mein zentrales Vorhaben war, sehr viel zu lesen, vor allem zu unserem Wirtschaftssystem, das Gelesene dann hier nachzuarbeiten, zusammenzufassen, gedanklich zu sortieren, um daraus hilfreiche Ideen für eine bessere Politik in Deutschland und der Welt herauszuarbeiten — nicht als Profi oder Politiker, sondern als Bürger und Wahlberechtigter. Das nächste Ziel: mit diesen Erkenntnissen auf Tour zu gehen und Vorträge dazu halten zu können, um im ganzen Land eine politische Diskussion zu beginnen, die hilft, wieder Lust auf die Zukunft zu machen.

Was ist in den drei Monaten daraus geworden?

Veränderte politische Landschaft
Als ich das Blog gestartet habe, habe ich mich recht allein gefühlt — ich dachte, dass wir in Deutschland (und Europa?) kaum wählbare Alternativen zu einer letztlich immer neoliberaleren Politik haben, dass Merkel dabei fest auf ihrem Posten thront, während die EU langsam aber sicher untergeht und die Rechten auf zweistellige Prozentzahlen bei der nächsten Bundestagswahl zusteuern. Und bei alledem wurde in den USA ein Außenseiterdarsteller, der in Wahrheit absoluter Brutalo-Kapitalist ist, zum Präsidenten gewählt. Also wollte ich etwas tun, um meinen gesellschaftlich-wirtschaftlichen Kompass neu auszurichten und für mich und vielleicht auch für andere nach einer neuen Richtung zu suchen.

Aber die politische Landschaft hat sich in diesen drei Monaten sehr verändert — jedenfalls meiner Wahrnehmung nach. Der Trump-Schock ist vielen Menschen schwer in die Glieder gefahren, er hat bei ganz vielen den Wunsch nach politischem Engagement geweckt, und dazu geführt, dass eine Vielzahl von Initiativen, Projekten, Ideen, Events gestartet werden. So viele, dass dazu eigene Hackdays veranstaltet werden und ich mich zwischendrin fragen musste, ob das denn überhaupt Sinn hat, wenn so viele Leute beginnen, so viele eigene separate Suppen zu kochen.

Außerdem ist Martin Schulz in der SPD als Kanzlerkandidat und Parteivorsitzender angetreten. Damit steht ein Grund, warum ich dieses Blog begonnen habe — trotz meiner SPD-Mitgliedschaft unter der bisherigen Führung konnte ich mir ein Engagement für die SPD kaum vorstellen — unter neuen Vorzeichen. Ich stimme nicht direkt in den Chor der Superoberschulzfans mit ein, aber ich sehe, dass sich die Dinge mit ihm und dank seiner neuen Rolle anders anfühlen. Ich versuche, zu ihm und seiner Haltung kritische Fragen zu stellen, aber ich freue mich über Schulz — wenn auch vorsichtig. Und rücke deswegen wieder näher an die SPD heran.

Veränderte Aktivitäten
Ich muss ganz klar anerkennen, dass ich kläglich gescheitert bin, hier viele Bücher zu lesen und zusammenzufassen. Um der Wahrheit tief in die Augen zu sehen: ich habe bislang genau eineinhalb Bücher behandelt, Wolfgang Streecks „Gekaufte Zeit“ in drei Blogpostings, David Graebers „Schulden – die ersten 5.000 Jahre“ zur Hälfte, auch in drei Blogpostings. Nun sind das Werke, die sich nur sehr schwer zusammenfassen lassen. Die Autoren sind Meister ihres Fachs und zugleich nicht besonders interessiert daran, dem Zusammenfasser einen roten Faden zu bieten; den muss man sich mit viel Mühe selbst heraussuchen. Dennoch — ich hätte viel mehr lesen können, habe ich aber nicht, aus verschiedenen Gründen:

Zum einen ist das Ökonomiethema eben kein ganz einfaches. Wenn einem dann so spannende Ideen begegnen wie eine ausgeloste Bürgerversammlung, dann kann man sich davon leicht ablenken lassen.

Zum zweiten muss ich feststellen, dass sich eine derart kontemplative Tätigkeit — das stundenlange Stillsitzen mit einem Buch — doch radikal von meiner beruflichen Vergangenheit unterscheidet. Da bestand meine Arbeit im Email-Schreiben, Power-Point-Basteln und Rumrennen und Mit-Leuten-Reden. Es fällt mir deswegen noch immer schwer, stundenlang an einer einzelnen Aufgabe zu sitzen. Außerdem ist das andauernde konzentrierte Lesen eben auch deutlich anstrengender, als mit Leuten zu quatschen und Emails zu tippen. Dicke Bretter heißen so, weil sie dick sind.

Drittens dauert das, worum es mir vor allem geht, auch einfach lange: das Herausschälen möglichst einfacher Geschichten, die komplexe Zusammenhänge neu erzählen — also der kreative Akt, der sich dem vielen Lesen anschließen muss. Die Welt neu zu denken, nachdem ich sie 40 Jahre lang unkritisch hingenommen habe, ist ein mühevolles Unterfangen.

Und nicht zuletzt gibt es eine erstaunliche Menge Menschen, mit denen man in diesen Tagen über Politik reden kann. Sie stehen sozusagen an allen Ecken, und ich habe mich der Versuchung, auf diese Gespräche einzugehen, nicht wirklich entziehen können. Denn eine Sache ist mir auch klar geworden: Politik ist Gespräch. Und so entstehen aus Gesprächen eben auch immer wieder extrem interessante neue Ideen und Erkenntnisse.

Wie geht es weiter?
Ich werde mich im April wieder verstärkt darum bemühen, zum Lesen und zu den Büchern zurückzukehren. Das Fundament, das man sich durch intensives Lesen aneignet, ist durch nichts zu ersetzen. Und die Mühe, daraus Zusammenfassungen zu erstellen, ist es wirklich wert. Erst daraus entsteht die (zumindest teilweise) Beherrschung der Inhalte. Ganz zu schweigen davon, dass es offenbar immer wieder LeserInnen gibt, die diese oder jene Zusammenfassung von mir nützlich finden — obwohl ich immer wieder überzeugt bin, dass kein Mensch derartige Bleiwüsten würde lesen wollen.

Und auch einen Vortrag will ich weiterhin daraus erarbeiten, die Notizenliste dafür wächst und wächst. Bei der Republica habe ich mich um einen Slot beworben, auf den ich eigentlich mit aller Macht hinarbeiten wollte. Sie wäre der perfekte Ort für mein Projekt. Allerdings zweifele ich mittlerweile daran, dass das klappt. Ich habe noch nicht vom Auswahlkommittee gehört, während andere schon ihre Zusagen haben. [Update 16:49h: jawohl, Absage ist grade eingegangen — ich bin ziemlich enttäuscht, das muss ich schon sagen.] Aber dann muss ich vielleicht nach einem anderen Ort suchen, an dem ich zu meinen Thesen sprechen kann.

Zugleich werde ich zusätzliche Projekte verfolgen. Die Sache mit der ausgelosten Bürgerversammlung möchte ich weiter bearbeiten und denke dazu mit verschiedenen Leuten über verschiedene Projektideen nach. Und ich habe mit einer Handvoll Leute ein kleines mediales Projekt in Planung, das idealerweise „ganz“ Deutschland dabei helfen könnte, wieder besser miteinander ins politische Gespräch zu kommen. Vor allem zwischen den Menschen, die meinen, dass sie miteinander überhaupt nicht reden können.

Und nicht zuletzt habe ich dem Blog grade ein neues Design-Template verpasst — in der Hoffnung, dass die Startseite damit etwas übersichtlicher und einladender wirkt.

Über Kommentare zu meiner bisherigen und zukünftigen Arbeit hier wäre ich natürlich sehr dankbar.

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Nachtrag 8.3.2017: Lukas Hermann hat auf seinem Blog „Worte des Widerstands“ ein kurzes Interview mit mir veröffentlicht, das als schöne Ergänzung zu diesem Text funktioniert.

15 comments

  1. Ich verfolge mit großem Interesse, was Du hier machst und wie Du Dich tief in die Materie einarbeitest. Es ist wie beim Gärtnern, glaube ich: Es dauert etwas, bis die Saat aufgeht und auch nicht alle Pflanzen wachsen. Dein Blog ist aber – so mein Eindruck – schon jetzt ein Netzwerk-Knoten für die deutsche Debatte über Zukunfts- und Systemfragen. Ich bin recht optimistisch, dass angesichts der Re-Politisierung dieses Netz weiter wachsen wird.
    P.S: Kommentieren ohne Einloggen wäre fein!

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    1. Johannes, toller Kommentar, danke Dir. Ich muss sagen, dass ich — nachdem eben die Absage von der Republica kam — schon enttäuscht war und bin. Aber Dein Kommentar muntert echt auf. Vielen Dank — wenn das, was Du schreibst, so sein sollte, dann wäre ja schon einiges erreicht worden in den letzten drei Monaten, und ich werde auf keinen Fall locker lassen!
      Zu den Kommentaren, das ist halt die Standard-Einstellung hier im WordPress-Blog, ich gucke mal, was ich da ggf. wie anders einstellen kann.

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  2. Ich verfolge Deinen Blog auch einigermaßen regelmäßig und kann Dich auch nur bestärken damit weiter zu machen – Republica hin u oder her.
    Aber ich teile Deine Einschätzung bezüglich der Veränderung der politischen Landschaft nicht ganz. Mag sein, dass es jetzt einen Kanzlerkandidat Schulz gibt u die AFD nicht mehr ganz so krass den Medienhype bestimmt, wie vor 3 Monaten, aber hat sich außer einer zaghaften Hoffnung für einen Politikwechsel wirklich was verändert?
    Gerade wenn man bedenkt, dass die SPD in den letzten Jahren immer schon Teil der Regierung war, muss man schauen, was von diesem z.Zt. noch stark personalisierten Hype realpolitisch übrig bleibt. Bis jetzt ist es immerhin schon mal Hoffnung… Angst macht mir eher, dass die Leute die die AFD gut finden ja nicht plötzlich verschwunden sind, nur weil statt der AFD-Sau nun die „Schulz-Sau“ durch’s mediale Dorf gejagt wird. DIe Probleme sind die gleichen: 1. diffuse Angst vor der Zukunft, denn jeder spürt, dass wir uns mitten im Umbruch befinden (Digitalisierung = massiver Jobabbau, Klimawandel, steigende Ungleichheit) 2. daraus sich ergebend: Politikverdrossenheit, Misstrauen den Medien gegenüber und 3. grundsätzlich ein „weiter so“ der sog. Eliten, denn keiner hat wirklich eine befriedigende Antwort auf diese Probleme, aber kann auch nicht zugeben, dass das eben schwierig ist. Also unterm Strich: es fängt erst gerade an und die Suche nach Antworten hat Priorität. Visionen entwickeln, endlich wieder eine „Zukunft“ denken – das fehlt, aber Dein Blog ist schon mal ein Anfang… Danke!

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    1. Hallo Tobi, danke für den Kommentar — und wir sind uns absolut einig: die drängenden Fragen der Zukunft werden von niemandem in der Politik ernsthaft öffentlich diskutiert, wohl auch aus Angst vor den Wählern und was die sagen, wenn man plötzlich mit etwas dunkleren Farben malt und nicht mehr alles pragmatisch-praktisch als „lösbares Problem“ beschreibt.
      Ich trage seit einigen Tagen Gedanken dazu mit mir umher, die ich demnächst dann hier mal posten werden.
      Danke für Dein Lesen und für Deine ermutigenden Worte!

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  3. Martin!
    Ehrlich gesagt gibt Dein Blog mir viel Energie und Inspiration. Eben weil es eine persönliche Reise beschreibt, nicht eingeübte, routinierte Positionen verbreitet (davon gibts schon genug!). Ich finde diesen fragenden, erörtertenden, dialogischen Stil so befreiend und dieser Zeit angemessen, die eine Reise ist, und kein erstarrtes Polit Theater mehr. Auch einfach mal etwas geil zu finden (die ausgeloste Bürgerversammlung), find ich geradezu ungewöhnlich (und ansteckend) Ob Du nun Bücher liest oder Menschen triffst, Deine Art der ernsthaften, kritischen Bezugnahme ist echt was Neues (wenn ich so an sonstige Kontexte denke).

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    1. Wow, Alex, vielen lieben Dank! Das ist toll zu lesen. Unser Austausch macht mir eh viel Spaß, weil Du auch einen so positiven optimistischen Stil hast! Und wenn das hier echt was neues ist, dann bin ich ja vielleicht wirklich auf dem richtigen Weg, der weiter eine Findungsphase bleibt und vielleicht auch bleiben soll. 🙂

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